Zitat des Tages

Die 50jährige Patientin wird mir vom Rettungsdienst gebracht. Sie hat sich vermutlich die Schulter ausgekugelt und schreit vor Schmerzen. Nach der Übergabe durch den Rettungssanitäter gehe ich zu ihr.

Ich: „Guten Tag Frau Wolf, ich bin die Ärztin auf dem Notfall, mein Name ist Gramsel.“

Sie: „Ich kann Sie nicht hören!“

Ich: „Warum nicht?“

Sie: „Weil ich so Schmerzen habe!“

Logisch.

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Jung, wild und depressiv

Abends, 20.30 Uhr, auf dem Notfall. Eine aufgeregte Mutter bringt ihren 19jährigen Sohn zu uns. Sie hat ihn in der Garage neben seinem Motorrad liegend gefunden, daneben eine leere Flasche Vodka und ein Blister Schmerztabletten. Als sie ihn angesprochen hat, hat er angefangen zu schreien und weinen. Sie hat ihn gleich ins Auto gepackt und zu uns gebracht, unterwegs hat sie noch eine Freundin alarmiert, die gleichzeitig mit ihr eintrifft. Die Freundin ist Pflegefachfrau in einem anderen Spital. Beide berichten, dass sich der Patient schon seit Wochen, wenn nicht Monaten, immer mehr zurückzieht, einen traurigen, lustlosen Eindruck macht, kaum mehr Freundschaften pflegt, nicht mehr richtig isst und schläft. Wir nehmen den Patienten in eine Koje, die Freundin nimmt die Mutter mit nach draussen und tröstet die Frau, die nun, da jemand Anderes nach ihrem Sohn schaut und sie endlich kurz durchatmen kann, weinend zusammenbricht.

Bei uns schlägt Silas, ein kräftiger junger Mann, wild um sich, schreit, lässt sich kaum beruhigen. Er hat keine äusserlichen Verletzungen. Wir geben ihm ein Beruhigungsmittel, worauf er etwas ruhiger wird und nur noch leise wimmert, auf Ansprache jedoch nicht reagiert. Ich habe gleich bei der Ankunft der beiden den Chef der Medizin angerufen und dazugeholt – das übersteigt meiner Mienung nach meine Fähigkeiten deutlich. Er beugt sich über Silas, legt ihm eine Hand auf die Schulter, beginnt, leise in beruhigendem Ton mit ihm zu sprechen. Er hört sein Herz und seine Lunge kurz ab, schaut ihm in die Augen, untersucht den Kopf. Schliesslich schaut er zu mir rüber. „Verleg ihn ins [nächstgrössere Spital] zur Überwachung und psychiatrischen Abklärung.“ Ich nicke und mache ein paar Telefonate.

Jetzt ist es Zeit, um mit den Angehörigen zu sprechen.

Die Mutter sitzt draussen im Wartezimmer und weint in die Schulter ihrer Freundin. Ich setze mich zu ihr und erkläre ihr, dass Silas nicht auf uns reagiert und wir nicht wissen, was genau das Problem ist. Wir verlegen ihn also in ein grösseres Spital, auf eine Intensivstation, und dahin, wo auch ein Psychiater ist, der ihn sich mal anschauen kann.

„Nein.“, sagt die Mutter und schüttelt den Kopf.

Ich bin völlig perplex. Einen Augenblick lang weiss ich nicht, was ich sagen soll.

„Silas braucht intensive Überwachung. Wir können das hier nicht bieten.“, versuche ich.

„Nein. Will ich nicht. Das ist mein Sohn.“

„Er braucht Hilfe. Darum haben Sie ihn doch hierher gebracht.“

„Ja, und ich will, dass er hier bleibt. Er geht nicht weg.“

Jetzt mischt sich aber die Freundin ein.

„Du hast da gar nichts zu bestimmen, dein Bub ist volljährig.“, sagt sie in bestimmtem, endgültigem Ton.

„Ich nehm ihn nach Hause. Gleich jetzt.“. Die Mutter starrt auf den Boden und schüttelt reflexartig den Kopf.

„Du weisst genau, dass das eine blöde Idee ist.“, sagt die Freundin.

Ich bin sprachlos. Ich will aufstehen und den Chef holen, damit er sie überzeugt. Ältere, erfahrene Ärzte haben’s immer einfacher, die werden eher ernst genommen als ich kleiner, junger Grünschnabel. Aber die resolute Art der Freundin gibt mir den Mut, es weiter zu versuchen. Ich widerstehe dem Verlangen, jemand anderen das Problem lösen zu lassen.

„Ihr Sohn braucht Behandlung. Darum haben Sie ihn hergebracht. Er hat eine gute Behandlung verdient, denken Sie nicht?“ Ich rede beruhigend auf sie ein und wiederhole diese Aussage noch in etwa 5 anderen Formulierungen: Der Sohn muss überwacht und abgeklärt werden, und hier geht das nicht. Wir sind das Krautundrübenspital, wir haben weder die Mittel noch das Personal dazu. Schliesslich hört sie auf, den Kopf zu schütteln, und sitzt still da, ein kleines Häufchen Elend. „Ich verstehe, dass dies eine schwierige Situation ist.“ Es klingt wie eine dumme Floskel, und ich schäme mich, solche Klischeeformulierungen zu verwenden, aber ich weiss nicht, was ich sonst sagen soll. Wir schweigen alle einen Moment lang. Dann frage ich: „Wollen Sie nochmal zu Ihrem Sohn?“

Sie nimmt das Angebot dankend an, wir gehen ins Zimmer. Silas liegt ruhig, der Chef ist immer noch an seiner Seite. Die Mutter steht still daneben.

