Andere Ansichten I

Frau Still lieg im Zimmer drölfzig. Sie ist vor einer Weile zu uns gekommen, weil sie im Altersheim gestürzt ist und sich dabei die Hüfte gebrochen hat. Sie ist 93 und nicht mehr wahnsinnig fit, aber zu ihrem Glück ist der Bruch stabil und muss nicht zwingend operiert werden. Wir nennen das „konservatives“ Vorgehen – nicht operieren, sondern andere Massnahmen ergreifen. Hauptsächlich heisst das, die Physiotherapeuten versuchen, sie soweit wieder auf die Beine zu bringen, dass sie wieder zurück ins Altersheim kann.

Schon über eine Woche ist sie hier, als mich abends eine Pflegekraft anruft. „Du, wegen Frau Still…“ – „Ja?“ – „Ihre Tochter ist hier, und sie sagt, Frau Still wird bald sterben.“

Nun. Frau Still ist sicher nicht das blühende Leben. Sie ist 93, ein bisschen dement, die Nieren arbeiten nicht mehr so gut, das Herz auch nicht. Aber na und? Für ihr Alter ist sie tiptop. Ich habe sie erst heute Morgen gesehen, und da war sie bestimmt noch nicht am sterben. Was um Himmels Willen ist passiert?

„Denkst du das auch?“, frage ich die Pflege. Wir haben hier viele sehr erfahrene Krankenschwestern, die ein ausgezeichnetes Gespür für solche Dinge haben, und die solche Situationen besser einschätzen können als ich.

„Eigentlich nicht, keine Ahnung, was die hat. Aber sie sagt, es gehe nicht mehr lang. Und wir sollen nichts mehr machen. Und sie will mit einem Arzt reden.“

Ich runzel die Stirn. Nichts mehr machen? Wie unfair! Frau Still ist auf dem besten Weg zurück ins Altersheim, die stirbt mir hier kein bisschen! Hallo?

Knapp zwei Stunden später habe ich Zeit, um auf der Station vorbei zu gehen. Zuerst gehe ich zur Pflege.

„Die Tochter von vorhin ist jetzt nocht mehr da, aber die andere.“, informiert sie mich. Ich seufze. Das kann ja nichts Gutes bedeuten, wenn sich zwei so verschiedene Meinungen treffen. Aber ich gehe zum Zimmer. Als ich die Tür öffne, erschrecke ich erstmal.

Im Zimmer ist es dunkel, alle Lichter sind aus. Auf dem Nachttisch stehen drei grosse, brennende Kerzen (weiss die Pflege das? Ist das erlaubt?). Frau Still liegt im Bett, Kopfteil hochgestellt, und ihre Tochter sitzt im Lehnstuhl daneben. Ich stehe einen Moment starr da und lasse die Szene auf mich wirken. Frau Still sagt „Hallo!“ und winkt mir zu.

„PSCHT!“, macht die Tochter. „Wecken Sie sie nicht auf!“

„Aber sie ist doch wach…“

„BITTE“, schnauzt sie, in einem genervten Ton, als wäre ich ein quengelndes Kleinkind. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. So redet man nicht mit mir. Oder überhaupt mit irgendwem. Ich gehe näher ans Bett.

„Ich habe gehört, Sie haben ein Anliegen?“, flüstere ich. Noch böser muss sie ja nicht unbedingt werden.

„NEIN.“ Sie spuckt das Wort aus. „Meine Schwester vielleicht. Ich nicht.“

Ich schaue mir Frau Still an. Sie liegt friedlich im Bett und lächelt mich an. Die stirbt nicht so schnell, entscheide ich für mich. Ich habe eigentlich keinen Grund, hier zu bleiben und mich wie ein freches Schulkind anpfeifen zu lassen.

„Na dann“, sage ich und verlasse das Zimmer. Dann beklage ich mich bei der Pflege darüber, was gerade passiert ist, und ärgere mich noch ein bisschen. Ich habs schon im Gefühl: Das Ganze ist noch nicht gegessen. Und ich werde recht behalten…

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Alltag im Spital: Uhus

Uhu, der/die, kurz für „Unterhund“, Synonyme Unterassistent, Student, Arzt in Ausbildung.

