Zitat des Tages

Ich: „Hatten Sie denn schon mal eine Narkose?“

Patient: „Ja, vor zwei Jahren.“

Ich: „Und gab es da irgendwelche Probleme?“

Patient: „Ja, das war schrecklich! Ich will nie, nie wieder eine Vollnarkose haben!“

Ich: „Oh, was war denn nicht gut?“

Patient: „Ich war nachher tagelang schrecklich müde. Ich konnte tagelang nur kurz aufstehen und ein paar Schritte machen, ich war total fertig von dieser Narkose!“

Ich: „Was war denn das für eine Operation, die sie damals hatten?“

Ach ja, das war diese notfallmässige, riesengrosse, mehrstündige Bauchoperation, seit welcher er eine riesige Narbe entlang des ganzen Bauchs hat. Und nach welcher er fast eine Woche auf der Intensivstation lag. Aber daran lag es bestimmt nicht. Das muss die Narkose gewesen sein.

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Google-Suchbegriffe

„ich bin krank und werde als lügner hingestellte von meinen arbeits kollegen“

Tut mir leid, dass du das durchmachen musst, ich bin sicher, die Krankheit wäre eigentlich schon Belastung genug für dich! Ich denke, dass dies leider in der heutigen Leistungsgesellschaft so verankert ist: Wer nicht arbeitet, ist ein Drückeberger. Insbesondere, wenn man die Krankheit nicht auf den ersten Blick sieht. Gute Besserung!

„nagelluxation“

Eklig und schrecklich unangenehm, wenn sich der Nagel aus dem Nagelbett abgehoben hat. Ich selber hasse alles, was mit Nägeln zu tun hat, dabei wird mir immer so flau im Magen.

„welche narkose bei zehenamputation“

Nun, wenn ein Zeh amputiert wird, dann geschieht das in der Regel nicht grundlos, sondern weil der Patient a) Diabetiker ist und/oder b) schlechte Gefässe hat. Jedenfalls sind das allgemein ziemlich kranke Patienten, welche ein hohes Sterberisiko bei Vollnarkosen haben. Deswegen machen wir Zehenamputationen in 99% der Fälle in Teilnarkose und betäuben nur den Unterschenkel. Kleinstmögliches Risiko.

„schlagfertig in der sexbeziehung“

Ich bezweifle, dass du bei mir fündig geworden bist, aber schön, warst du da!

„erlebnisse oma pissen“

…wie bitte?

Google-Suchbegriffe

Über diese Suchbegriffe auf Google sind schon Leser zu mir gekommen:

„die genfer deklaration das gewissen der mediziner“

Über die Genfer Deklaration habe ich geschrieben. Sie ist eine Art Ehrenkodex, die moderne Variante des etwas in die Jahre gekommenen Hippokratischen Eids. Ich hoffe, du hast gefunden, was du gesucht hast. (Übrigens: Die Genfer Deklaration wurde kürzlich etwas modernisiert, mehr dazu schreib ich auch bald.) Über das Gewissen der Mediziner kann ich aber nichts sagen. Mediziner sind genau wie alle anderen Menschen auch: Es gibt gute und schlechte. Mit Gewissen und ohne. So.

„genfer deklaration ärzte verbindlich?“

Nein. Steht ja auch nichts rechtlich Bindendes drin. Die Standesordnung der FMH hingegen ist verbindlich, und ein Verstoss kann zum Ausschluss aus der FMH oder anderen Sanktionen führen.

„Eid des Hippokrates“

Auch dazu habe ich mich schon geäussert. Ich halte nicht besonders viel vom Eid des Hippokrates – er ist überholt, absolut nicht mehr zeitgemäss. Und ehrlich gesagt ärgert es mich jedes Mal, wenn ich irgendwo was über „aber ihr bösen gewissenlosen Ärzte habt doch einen Eid geschworen“ lese oder höre. Damit disqualifiziert man sich bei mir gleich selbst aus der Diskussion – so in etwa, wie hier.

