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Frau Wegeners letzte Reise

Frau Wegener ist 74 Jahre alt, und eit über einer Woche bei uns auf der Intensivstation. Als sie zu uns kam, dachten wir erst, die Niere sei das Problem – die war zuvor schon schlecht, sie war seit Jahren an der Dialyse – doch im Verlauf stellte sich heraus, dass es vor allem das Herz ist, das nicht mehr mitmacht.

Frau Wegener erhielt viele Untersuchungen und Therapien für Niere und Herz. Zudem hatte sie auch eine schwere Lungenerkrankung und noch so manch anderes, schwerwiegendes Problem, welche wir alle auch versuchten, zu verbessern – ohne Erfolg. Im Gegenteil: Der Patientin geht es nur immer schlechter, sie ist zunehmend verwirrt und müde, bis sie schliesslich kaum mehr auf Ansprache reagiert. Ihr Herz pumpt kaum mehr, hat keine Kraft, starke Medikamente sind nötig, damit sie überhaupt einen messbaren Blutdruck hat.

Schliesslich finde ich mich eines Sonntags mit ihrer Familie in meinem Büro wieder: Zwei Töchter und ein Sohn , alle um die 50 Jahre alt, sitzen mir gegenüber, um über Frau Wegeners Zukunft zu reden. Denn von uns aus ist es klar: Eine Besserung ist nicht in Sicht, und es ist Zeit, eine Entscheidung zu fällen.

Es ist mein erstes Gespräch dieser Art, und da Sonntag ist, hat auch mein Hintergrund keine Zeit, mich zu unterstützen („Sag mir dann, wie’s gelaufen ist. Erzwing nichts, schau einfach mal, in welche Richtung es geht.“) Ich bin nervös, habe Angst, nicht die richtigen Worte zu finden.

Das hab ich so auch gegenüber der zuständigen Pflegefachfrau geäussert. Ich weiss nicht, ob ich das kann. Was, wenn ich etwas Falsches sage? Etwas Dummes? Was, wenn ich mich falsch ausdrücke, die richtigen Worte nicht finde? Ich hab noch nicht einmal so einem Gespräch beigewohnt, konnte nie von jemand anderem lernen, und nun sitze ich hier, im eiskalten Wasser. Schwimm, kleines Ärztlein, schwimm!

Die Pflegefachfrau hat Erbarmen mit mir. „Die richtigen Worte kommen von ganz allein, glaub mir.“ Als die Angehörigen zum vereinbarten Termin kommen, schliesst sie sich uns spontan an. Sie sitzt neben mir, schweigend, die Angehörigen am runden Tisch uns gegenüber schauen mich erwartungsvoll an.

Ich beginne mir einer Zusammenfassung der Hospitalisation, vom Eintritt der Patientin bis heute. Die Untersuchungsergebnisse, die Therapieversuche. Ich will nicht um den heissen Brei herumreden, ich will Tatsachen auf den Tisch legen und klare Verhältnisse schaffen. So komme ich rasch auf den Punkt.

„Das Herz Ihrer Mutter arbeitet nicht mehr, es hat keine Kraft. Wir haben alles versucht, aber es reicht nicht. Sie hat auf keine unserer Therapien angesprochen. Sie ist seit einer Woche an der Dialysemaschine und sie hat starke Medikamente für ihren Kreislauf – sie ist auf Maschinen und Schläuche angewiesen. Wir sehen leider keine Aussicht auf Besserung.“

Das muss sich nun erstmal setzen. Die Töchter beginnen zu weinen, auch der Sohn hat feuchte Augen. Nach einer Weile der Stille fahre ich fort.

