Der Egostreichelzoo

Chirurgen sind empfindliche Pflänzchen.

Anästhesisten auch.

Bei Chirurgen muss man gut auf ihr Ego achtgeben. Man muss sie ermuntern, bei Laune halten, loben. Normalerweise ist das die Aufgabe des chirurgischen Assistenzärzte oder der Operationsassistenz. Manchmal liegt der Ball auch auf der anderen Seite des Tuchs.

„Sie machen das ganz prima“, tröste ich die betagte Patientin, die seit zwei Stunden brav mit einer Teilnarkose auf dem Tisch liegt, und langsam ein bisschen quengelig wird. Aber ihr Handgelenk lässt sich nunmal nicht so einfach flicken.

„Mach ich’s auch gut?“, fragt mich der Operateur, ein gestandener Orthopäde.

Ich muss erst einen Blick auf die Situation werfen und gehe um den Tisch herum. „Mhm, mhm“, mache ich, während ich das Operationsgebiet und die Röntgenbilder inspiziere. „Sehr schön machst du das.“ Dass ich davon absolut keine Ahnung habe, ist uns allen klar (wahrscheinlich mit Ausnahme der Patientin), aber wir sind auch alle mit meiner Bestätigung zufrieden.

Auch bei Anästhesisten muss man gelegentlich das Ego streicheln. Nur macht das in der Regel niemand: Wir sind die Dienstleister des Chirurgen, von uns wird erwartet, dass wir für ihn die optimalen Bedingungen schaffen und aufrechterhalten. Manchmal ist das noch schwierig, weil die Vorstellungen von Chirurg und Anästhesist gelegentlich etwas auseinandergehen. Insbesondere, da der durchschnittliche Chirurg keinen Plan hat, wie Narkose geht.

„Warum ging das wieder so lange?“, meckert der Chirurg. „Wir haben über eine halbe Stunde Verspätung!“

Dass wir enorme Schwierigkeiten bei der Intubation hatten – sie nämlich schlicht nicht hinkriegten, und den „schwierige Intubation“-Algorithmus bis zum zweitletzten Schritt ausreizen mussten, dass dies mit enormem zusätzlichen personellen und materiellen Aufwand verbunden ist, und dass der Patient dabei durchaus hätte versterben oder bleibende Schäden davontragen können, das geht nicht in seinen Kopf.

Und dann ist da der Bauchchirurg. Den mögen viele nicht so richtig, weil er öfters gemein oder anzüglich zu seinen Assistenten ist, weil er manchmal laut wird und miesepetrig und überhaupt schrecklich unleidlich. Und mit praktisch allen meiner Kaderärzte ist er ziemlich auf Kriegsfuss. Aber wenn ich ihm sage, ich brauche drei Minuten bis das Medikament wirkt, das ich gerade gespritzt habe, und er müsse jetzt kurz warten, dann akzeptiert er das. Und bevor er aus dem Saal geht, bedankt er sich bei allen, und ausdrücklich auch bei der Anästhesie. Darum mag ich ihn.

Am Ende des Tages möchten wir doch alle nur hören, dass wir unseren Job gut gemacht haben. Und ein Lob oder ein Danke tut niemandem weh, kostet nichts, aber macht enorm viel aus.

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Das Plüschtier

Ich lerne Frau Brauchli kennen. Frau Brauchli ist 94 Jahre alt, sehr dement und hat sich bei einem Sturz den Schenkelhals gebrochen. Nun soll sie von uns einen „Block“ erhalten, eine Spritze im Bereich der Hüfte, damit sie weniger Schmerzen hat.

Vom Chirurgen werden wir gewarnt: Die Patientin habe die Angewohnheit, zu schlagen und zu beissen. Na super – auf Nadeln reagieren demente Patienten ja ohnehin nicht so gut. Verständlicherweise, schliesslich ist es ja auch nicht lustig, wenn man aus komplett unerklärlichen Gründen plötzlich von völlig fremden Menschen mit Nadeln geplagt wird. Wir gehen also zu zweit hin, ein Kollege und ich, damit einer wenn nötig die Patientin festhalten kann.

Frau Brauchli liegt friedlich auf der Pritsche in der Notfallkoje. Sie beantwortet Fragen grundsätzlich mit „jaaaaaa“, und schüttelt uns beiden motiviert die Hand. Fest an sich gedrückt hält sie eine Plüschkatze.