„arnikachügeli mit dafalgan“

Sicher, warum nicht? Schaden tut’s nicht. Wenn sich jemand besser fühlt, wenn er zur Chemo oder Schmerzpillen oder was auch immer ein paar Globuli einwirft, hab ich da gar nichts dagegen. Mühe habe ich damit, welchen Ruf Homöopathie und Konsorten geniessen, und sowieso wenn man sie der pöhsen pöhsen chemischen Schulmedizin als echte Alternative für alles gegenüber stellt. Komplementärmedizin, nicht Alternativmedizin, so sollte es sein.

„fu nach kf“

Das ist ein nicht ganz ernst gemeinter Algorithmus , welcher im Internet die Runde macht. „FU“ steht dabei für „Fürsorgerische Unterbringung“, der ehemalige Begriff für eine Einweisung zum Beispiel in eine psychiatrische Institution zum Schutz des Patienten oder zum Schutz vor dem Patienten. „KF“ ist das Kürzel der diesem Spital nächstgelegenen psychiatrischen Institution.

„aponettesplauderei“

Na, da hat jemand ganz schön falsch geklickt, wenn er auf meinem Blog landet, anstelle des (spannenden und lesenswerten!) Blogs von Aponette, welche über ihren ganz normalen Wahnsinn in ihrer Apotheke schreibt 🙂

„dankte den Schwestern“

Ja, das mach ich täglich mehrmals. Deshalb durfte ich mir kürzlich auf einer Station auch ein paar M&Ms nehmen. Merke: Wenn die Pflege dir freiwillig ihr Essen anbietet, dann hast du’s wirklich geschafft.

„dankesschreiben brautschwester

Keine Ahnung, sorry, aber schön, dass du hier warst, ich hoffe, du kommst wieder!

„venflon legen schwierige Patienten“

Da ist jetzt die Frage: Sind die Patienten schwierig oder eher ihr Venenstatus? Bei Schwierigen Patienten versuch ich’s erst mit Empathie, und wenn das nichts bringt, mit einfachen, deutlichen Aussagen. Bei schwierigen Venen hingegen versuche ich es mit Wärme (Handschuh mit warmem Wasser gefüllt), Stauschlauch mehrmals auf und wieder zu, leichtes Tätscheln (ich bin gar kein Fan von diesem fiesen Schnipsen und Patschen, das manche Leute machen, aber jeder auf seine Weise), ganz viel Geduld und natürlich Kreativität – wer nur in der Ellenbeuge schaut, wird wohl gelegentlich nicht fündig.

„nervige Unterassistenten“

Haha, ja, hab ich manchmal auch.

Zitat des Tages

‚Also nach der letzten OP hab ich ja Schmerzmittel bekommen‘, erklärt mir ein Patient, ‚da waren die Dafalmalgan, die haben gut geholfen. Und dann waren da noch diese gelben und diese weissen Tabletten. Die gelben haben mich eher depressiv gemacht, und die weissen eher fröhlich.‘

Na, dann lassen wir doch diesmal die gelben weg.

Der schwierige Atemweg

Einer meiner liebsten Patienten vor einiger Zeit war Herr Maurer.

Herr Maurer kam zu uns zur Versorgung eines Nabelbruchs. An sich nichts Gefährliches. Leider wiegt Herr Maurer aber auch gute 150kg bei einer Grösse von 1.7m, und das verändert die Lage doch schon dramatisch.

Herr Maurer hat ein massiv erhöhtes Narkoserisiko in vielerlei Hinsicht. Der wichtigste Punkt dabei ist der Atemweg. Man kann bei seinem kurzen, dicken Hals, den er nicht so gut in den Nacken legen kann, und seiner knappen Mundöffnung, schon davon ausgehen, dass er schwierig zu intubieren sein wird. Konventionell, also mit dem ganz normalen Metallspatel, den man in den Hals schiebt, damit man die Stimmritze einsehen kann, wird das keiner versuchen. Eine Alternative ist ein Spatel mit eingebauter Videokamera. Allerdings muss man ihn in Narkose versetzen, um ihn damit zu intubieren.

