Frohe Weihnachten!

Frau Gramsel wünscht euch allen frohe Weihnachten, besinnliche Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Vielen Dank fürs Lesen, fürs Kommentieren, Liken und für eure Treue!

In letzter Zeit war es hier eher ruhig. Das liegt daran, dass meine Zeit im Krautundrübenspital vor einer Weile zu Ende gegangen ist – ein Jahr, schon vorbei. Das ging ja schnell 😀

In der Schweiz funktioniert das mit der Weiterbildung vereinfacht gesagt so: Spitäler werden nach Grösse, Angebot etc in drei Kategorien eingeteilt: A (gross), B (mittel), C (klein). Dies hat zur Konsequenz, dass man sich je nach Kategorie nur eine bestimmte Anzahl Jahre (3, 2 bzw 1) an die Weiterbildung anrechnen kann, und entsprechend öfters die Stelle wechseln muss. Anders als in Deutschland zum Beispiel, wo Assistenzärzte soweit ich weiss ihre gesamte Ausbildung an einem Spital absolvieren und dort entsprechend ein paar Jahre bleiben. Das kleine Krautundrübenspital gehört zur Kategorie C, und so musste ich nach einem Jahr weiterziehen.

Ich hab mir erstmal ein bisschen Ferien gegönnt ;), aber nächstes Jahr (und das könnt ja schon ziemlich bald) gehts hier weiter mit neuen Abenteuern:

Abenteuer Hausarztpraxis in den Bergen – mitten im Skigebiet während der Hauptsaison

Und dann, endlich, endlich: Abenteuer Anästhesie im mittelgrossen Stadtspital

Ich freue mich darauf, neue Geschichten mit euch zu teilen!

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Vorurteile

Vom Rettungsdienst wird eine „junge Frau mit Panikattacke“ angemeldet – aus dem Asylzentrum ein paar Dörfer weiter.

Diese Patienten sind häufig schwierig zu behandeln, weil es schwierig ist, sich mit ihnen zu verständigen. Sie sprechen kaum Englisch, geschweige denn natürlich eine unserer Landessprachen. Wenn jemand zum Übersetzen mitkommt, spricht auch der meist nur schlecht Deutsch oder Englisch. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, zum Beispiel, wenn sich Frauen nicht von Männern untersuchen lassen. Und Panikattacken mag ich sowieso nicht. Da kann man kaum was machen ausser beruhigen, und dafür muss man nun wirklich nicht ins Spital. Ich bin echt schlecht mit psychiatrischen Sachen, da ist Kommunikation und Erfahrung gefragt, beides Dinge, die man nicht vom Studium mitbringt. Ich gehe also schon mal nicht allzu begeistert auf die Situation zu.

Die etwa 25jährige Somalierin kommt also an, sie atmet schnell, ihre Augen sind aufgerissen, sie klammert sich an der Liege fest. Verständlich. Ihr geht es sonst schon schlecht, und nun wurde sie auch noch von zwei fremden Männern auf eine Trage in ein Auto gepackt und aus ihrem wenigstens einigermassen bekannten Umfeld herausgerissen, hinein ins sterile, unendlich fremde Spital. Begleitet wird sie von einem Mann im mittleren Alter, den wir schon kennen. Ebenfalls Asylant, begleitet er häufig Patienten zu uns, um zu übersetzen, da er recht gut Englisch und Französisch spricht. Er hält die Hand der jungen Frau, und spricht mit sanfter Stimme zu ihr.

Auf meine Ansprache reagiert sie kaum. Wir schreiben ein EKG, um Herzprobleme auszuschliessen, danach bekommt sie eine Beruhigungstablette. Nach einer Weile atmet sie besser. Mein Ziel ist, sie möglichst schnell wieder zurückzuschicken.