„Was für uns jetzt wichtig ist, ist, herauszufinden, was Ihre Mutter in dieser Situation möchte. Sie hat keine Patientenverfügung, aber hat sie sich Ihnen gegenüber mal geäussert? Können Sie sich vorstellen, was sie uns heute sagen würde, wenn sie es könnte?“

Ein paar Momente vergehen. Schliesslich platzt der Sohn heraus: „Sie hätte das nicht gewollt!“

Seine jüngste Schwester nickt unter Tränen. „Ein Leben an Maschinen? Niemals. Und vor allem, wenn Sie sagen, es wird nicht besser.“ Sie schluchzt leise, ihre Stimme bricht. Ihre Schwester nimmt sie in den Arm. Die Packung Tachentücher auf dem Tisch leert sich langsam.

Ich fühle mich von den Gefühlen überrannt. Ich kenne Frau Wegener nun auch schon sehr gut, habe ihre Leidensgeschichte mitverfolgt, gesehen, wie rasch sie sich verschlechtert hat. Ihre drei erwachsenen Kinder mir gegenüber tun mir unendlich leid. Auch mir kommen die Tränen, doch ich beisse sie zurück. Jetzt nicht. Nachher dann.

„Wissen Sie“, beginnt der Sohn, „das ist ja nun das vierte Mal innerhalt der letzten Monate, dass wir an diesem Punkt sind. Jedes Mal dachten wir, jetzt ist es soweit. Jedes Mal hat sie sich wieder gefangen. Nun ist es halt soweit.“ Die Tränen fliessen ihm die Wange herunter, aber er wirkt gefasst und entschlossen. Wieder bleibt es eine Weile still.

„Was geschieht denn nun?“, presst die mittlere Tochter heraus. „Wie geht es weiter?“

„Wenn wir uns entschliessen, die Therapie abzubrechen, werden wir ihr Schmerzmittel geben, die anderen Medikamente langsam abstellen und die Schläuche, die sie noch hat, ziehen. Sie wird keine Schmerzen haben und langsam einschlafen. Sie dürfen selbstverständlich kommen und gehen, wie sie wollen, und immer bei ihr sein. Die Besuchszeiten gelten nicht mehr für Sie. Schliesslich wird ihr Herz stehenbleiben.“

Die drei schauen sich an, und nicken schliesslich. Sie stellen mir noch einige Fragen – wird sie auch sicher keine Schmerzen oder Angst haben, wie lange geht es, bis sie stirbt, was geschieht danach und so weiter. Ich beantworte alle Fragen, die ich beantworten kann.

Als alles gesagt ist, frage ich: „Wollen wir noch zusammen zu Frau Wegener gehen?“ Ihre drei Kinder bejahen. Zusammen gehen wir zur Patientin. Nun verliert auch der Sohn die Fassung. Als er zu seiner Mutter ans Bett tritt, schluchzt er plötzlich laut, wendet sich ab, setzt sich auf einen Stuhl. Seine Schwestern beziehen Stellung links und rechts des Patientenbettes. „Jetzt darfst du gehen, Mama. Bald bist du bei Papa, der freut sich bestimmt auf dich.“

Das wars. Ich kann nicht mehr. „Ich ruf den Oberarzt an“, murmle ich zur Kollegin von der Pflege. Die nickt. Ich verlasse das Zimmer und fliehe in mein Büro. Schon auf halbe Weg laufen mir die Tränen herunter. Im Büro verbrauche ich noch die übrigen Taschentücher auf dem verlassenen Tisch, an dem wir gerade Frau Wegeners Tod besprochen haben.

Als ich das nächste Mal ins Patientenzimmer komme, sind die Schläuche schon alle weg, nur die Infusion mit den Kreislaufmedikamenten läuft noch. „Die Angehörigen gingen kurz raus an die frische Luft. Wenn sie wiederkommen, werde ich hier schrittweise reduzieren“, informiert mich die Kollegin von der Pflege. Frau Wegener tritt ihre letzte Reise eine gute Stunde später an, als ihre Kinder gestärkt und gefasst zurückkehren.

Frau Wegener verstirbt friedlich im frühen Morgen, im Beisein ihrer Töchter und ihres Sohnes, umsorgt, begleitet und geliebt.

