Do it yourself

Es ist ein typischer Skisaison-Samstag, wir haben alle Hände voll zu tun. Gebrochene Handgelenke, Schienbeine und Hüften, ausgekugelte Schultern, Wirbelsäule-Verletzungen – alle warten auf ihr Röntgen. Wir sind zwei Röntgenassistenten (oder MTRAs), zwei Pflegefachfrauen, zwei Ärzte und eine Studentin. Alle unsere Kojen sind voll, die Patienten liegen und sitzen im Gang, im Magenspiegelungsraum und in der Ops-Schleuse, weil wir zuwenig Platz haben.

Hinzu kommt ein 4jähriger Bub, welcher von seinen Eltern gebracht wird. Er war eislaufen mit der Familie und ist gestolpert, weshalb ihn die Mutter reflexartig am Arm hochgezogen hat, und nun hat er Schmerzen. Klassiker. Wahrscheinlich hat er sich im Ellenbogen was ausgerenkt. Ich schaue ihn mir kurz an. Er hat Schmerzen und hält das kleine Ärmchen in einer Schonhaltung. Anfassen kann ich ihn kaum. Seine Mutter betont immer wieder, dass sie eigentlich genau weiss, dass man an Ärmchen nicht so ziehen soll, obwohl ihr niemand einen Vorwurf gemacht hat. Natürlich nicht, wozu auch. Sowas passiert.

Bis zum Röntgen dauert es etwa 20 Minuten, danach nochmal gut 10, bis ich Zeit habe, mir die Bilder anzuschauen. Ich stelle die Diagnose, der Ellbogen muss eingerenkt werden. Der Orthopäde zeigt mir, wie das geht. Ganz einfach. Ich soll es versuchen und ihn dazurufen, wenns nicht klappt. Ich gehe also zum Buben, nehme den Arm und mache die Bewegung, die mir der Orthopäde gezeigt hat. Nun bewegt der Kleine seinen Arm wieder normal, aber von der raschen Bewegung ist er erschrocken, wahrscheinlich hat es ihm auch ein bisschen weh getan. Nach kurzer Zeit auf Papas Schoss hört er auf zu weinen. Mama schaut mich an. „Das wars schon?“ Sie macht ein missbilligendes, schnalzendes Geräusch.

Ich erkläre den Eltern, worauf sie achten müssen, erledige noch ein paar Formalitäten und entlasse sie dann nach Hause. Beim Verlassen des Untersuchungszimmers sagt die Mutter zum Vater: „Pff, und dafür haben wir hier eine Stunde rumgesessen? Also das sah ja total einfach aus. Nächstes Mal mache ich das selber.“

Werbeanzeigen

Drakonische Strafen

Der 10jährige Frederik hat auf dem Spielplatz geturnt. Um seine kleine Schwester zu beeindrucken, ist er sogar bis auf das Häuschen geklettert, von welchem die Rutschbahn runter geht, und ist auf der Schaukel so hoch geschaukelt, wie er nur kann, nur leider ist er dabei runter gefallen, direkt auf die Schulter. Die tut ihm jetzt weh, er kann den Arm kaum mehr bewegen. Sein Papa bringt ihn auf den Notfall und macht ein ernstes Gesicht, während mir sein Sohnemann erzählt, was passiert ist. „Er hat halt übertrieben“, knurrt er zwischendurch. „Selber schuld.“

Ich untersuche Frederik. Noch ist nicht klar, wo das Problem ist. Ich vermute das Schlüsselbein, aber da kann ich ziemlich fest draufdrücken, ohne dass es dem Bub weh tut. Ein Röntgen muss her. Vorher frage ich Frederik: „Wie geht’s denn mit deinen Schmerzen? Brauchst du ein Schmerzmittel oder hältst du’s noch aus?“

„Tut schon ziemlich weh…“, murmelt Frederik. Der Papa schüttelt den Kopf. „Nee, der braucht nix. Das hat der sich selber eingebrockt, jetzt muss er halt damit leben.“

Ich bin, gelinde gesagt, erstaunt. Gut, ich habe schon sehr oft von Eltern den Vorwurf bekommen, wenn man selber keine Kinder hat, könne man solche Dinge nicht nachvollziehen. Tatsächlich habe ich mal die Ausbildung zur Kursleiterin für Erste Hilfe bei Kleinkindern gemacht (so ein Kurs für Göttis und Gottis, Grosseltern, Eltern und Babysitter) , und eine andere, ältere Teilnehmerin hat mir dort klar gesagt, sie halte nichts davon, dass ich diesen Kurs unterrichte – ich hätte ja keine Kinder, also hätte ich auch keine Ahnung.

