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Oh Sh*t

Die Narkoseeinleitung der jungen, gesunden Patientin verlief absolut problemlos. Mein einziger Wermutstropfen: Die Infusion.

Auf der Anästhesie legen wir die Infusion generell am Handrücken. Wenn es dort nicht klappt, gehen wir weiter den Arm hinauf. Wir machen dies aus gutem Grund: Man stelle sich vor, wir stechen zuerst am Oberarm. Das klappt nicht. Am Unterarm klappt es dann aber gut, also laufen die ganzen Medikamente in die Vene im Unterarm. Die Vene am Oberarm hat aber ein Loch drin von unserem Fehlversuch, und im dümmsten Fall könnten da Medikamente aus der Vene ins umliegende Gewebe austreten und Schäden verursachen.

Die Patientin kam aber bereits mit einem Zugang, den die Pflege auf der Station gelegt hat – in der Ellenbeuge. Den Ort mögen wir überhaupt nicht, und heute werde ich herausfinden, warum.

Es ist Zeit, in den Operationssaal zu fahren. Ich löse alle Schläuche der Beatmungsmaschine. Ein Lagerungspfleger macht die letzten Vorbereitungen, damit die Patientin auch in der richtigen Position für die Operation liegt, und zieht dann den Operationstisch mit der schlafenden Patientin durch die Verbindungstüre von der Vorbereitung in den Operationssaal. Ich schiebe Beatmungsmaschine und Infusionsständer hinterher. Vorsichtig, koordiniert, wie immer.

Im Saal muss ich erst die Maschine wieder anschliessen. Die Kabel für Strom, Sauerstoff, Luft und Vakuum müssen in die jeweiligen Stecker, alle Geräte müssen am richtigen Ort stehen, den Wagen mit den Medikamenten muss ich auch noch aus dem Vorbereitungsraum holen. Das ist immer viel zu tun für einen alleine.

Mittendrin unterbricht mich der Perfusor, die kleine Maschine, welche die Schlafmittelspritzen automatisch bedient. Der Perfusor piepst. Ein Blick darauf verrät „Okklusion“, also irgend ein Verschluss im System. Gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine und meldet mir, dass etwas mit der Beatmung nicht stimmt. Weil die Atemfrequenz unter den von mir bestimmten Minimalwert fällt, piepst auch noch der Überwachungsmonitor. Das ist eine Menge Piepserei gleichzeitig.

Oh Shit.

Was ist das Problem? Systematisch analysiere ich im Kopf die Situation. Die Patientin hustet und lässt sich nicht mehr so gut beatmen. Das bedeutet in aller Regel, dass die Narkose nicht tief genug ist. Die Patientin schläft zwar, ihr Bewusstsein ist ausgeschaltet, aber ihr Körper stört sich an den Reizen. Dem Schlauch im Mund, der Beatmung, dem kalten Desinfektionsmittel, das die Chirurgin gerade aufträgt.

Ich vertiefe also die Narkose, stelle die Medikamente etwas höher. Nun piepst aber der Perfusor wieder, der nach wie vor eine Okklusion bemängelt. Aber warum? Die Hähne sind offen. Die Schläuche sind dran. Der Zugang…

Der Zugang.

Der Lagerungspfleger hat für die Saaleinfahrt den Arm der Patientin angewinkelt. Normalerweise kein Problem, aber hier liegt der Zugang im Ellbogen und wird wohl deshalb abgedrückt. Das ist mir nicht aufgefallen, weil der Arm unter den warmen grünen Tüchern versteckt ist, damit die Patientin nicht auskühlt, und ich habe nicht auf den Pfleger geachtet und nicht kontrolliert, ob alles in Ordnung ist.

Ich strecke den Arm und sehe, wie die Medikamente wieder laufen. Doch es ist zu spät: Die Patientin hatte zu lange keine Schmerzmittel und wacht langsam auf. Sie hebt vorsichtig den Kopf und versucht, umherzuschauen, aber ihre Augen sind mit Schutzklebern zugeklebt.

Ich weiss, dass sie bald wieder einschlafen wird, denn die Medikamente fliessen wieder in ihren Arm. Ich nehme die Kleber über den Augen weg.

„Wir sind im Operationssaal, die Operation hat noch nicht begonnen. Es ist alles gut, Sie dürfen noch ein wenig weiterschlafen“, beruhige ich sie. Sie ist noch im Halbschlaf, hört mich, kann mich aber nicht direkt anschauen oder mir antworten. Meine Stimme  beruhigt sie, sie legt sich wieder hin und schliesst die Augen. Sekunden später ist sie wieder im Tiefschlaf.

Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.

Passiert ist prinzipiell nichts Schlimmes. Die Patientin hatte keine Schmerzen, denn wir haben noch nichts gemacht. Das funktioniert eigentlich genau gleich, wie wenn sie nachher geplant aus der Narkose aufwacht: Wir stellen die Medikamente ab und warten, bis die Patientin wach ist und selber atmet, dann nehmen wir den Schlauch aus dem Mund und bringen sie auf die Überwachungsstation.

Die Patientin wird keinen Schaden davontragen. Das ist nicht wie diese gefürchtete Situation, wo man während der Operation wach wird, aber sich nicht bewegen kann, dieses sanfte Aufwachen wird ihr keinen Schrecken einjagen. Höchstens die zugeklebten Augen könnten sie irritiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie sich an nichts erinnern wird.

Der Rest der Operation verläuft komplett unauffällig, die Patientin wacht nach der Operation genauso sanft wieder auf. Auf meine Frage, ob sie gut geschlafen habe, grinst sie und antwortet mit einem langgezogenen, zufriedenen „jaaaaaaaa“.

Ich besuche sie auch später auf Abteilung nochmal. Tatsächlich kann sie sich an nichts erinnern. Die Medikamente, welche sie vor und während der Operation erhalten hat, löschen auch Erinnerungen (Achtung: nicht aber negative Gefühle oder Träume) aus.

Am Abendrapport lege ich vor versammelter Mannschaft die Ereignisse dar, und wir diskutieren gemeinsam, wie man eine solche Situation in Zukunft verhindern könnte. Ich werde die Patientin auch morgen noch einmal besuchen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und bei Venenzugängen im Ellbogen werde ich ab sofort immer ganz genau aufpassen – oder einen neuen Zugang an strategisch besserer Stelle legen, sobald die Patientin schläft, damit mir so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Oh Sh*t

Auf dem Tisch lag eine gesunde Patientin, grade mal 26jährig, die sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Die Narkose verlief von Anfang an nicht ganz meinen Erwartungen – die Patientin brauchte sehr, sehr viel Schlafmittel, damit sie mir nicht in den Tubus hustete. Um es mit den Worten meiner Oberärztin zu sagen: Ich bin mir halt hier die alten Omas gewöhnt. Die brauchen fast nix und sausen dir trotzdem mit dem Blutdruck in den Keller. Erschwerend kommt dazu, dass Schlüsselbeinoperationen für den Anästhesisten nicht so schön sind, weil die sterile Abdeckung den Kopf weitestgehend verdeckt. Wenn ich keine freie Sicht auf die Augen hab, fühle ich mich nicht wohl. So.

Nach relativ kurzer Zeit kam ein Anästhesiepfleger, um mich fürs Mittagessen abzulösen. Ich machte eine ausführliche Übergabe, inklusive der Bemerkung „Sie braucht einfach ganz schön viel.“ Danach ging ich essen. Eine gute halbe Stunde und ein Schinken-Käse-Sandwich später übernahm ich wieder, und mein Arbeitskollege rapportierte mir, er habe eigentlich nichts verändert und alles sei tiptop.

Gemütlich werkelte ich am Protokoll rum, rief noch die Aufwachstation an, um die Patientin für in einer Dreiviertelstunde anzukündigen, räumte den Anästhesiewagen ein bisschen auf, sortierte die Kabel.

Ein Piepsen störte den Frieden. Propofolspritze gleich leer. Also hin, neue aufziehen, kein Problem.

Während ich also mit dem Rücken zur Patientin stand, eine 50ml Spritze in der Hand, piepste das Beatmungsgerät. Ein Blick, und das Herz rutschte mir in die Hose: Keine Beatmung mehr. Die Maschine arbeitet, aber in die Lunge geht nichts rein.

Hier setzt mein Notfallplan ein.

Schritt eins: Schläuche. Alle noch dran, Tubus noch drin? Check, alles gut. Mist. Das wäre am Einfachsten zu beheben gewesen. Oh shit.

Schritt zwei: Propofol, Remifentanil und Sauerstoff hochdrehen. Mehr Mittel macht tieferen Schlaf macht bessere Beatmung. Mehr Sauerstoff macht mehr Luft nach oben und schafft somit mehr Zeit, bis es kritisch wird. Dankenswerterweise pfeift nun auch die Propofolspritze wieder, sie sei jetzt endgültig leer. Na herzlichen Dank. Gutes Timing.