Im fünften Studienjahr beginnt für Schweizer Stundenten das praktische Jahr. Natürlich ist es von Uni zu Uni unterschiedlich, wann es genau beginnt, wie lange es geht, was darin enthalten sein soll. In Zürich, wo ich studiert habe, geht das praktische Jahr 10 Monate, welche man sich selbter zusammenstellt. Die Meisten machen Chirurgie  und Innere Medizin, jeweils etwa 2 Monate, und für den Rest nehmen sie etwas, wofür sie sich interessieren. Immerhin wissen viele Medizinstudenten im fünften Jar noch nicht, welche Richtung sie später einschlagen wollen.

In diesen Praktikas sollte es darum gehen, einen Einblick zu erhlalten, praktische Skills zu erlernen oder verfeinern, Fachrichtungen in allen Facetten kennenzulernen. Man sollte etwas lernen, sich aber gleichzeitig auch in den Arbeitsalltag einfügen. Eigene Patienten übernehmen, unter dem wachsamen Auge von Assistenzärzten natürlich, selber organisieren, Berichte schreiben lernen, sich in der Rolle als Arzt, als Professional, zurechtfinden.

An manchen Orten werden Uhus als billige Arbeitskräfte missbraucht. An anderen, vor allem in sehr spezialisierten Fächern, sind sie eher Zuschauer. Tatsache ist, viele Spitäler funktionieren ohne Uhus schlechter.

Bei uns im Krautundrübenspital sind Uhus elementar. Sie leisten Pikettdienste nachts und am Wochenende, wenn nur ein AA im Haus ist. Sie assistieren im Ops, und halten so den AAs den Rücken frei, damit diese genug Zeit für die Visite auf Station haben. Sie erledigen kleinere und mittlere Notfälle selber, besprechen sie mit dem Assistenzarzt oder direkt mit dem Kaderarzt, stellen Rezepte aus, erledigen Administration. Und Administration gibt es sowieso vielzuviel im Spital.

Ein guter Student erleichtert vieles und profitiert dafür auch viel. Jemand, der Interesse und Engagement zeigt, den lasse ich gerne auch mal etwas Spannendes machen, wie zum Beispiel eine Wunde nähen. Das verlangt aber von mir, dass ich neben meiner Arbeit auch noch auf seine Arbeit schaue. Und dass ich genug Zeit habe, Dinge zu erklären, zu teachen, abzufragen. Und gerade weil sie Pikettdienste leisten, geben wir unseren Studenten auch gern mal frei, damit sie die Gegend erkunden können,  Skifahren, einkaufen.

Für den Uhu wiederum steht und fällt die Stelle häufig mit dem Assistenzarzt. Gut ist vor allem jemand, der schon ein bisschen Erfahrung hat und nicht erst kürzlich angefangen hat, zu arbeiten, denn dann ist er häufig noch eher überfordert und hat keine Zeit, sich um Studenten zu kümmern. Er sollte sicher genug sein, um dem Studenten auch die Möglichkeit zu geben, sich selber an Patienten zu versuchen, und die Geduld, seine Fragen zu beantworten und ihn zu beaufsichtigen, soweit es nötig ist. Er sollte dem Studenten auch interessante Aufgaben übertragen, nicht nur Bürokram, Telefonate und Schellong-Tests ( wie es ein Mitstudent von mir etwas zynisch formuliert hat: Ein Test, der die Fähigkeit des Patienten überprüft, zu liegen, aufzustehen und sich dann wieder hinzulegen).

Ich hoffe, ich bin meinen Uhus ein guter Assistenzarzt. Und ich hoffe, ich bekomme dafür viele gute Uhus. Ohne die ist die Arbeit gleich viel, viel mühsamer.

Ein schwieriger Fall

Ich weiss schon nach den ersten paar Sätzen, dass mir dieser Patient Probleme bereiten wird.