Allerdings habe ich die Einstellung, dass niemand Schmerzen leiden müssen sollte. Sowas ist unnötig, vor allem hier, wo man wirklich alles zur Verfügung hat, was man so braucht. Und Schmerzen als Strafe für wildes Spielen? Kinder sollen doch toben dürfen, und dass dabei mal was schief geht, ist doch normal.

Aber eben, vielleicht liegt’s an mir. Mich ärgert dann nur, dass ich da keinerlei Möglichkeiten habe. Die Eltern bestimmen über ihr Kind, darüber, welche Medikamente es erhält oder eben nicht. Ich kann nur Empfehlungen abgeben.

Frederik hat sich übrigens das linke Schlüsselbein gebrochen, musste aber nicht operiert werden und durfte mit einer Armschlinge wieder nach Hause.

…oder doch nicht?

Zwei wunderschöne Beispiele, wie wir sich jede Woche sehen, und welche immer wieder zum facepalm anregen.

Herr Prost kommt auf den Notfall, weil er nicht mehr wasserlassen kann. Nach zwei gescheiterten Versuchen der Ärztin, einen Urinkatheter zu legen, gelingt es einer erfahrenen Pflegekraft, jedoch verletzt sie dabei die Wand der Harnröhre leicht, sodass es ein wenig anfängt zu bluten, denn Herr Prost hat eine Prostatahyperplasie, also eine zu grosse Prostata, welche die Harnröhre mittlerweile stark einengt. Das kommt bei älteren Männern häufig vor. Er hätte Medikamente dafür, welche er aber seit Jahren nicht mehr nimmt. Stattdessen isst er Kürbiskerne, die helfen ja sowieso viel besser, sagt er. Genau… oder vielleicht doch nicht?

 

Mimi Hage, eine 60jährige Dame, wird uns vom Rettungsdienst gebracht. Sie war einkaufen, als sie plötzlich Kopfschmerzen bekam. Ihr wurde schwindelig und sie hatte ein Flimmern vor den Augen. Sie musste sich mitten im Laden hinsetzen und konnte nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen. Der Rettungssanitäter misst einen Blutdruck von 230/115 mmHg. Frau Hage hätte einen Blutdrucksenker, den sie aber seit Monaten nicht mehr nimmt – ihr gehts ja auch ohne tiptop, sagt sie. Ja… oder doch nicht?

 

 

 

Deckungsgleich

Es ist ein anstrengender Samstag. Ich habe wahnsinnig viel zu tun, und komme daher erst abends gegen 18 Uhr dazu, noch bei den Wöchnerinnen vorbeizuschauen. Eigentlich sollte das eine kurze Sache sein, es sind drei Frauen mit 3-4 Tage alten Kindern.

Bei der ersten schaue ich kurz rein, stelle mich als Wochenenddienst vor und frage, ob alles in Ordnung ist. Weil ich gehört habe, dass es dazugehört, drücke ich ein bisschen auf dem Bauch rum und guck mit die Kaiserschnittnarbe an. Dann will ich wieder gehen, doch der Vater, der gerade seinen Kleinen wickelt, stoppt mich.

„Ich hab da noch eine Frage.“ Oh oh. Hoffentlich ists was Einfaches. „Unser Sohn hat diesen Ausschlag am Po, muss man da nicht eine Creme drauftun?“

Woher soll ich das wissen? Warum fragt der das nicht die Pflege oder die Hebammen? Naja, was solls. Ich gehe zum Wickeltisch, der Vater hält mir die Beinchen des Sohnemanns hoch, damit ich gucken kann. Es ist das erste Kind des Paares, soviel weiss ich. Da bestehen Unsicherheiten. Aber der kleine Po ist in meinen Augen völlig in Ordnung. Keine Pickel, keine Rötung – ich hab keinen Plan, was der Papa da sieht.