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Das Auge des Sturms

Der Nachtdienst hat schon stressig begonnen. Die Kollegin vom Tagdienst hat kurz vor meinem Antritt eine Patientin im septischen Schock aufgenommen und kämpft jetzt um ihr Leben. Ausserdem hat sie noch 5 weitere Patienten, welche sie mir rapportieren muss. Zeit hat sie grade keine dafür.

Ich gehe ihr zur Hand, als sie den arteriellen und den zentralvenösen Zugang legt, bis schliesslich etwa um Zehn das Diensttelefon klingelt: Auf einer chirurgischen Station ist ein Patient im Status epilepticus. Die Anästhesistin sei schon da gewesen und habe verfügt, dass ich mich darum kümmern und den Patienten auf die Intensivstation nehmen soll. Ich solle auch gleich einen Zugang legen und ein Medikament spritzen.

Ich eile auf die altersunfallchirurgische Abteilung, auf welcher der Patient liegt. Er ist im Bett, ein Oberarzt und zwei Assistenzärztinnen der Chirurgie sowie eine Pflegefachfrau stehen daneben. Ich habe das Medikament, welches den Krampf beenden soll, mitgebracht. Der Zugang ist rasch gelegt, das Medikament gespritzt – nach kurzer Zeit schon liegt der Patient wieder ruhig da. So kann ich ihn auf die Intensivstation nehmen.

Nun kommt der interessante Teil: Warum hatte der Patient überhaupt den Krampfanfall? Wir überprüfen mittels Schnellanalyse einige Blutwerte, die aber alle völlig normal sind. Ich hab keine Ahnung, wonach ich überhaupt suchen muss, also lese ich erst mal nach. Die Kollegin ist nach wie vor mit ihrer Patientin beschäftigt, sieht aber wohl meinen ratlosen Gesichtsausdruck und wirft mir im Vorbeigehen ein paar Worte an den Kopf wie „malignes neuroleptisches Syndrom“. Hab ich glaub ich mal im Studium gehört. Das lese ich dann gleich als Nächstes nach.

Der Patient ist stabil an der Überwachung, Blutdruck und Atmung sind völlig normal, aber vom Medikament von vorhin und vom Krampfanfall her schläft er tief und fest. Seine Hirnfunktionen kann ich so nicht überprüfen. Ich möchte eine CT-Aufnahme des Gehirns haben, um zu sehen, ob da irgendwas nicht gut ist. Ich spreche das kurz mit dem chirurgischen Oberarzt ab, der sein Einverständnis gibt.

Ich muss den Patienten, zusammen mit einer Pflegekraft, ins CT begleiten – er könnte ja nochmal einen Anfall haben. So stehe ich um elf Uhr nachts im CT-Steuerungsraum, wo ich mich mal kurz setzen und nochmal mein kleines schlaues Buch hervorholen kann. Erst jetzt merke ich, wie gestresst ich bin. Ich hatte noch nicht mal Rapport, die Kollegin vom Tagdienst ist nachts um Elf immer noch da (die hat morgens um halb Acht angefangen, aber ehrlich, ohne sie wäre ich grade völlig aufgeschmissen), es herrscht Chaos, alle sind genervt. Ich stehe unter Strom.

Auf Ruf der Radiologiefachfrau betritt der Radiologe den Raum – es ist der Chefarzt, der Dienst hat. Es ist das erste Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeite – meine Aufregung nimmt noch ein bisschen zu. Er lächelt in die Runde, setzt sich an einen PC und schaut sich das erste Bild an.

„Na, was hat er denn?“, fragt er mich freundlich und in ruhigem Ton. Ich hasple eine Zusammenfassung der letzten Stunde zusammen. Er lächelt immer noch. Die Radiologiefachfrau fährt jetzt die erste Untersuchung. Gebannt schauen wir auf die entstehenden Bilder.

„Wie läuft’s denn so bei euch?“, fragt mich der Chefarzt.