Er kommt gegen 3 Uhr auf den Notfall wegen „unerträglicher Schmerzen im Bauch“  links unter dem Rippenbogen. Zu Schmerzen gibt es ein paar Fragen die man stellen muss. Wann hat der Schmerz angefangen, wurde er immer schlimmer oder blieb es etwa gleich, ist er eher stechend oder krampfartig, kommt und geht er oder bleibt er konstand und so weiter. Meine erste Frage ist entsprechend: „Seit wann haben Sie denn diese Schmerzen?“

„Seit 3 Jahren.“, antwortet er. Oh-oh. Schmerzen seit drei Jahren. Das kann nichts Gutes bedeuten. Er fährt weiter. „Wissen Sie, damals habe ich mit eine Rippe gebrochen. Und dann war ich in einem Spital, und die haben nichts gemacht! Wissen Sie? Einfach nichts! Also habe ich gesagt, das ist mir zu blöd, und bin nach Hause. Auch wenn die das nicht wollten.“

Ich frage weiter. Es stellt sich heraus, dass er seit drei Jahren immer wiederkehrende Schmerzen links hat. Oft sind die so stark, dass er so richtig starke Schmerzmitttel braucht, so wie heute. Und jetzt, um 3 Uhr nachts, findet er, es muss endlich mal etwas passieren. Ich könnte schon Wetten abschliessen, dass er nicht zufrieden sein wird. Nachts um 3 gibt es keine umfassendsten Abklärungen, schon garnicht im kleinen Krautundrübenspital. Hier wird ein Patient erstmal aufgenommen und erhält Schmerzmittel, und Abklärungen macht man dann tagsüber. Ausser wirklich dringende natürlich.

Ich stelle weiter meine Fragen und höre seinen Tiraden über Ärzte und Spitäler zu. Mir gefällt der Ton nicht, in dem er zu seiner Frau spricht – abwertend, respektlos, befehlend. Geht mich zwar nichts an, macht ihn aber nicht sympathischer und bestärkt mich weiter in meiner Sorge, dass dies kein einfacher Fall sein wird. Wenn er so mit seiner Frau redet,wie wird er dann mit der Pflege umgehen? Mit meinen Kollegen? Mit mir? Seine Frau sitzt in einer Ecke wie ein graues Mäuschen. Sie springt sofort auf, wenn er etwas von ihr will, sagt kein Wort und setzt sich dann wieder hin, wenn er mit dem Kopf kurz undohne sie eines Blickes zu würdigen in Richtung Stuhl nickt.

Zum Abschluss habe ich noch ein paar Standardfragen.

„Haben Sie Allergien?“

Er schnaubt. „Ärzte.“ Ich ziehe meine Augenbrauen hoch. „Nichts Persönliches.“, fügt er an. Klar. Seufz.

Ich habe keine Ahnung, was er hat, aber akut ist es nicht. Nach der körperlichen Untersuchung erhält er Schmerzmittel, eine Blutentnahme, ein Röntgenbild vom Oberkörper und ein Bett auf der medizinischen Station. Den Rest der Nacht höre ich nichts von ihm, er hat geschlafen.

In den nächsten Tagen wird er immer wieder Probleme machen. Er wird Medikamente verlangen, die er nicht unbedingt braucht. „Ich will um Punkt elf Uhr abends 4mg Moprhin und 2.5mg Temesta, damit ich mich so richtig abschiessen und dann schlafen kann.“, wird er zur Pflege sagen. „Woah das war ein echt geiler Flash“, wird er sagen, nachdem er auf seinen Wunsch auch am Vormittag 4mg erhält. Er wird verlangen, am übernächsten Morgen nach Hause zu dürfen für 2 Stunden, um mit seinem Huns spazierenzugehen, und danach wie ein völlig veränderter Mensch und mit winzigkleinen Stecknadelpupillen zurückkommen. Am Abend dann wird er ausrasten und eine Wasserflasche nach der Pflegefachfrau werfen. Und auf der Chefarztvisite wird er sich beschweren, wir würdenhier ja nichts machen und ihn nicht ernstnehmen und wenn das so weitergeht, dann geht er nach Hause. Der behandelnde Assistenzarzt wird ihn dann entlassen, weil der Patient nicht einsieht, dass es nicht okay ist, das Pflegepersonal zu bewerfen und zu beschimpfen, und dass er sich hier an gewisse Regeln halten muss.