Auf meine Frage, was denn das Problem ist, beginnt ihr Begleiter zu erzählen. Die Frauen im Heim essen nicht richtig, sagt er. Sie mögen das Frühstück nicht, es ist zu fremd, sie bekommen Bauchschmerzen. Es sind zuviele Leute im Heim, zuviel Aufruhr, Kinder rennen herum, niemand kommt zur Ruhe, es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten. Sie will doch einfach nur ein bisschen Ruhe, ein bisschen Zeit für sich. Sie habe niemanden dort, berichtet er, sie sei alleine in die Schweiz gekommen.

Ich zucke innerlich mit den Schultern. Wenigstens haben sie ein Dach über dem Kopf und Essen, denke ich. An anderen Orten würden sie in kleinen schmutzigen Zelten gelagert, wenn überhaupt, hätten zuwenig zu essen, keine medizinische Versorgung oder saubere sanitäre Anlagen. Wir alle haben die Bilder gesehen aus Griechenland, Serbien, Ungarn. Das ist hier schon Meckern auf hohem Niveau, denke ich.

Der Begleiter geht noch zum Enpfang, um ein paar Formalitäten zu erledigen. Ich bin allein mit der jungen Frau, die mich nicht versteht, und ich sie auch nicht. Ich helfe ihr aus dem Pullover, um eine Leitung zu legen.

Ihr rechter Arm ist übersät mit Brandnarben, nicht ganz frisch, aber weniger als ein Jahr alt. Im Ellbogen haben sich Stränge gebildet. Wahrscheinlich kann sie ihren Arm nicht ganz ausstrecken.

Sie beobachtet mich mit immernoch weit aufgerissenen, ängstlichen Augen, während ich den Zugang am unversehrten Arm lege. Sie reagiert nicht auf den Stich, nicht einmal ein kleines Zucken oder ein Klagelaut entweichen ihr.

Ich verspüre Demut und Scham. Wer weiss schon, was die junge Frau, nur ein paar Jahre jünger als ich, schon alles durchgemacht hat, wie sie hierhergekommen ist, wo ihre Familie ist? Wer weiss, was und wen sie zurückgelassen hat, was sie gesehen und erlebt hat? Wer weiss, welche psychischen und physischen Probleme sie sonst noch hat? Krieg und Flucht haben bei ihr sicherlich nicht nur Narben am Arm hinterlassen. Und hier sitze ich, mit meiner guten Ausbildung und meinem Traumjob, meiner intakten Familie, in Sicherheit, Geborgenheit und Wärme, im Land, in dem ich aufgewachsen bin, und wage es, zu urteilen.

Ich entscheide mich, die Patientin für mindestens eine Nacht aufzunehmen, damit sie hier vielleicht ein bisschen zur Ruhe kommen kann – auch wenn es streng medizinisch genommen vielleicht nicht unbedingt nötig wäre. Mein Hintergrund hat nichts dagegen.

Wir alle haben Vorurteile, Vorstellungen, wie bestimmte Dinge sein sollen – und eine Meinung zu Dingen, von denen wir keine Ahnung haben. Das alles ist menschlich. Wir sind keine Heiligen, und ich finde, es ist nichts, wofür man sich schämen muss – solange man Augen und Herz offen hält und sich eines Besseren belehren lässt.

„Prejudice is the child of ignorance.“ – William Hazlitt.

Von Fischen und Krokodilen

Als mir am Samstagmorgen ein Teenager auf Amphetaminen angekündigt wird, rutscht mir kurz das Herz in die Hose. Ich habe keine Möglichkeit, den angemessen zu betreuen. Ich kann keine Sitzwache in so kurzer Ziet organisieren, ich habe keine Überwachungsstation. Und davon mal abgesehen, habe weder ich noch sonst gross jemand hier Erfahrung mit Drogen, sowas haben wir einfach viel zu selten. Alkohol vielleicht mal. Aber Amphetamine? Können die den um Himmelswillen nicht woanders hin bringen?

Der Patient liegt auf der Trage, Oberkörper entkleidet. Er ist unruhig, trotz des Beruhigungsmittels, das er schon bekommen hat. Seine Händ fummeln und kratzen und kneifen. Seine Atmung ist schnell. Er zittert und klappert beim Sprechen mit den Zähnen. Shit. Shitshitshit. Was mach ich mit dem? Woran muss ich alles denken? Herz. Amphetamine können aufs Herz gehen. Oder?