Ich schnaube. „Riesenstress. Wir haben vorhin eine Patientin im septischen Schock bekommen, und jetzt kommt er noch dazu. Ich hab noch fünf weitere Patienten, und von der Pflege ist jemand krank. Ein echtes Chaos“, platzt es aus mir heraus.

Der Radiologe lächelt wieder. Kann diesen Mann wohl irgendwas aus der Ruhe bringen? „Ach das ist ja blöd… Immer alles auf einmal, was? Was habt ihr denn für einen Verdacht bezüglich des epileptischen Anfalls?“

Ich sage es ihm ehrlich: Ich hab keine Ahnung, habe an dieses und jenes gedacht, aber die bisherigen Untersuchungen waren alle in Ordnung. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schmunzelt der Radiologe daraufhin.

Inzwischen sind die ersten Bilder da. Wir sehen schon auf den ersten Blick grosse Hirninfarkte, einige davon älter, andere sehen frischer aus.

Der Gedanke, dass es „nur“ ein Hirninfarkt sein könnte, wirkt auf mich unendlich beruhigend. Das ist was, das ich kenne, ich weiss, was weiter zu tun ist. Die nächsten Schritte sind klar, die krieg ich problemlos hin.

Das weiss auch der Radiologe. „Na, da haben wir’s ja. Wir fahren noch das Kontrastmittel, aber Blutung sehe ich auf den ersten Blick keine. Wenn’s ein Infarkt ist, dann haben Sie ja schon die Antwort, und dann wissen Sie auch wie’s weitergeht, oder?“ Er spricht ruhig und aufmunternd.

Ich atme tief durch und packe das schlaue Büchlein weg. Mein Herz schlägt ruhiger, meine Zuversicht kehrt zurück. Zusammen nehmen wir den Patienten zurück auf die Intensivstation, wo er die Nacht noch ausschlafen darf, während ich mich mit den Kollegen von der nächsten Stroke-Unit rückspreche. Die Neurologin am Telefon ist schrecklich nett. Sie ruft nach Rücksprache mit ihrer Oberärztin prompt zurück und tischt mir ein vernünftiges, durchdachtes Prozedere auf, welches ich nur noch umsetzen muss.

Danach geht alles irgendwie einfacher. Manchmal braucht es einfach nur jemanden, der ein bisschen Ruhe verbreitet. Das ist die Art Ärztin, die ich gerne mal sein will. Die ruhige, freundliche, die die jüngeren Kollegen ermutigen und stärken kann. Die den Überblick hat, weiss was zu tun ist, alles unter Kontrolle hat. Das Auge des Sturms.

Da arbeite ich noch dran.

Ohne dich wär‘ alles doof

Es ist mitten in der Nacht. Wir haben vor zwei Stunden eine Patientin im septischen Schock bei Lungenentzündung und kurz darauf einen Patienten mit unklarem epileptischen Anfall bekommen und hatten alle Hände voll zu tun, doch nun endlich scheint alles einigermassen aufgegleist. Die Kollegin vom Tagdienst hat Überstunden gemacht, um mir zu helfen und ist nun auch endlich nach Hause. Ich habe ein riesige To-Do-Liste, welche ich abarbeiten muss.

Punkt eins: „Picco-Katheter legen“. Na dann.

Ein Picco-Katheter ist ein Schlauch mit einer Sonde dran, den man in der Leiste in die Arterie einlegt. Zusätzlich braucht man einen Schlauch in der oberen Hohlvene des Herzens. Nun kann man eine definierte Menge kaltes Wasser in den Schlauch in der Vene spritzen, damit wird dort das Blut kälter. Das kalte Blut fliesst nun durch das rechte Herz, die Lunge, das linke Herz und schliesslich in die Aorta und dann die Leistenarterie. Die Sonde in der Arterie misst den Temperaturunterschied des Bluts. Die daran angehängte Maschine kann nun zum Beispiel berechnen, wieviel Blut das Herz pro Schlag oder pro Minute auswirft, und noch einige andere nützliche Parameter.