„Eigentlich sollte man da so wenig wie möglich drauftun, gerade was so Salben und Puder angeht. Bei so kleinen Kindern muss sich die Haut erstmal selbst regulieren. Für mich sieht das völlig in Ordnung aus.“

Hoffentlich reicht ihm das. Ich bin erleichtert, als der Papa nickt. „Das hat die Pflege auch gesagt.“

Ich verlasse das Zimmer ein wenig wütend. Er hat versucht, mich auszuspielen. Er hat mir nicht gesagt, dass er dies schon mit der Pflege besprochen hat, die ja viel mehr über Babypopos und deren Pflege weiss, als ich. Damit hat er mich in eine heikle Situation gebracht, und ich hatte nur Glück, dass ich das gleich sehe wie sie. Das finde ich ganz schön frech.

Andererseits bin ich unendlich erleichtert, dass ich offensichtlich keinen Unsinn verzapft habe. Wow. Da habe ich nochmal Glück gehabt.

Ich gehe kurz zur zuständigen Pflegefachfrau und informiere sie über das Gespräch. Sie rollt die Augen. „Das hat er glaub ich jeden von uns schon gefragt. Der will uns das einfach nicht glauben. Naja, vielleicht glaubt ers jetzt, wenn’s ein Arzt gesagt hat.“

Solofliegen Teil 2

Mit einem Knabberwerkzeug namens „Lüer“ befreie ich die Platte von Gewebe. Wieder ein Instrument, das ich noch nie in den Händen gehalten habe, für welches ich kein Gefühl habe. Aber jetzt sehe ich die Schrauben. Ich bekomme den Schraubenzieher. Ich habe eine Frage. Darf ich die stellen? Ist es eine dumme Frage? Ich muss es aber wissen! Was, wenn… „Kommt es draufan, in welcher Reihenfolge ich die Schrauben entferne?“

„Nein.“

Okay. Gut. Ich nehme die, die ich am besten sehen kann, und entferne die Schraube. Das ist nicht so einfach. Ich halte den Schraubenzieher nicht gerade genug, und trotz meiner Bemühungen bewegt sich das Ding nach den ersten paar Umdrehungen nicht mehr. Der Orthopäde merkts. Er nimmt den Schraubenzieher und ein paar Umdrehungen später ragt das Ding schön weit raus. Ich erhalte das Instrument zurück und darf die letzten Umdrehungen machen. Die OP-Schwester fasst die Schraube und legt sie auf den Tisch. Eine von vier.

Zwei Schrauben später stehen wir vor einem Rätsel. Im Röntgenbild sind klar 4 Schrauben zu sehen, doch wir haben erst 3. Die Platte hat vorgefertigte Löcher, und die Löcher sind jetzt alle leer. Wo ist die vierte Schraube?

Wir starren auf das Rönntgenbild… Und dann dämmert es uns beiden gleichzeitig.

„Wo ist die Schraube?“, fragt der Orthopäde.

„Nicht in der Platte. Sie sieht zwar aus, als wäre sie darin, aber sie geht von vorne durch den Knochen.“, antworte ich. Ich bin stolz. Ich bin selber draugfgekommen. Die Spannung in mir löst sich ein bisschen.

Der Orthopäde nickt. „Wo suchen Sie die Schraube?“

„Auf der Höhe des drittuntersten Lochs, vorne.“

Er nickt erneut. Ich erhalte das Messer und schneide weiter. Die Schraube ist genau da, wo ich sie vermutet habe, und kurz darauf ist sie auch raus. Jetzt erhalte ich einen Haken, ein ekliges, spitziges, gekrümmtes Ding, und einen Hammer. Die OP-Schwester hält einen Meissel durch ein Lock am Ende des Hakens, und ich schlage mit feinen, vorsichtigen Schlägen darauf ein.Die Platte kommt frei. Das Metall ist raus.

Ich erhalte Nadelhalter mit Faden und Pinzette. Mit einem dicken, rauhen Faden nähe ich zuerst in der Tiefe zu. Der Orthopäde zeigt mit mir einer Pinzette an, wo ich fassen muss. Er korrigiert mich nicht – er scheint zufrieden. Er schneidet meine Fäden kurz ab. Ich gebe den Nadelhalter zurück und erhalte einen neuen mit einem viel dünneren, feineren, glitschigeren Faden. Hautnaht.

