Die erste Reanimation

Meine erste Reanimation sah ich im Schockraum eines Universitätsspitals, damals noch als Studentin im dritten oder vierten Jahr. Ich war in den Notfalloperationssälen als Anhängsel eines Narkosearztes unterwegs und durfte mich mehr oder weniger frei zwischen den verschiedenen Räumen bewegen. Solange ich still in der Ecke stand, wurde ich eigentlich überall geduldet.

Die Patientin wurde aus einem anderen Spital ins Zenstrumspital verlegt. Der Radiologe hatte im CT ein Loch in der Speiseröhre festgestellt, wobei die Diagnose erstens nicht gerade häufig ist und zweitens di Diagnose mittels Schichtröntgen ziemlich schwierig ist. Als die Dame ankam, wurde daher noch gewitzelt. Niemand glaubte wirklich an das ominöse Loch in der Speiseröhre.

Die Patientin selbst war wach und ansprechbar und noch recht gut beisammen. Sie war etwas älter und deutlich überrumpelt von den vielen Leuten im Schockraum, die alle irgendwas von ihr wollten. Sie bekam erstmal eine Magenspiegelung. Das Loch bestätigte sich, und die vielen Ärzte im Raum von sicher 5 verschiedenen Disziplinen staunten. Ich verzog mich zurück in die Nierentransplantation.

Irgendwann später betrat eine Narkosepflegefachfrau den Operationssaal und informierte „meinen“ Oberarzt, dass im Schockraum reanimiert werde. Sie nahm mich mit – „das ist etwas Spannendes für dich“ – und stellte mich ans Fussende des Raums, wo ich einen guten Überblick hatte.

Ein mittelgrosser, schlanker Assistenzarzt der Bauchchirurgie mit langen dunklen Haaren führte die Kompressionen durch. Er war durchgeschwitzt und ausser Atem. Kurz darauf löste ihn ein Assistenzarzt der Narkose ab, ein grosser, breit gebauter, muskulöser Mann. Bei ihm sah es viel einfacher aus. Bei jedem Druck gutschte ein Schwall Blut aus dem Mund der Patientin. Am Kopfende sass ein erfahrener Narkosearzt, der die Patientin über einen Tubus (eine Plastikröhre, welche direkt in die Luftröhre eingelegt wird) mit einem Beutel beatmete. Rundherum wuselten Menschen. Jemand machte einen Ultraschall. Jemand legte einen Zugang in die Arterie, jemand anderes einen zusätzlichen in die Vene. Jemand brachte Beutel mit roter, gelber und klarer Flüssigkeit drin, jemand hängte die Beutel an. Jemand stand hinter dem Narkosearzt und schrieb alles, was geschah, auf ein Blatt, immer mit einem Blick auf die Uhr und den Monitor mit den Blutdruck- Puls- und Sättigungswerten. Jemand zog Medikamente auf und verabreichte sie. Der Raum war voller Geräusche – dem Piepsen von verschiendenen Apparaten, dem Rasseln von kleinen Metallwägelchen mit Flüssigkeitsbeuteln drauf, dem Rumpeln von den Kompressionen auf dem Metalltisch, dem Keuchen vom Beatmungsbeutel. Dazwischen ruhige, knappe Sätze zwischen den Mitarbeitern. Eine kleine, robuste Narkoseschwester löste den grossen Assistenten ab und bekam einen kleinen Metallschemel, weil sie sonst nicht hoch genug war für die korrekte Haltung.

Eine andere Pflege nahm mich zur Seite und sagte, „Wenn du schon hier bist, kannst du helfen.“ Ich war panisch. Klar, die Kompressionen, die konnte ich. Aber alles Andere? Bitte nicht, bitte lasst mich einfach zusehen, ich kann doch noch garnichts! Aber sie drückte mit zwei Blutbeutel in die Hand und sagte: „Halte die mal.“ Ich war erleichtert. Etwas festhalten – das kann ich. Das ist leicht. Und die gehen nichtmal kaputt, wenn man sie fallen lässt. Puh. Glück gehabt. Auf Kommando reichte ich ihr einen Beutel und bewaffnete mich dafür mit einem neuen vom Gabentisch hinter mir.

Wie das Ganze aufhörte, weiss ich nicht mehr so genau. Die offensichtlich erfahrensten Ärzte, die Ober- oder leitenden Ärzte ihrer jeweiligen Spezialität konferierten miteinander und mit dem Narkosearzt mit dem Beatmungsbeutel, und irgendwann wurden die Massnahmen abgebrochen. Die Patientin starb. Ich sah noch, wie der Narkosearzt mit einem feuchten Tuch das eingetrocknete Blut an Mund, Wangen und Hals entfernte. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Es war nicht das erste Mal, dass ich einen toten Körper sah. Aber es war das erste Mal, dass ich den Kampf davor miterlebte, ein ganzes Team voller qualifizierter Menschen, die eine Schlacht verloren. Und was mir besonders in die Knochen fuhr, war die Tatsache, dass ich die Dame nur ein, zwei Stunden zuvor noch wach, ansprechbar und guter Dinge gesehen habe.

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9 Kommentare zu „Die erste Reanimation“

  1. Das sind die Reas die einen wirklich mitnehmen finde ich. Wenn die Patienten als laufende Rea oder als z.N. intubiert & beatmet kommen dann sieht man sie ganz anders. Und klar gibt es auch da Situationen die einen mitnehmen aber wenn man sich eben noch mit den Leuten unterhalten hat und auf einmal müssen sie reanimiert werden… Immer wieder scheiße.