Das ist dann auch schon der nächste Punkt: Man darf keine Patienten einschlafen lassen, bei denen man nicht sicher ist, dass man sie mit der Maske von Hand beatmen kann. Bei ihm wird die Maske schwieriger dicht zu setzen sein, es wird hohe Drücke zur Beatmung brauchen wegen des Drucks, den der ausladende Bauch ausübt, und bei hohen Drücken geht eher mal Luft in den Magen, woraufhin der Patient erbricht. Erbrochenes wiederum kann in die Lunge gelangen und dort Sauerstoffmangel und Lungenentzündungen auslösen.

Morbid adipöse Patienten haben ein verhältnismässig kleineres Lungenvolumen, kleinere Reserven, die Sauerstoffsättigung sinkt schneller, die Patienten drohen schneller zu ersticken. Sie sind während der Operation schwieriger zu beatmen. Sie haben ein erhöhtes Aspirationsrisiko – das Risiko, Mageninhalt in die Lunge zu kriegen – weil ihre Magenentleerung nicht gleich funktioniert, wie bei Normalgewichtigen. Deshalb muss man eine schnelle Einleitung machen: Schneller Schlaf, schnelle Intubation. Aber wenn man doch nicht sicher intubieren kann?

Am Rapport am Vorabend diskutieren wir den Fall lange und entscheiden uns schliesslich für das Videokameraspatel mit einem „Schnell-Intubier-Verfahren“. Die Intubation klappt, allerdings erst beim dritten oder vierten Versuch durch jemand sehr Erfahrenes. Der Hals ist angeschwollen und verschleimt, schlechte Sicht- und enge Halsverhältnisse erschweren die Intubation massiv. Wir sind alle froh, als es vorbei ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Wunde infiziert sich. In einer notfallmässigen Zweitoperation ein paar Tage später soll sie revidiert und ein Vakuumverband angelegt werden. Ich bespreche die Narkose mit dem Patienten und entscheide mich zusammen mit meinem Hintergrund diesmal für eine Intubation durch die Nase am wachen Patienten mithilfe eines Kameraschlauchs: Eine sogenannte wache nasale fiberoptische Intubation.

Herr Maurer weiss um seinen Gesundheitszustand und seine Risiken. Tapfer nickt er, als ich ihm den Vorgang erkläre. Angenehm wird es nicht: Man wird eine dünne Kamera in seine Nase einführen. Seinen Hals wird mit einen Lidocainspray betäubt, damit es ihn weniger reizt. Mit einer Spritze wird man durch den Hals in die Luftröhre gehen und dort ebenfalls Lidocain verspritzen. Dann wird man mit der Kamera entlang der Nase in den Rachen und von dort in die Luftröhre gehen. Sobald man die Stimmritze passiert hat, wird das Schlafmittel gespritzt und schliesslich beim schlafenden Patienten der Tubus über die Kamera als Führungsdraht eingeführt.

Auch diese Variante entpuppt sich als nicht ganz einfach. Herr Maurer bietet einfach schwierige Verhältnisse, sein Hals ist komplett zugeschwollen, kurz und irgendwie seltsam verwinkelt. Aber seine Sauerstoffversorgung ist jederzeit gewährleistet, und auch wenn er hustet und würgt, rutschen wir nie in eine kritische Situation. Zwei unserer erfahrensten Fachärztinnen schwitzen Blut und Wasser, sind aber schliesslich erfolgreich.