Während mein Kollege den Block vorbereitet, versuche ich, mich mit Frau Brauchli zu unterhalten. „Kontaktaufnahme“ nennt man das – schauen, wieviel und welche Kommunikation möglich ist.

„Ist das Ihre Katze?“

„Jaaaaaa“ Sie drückt das Plüschtier fest mit beiden Händen an sich.

„Die ist aber süss, wie heisst sie denn?“

Frau Brauchli schaut mich einen Moment lang sehr konzentriert an. Dann streckt sie mir die Katze entgegen.

„Oh, darf ich sie nehmen?“ Ich nehme das Plüschtier auf den Arm und streichle seinen Kopf. „Das ist aber lieb, vielen Dank!“ Ich gebe ihr die Katze zurück. Frau Brauchli sieht stolz aus, sie nickt ununterbrochen, hält die Katze vor ihr Gesicht und stupst die Plüschnase gegen ihre eigene.

Wir beginnen mit der Schmerzspritze: Zuerst erfolgt die örtliche Betäubung. Das ist unangenehm und brennt. Während mein Kollege sticht und spritzt, bin ich bereit, Frau Brauchlis Hände festzuhalten, sollte sie sich wehren oder auf die sterile Fläche fassen. Doch Frau Brauchli bleibt ruhig. Sie liegt während der ganze Prozedur völlig zufrieden da, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie streichelt die Katze, spielt mit ihren Vorderpfoten, stupst Plüschnase gegen Menschennase. Dazu gurrt sie leise vor sich hin und plappert unverständliche Laute, bis wir schliesslich fertig sind und uns verabschieden.

Das war zweifellos mein Highlight der Woche.

Geduld bringt Rosen

Ich sehe eine Patientin, die am nächsten Tag eine Schulteroperation bekommen soll.

„Haben Sie irgendwelche Allergien? Medikamente, die Sie nicht vertragen?“

„Ja, also, das ist so.“ (Was so anfängt, kommt meist nicht gut.) „Also im Dezember, da wurde ich ja überfallen. Und der Räuber hat mich zu Boden gestossen.“ (Allergie auf Räuber?) „Dabei bin ich auf die Schulter gefallen, darum ist die jetzt kaputt.“ (Allergie auf Stürze?) „Der Räuber hat mir meine Handtasche weggerissen.“ (Allergie auf… äh… fehlende Handtaschen?) „In meiner Brieftasche war meine Liste mit den Medikamenten, die ich nicht vertrage, und auswendig kann ich sie leider nicht. Darum kann ich Ihnen leider nicht sagen, worauf ich allergisch bin.“

Manchmal lohnt es sich, zuzuhören und ein bisschen Geduld zu haben, bis man zur Antwort kommt. Ich lasse die Ausrede gelten.

Ja, ich auch

#MeToo. Darüber haben in letzter Zeit alle gesprochen. Überall war es zu lesen, überall wurde diskutiert.

Ausser bei uns.

Bei uns in der Klinik redet man nicht über sexuelle Belästigung. Warum? Weil niemand wirklich diese Büchse der Pandora öffnen will. Lieber unter vorgehaltener Hand über seine letzten Erfahrungen klagen, einen aufmunternden Schulterklopfer erhalten, auf die Zähne beissen und weitermachen.

Die meisten von uns Assistenzärztinnen haben diesbezüglich Erfahrungen gemacht. In der Chirurgie steht man oft eng aufeinander und hat mit narzisstischen „alte Garde“-Chirurgen zu tun. Strenge Hierarchien, Einstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, der unvermeidbare körperliche Kontakt während Operationen und die völlige berufliche Abhängigkeit vom Goodwill der Oberen bilden den perfekte Nährboden für diesen abscheulichen Mikroorganismus.

Da gibt es die „unabsichtliche“ Berührung von Brüsten oder Po. Klar, kann mal passieren, denkt man, während man eng um den offenen Bauch des Patienten steht. Beim zweiten Mal kann man es sicher auch noch gelten lassen. Beim fünften Mal beginnt man sich vielleicht unwohl zu fühlen. Nach dem zwanzigsten Mal will man nur noch duschen.

„Ich weiss ja nicht, wie Sie so im Bett sind, aber am Operationstisch müssen Sie etwas aktiver sein“, durfte sich vor ein paar Wochen eine Medizinstudentin anhören.