Ich zwinge mich zur Ruhe und werfe einen Blick auf den Monitor. Blutdruck, Puls und Sauerstoff sind normal. Der Rettungssanitäter berichtet, der junge Mann habe nachts Speed eingeschmissen. Am frühen Moprgen sei ihm dann unwohl geworden, weshalb er erstmal einen Joint geraucht hat, um sich zu beruhigen. Das hat aber auch nichts gebracht. Sein Mitbewohner hat den Rettungsdienst gerufen. Der Patient selbst ist kooperativ und einigermassen freundlich, er stellt sich als Lukas vor.

Ich rufe kurz meinen Hintergrund an, um sicher zu gehen, dass ich nichts vergesse. Er empfiehlt mir, einfach mehr Beruhigungsmittel zu verabreichen und ihn Aktivkohle trinken zu lassen. Klingt gut. Nach ein paar Minuten ist der junge Mann ruhiger. Ich arbeite am PC im Raum an der Aufnahme, damit er möglichst schnell auf die Station kann. Alle meine Untersuchungszimmer sind besetzt, und wir haben keine Kapazität für intensive Betreuung. Plötzlich ruft Lukas: „Ist das ein blauer Ball da auf meiner Brust?“

Ich gehe hin. Da ist nur die nackte Brust, kein Ball. „Nein.“, antworte ich.

„Ich sehe da einen Ball“, schmollt Lukas.

„Siehst du noch mehr Dinge? Dinge, die nicht wirklich da sind?“

„Glaub schon. Warte, muss mich konzentrieren.“ Er verstummt unt starrt intensiv zur Decke. „Da sind Fische.“

„Hmh, und was machen die Fische?“

„Die machen… So!“ Er macht wilde Schüttelbewegungen mit den Händen. Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. „Und jetzt sind da Krokodile!“

„Nun, ich kann dir jedenfalls versprechen, dass dich hier bestimmt keine Krokodile aufessen werden.“

Lukas nickt bedächtig und starrt weiter an die Decke. Nun muss ich wirklich lachen. Er lacht mit mir. „Geiler Cocktail, den ich da habe.“, verkündet er.

„Gewöhn dich nicht dran“, empfehle ich.

Wenn du genügend oft Junkies oder Betrunkene gesehen hast, dann hast du oft nicht mehrt so viel Verständnis. Sie erbrechen überall hin, stinken, sind manchmal ausfällig – ich durfte auch schon einem fliegenden Schuh ausweichen. Ihm konnte ich aber einfach nicht böse sein. Er ist freundlich, ein bisschen enthemmt, aber trotzdem arbeitet er gut mit, lässt alles stoisch mit sich geschehen. Er versucht nicht, abzuhauen, wird nicht laut, und er erbricht nicht. Als ich ihm verkünde, dass er etwa bis am nächsten Morgen bleiben wird, widerspricht er nicht. Als der Rausch vorbei ist, versucht er nicht, sich heimlich zu verdrücken. Von dem her kann er von mir aus einschmeissen, was er will – solange sich jemand so benimmt, behandle ich ihn gern.

Oh, sh*t

Es ist 19:55Uhr, meine Schicht nähert sich rasant dem Ende entgegen. Es ist ruhig, keine Patienten auf dem Notfall. Die Nachtärztin ist schon da, wir plaudern ein bisschen, bevor es dann um 20:00Uhr für sie offiziell losgeht.

Das Diensttelefon klingelt. Dran ist die Sanitätsnotrufzentrale, die mich gerne mit dem Fahrer eines RTW verbinden möchte. Ich reiche das Telefon an die Nachtärztin weiter – egal was da kommt, das betrifft wohl eher sie als mich.