Die Theorie kenn ich, aber gemacht hab ich das noch nie.Klar, ich hab schon diverse Schläuche in diverse Gefässe gelegt, aber halt noch nie genau diesen genau in der Leiste. Glücklicherweise habe ich mit Andrea eine der erfahrensten, freundlichsten Pflegefachpersonen des Teams an meiner Seite. Sie hat schon das ganze Material vorbereitet.

„Ich hol dann mal den Ultraschall“, verkünde ich.

Andrea prustet los. „Wozu brauchst du denn den?“

„Damit ich sehe, wo ich stechen muss?“

„Ach ihr Anästhesisten mit eurem Ultraschall… Taste doch mal. Spürst du den Puls? Da must du hin. Dazu brauchst du keinen Ultraschall.“

Ich vertraue Andrea. Sie hat mir schon so oft gute Tipps gegeben, sie weiss einfach extrem viel. Wenn sie sagt, ich könne das, dann kann ich das auch.

Ich taste den Puls. Der ist nicht zu verfehlen. Na dann, los gehts.

„Ach ja, und ich hab das ganze Bett abgedeckt. Macht also nix, wenn ein Bisschen was daneben geht, okay? Ignorier das einfach und kümmer dich um den Katheter“, zwinkert mir Andrea noch zu.

Ich desinfiziere die Leiste, ich decke alles steril ab und bereite das Material vor. Ich inspiziere besonders den Katheter gut. Sieht aus, wie alle anderen Schläuche auch. Scheint machbar zu sein – natürlich, Andrea hat’s ja gesagt. Und eigentlich hat sie recht – wenn ich Katheter in die Arterie am Arm lege, brauche ich in der Regel auch keinen Ultraschall, sondern taste und steche zu.

Ich spüre den Puls noch immer gut. Um es mir etwas leichter zu machen, spritzt Andrea noch ein Medikament, welches den Blutdruck etwas erhöht. Von dem Medikament braucht die Patientin ohnehin schon extrem viel, ohne war ihr Blutdruck bei 70/30mmHg, jetzt ist sie grade auf einem guten Niveau. Mit der kleinen Extragabe steigt der Blutdruck noch ein bisschen, so kann ich den Puls besser tasten. Tief unter meinem linken Zeigefinger pulsiert die Arterie.

Ich nehme die Kanüle und steche durch die Haut in die Richtung, aus welcher das pulsierende Gefühl kommt. „Da hast du’s!“, ruft Andrea aus. Aus der Kanüle tropft Blut, schnell und ebenfalls pulsierend. Tropf, tropf, tropf. Jetzt sollte es schnell gehen.

Ich führe einen dünnen, flexiblen Draht durch die Kanüle in die Arterie ein. Dabei rutsche ich mit der Spitze der Kanüle wieder aus der Arterie und muss den richtigen Ort wieder finden. Ein paar Millimeter vor, und da tropft es wieder. Diesmal geht der Draht problemlos rein, und ich kann die Kanüle rausziehen.

Als nächstes schiebe ich den weichen Katheter über den Draht in die Arterie. Das gestaltet sich schwierig.

„Komm schon, mit Schmackes!“, spornt mich Andrea an. „Drücken drücken drücken… Siehst du? Klappt doch prima.“

Der Schlauch ist drin und Andrea reicht mir den Verbindungsschlauch für die Messung, nun brauche ich ihn nur noch anzunähen. Das ist der einfachste Part. Schliesslich kann ich alle spitzen Kanülen entsorgen und meine schweissnassklebrigen sterilen Handschuhe ausziehen. Puh.