Ich hab mein Fett kürzlich auch weggekriegt.

„Das ist ja wie im Kino hier“, findet der Operateur, als wir den Saal verdunkeln, damit er auf dem Bildschirm besser sehen kann, was er mit seinen Instrumenten im Bauch macht. „Gehen Sie gern ins Kino, Frau Gramsel?“

„Klar!“

„Ach , sie mögen’s wohl dunkel, wie? Ins Kino gehen und dann hinten rumknutschen?“

„Ähm… Nein?“

„Wie? Sie knutschen im Kino nicht rum?“

„Ich gehe normalerweise ins Kino, um mir den Film anzusehen.“ Nicht, dass es dich irgendwas angehen würde.

„Ach… Dann würden Sie sich wohl eher als brav beschreiben?“

Die Grenze war für mich längst überschritten. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben – Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Scham. Da sind noch  mindestens vier andere Personen im Raum, die meine Reaktionen mitbekommen. Und danach wahrscheinlich darüber tratschen werden. Ausserdem ist das hier ein leitender Arzt – wenn der mich nicht mag, bekomme ich vielleicht weniger Baucheingriffe. Oder sie werden mühsamer, wenn ein schlechtes Arbeitsklima herrscht.

Die Devise lautet wohl „Gute Miene zum bösen Spiel machen“.

„Klar“, gebe ich zur Antwort, und hoffe, dass der Sarkasmus bis auf die sterile Seite rüber trieft. „Total brav.“

„Wo gehen Sie denn hin, wenn Sie knutschen wollen?“

Ich wünschte, mir wäre irgendwas Schlagfertigeres eingefallen. „Na aber aber, das ist doch kein Gesprächsthema für den Ops“, schelte ich ihn lachend. Nach Lachen ist mir nicht zumute, aber ich habe das Gefühl, ohne Humor nicht aus der Sache rauszukommen. Nach weiteren Nachfragen und mehreren „Nein“ meinerseits einigen wir uns darauf, dass wir wohl nie erfahren werden, wo Frau Gramsel zum Knutschen gerne hingeht.

In der Garderobe spricht mich später die chirurgische Oberärztin darauf an und meint: „Du hast gut reagiert. Den darfst du einfach nicht ernst nehmen.“

Als er bei der nächsten Operation zufällig meine Hand unter dem Tuch streift, die ich schützend über die Nase des Patienten halte, damit er seine schweren Instrumente nicht drauf legt, stöhnt er: „Ooooh jaaaa Frau Gramsel, das hat sich ja sooo gut angefühlt. Das sollten wir öfters machen. Könnten Sie nicht vielleicht kommen und meine Hand halten?“

„Nein“. Kurz und knapp – ich hoffe, das reicht.

„Warum denn niiiicht“, jammert er. Hat wohl doch nicht gereicht – „nein“ scheint nicht so sein Wort zu sein.

„Ich brauche zwei Hände für die Narkose“, gebe ich zur Antwort. Schlagfertig bin ich nach wie vor nicht.

„Gut gerettet“, meint der zweite Operateur trocken.

Man mag das nun lesen und sagen, ist doch nichts dabei. Harmlose Scherze unter Kollegen. Stell dich nicht so an. Frauen heutzutage verstehen keinen Spass mehr/können keine Komplimente mehr annehmen. Auch in meinem Kopf ist so eine Stimme, die mich rügt.

Falsch.

Wir sind keine Kollegen. Er ist ganz schön hoch in der Hackordnung, und ich ganz schön tief. Wenn er mein Leben zur Hölle machen möchte, dann kann er das problemlos. Möglicherweise könnte er sogar meine Entlassung veranlassen. Das ist ein Abhängigkeitsverhältnis.

Stell dir den fünfzigjährigen Lehrer vor, der seine vierzehnjährige Schülerin vor der ganzen Klasse fragt, wo sie denn gerne knutschen gehe. Gehört sich nicht? Genau.

Am Anfang der #MeToo-Bewegung war der Aufschrei noch gross. Inzwischen ist kaum mehr was davon geblieben ausser Bagatellisierung. „Jetzt kommen die auch noch, die springen doch nur auf den Zug auf, die erfinden das alles doch nur“. Dabei ist es ganz einfach: Wenn du glaubst, soviele Fälle könne es gar nicht geben, warst du nie in so einer Situation oder hast sie ganz anders gehandhabt. Und nur weil es dir egal ist, wenn dir der Starchirurg an die Brüste fasst, heisst das nicht, dass es uns anderen auch egal sein muss.