Dran ist ein leicht nervöser Rettungssanitäter, der zusammen mit einem Kollegen eine  Patienten in ein grösseres Spital fahren sollte. Sie kommen von der anderen Seite der Berge und sind durch einen Tunnel gefahren. Nach dem Tunnel musste der Patient aufs Klo, weshalb sie an einer Raststätte angehalten haben. Der Patient ging also auf Toilette, wo sie ihn Minuten später zusammengebrochen am Boden finden, aus dem Darm blutend. Der Blutdruck war tief, der Puls viel zu schnell, der Patient nicht mehr richtig ansprechbar. Wir sind das nächste Spital. Der Rettungsheli ist informiert, es wurde eine Übergabe bei uns bereits abgemacht.

Oh, shit.

Wir rufen den Hintergrundarzt und den Narkosepfleger zu Hilfe, fragen die Laborantin, wieviel Blut und Plasma sie in Reserve hat – das sind 4 Blutkonserven und 4 Plasmas, informiert sie uns – und tragen der Notfallpflege auf einen Raum vorzubereiten. Ich bleibe als extra Paar Hände.

Der RTW kommt an, wir empfangen ihn draussen und geleiten Sanitäter und Patienten ins Untersuchungszimmer. Einen richtigen „Schockraum“ haben wir nicht, das nötige Material steht jedoch bereit. Unser Hintergrundarzt platziert sich am Fussende des Patienten und gibt in ruhigem Ton Anweisungen. Ich versuche, mich durch die mitgebrachten Arztberichte zu kämpfen, um herauszufinden, welche Erkrankungen, Medikamente und Allergien der Patient hat. Viel Klarheit schaffen die Berichte nicht. Der Patient blutet offensichtlich öfters mal, bisher konnte keine Quelle im Darm gefunden werden, weshalb er nun ins grössere Spital zu einer hochspezialisierten Untersuchung kommt.

Der Patient ist nicht ansprechbar, der Blutdruck ist nicht messbar. Blut sickert langsam, aber stetig zwischen seinen Beinen auf eine durchweichte Unterlage. Er bekommt viel Flüssigkeit von uns und eine erste Blutkonserve. Die Laborantin taut das gefrorene Plasma für uns auf, welches wir dann auch noch verabreichen. Ich versuche, mit der völlig aufgelösten Ehefrau zu sprechen, scheitere aber an der Sprachbarriere: Ich verstehe ihren Dialekt nur sehr schlecht. Zuhilfe kommt die MTRA (die Röntgenfachfrau), die sich um die Dame kümmert.

Ein paar Minuten und Handlungen später messen wir wieder einen Blutdruck, der Puls ist fast im Normalbereich. Der Patient reagiert wieder auf Ansprache. 10 Minuten später ist der Heli da, der Patient wird verfrachtet, auch die Ehefrau darf mitfliegen. Dann ist der Spuk vorbei, und wir stehen alle zusammen draussen in der Kälte zum „Debriefing“, der Nachbesprechung

Die Rettungssanitäter sind sauer, wil sie auf eine sehr weite Reise (geplant waren 4 Stunden Fahrt) geschickt wurden mit einem Patienten, der offensichtlich doch nicht ganz so tiptop zuwege war, wie es ihnen im Spital gesagt wurde. Der leitende Arzt, der die Anweisungen gegeben hat, äussert sich ebenfalls zufrieden. Ich muss ein bisschen Spott über mich ergehen lassen, weil ich am Dialekt gescheitert bin. Wir plaudern ein bisschen, dann putzen die Sanis ihr Auto notdürftig und treten die Heimfahrt an.

Irgendwer putzt das Schlachtfeld im Untersuchungszimmer. Blut, leere Beutel, Tücher, Verpackungsmaterial von allen möglichen benötigten Dingen.

Ich gehe nach Hause, ein bisschen zufrieden, aber auch noch leicht mitgenommen und grübelnd.

Für meine Kollegin hat die Nacht gerade erst angefangen. Sie wird später noch einen Patienten mit einer Blutung haben, diesmal aber aus dem Magen, und wird auch sonst nicht viel zum Schlafen kommen.