Ich hoffe, wir sehen den nicht so bald wieder.

Live and let die

Ich habe gerade einen Patienten ins Zentrumspital verlegt. Einen jungen Mann, noch keine 40, mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Aortendissektion, also ein Defekt im grössten Blutgefäss des Körpers. Als er auf den Notfall kam, hat mich die Notfallpflege, Jeanne, sofort hinzugerufen. „Mit dem istwas nicht gut“, raunt sie mir zu, und ich teilte ihre Meinung nach knapp einer Minute Gespräch mit ihm. Mich beschlich ein ganz ungutes Gefühl, und ich bat den noch anwesenden Kollegen, der soeben nach Hause wollte, doch noch kurz zu bleiben – eine gute Entscheidung. 5 Minuten später wurde das erste EKG gemacht, und irgendwas war daran nicht sauber. Ein klarer Infarkt war es nicht, aber normal auch nicht. Ich rief den diensthabenden Mediziner, den Chefarzt, an. Noch während dem Telefonat wurde der Patient bewusstlos – natürlich genau in dem Moment, als die Radiologieassistentin ihre grosse EKG-Maschine abhängt und Jeanne den Patienten noch nicht an den Monitor anschliesst, weil sie gerade einen Zugang legt. „Wir sind eventuell gleich am Reanimieren. Wäre vielleicht gut, wenn du kommst“, sage ich zum Chef, hänge auf – und mein Kollege und ich legen los. Zum Glück ist er geblieben.

Am Ende mussten wir nicht reanimieren. Er kam von selbst wieder, und wir haben ihn mit der Ambulanz verlegt. Danach bin ich komplett aufgewühlt vom Adrenalin und der Verantwortung und der ganzen Geschichte, und ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen. Es ist erst halb 11, die Nacht ist noch lang.

Der wird mir nicht gegönnt. Die Pflege ruft an und informiert mich, dass Herr Z., ein alter, dementer Patient, verstorben sei. Ich müsse den Tod bestimmen. Immernoch durch den Wind, mache ich mich auf den Weg.

Herr Z durfte sterben. Es mag ein Tabuthema sein in unserer Gesellschaft, aber wir alle sterben. Und irgendwann mal soll man das auch dürfen. Herr Z’s Demenz war… Schlimm. Er hat viel geschrien und geklagt, und hatte seit kurzem auch noch eine Lungenentzündung und hohes Fieber.

Den Tod zu bestimmen, eilt nicht. Das erste sichere Zeichen sind Totenflecken, und die treten erstmals etwa eine halbe Stunde nach dem Todeszeitpunkt auf. Weitere sichere Zeichen sind Totenstarre (nach ein paar Stunden), Fäulnis (je nachdem, geht aber länger) und Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind.

Die Pflege hat mich, dessen bewusst, etwa eine Stunde nach dem Tod dazugerufen. Nun darf ich noch ins Zimmer gehen und mich davon überzeugen.

Im Einzelzimmer ist es kalt und dunkel. Mir ist mulmig. Nein, natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich einen Toten sehe. Auch nicht einen frisch Verstorbenen. Aber es ist das erste Mal, dass ich den Tod feststellen muss. Der Patient liegt im Bett, bedeckt durch ein Leintuch. Ich stelle alle Lichter an und lasse die Tür ein Stück offen. So fühle ich mich wohler.

Ich stehe eine Armlänge vom Bett entfernt. Im Hinterkopf immernoch der junge Mann von vorhin, das Gefühl im Bauch, als ich gedacht habe, „der könnte mir hier gleich sterben.“ Wohl fühle ich mich nicht. Kein bisschen. Es verstreichen ein paar Sekunden, bis ich das Leintuch anfassen kann. Ich nehme einen Zipfel in die Hand und schlage das Tuch um.

Das hier ist kein Gore-Blog. Ich werde nicht beschreiben, wie das aussieht. Aber ich sehe die Totenflecken, lege das Leintuch wieder über ihn und verlasse das Zimmer. Zu mehr kann ich mich nicht überwinden.