Die richtige Reaktion auf sowas ist übrigens: „Ich verstehe, dass das für dich unangenehm war. Das ist nicht in Ordnung.“

Das reicht schon. Man muss sich nicht für jemand Anderes entschuldigen, oder ihn rechtfertigen. Wenn ich einen Chirurgen der sexuellen Belästigung beschuldige, beschuldige ich deshalb nicht alle Chirurgen, und wenn das jemand trotzdem persönlich nimmt, ist es sein Problem, nicht meins.

Berichtet mir von euren Erlebnissen, wenn ihr mögt. In den Kommentaren oder gerne auch auf meiner Mail  fraugramsel(a)gmx.ch.

Von Knöpfen und Münzen

Nach fast neun Monaten hat sich bei mir endlich ein Knopf gelöst.

Auf der Chirurgie war es mir egal, wenn mal irgendwas nicht so geklappt hat, wie ich es wollte. Der Chef musste beim Eingriff kurzzeitig übernehmen, weil mir irgendein Handgriff partout nicht gelingen wollte? Na und? Ist ja keiner perfekt, und ich sowieso nicht.

Auf der Anästhesie fiel es mir lange unglaublich schwer, die nötige Gelassenheit aufzubringen. Der dritte Venenzugang hintereinander, der nicht klappt. Schon wieder eine Intubation verbockt und im Magen gelandet. Und warum habe ich heute so unglaublich Mühe, die Nadel im Ultraschallbild darzustellen für den Nervenblock? Letztes Mal ging’s doch total einfach!

Die Unterassistenten muntere ich auf, wenn sie eine Blockade haben. Es ist einfach so und geht uns allen gleich, manchmal klappt nichts. Manchmal bringt man tagelang keinen Zugang hin, und dann plötzlich flutscht es wieder. Ohne Grund. Ist einfach so. Kann man nichts machen. Auf die Zähne beissen und nochmal probieren, so geht das. Erfolg ist, einmal mehr aufstehen, als man hingefallen ist. Bla bla bla. Mir selbst habe ich das viel zu lange nicht gegönnt.

Ich will nicht einfach Anästhesistin werden, ich will eine richtig, richtig gute Anästhesistin werden. Ich will, dass es klappt, und manchmal will ich es ein bisschen zu fest. Zuviel Selbstkritik, zu wenig Gelassenheit. Verbissen vielleicht, verbohrt.

Am Anfang war die Lernkurve noch so wahnsinnig steil. So viel zu erfahren, zu merken, auswendig zu lernen. So viele kleine Erfolgserlebnisse. Die fallen jetzt alle weg, und es bleiben nur noch die grossen Meilensteine – und die lassen auf sich warten.

Ich wurde immer müder, immer verkrampfter. Am Abend war ich zu erschöpft, um noch gross zu lernen, kam um Sieben nach Hause und musste um Neun schon wieder ins Bett, wenn ich am nächsten Tag wieder fit sein wollte.

Aber dann, gerade, als ich dachte, ich werde das nie hinkriegen, da plötzlich ging’s. Die Gelassenheit, an welcher ich so verkrampft gearbeitet hatte, war plötzlich einfach da. Plexus nicht so gut geklappt? Ach, nächstes Mal dann wieder. Beim Bereitlegen die Hälfte vergessen? Hab wohl einen schlechten Tag, morgen mach ich das besser. Keine Ahnung, woher plötzlich diese Ruhe in mir kam. Im Schweizerdeutschen sagt man: „De Zwänzger isch abegheit“.

Und schliesslich war da die Einleitung, in welcher wir den Patienten partout nicht intubieren konnten. Erst ich nicht, dann meine Oberärztin nicht, dann scheiterte sie sogar mit der Videokamera. Der vierte Versuch klappte schliesslich, aber der kleine Ballon zum Abdichten ging an den Zähnen kaputt, und wir mussten den Tubus noch austauschen. Die sonst so vertraute innere Aufregung, die ich in solchen Situationen bisher zähmen musste, war weg, und die beiden Physiotherapiestudenten, die bei der Einleitung dabei waren, werden wohl nie erfahren, wie kritisch die Situation gewesen war.

Jetzt kann ich endlich durchatmen.