Schritt drei: Maschine auf manuellen Modus stellen, Beutel in die Hand, selber drücken. Der Beutel ist prrall gefüllt. Auf mein Drücken hin geht aber immernoch nichts in die Lunge. Oh shit shit shit.

Schritt drei: Hilfe holen. Ich wähle die Nummer meiner Oberärztin. „Hi, ich bin im Saal eins. Ich brauche jemanden hier.“

Meine Oberärztin scheint mich akustisch nicht gut zu verstehen. Vielleicht hab ich auch einfach zu schenll geredet. In Plauderton sagt sie: „Du bist wieder in Saal eins, ja? Mittagspause fertig?“

„Ja, Saal eins. Ich brauch Hilfe. Jetzt. Atemwegsproblem.“ Beatmung geht immernoch nichts. Ich drücke in kurzen, kräftigen Stössen auf den Beatmungsbeutel. Die CO2-Kurve bleibt flach. Keine Atmung vorhanden.

Meine Oberärztin hat verstanden. Sekunden später steht sie bei mir. „Was haben wir?“

„Plötzlich keine Beatmung mehr. Ich krieg nix rein.“

Sie übernimmt die Beatmung, während ich endlich die dumme Propofolspritze fertig anschliesse. Als auch sie erfolglos bleibt, instruiert sie mich, einen Anästhesiepfleger dazuzurufen. Inzwischen ist seit Anfang des Problems eine Ewigkeit vergangen – tatsächlich war es wohl eine knappe Minute. Sättigung immernoch auf 100%. Kein Grund zur Panik? Fühlt sich für mich nicht so an. Hinter dem Tuch grummelt ein Chirurg, er wolle  den Tisch höher und die EKG-Elektrode sei ihm im Röntgenbild. Ich informier ihn über unsere Situation. Er schnaubt. Das versteht er jetzt nicht, dass er grade keine Priorität hat. Ich versteh ihn wiederum nicht – klarer als „Wir kriegen grad nix in die Patientin rein, jetzt ist  grad blöd“ mag ich mich nicht ausdrücken.

Kurze Zeit später dringt der erste Beatmungsstoss durch. Meine Oberärztin dreht das Narkosegas auf, das hilft mit der Lunge, und noch einen Moment später piepst nichts mehr.

Wir atmen durch.

Meine Oberärztin und der Pfleger lassen mich nicht allein. Ich bin unendlich froh darum. Wir besprechen, was das wohl grade war. Die Oberärztin tippt auf einen Bronchospasmus, also einen Krampf der Atemwege. Die Atemkurve zeigt immernoch eine Verengung der Bronchien. Dann gehen wir Schritt für Schritt durch, was wir gemacht haben und warum. So kann ich was lernen fürs nächste Mal. Zu dritt warten wir auf das Ende der Operation und lassen uns fürs extubieren alle Zeit der Welt.

Als ich danach aus dem OP gehe, bin ich wie gerädert. Das bin ich mir vom Adrenalin gewohnt, sobald die Wirkung weg ist, bin ich einfach nur noch müde. Wieder und wieder spiele ich in Gedanken die ganze Narkose durch. Was hätte ich besser machen können? Wie hätte ich das verhindern können?

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie unglaublich wenig ich noch weiss und kann. Ich arbeite daran, in solchen Momenten ruhig zu bleiben, aber diesmal ist es mir nicht gelungen. Das nervt mich mehr als alles andere. Ich war unnötig aufgeregt und dazu noch schnippisch zum Chirurgen (sorry nochmal dafür). Dann wiederum: Genau das reizt mich ja so sehr an der Anästhesie. Es geht von 0 auf 100 in einer Sekunde.

Oh sh*t

Warnung: Widerwärtige Details. Nicht vor, während oder nach dem Essen lesen.

Wir haben Wochenenddienst. Das heisst, die Praxis ist Samstag und Sonntag geöffnet, Sprechstunde, also für geplante Termine, ist allerdings nur Samstag Morgens.

Am Freitag Nachmittag hat eine Touristin angerufen, um ihren mann anzumelden. Der habe nämlich so einen Fleck am Rücken, den er gerne mal zeigen kommen würde. Die MPA vergibt einen Termin um 8 Uhr am Samstag mit dem Vermerk: „Muttermal am Rücken.“

Pflichtbewusst pünktlich kommt also der Patient am morgen um 8 Uhr in die Praxis. Ich bin noch nicht mal ganz wach, sitze noch etwas belämmert vor dem PC, als die MPA mich ruft. Der Chef brauche Assistenz beim „Muttermal“, sie selbst ist mit einer Ultraschallbehandlung beschäftigt. Ich betrete also das Sprechzimmer… Und möchte gern gleich wieder raus.