Ich gehe rüber auf die Gyn. Hier ist Leben. Ein Säugling wird im Stationzimmer von einer Pflegefachfrau beruhigt, weil es Bauchkrämpfchen hat.

Ich fühle mich erst wieder besser, als ich mich dem nächsten Notfallpatienten widmen kann. Die Arbeit lenkt mich ab.

Daumenschmerzen

Der Rettungsdienst kündet sich mir am Freitag gegen 3 Uhr nachts an. Sie bringen mir eine junge Patientin mit Verdacht auf einengebrochenen Daumen. Ich bin schon im Pikettzimmer im schönen, warmen Bett. Geschlafen habe ich eigentlich noch nicht, aber das machts ja nun auch nich besser.

Die netten Kollegen bringen mir zwei junge Frauen: Die Patientin und ihre Kollegin. Die linke Hand ist mit einem SamSplint geschient, alle sind guter Dinge. Die Patientin, nennen wir sie Nadja, entschludigt sich wiederholt und beteuert, ihr sei das Ganze unglaublich peinlich. Soweit, so gut.

Der Kollege vom Rettungsdienst erzählt mir kurz. Nadja, 22, ist gestossen worden und nach hinten gefallen. Sie hat versucht, sich mit der linken Hand aufzufangen, und sich dabei irgendwie den Daumen angeschlagen. Genaueres kann sie nicht sagen. Sie ist betrunken, aber immerhin noch gut gehfähig. Sonst gesund.

Die Sanitäter müssen wieder gehen, sie sind im Bergdorf stationiert. Ich bin allein mit den Frauen im Notfall. Ich packe den Daumen aus und sehe ihn mir mal an. Noch sind alle gut drauf. Nadja entschuldigt sich wieder und verspricht, gar nicht so betrunken zu sein.

„Ich hab total Mundgeruch“, sagt sie. „Hast du einen Kaugummi?“

„Nur den, den ich gerade im Mund habe“, antworte ich.

„Kann ich den haben?“ – „Ähm… Nein?“ – „Komm schoooooon…“ – „Nein.“

Bei der kleinsten Berührung jammert Nadja lautstark. Ich lasse es also bleiben und bestelle mir die Radiologieassistentin ein, die auf Pikett ist. Während ich einen Fall eröffne und Nadjas Daten in den Computer eingebe, beginnt Nadja im Behandlungszimmer zu schluchzen.

„Iiiiich kann doch gahahar nichts dafür“, schnieft sie. Ihre Kollegin tröstet sie nach Kräften. Nadja ist fast untröstlich. Das ändert sich auch nicht, als sie 10 Minuten später zum Röntgen abgeholt wird.

Ich sehe keinen Bruch auf dem Röntgenbild. Standardmässig würde ich ihr nun eine Gipsschiene anfertigen und sie am nächsten Morgen zur Kontrolle einbestellen, damit ein Orthopäde sich das Ganze noch anschauen kann. Ich kanns ja nicht untersuchen, weil sie solche Schmerzen hat, und es könnte immernoch eine Sehne verletzt sein. Das sieht Nadja ganz anders.

„Aber morgen ist [ein Sportevent]! Wir sind extra dafür hierher gekommen, und gehen nachher wieder nach Hause!“

„Ich kann den Daumen nicht untersuchen. Ich kann also noch nicht sagen, ob vielleicht eine Sehne verletzt ist. Es wäre wirklich besser, du würdest morgen nochmal vorbeikommen.“

„Nein… Morgen habe ich echt keine Zeit. Ich geh am Montag zum Hausarzt.“

Wir diskutieren noch ein bisschen. Wirklich umstimmen muss ich sie nicht. Sie hat nichts wirklich Gefährliches, nichts, das man sofort behandeln müsste. Bis am Montag ist die Schwellung etwas abgeklungen und der Daumen ist besser untersuchbar. Dann eben. Ich kann sie ja kaum zwingen.

Ich beginne, die Gipssachen zusammenzutragen, um eine Daumenschiene herzustellen. Währenddessen ruft die Kollegin ungefragt und in Eigenregie ein Taxi. „Wie lange brauchst du für den Gips?“, fragt sie mich.