Schliesslich kommt der Rettungsdienst und holt Silas ab, die Mutter fährt gleich im RTW mit. Ich erledige den Schreibkram. Dann darf ich nach Hause.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich endlich einschlafen kann.

 

Zitat des Tages

Frau Vieille, eine rüstige Wallisser Rentnerin Anfang ihrer Siebziger, hat kürzlich eine neue Hüfte erhalten. Sie hat täglich Physiotherapie, um das Gehen mit Stöcken zu üben, und ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel sie ihr Bein belasten darf.

Am dritten Tag klappt sie plötzlich auf dem Gang zusammen. Die Physiotherapeutin kann sie noch auffangen, die Pflege kommt herbeigeeilt, sie wird wieder auf die Füsse gestellt. Für den Rest des Tages bleibt sie im Bett, protestierend, dass es ihr doch nicht so schlecht gehe.

Am Abend gehe ich zusammen mit dem Operateur vorbei.

„Frau Vieille“, sagt er kopfschüttelnd, „was muss ich hören? Sie sind heute gestürzt?“

Sie grinst ihn entschuldigend an. „Ich habe eine Theorie.“, sagt sie.

Der Chirurg lacht. „Dann lasst hören.“

„Mein Kopf ist halt noch nicht so alt wie ich.“, sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Ach ja?“ Nun lacht auch der Chirurg.

„Er sagt mir immer: Hey, kein Problem, das kannst du! Mach nur, das kommt schon gut! Der hat halt noch nicht verstanden, dass der Rest von mir ein bisschen älter und klappriger ist… Vielleicht hätte ich’s etwas ruhiger angehen sollen.“

Mein Kopf ist halt noch nicht so alt wie ich. Hat sie das nicht schön gesagt? Jung geblieben, voller Energie und Tatendrang, Flausen im Kopf, bis ins hohe Alter. So möchte ich auch altern.

Oder, wie es Erich Kästner gesagt hat: Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.

 

Andere Ansichten II

Ein, zwei Tage später hat sich die Meinung von Frau Stills Töchtern gefestigt: Sie sind überzeugt, dass ihre Mutter jeden Moment sterben könnte – und dass man dies nicht aufhalten sollte.

„Palliative care“ beschreibt das, was man noch macht, wenn der Tod nicht mehr aufzuhalten ist. Meist heisst das, man gibt dem Patienten ziemlich viel Morphin, so dass er keine Schmerzen mehr hat und so friedlich wie möglich einschlafen kann. Man verzichtet auf lebensverlängernde Massnahmen, wie Wiederbelebung, aber auch Dinge wie Antibiotikagabe bei Infekten. Das Ziel ist, dass der Patient nicht leiden muss. Das wünschen sich nun die Töchter – nur haben sie eine ziemlich, naja, merkwürdige Vorstellung davon, wie das ablaufen sollte.

Zum Beispiel beklagen sie sich bei der Pflege, dass Frau Still noch zu Essen bekommt. Das zögere doch nur den Tod hinaus, und man wolle doch nichts mehr machen. Das macht mich böse, weil es bedeutet, dass sie ihre Mutter verhungern lassen wollen. Verhungern! Ausserdem, warum sollte sie nicht essen, solange sie kann? Es ist ja nicht so, als hätte sie eine Magensonde, oder bekäme etwas in die Venen, nein, sie bekommt Birchermüsli gefüttert und mampft das sichtlich vergnügt.

So richtig grantig werde ich allerdings, als die eine Tochter findet: „Könnten Sie ihr nicht einfach soviel Morphin geben, dass sie daran stirbt? Das wäre doch ein schöner Tod.“ GEHTS NOCH? Das ist aktive Sterbehilfe! Nicht nur ist das illegal, sondern auch unethisch. Mir fehlen die Worte. Die Situation frustriert mich aufs Extremste, und ich bin damit überfordert. Ich bitte meine Kollegin, die Patientin zu übernehmen. Luisa hat schon 2 Jahre Arbeitserfahrung und geht mit der Situation besser um als ich. Oder vielleicht auch einfach nur frisch und unvoreingenommen. Gelassener. Distanzierter.

Frau Still soll zurück ins Altersheim, soweit sind sich zumindest die Ärzte und das Pflegepersonal einig. Dort stirbt es sich sowieso angenehmer als im Spital, es ist mehr „zuhause“, weniger piepsende Apparate, Bettnachbarn, Schläuche. Ausserdem machen wir kaum mehr etwas mit ihr. Sie bekommt ihre Medikamente und Physiotherapie. Das kann sie auch dort haben. Luisa vereinbart einen Termin für die Rückverlegung auf Ende der Woche.

Das ist den Töchtern ein Dorn im Auge. Sie finden, ihre Mutter sei „nicht stabil genug“. Wir gehen zwar darauf ein, bleiben aber dabei. Wenn alles gut kommt, soll Frau Still am Freitag zurück in ihr gewohntes Umfeld.

Es kommt gut. Frau Still gibt noch einmal alles. Plötzlich geht sie wieder am Rollator, hält den Löffel zum Essen wieder selber. Wie verabredet, darf sie zurück dort hin, wo sie die letzten 15 Jahre verbracht hat.

Das ist nun schon ein paar Wochen her, und ich kann immernoch nicht begreifen, was in den Köpfen der Töchter vorgegangen ist. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man so überzeugt sein kann, für seine Mutter das Beste zu tun, und dabei das Ziel so weit zu verfehlen und stur dabei zu bleiben. Vielleicht haben sie es nur gut gemeint. Ich hoffe es jedenfalls.

Und ich hoffe, dass Frau Still noch lange vergnügt ihr Birchermüesli mampfen darf.