Zwei Tage später stehe ich erneut in seinem Zimmer. Für den Wechsel des Vakuumverbands braucht er erneut eine Vollnarkose. Er nickt niedergeschlagen, als ich sage, dass wir dasselbe Verfahren, die fiberoptische Intubation, wieder anwenden werden. Er versteht. „Es ist schrecklich unangenehm“, meint er, „aber es ist schon okay. Es muss ja sein.“

Und so ist er mir ans Herz gewachsen. Noch einige Male wurde der Verband gewechselt und Herr Maurer über die Nase intubiert, hustend, würgend, ächzend, aber er hat sich nie beklagt und immer brav stillgehalten, so gut er eben konnte. Er war immer freundlich, wenn ich bei ihm war, zugewandt, für ein Schwätzchen zu haben. Humor hatte er auch. Und Geduld, unendlich viel Geduld.

Wir waren alle froh, als die Wunde endlich definitiv verschlossen wurde, da wir befürchteten, dass die Intubation eines Tages eben doch nicht mehr gut gehen könnte. Und auch für uns ist es nicht schön anzusehen, wenn ein Patient leiden muss. Aber Sicherheit geht vor – und bei uns eben leider häufig auf Kosten des Komforts.

Dafür hat er von uns einen wunderhübschen, laminierten „Ausweis schwierige Intubation“ erhalten, den er von nun an vor jeder OP vorzeigen kann, damit auch der nächste Anästhesist Bescheid weiss.

Neulich im Netz

Eine grässliche Nacht hat eine Patientin in einem Zürcher Spital hinter sich: Nach einer Mandeloperation blutet sie plötzlich aus dem Mund. Doch als sie den Notrufknopf drückt, kommt keiner – eine halbe Stunde lang, gemäss Angaben der Patientin. Schliesslich ist sie so verzweifelt und verängstigt, dass sie den Notruf, in der Schweiz die 144, wählt.

Die Person, die den Notruf entgegennimmt, versucht, jemanden auf der Station zu erreichen, doch niemand geht ran, weshalb irgendwie irgendjemand anders aus dem Spital zur Patientin geschickt wird. Als die Person eintrifft, ist die Blutung zum Glück bereits von alleine zurückgegangen.

Erstmal: Wow. Das muss ein absolutes Horrorerlebnis gewesen sein. Ich hoffe, es geht der Patientin gut, und sie hat sich vom Schreck erholen können. Es hätte durchaus auch schlimmer enden können – Nachblutungen nach Mandelentfernungen können gelegentlich mal wie Sau bluten. Und: Gut reagiert! Rumlaufen, bis man irgendjemanden findet, ist nachts oft nicht besonders von Erfolg gekrönt.

Aber da stellen sich doch Fragen: Warum? Wie konnte das passieren?

Nun, gemäss Artikel war die Pflegeperson der Station gerade in einem anderen Bereich wegen eines Notfalls.

Und da, genau da liegt der Hase im Pfeffer.

Nachts hat man in den meisten Spitälern exakt eine Pflegeperson pro Station, und dazu vielleicht ein/e FaGe oder Pflegeassistenz. Das ist eine, genau eine diplomierte Person für im Schnitt 20 Patienten.

Man stelle sich nun vor, es gibt irgendeinen Zwischenfall. Ein Patient stürzt und muss auf die Beine gestellt werden, oder eine Reanimation, vielleicht auch mal ein Patient, der ausrastet und beruhigt werden muss.

Das schafft man nicht alleine. Soll man auch nicht. Man schafft es auch nicht zu zweit – je mehr Hände, desto besser. Da sind Pflege und Assistenz von zwei, drei Stationen schnell einmal eine Weile beschäftigt, und je nach Art des Zwischenfalls kann das schnell mal eine Stunde gehen. Und so lange ist dann die Station unbesetzt.

Deswegen wird nachts der Patientenruf auch auf mehr als nur einer Station angezeigt, meist noch auf den benachbarten oder sogar denen darüber und darunter. Wenn es dann eine Viertelstunde konstant piepst, kann je nach Kapazität vielleicht auch jemand anderes nachschauen, was denn los ist. Dieses System hat laut Artikel just in dieser Nacht nicht funktioniert, was natürlich maximal ungünstig ist. Aber frei nach Murphy’s Gesetz muss ja auch alles schief gehen, was schief gehen kann.