„Können Sie Donati?“, fragt der Orthopäde.

Das haben Sie mich vor einer Stunde schon gefragt, bei der letzten Operation. Sie haben meine ersten drei Stiche abgewartet und haben dann den Saal verlassen. „Ja.“, sage ich aus Überzeugung. Er steht auf und geht. Bevor er den Raum verlässt, dreht er sich um. „Diktieren Sie den Operationsbericht?“

„Ich versuchs.“, sage ich. Und könnte mich gleich darauf ohrfeigen. Das sagt man nicht! Versuchen? Machen! „Ich meine, jawohl, ich mache das!“ Er geht.

Ich nähe zu. Ich bin noch langsam, aber die Naht ist regelmässig und schön. Anästhesist und OP-Schwester sind freundlich und geduldig, keiner stresst mich.

Schweissgebadet und vollgepumpt mit Adrenalin gehe ich mich schliesslich umziehen. Es ist halb 3 Nachmittags. Zeit für das Mittagessen.

Solofliegen Teil 1

Beim Chirurgen habe ich schon öfters selbst kleinere Operationen durchführen dürfen, natürlich nur unter Aufsicht und Assistenz des Chefs. Zum Beispiel das Ausschneiden von Haut- oder Unterhauttumoren, kleine, unkomplizierte Dinge halt.

Beim Orthopäden ist das ein bisschen anders – Prothesen und die Versorgung von Knochenbrüchen gehören in erfahrene Hände. Darum können wir beim Orthopäden auch nicht viel selbst machen – ausser…

Die Patientin hat sich vor gut einem Jahr den linken Knöchel gebrochen, nun soll ihr Metall entfernt werden. Ich habe mich für die Operation eingeschrieben, weil ich bisher noch keine Metallentfernung gesehen habe, und falls ich mal eine machen dürfte, sollte ich zumindest schon mal bei einer dabeigewesen sein. Der Orthopäde sitzt auf der einen Seite des Fusses, ich stehe auf der anderen, damit ich etwas sehen kann. Er macht den Hautschnitt, entfernt Drähte und Schrauben auf der Knöchelinnenseite und näht zu. Nun kommt die Aussenseite: Eine Platte mit vier Schrauben. Dazu steht er auf. Ich mache mich bereit, die Seite zu wechseln, doch er steht nur da und hält das Bein nach innen gedreht.

Will der, dass ich das mache?, frage ich mich. Wenn ich jetzt nach dem Skalpell greife, ohne dass ich sollte, ist das ein grässlicher Fauxpas. Wenn ich aber sollte, und zulange warte, überlegt er es sich vielleicht anders. Oder er meint, ich will nicht. Oder… „HÜ“, brummt der Orthopäde. Okay. Jetzt nicht nervös werden. Du kannst das.

Ich nehme das Skalpell und schneide entlang der alten Narbe. Ich gebe zuwenig Druck, es ist schwer einzuschätzen. Ich muss nochmal ansetzen, um die fasrigen Narbenstränge zu durchtrennen.

„Neues Skalpell. Man schneidet nicht mit dem Hautmesser in die Tiefe.“, brummt der Orthopäde. Ich erhalte ein neues Messer mit einer identischen Klinge und schneide weiterm in vorsichtigen, kleinen Schnitten, damit ja nichts kaputtgeht, was nicht sollte.

„Wir sind hier nicht in der Psychiatrie. Das sind keine Probierschnitte hier. Schneiden Sie richtig.“, knurrt der Orthopäde. Woher soll ich denn wissen, wie fest ich drücken darf? Was, wenn ich etwas kaputtmache? Wenn ich nicht genau weiss, wo ich entlangschneiden muss? Zack, habe ich zwei Millimeter zu lang geschnitten. „Dort nicht.“, schnauzt der Orthopäde. Ich bin innerlich wie erstarrt. Ich fürchte, dass er mir jederzeit das Messer wegnimmt. Dass er sagt, das reicht, und mich dann nie wieder etwas machen lässt. Dass ich irgendwas wirklich, wirklich falsch mache, irgendein Blutgefäss durchdtrenne oder so. Hör auf, sage ich mir. Da sind gar keine grossen Gefässe. Reiss dich zusammen.