„Na also. Hast du prima gemacht!“ Sie klopft mir auf die Schulter, ich fühle mich, als hätte sie ein Sternchen im mein Heft geklebt. „Das hat super geklappt, und du hast noch nichtmal eine Sauerei gemacht! Top! Jetzt geh und trink was und leg die Füsse ein paar Minuten hoch, das waren jetzt ein paar echt stressige Stunden. Danach schauen wir uns mal die ganzen Parameter an, ja?“

Tatsächlich, das ist meine erste Pause seit über vier Stunden. Ich trinke etwas Wasser, Andrea geht eine rauchen, dann treffen wir uns am Patientenbett wieder,  analysieren die Messergebnisse zusammen und einigen uns auf das Vorgehen für die nächsten zwei Stunden. Ich hab einen Algorithmus dafür und muss nur die richtigen Pfade finden. Andrea kennt den Algorithmus in- und auswendig, wartet aber geduldig, bis ich selber zum richtigen Ergebnis komme.

Irgendwann darf ich ein Nickerchen machen gehen, so ist das nachts geregelt, weil man keine richtigen Pause während der 13h Schicht hat. Die Pflegenden könen mich jederzeit anrufen, doch heute kann ich ungestört zwei Stunden schlummern.

Als ich zurück auf die Station komme, haben sich sämtliche Werte der Patientin verbessert. Was vor ein paar Stunden noch kritisch bis lebensbedrohlich aussah, ist nun „nur“ noch ernst, aber machbar. Frau P. wird es schaffen.

Ohne Pflegefachpersonen wären wir nix.

Frau Keller darf sterben

Es ist mein dritter Nachtdienst auf der Intensivstation (IPS). Es ist soweit ruhig, wir sind nicht mal zur Hälfte ausgelastet. Gegen 22Uhr werde ich von der diensthabenden Anästhesistin zur Unterstützung und Übernahme in den Schockraum gerufen.

Frau Keller ist 68 Jahre alt und hat eine schwere Lungenerkrankung, eine sogenannte COPD Stadium IV. Sie wurde von der Sanität ins Spital gebracht wegen schwerer Atemnot. Wirklich, es ist ein erschreckendes Bild, welches sie uns bietet. Sie sitzt auf der Liege, die Hände verkrampft an der Matratze festgeklammert, und sie atmet. Mehr kann sie nicht, denn das Atmen fällt ihr so unendlich schwer, dass all ihre Kraft und Konzentration darauf gerichtet sind. Die Panik steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie ist unruhig, wackelt hin und her mit dem Kopf.

Die erste Blutentnahme zeigt erwartungsgemäss schlechte Atemgase und hohe Entzündungszeichen. Frau Keller hat eine Lungenentzündung in ihrer ohnehin schon schwerst geschädigten Lunge und steht offensichtlich kurz vor der Erschöpfung, der Anästhesistin juckt es schon in den Fingern für die Intubation.

Der medizinische Hintergrund, der Leiter der Notfallstation, den der zuständige medizinische Assistenzarzt soeben anruft, pfeift sie allerdings zurück. Er kennt die Patientin bestens, hat sie schon viele Male auf der Notfallstation betreut. Eine Intubation, so ist es in ihrer Patientenverfügung geschrieben, lehnt sie klar, ab, genau wie eine Reanimation. Angehörige hat sie keine. Frau Keller ist schon sehr lange sehr schwer krank. Sie darf sterben, wenn es denn soweit kommt.

Sauerstoff bekommt die Patientin aus einem speziellen Gerät, welches bis zu 50 Liter pro Minute angewärmter und befeuchteter Luft (mit einstellbarem Sauerstoffgehalt) durch eine spezielle Nasenbrille pusten kann. Damit und nach der Gabe eines fiebersenkenden Mittels verbessert sich Frau Keller ein wenig, als ich sie das nächste Mal sehe, kann sie ein bisschen mit mir sprechen. Ihr Wille ist klar: Wenn sie sterbe, dann sei das eben so.