Wenn das System nun so fragil ist, dass bereits ein Zwischenfall eine oder sogar mehrere Stationen verwaist zurücklässt, warum verbessert man es dann nicht?

Ihr ahnt vielleicht, worauf das hinausläuft. Ist ja schliesslich auch immer dasselbe. Fachkräftemangel und Sparmassnahmen. Es wird nicht mehr Personal eingestellt, weil man es a) nicht hat und es b) etwas kostet, und Kosten im Gesundheitswesen sind ja grundsätzlich des Teufels.

Das Personal, das sind wir. Pflegefachfrauen und -Männer, Fachangestelle Gesundheit, Ärzte und so weiter. Darum stösst mir auch der letzte Satz des Artikels ganz schön sauer auf: „Die Ärzte haben sich entschuldigt.“

Bestimmt haben sie das getan. Bestimmt hat sich auch die Pflegeperson entschuldigt, die Nachtdienst hatte, und wahrscheinlich sogar die Pflegepersonen der Tagschicht nochmals.

Aber warum müssen sie das überhaupt? Wir sind die Sklaven der Politiker und der Sesselfurzer der Teppichetage. Wir sind die ausführende Hand, die Front, wir arbeiten fremdbestimmt in einem System, auf welches wir keinen Einfluss haben und müssen die Entscheidungen derer ausbaden, die keine Ahnung haben und nur Geld zählen können.

Das hier ist wahrscheinlich auch nur einer von vielen Vorfällen, die aber meist nicht an die Medien gelangen. Zum Glück ist dieser Patientin nichts Schlimmeres passiert. Andere Patienten haben vielleicht weniger Glück.

Die erste Reanimation Teil 2

Dies ist die Geschichte meiner ersten Reanimation – Teil 1 findet ihr hier.

Wir reanimieren Herrn Rhein. Initial habe ich mich in die Reihe der „Drücker“ gestellt und zwei, drei Zyklen Kompressionen gemacht, während mein Oberarzt jeweils nach 30 Konpressionen zweimal mit dem Beatmungsbeutel beatmet hat.

Nach einer Viertelstunde winkt mich mein Oberarzt zum Kopf, ich darf die Beatmungen durchführen. Anscheinend kommt damit auch die Aufgabe, zu bestimmen, wer als nächstes drückt – das finde ich heraus, als die Assistenzärztin der Intensivstation 5 Zyklen hinter sich hat und noch einen sechsten anhängen muss, weil niemand übernimmt. Ich weise den chirurgischen Assistenzarzt an, am Ende ihrer dreissig Kompressionen zu übernehmen.

Es fühlt sich seltsam an, wie wir drei unerfahrenen Ärzte zusammen arbeiten, auch wenn ein Intensivmediziner und ein Oberarzt der Anästhesie über unsere Schultern schauen. Das Wort „Kinderspielplatz“ schiesst mir durch den Kopf. Aber wir arbeiten gut miteinander, fast wortlos. Die Beatmungen sind kein Problem, schliesslich mache ich das auch sonst jeden Tag bei den Vollnarkosen vor der Intubation, und der Defibrillator hat an der Kompressionstiefe meiner Kollegen nichts zu meckern. Sein Piepston gibt den Rhythmus vor, dem wir uns anpassen, auf dem Display stehen Geschwindigkeit und Tiefe des Drucks. Grüner Bereich überall.

Nach einer halben Stunde hebt der Intensivmediziner die Hand. Alle halten inne, nehmen die Hände weg vom Patienten und starren auf den EKG-Monitor. Das ist Herrn Rheins letzte Chance.

Alle paar Sekunden hebt sich eine winzigkleine Zacke aus der Nulllinie. Kein echter Rhythmus, aber besser als nichts.