Eigentlich will ich darauf garnicht antworten. Ich hab so lange, wie ich eben habe, das hier ist ein Spital. Ich habe aber auch keine Lust mehr, zu diskutieren. „Eine Viertelstunde.“ Sie bestellt das Taxi für in 20 Minuten. Ich schneide den Gips zurecht, mache ihn nass und passe ihn an. Dann umwickle ich ihn mit einer elastischen Binde, damit er sich gut anfügt. Nadja jammert wieder. Um sich abzulenken, singt sie lautstark „Wänni nume wüsst wo s’Vogellisi wär“. Ihre Kollegin stimmt ein. Zwischendurch kommen immer wieder Schluchzattacken von Nadja. Ich bin müde und genervt.

Kaum bin ich fertig, springen sie Frauen auf. „Taxi wartet!“, rufen sie, und springen zur Tür hinaus. Nadja lässt ihr Handy liegen. Ich rufe ihr hinterher, sie holt es sich und rennt ihrer Freundin nach.

Ich räume das Gipsmaterial weg, nach wie vor genervt. Zur Beruhigung gehe ich auf die Gyn. Ich habe Glück, ein Säugling soll noch ein Fläschchen bekommen, und ich darf ihn füttern. Der Ärger vergeht langsam.

Ich gehe wieder ins Pikettzimmer und versuche, noch ein bisschen zu schlafen.

Kleines Kind, grosses Problem

Manchmal geht nicht alles gut.

Ich hab wiedermal die Gyn. Deshalb darf ich auch in den Ops für einen geplanten Kaiserschnitt – medizinisch Sectio genannt. Das Baby liegt verkehrt herum, es hat zuviel Fruchtwasser im Bauch. Im Zentrumsspital wurden deshalb Abklärungen gemacht, das Baby wurde für gesund befunden. Etwas klein vielleicht. Aber das geht schon.

Neben mir am Tisch ist eine junge Hebamme in Ausbildung, die den undankbaren Job des zweiten Assistenten übernimmt: Haken halten. Die Operation geht gut voran. Die Gebärmutter kommt zum Vorschein, wird aufgeschnitten, wie eine Fontäne spritzt das Fruchtwasser. Dann kommt das kleine blaue Ding aus dem Bauch, die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. Mama freut sich. Ich sauge das Mäulchen ab. Das Kind ist klein. Bübchen. Es wird abgenabelt und der Hebamme in die Arme gelegt. Kurzes Hallo zur Mama, dann verschwinden Hebamme, Anästhesist und Bub nach draussen, wo der Kleine untersucht wird.

Lange hören wir nichts. Wir haben aber sowieso unseren eigenen Job, wir nähen Mama zu. Irgendwann wird der sonst so ruhige Operateur unruhig und ruft nach einem Anästhesisten.

Baby ist immernoch draussen mit der Hebamme und dem Narkose-Team.

Der Anästhesist sagt, dass das Bübchen nicht gut atmet. Es braucht noch Sauerstoff. Man will das Kinderspital kontaktieren, will aber auch noch etwas warten und dem Kind Zeit geben, sich selbst zu erholen. Neugeborene sind stärker, als sie aussehen. Tatsächlich atmet er bald selbst. Noch etwas langsam, aber er braucht keinen Sauerstoff und ist schön rosa. Die Hebammen entschliesst sich, Kind und Papa hoch in den Gebärsaal zu nehmen und es dort weiter zu überwachen. Wir nähen fertig.

Plötzlich ruft der Anästhesiepfleger nach seinem Chef. Wenn Anästhesisten laut werden, dann ist die Kacke am Dampfen, so die Faustregel. Bübchen atmet nicht mehr.

Die Kinderärztin aus dem Zentrumsspital wird per Heli eingeflogen, aber so schnell ist sie auch nicht da. Bübchen wird beatmet – und erholt sich wieder. Schliesslich atmet er wieder von selbst, braucht aber immernoch Sauerstoff.