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    1. Ja, das war auch das was mich (damals noch im Krankenhauspraktikum für den RS) an meiner ersten verstorbenen Patientin so mitgenommen hat – dass sie wach und lebendig und eigentlich echt okay war, und ein paar Stunden später war sie (nach nem ziemlich langen Kampf) einfach tot.

      Leute, mit denen man gerdet hat, bleiben einfach hartnäckiger.

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  2. Blöde Besserwisser-Frage von einem Medizinstudenten, der noch sehr grün hinter den Ohren ist: Hätte man nicht spätestens nach Bestätigung durch die Endoskopie sicherheitshalber eine Sengstaken-Sonde legen bzw. zumindest vorbereiten müssen?

    In der Theorie der Vorlesung hörte sich das jedenfalls total logisch an: Blutung mit Ballontamponade kontrollieren – gerade im Universitätsspital sind solche Behandlungsmöglichkeiten doch gegeben.

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    1. Venös (typische Ösophagus-Varizen) geht das relativ gut, aber je nach dem, woher die Blutung kommt (z.B. Errosion der Aorta thoracica durch den Ösophagud durch) dann kannst dir die Intervention sparen, das dchifft dann einfach an anderen Orten ins Mediastinum. Allerdings ist man auch von den Venösen Tamponaden wieder weggekommen weil die Ösophagus-Nekrosen doch erheblich sein können. Und der Druck in den venösen Gefässen ist bei der portalen Hypertonie doch gross, so dass du mit kurzer Kompression nicht viel Wirkung hast. (und dazu haben die portalen Hypertoniker ja meist noch n Gerinnungsproblem dank Leber im Eimer und so 😉 ) wir hatten das Thema vor kurzem in ner IPS-Weiterbildung.

      Hach, ich wär auch gerne wieder grün hinter den Ohren, die Realität ist so kompliziert..

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      1. Wow, danke dass du dir die Zeit für so eine ausführliche Antwort genommen hast. So bin ich jetzt ein klitzekleines bisschen weniger grün..danke!

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    2. Dazu kann ich leider echt nichts sagen. Das Ganze ist nun doch schon einige Jahre her, und ich habe nur Bruchstücke mitbekommen, da ich zwischendurch auch in anderen Sälen war. Ich weiss weder die Diagnose, noch weiss ich, welche Interventionen und Überlegungen zwischen der Gastroskopie und dem Beginn der Rea lagen. Und ich werde mich hüten, aufgrund von sowenig Informationen mit dem Finger zu zeigen.

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  3. Deine Niedergeschlagenheit nach so einem verlorenen Kampf kann ich sehr gut verstehen.
    Aber denk auch daran wie viele Kämpfe Du schon gewonnen hast und die große Zahl der kleinen täglichen Siege!
    Kopf hoch! :o)

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  4. Ohje, ja das kenn ich auch. Mein erster Todesfall von A bis Z und meine erste REA weiss ich noch sehr genau.

    Die REA war im Krautundrübenspital nachdem die Wirbelsäulenchirurgen (Belegärzte) ihren Job getan hatten bei nem eigendlich noch jungen, fitten Patienten, der nicht fitter werden konnte wegen Rückenschmerzen.

    Doch nach dem Umlagern wurde die Sättigung schlechter und schlechter. Anfangs stand ich auch nur an der Wand, die Anästhesisten waren chaotisch, irgendjemand versuchte Protokoll zu führen. Ich wurde zum Infusionen richten geschickt… Irgendwann ging den Jungs die Puste aus, nach einer Stunde war auch für mich ein Zyklus drücken angesagt. Auf dem OP-Tisch garnicht so easy. Doch wir bekamen Verstärkung, so gings dann weiter.. Rettung, Defi, Ultraschall..

    Und irgendwann war dann klar, dass das EKG nicht mehr ok war. Wir hatten verloren. Und nein, es ist nicht wie bei Greys, wo es „Piep Piep Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep“ macht. Strunznormales EKG soll zur Nulllinie werden? Kein Kammerflimmern, nichts? Nein.

    Die Sättigung sinkt „Piiep, Pööööp, Püüüp“, der Bradykardiealarm löst aus, der Respi misst kein CO2 mehr und irgendwann kommen nur noch n paar Kontraktionen auf dem EKG alle paar Sekunden… Und dann irgendwann ist Flatlane… Bei uns ging das fast 20 Minuten. Ich stand leblos da und beobachtete und hatte Respekt. Ich wollte diesen Menschen nicht alleine sterben lassen in nem kalten, leeren OP. So blieben der Anästhesie-Pfleger und ich, während alle anderen nach „REA beendet“ abhauten und wir erwiesen die letzte Ehre. Diese Bilder werd ich noch lange nicht vergessen.

    Seither hatte ich zum Glück keine REA mehr, aber der Anästhesist meines letzten REA-Kurses war doch beeindruckt von der Geschichte, gerade wenn im Raum mit 20 Pflegern vielleicht 1-2 schon mal reanimiert haben im Pflegeheim, ü80.

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    1. Vielen Dank für deinen Beitrag! Ich kann das Chaos sehr gut nachvollziehen – bei uns ist das genauso, wenn mal „die Kacke am dampfen“ ist. Man ist sich im kleinen Spital solche Situationen einfach nicht gewohnt, und entsprechend läuft auch alles ein bisschen weniger ruhig und geregelt ab… Finde es vor allem schön, dass ihr bis zum Schluss geblieben seid!

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