Der Intensivmediziner nickt und sagt: „Weiter.“

Der chirurgische Assistenzarzt übernimmt auf mein Zeichen hin die Kompressionen. Dreissig Mal drücken, zweimal beatmen. Fünfmal. Ich deute auf die Intensivpflegekraft für den nächsten Zyklus. Wir machen hier so lange, wie wir müssen.

Als sie ihre 5 Zyklen beendet hat, hebt der Intensivmediziner erneut die Hand.

Die Linie ist flach. Nichts. Keine Zacken.

Das war’s.

„Also, alle Hände weg vom Patienten. Wir lassen alles genau, wie es ist, keiner fasst ihn an. Wir entscheiden, ob das hier als natürlichen oder nicht natürlichen Tod gilt, bis dahin betritt niemand das Zimmer.“ Mit diesen Worten verlässt der Intensivmediziner den Raum.

Ich stehe etwas verloren am Kopf.

Herr Rhein liegt noch genauso da, wie vorhin.

Einer nach dem Anderen verlässt das Patientenzimmer wortlos. Oder vielleicht auch nicht wortlos, aber ich höre keine Gespräche. Ich lausche angestrengt in mich hinein, finde aber keine Gefühle, nur eine Art Leere, eine Ratlosigkeit.

Draussen stehen der chirurgische Assistenzarzt und seine Oberärztin, die noch leise das weiter Vorgehen besprechen. Der Assistenzarzt ist nicht besonders interessiert – er sollte eigentlich auf dem Notfall sein, nicht hier. Er kennt auch den Patienten nicht, ist nur zuständig, weil heute Samstag ist und er Dienst hat.

Bleiben nützt nichts. Meine Schmerzpatienten warten auf mich. Zwei junge, gesunde Männer mit Schmerzkathetern nach Knieoperationen. Mir ist gerade nicht danach, sie zu sehen.

Ich belohne mich für die harte Arbeit mit einem Gipfeli und gehe dann auf die Visitenrunde. Meine jungen Patienten sind fröhlich und freundlich. Einer sitzt mit seiner Freundin auf dem Balkon und frühstückt in der Sonne. Schmerzen hat er keine, spätestens morgen darf er nach Hause. Auch der andere ist schmerzfrei und wird schon heute Nachmittag nach Hause gehen. Ihre Fröhlichkeit steckt mich nicht an, obwohl ich sonst gut auf Patientenstimmungen reagiere.

Nach der Visite verkrieche ich mich ins Büro. Ich bin unendlich müde. Das ist das Adrenalin, das kenne ich schon.

Am Anfang meiner Karriere hat mich der Adrenalinausstoss immer etwas überrascht. Ich wurde nervös davon, habe mich zu wenig davon abgrenzen können und unnötige Hektik verbreitet. Seit mir das schliesslich klar wurde, setze ich mich bewusster solchen Situationen aus, um zu lernen, den Klumpen im Brustkorb zu bekämpfen. Ruhig bleiben in Stresssituationen ist eine der Haupteigenschaften eines Anästhesisten.

Ich kann inzwischen meist recht gut damit umgehen. Was bleibt, ist die Müdigkeit, wenn die Wirkung nachlässt: Ich könnte mich einfach hinlegen und ein Nickerchen machen, so erschöpft bin ich. Natürlich liegt das nicht drin. Ich habe Sprechstunden, Notfälle und eine Liquorpunktion (Hirnwasseruntersuchung, siehe zB hier) auf dem Programm.

Bei der Punktion zittern meine Hände leicht, aber sie klappt auf Anhieb.

Ich bin froh, als ich endlich zu Hause bin. Reden mag ich nicht, fernsehen oder lesen auch nicht. Ich gehe schon vor Neun ins Bett, grundsätzlich zufrieden mit meiner Leistung, aber gänzlich unzufrieden mit dem Resultat.