Mit der Zeit geht es Frau Keller immer schlechter. Die Pflege ist unzufrieden, drängt mich zur Intubation – doch die steht ausser Frage. Ich kann sie verstehen, es ist für uns alle eine unangenehme Situation. Frau Keller reisst sich immer wieder den Sauerstoff aus dem Gesicht, ihre Sättigung ist konstant zwischen 70-75%. Der Blutdruck ist inzwischen auch tief, sie braucht ein kreislaufunterstützendes Medikament. Verwirrt ist sie nicht. Sie weiss, wo sie ist, was geschieht und eben, was sie will und was nicht. Dem müssen wir Folge leisten, doch es ist schwer, einfach zuzuschauen und nichts zu tun.

Ich rufe irgendwann nach ein Uhr nochmal meinen Hintergrund an, um mir dafür Rückendeckung zu holen. Wenn er nochmal sagt, wir müssen das so akzeptieren, dann glaubt das die Pflege halt eher, als mir kleinen Anfänger. Er bestätigt nochmal das Prozedere und hat trotz der späten Stunde noch ein paar vorsichtig aufmunternde Worte für mich übrig.

Immer wieder stehe ich am Bett. Die Pflege ist unzufrieden und lässt es an mir aus, alle 15 Minuten ruft sie mich ans Bett. Ich kann mit Frau Keller gut reden, sie lässt sich von mir überzeugen, den Sauerstoffschlauch in den Mund zu nehmen. Das ist angenehmer als in der Nase, und so bekommt sie wenigstens ein bisschen mehr Sauerstoff. So schreitet die Nacht voran. Ich bin völlig erschöpft und fühle mich schrecklich hilflos.

Kurz vor Vier komme ich wieder ans Bett, weil ich die Patientin schreien höre. Sie ist ausser sich, versucht, mich zu schlagen und anzuspucken, doch die Kraft reicht ihr nicht aus. Ich rede beruhigend auf die ein. Die schaut mich böse an. „Lasst mich gehen, lasst mich gehen!“ Die Pflege keift mich von der Tür aus an, sie müsse jetzt eine Rauchen gehen, ihr reicht’s. Damit verschwindet sie.

Leise und ruhig spreche ich auf sie ein, versuche, meine eigene Unruhe zu unterdrücken. „Versuchen Sie nochmal tief durchzuatmen. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Nach einer Weile entspannt sie sich, und ich atme auf. Frau Keller lehnt sich zurück, ihre Hände, welche zuvor am Bettgitter festgekrallt waren, lockern sich und sie nimmt sie in den Schoss.

Dann verdreht sie die Augen nach oben. Ihre Atmung wird langsamer und ruhiger. Ihr Puls wird langsamer. Speichel sammelt sich im Mundwinkel an. Das Gesicht ist fahl. Es ist soweit.

Nun kommt auch die Pflege wieder dazu. Gemeinsam stehen wir am Bett, jeder von uns hält eine Hand. „Wir sind bei Ihnen, Frau Keller, Sie sind nicht alleine“, gurrt die Pflege, die 5 Minuten zuvor noch knallrot im Gesicht und ausser sich war. Frau Kellers Atemzüge werden oberflächlicher und unregelmässiger, bis sie schliesslich ganz ausbleiben. Auf dem Monitor sind noch die Ausschläge der Herzaktivität zu sehen, die immer kleiner und seltener werden, bis schliesslich keine mehr da sind.

„Jetzt haben Sie’s geschafft“, seufzt die Pflege schliesslich, und schaltet den Überwachungsmonitor aus. Sie beginnt damit, die Patientin für die Aufbahrung herzurichten. „Todeszeitpunkt ist 4:20, ja? Das muss überall genau gleich stehen, also schreib dir das auf.“ Ich ziehe mich in mein Büro zurück fülle und den Totenschein aus.

Ich hab mich schon lange nicht mehr so überfordert und alleine gelassen gefühlt. Das war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich eine Patientin beim Sterben begleitet habe, und ich musste das erst mal für mich verarbeiten. Natürlich musste es ausgerechnet nachts sein, wenn sonst keiner da ist, der mir helfen kann – aber so ist das nun mal.

Frau Keller wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.