Nach der OP bereite ich den Bericht fürs Kinderspital vor, drucke Schwangerschaftskontrollen und Laborwerte aus. Der Heli kommt an, und zusammen mit dem Chefgynäkologen übergeben wir den Kleinen an die Spezialistin. Sie untersucht Bübchen, legt einen Venenzugang, klebt ein Pflaster mit kleinen Bärchen drauf und legt eine Magensonde. Später werde ich mich fragen, wo die wohl gelandet ist, weil sich herausstellen wird, dass Bübchen keine richtige Speiseröhre hat. Mama und Papa sind in der Nähe und fassungslos. Glaube ich gern. Muss das nicht etwas vom Schlimmsten sein, ein Kind auf die Welt zu bringen, nur um es danach sofort wegzugeben, ohne Gewissheit, was mit ihm passiert und was es hat?

Irgendwann sind alle so weit. Bübchen liegt in einem warmen Brutkasten, verkabelt und eingepackt. Das Heli-Team fliegt los. Mama und Papa bleiben zurück. Papa wird im Lauf des Tages ins Kinderspital folgen, für Mama werde ich eine Verlegung am nächsten Tag in die dort nahe Frauenklinik organisieren. Ich werde lange mit verschiedenen Oberärzten kämpfen, um ihr ein Bett zu beschaffen, bis schliesslich der Kinderchirurg auf einer sofortigen Verlegung der Mutter bestehen wird, damit sie vor der Operation nochmal zu ihrem Kind kann. Und wenns der Kinderchirurg sagt, dann passiert es auch.

Und ich weiss einen weiteren Grund, warum Geburtshilfe einfach nicht mein Ding ist.

Die Pille danach

„Ich hätte da eine Patientin…“, sagt Fiona, die Notfallpflegefachfrau. Es ist neun Uhr abends, mein allererster Nachtdienst hat vor einer Stunde begonnen. Ich nicke, und sie fährt fort: „Eine 15jährige will die Pille danach. Sie ist mit ihrem Freund da. Und ihrer Mutter.“

Ach Mist. Wiedermal etwas, was ich noch nie gemacht habe. Zum Glück weiss ich ungefähr, wie das ablaufen sollte, dank einem super Apotheker-Blog. Pharmama hat schon ein paar Mal darüber geschrieben. Die wichtigsten Dinge bringe ich sicher zusammen.

Ich betrete das Zimmer. Das Paar sitzt auf der Liege, eng beieinander. Er hält fest ihre Hand. Mama sitzt gegenüber. Die Stimmung ist locker – so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Bevor ich beginne, wende ich mich trotzdem an die Mutter.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, draussen zu warten? In der Regel geht sowas einfacher, wenn die Eltern nicht dabei sind.“ Die Mutter scheint erleichtert, lacht, stimmt zu, steht auf und geht. Wow. Das war einfacher als erwartet.

Die junge Frau beantwortet meine Fragen. Letzte Mens vor 2 Wochen. Mit Kondom verhütet, was passiert ist, wissen sie nicht. Abgerutscht, geplatzt, irgendwas. Vor eineinhalb Stunden. Sie sind sofort zur Mutter und mit ihr sofort hierher. Ob sie immer mit Kondom verhüten? Ja, aber es war auch erst das zweite Mal. Sie will zum Frauenarzt für die Pille.

Irgendwie bin ich beeindruckt. 15 Jahre alt, sitzen sie vor mir, du übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Kein betrunkener, ungeschützter Partysex. Kein Leichtsinn, kein. Einfach ein Unfall, etwas, das passieren kann, und jetzt tragen sie die Konsequenzen.

Nach dem Gespräch erhält das Mädchen die Pille danach von mir. Die Spitalvorschrift lautet, dass diese gleich bar bezahlt werden muss, und ihr Freund zückt sofort das Portemonnaie. Die Mutter, die ich inzwischen wieder dazu geholt habe, meint, sie würde es auch zahlen, aber der junge Mann widerspricht ihr sofort. „Nein nein, das war unser Fehler. Ich mach das schon.“

Das scheint mir irgendwie das best case Szenario zu sein. Teenies, die Verantwortung übernehmen, und Mütter, die unterstützen. Kein Tabu, kein Schimpfen, kein Verheimlichen.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sowas nicht unbedingt die Norm ist.