Das „Muttermal“ ist ein mehr als golfballgrosser, prall gefüllter, entzündlich roter Abszess an der Schulter. Genauer gesagt, ist es wohl eine infizierte Talgdrüse, ein sogenanntes Atherom.

Oh, shit. So ein Ding habe ich ja echt noch nie gesehen! Es ist eine riesige, prachtvolle, eklige Eiterbeule. Morgens früh um 8. Und ich hatte noch nicht mal Kaffee!

Der Chef betäubt die Haut über dem Atherom und schneidet ihn auf. Der Eiter quillt, strömt, fliesst. Mir wird schlecht. Mit beiden (behandschuhten) Händen und vielen Kompressen drückt er alles aus dem widerlichen menschlichen Vulkan aus, was rauskommt. Erst kommt Eiter. Viel, viel Eiter. Dann kommt das Talgmaterial, das ist ebenfalls weiss, aber von bröckliger Konsistenz – und riecht absolut abscheulich. Mir wird noch mehr schlecht. Tief durchatmen geht nicht. Ich stelle mich vor den Patienten, um mir die Sicht zu verdecken und aus dem Geruchsfeld raus zu sein.

„Kannst du mir noch mehr Tücher bringen? Und das NaCl zum Spülen?“

RETTUNG. Ich fliehe aus dem Behandlungszimmer rüber ins Gipszimmer, wo die MPA immernoch mit dem Ultraschalldings am Unterschenkel der Stammkundin rumhantiert. „Bist ein bisschen bleich“, stellt sie fest. Ich fühl mich eher grün als weiss, atme zwei, dreimal tief durch, packe Gazekompressen und die NaCl Flasche und knurre „Das ist das Widerlichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe.“ Die MPA lacht. Ich gehe zurück ins Behandlungszimmer.

Nachdem wir ein paar Packungen Kompressen und eine Unterlage eingesaut haben, ist die Wölbung weg. Die ausgeleierte Haut liegt schlaff und schnurpfelig über dem jetzt leeren Loch im Rücken. Der Chef drückt eine feuchte Kompresse in die Wunde und klebt sie zu. Morgen wird der Patient zum Verbandswechsel kommen.

Der Chef sagt, es sei Zeit fürs Frühstück.

Bei mir dauerts eine Weile, bis der Appetit zurückkommt.

Oh sh*t

Achtung eklige Details (Rückblende ins Krautundrübenspital).

Anruf von der Notfallpflege. Sie fasst sich kurz: „Ich brauch Hilfe mit einer Fingerverletzung. Jetzt.“ Dann hängt sie auf. Ein schlechtes Zeichen. Mein Kollege und ich – wir trinken grad gemütlich unseren Kaffee in der wunderschönen Sonne – machen uns zügig auf zum Notfall. Der Patient ist auf einer Liege, wirkt ein wenig blass ums Näschen. Sein Shirt und seine Hose sind blutbefleckt, seine linke Hand ist in ein Tuch eingebunden. Ich hole Handschuhe, und wir werfen einen Blick drauf.

Der Ringfinger ist geschält von der Fingerwurzel bis etwa in die Hälfte. Ein schlichter, schmaler Ehering steckt auf der bleichen Haut. Der Fingernagel hat eine gräuliche Farbe, die Fingerbeere ist gelblich. Als ich die Hand drehe, grinst mich eine hell weiss leuchtende, längliche Struktur an – die Sehne.

Oh, shit.

Wir setzen eine Betäubung und machen uns daran, den Ring zu entfernen. Es geht nur langsam voran, der Ring lässt sich nicht so einfach unterkriegen und die Säge ist ja auch nicht mehr das neuste Modell. Dank der Betäubung können wir aber ungestört arbeiten. Die Zeit drängt, der Finger ist nicht durchblutet. In dem Augenblick schätze ich es als realistisch ein, dass der 55jährige Mann seinen Finger verlieren wird. Mein Kollege kämpft mit der Ringsäge. Auf der Seite des Handrückens, auf medizinisch dorsal genannt, liegt er der Haut eng an, doch die Haut ist vom Finger abgelöst. Auf der Seite der Handfläche, palmar genannt, ist keine Haut unter dem Ring, er schrammt direkt über Sehnen und Fleisch. Die Praktikantin verlässt den Raum mit bleichem Gesicht. Ich halte den Finger, um es meinem Kollegen einfacher zu machen – der Finger knirscht leicht und hat zuviel Bewegung drin.

Oh shit oh shit oh shit. Sowas Ekliges hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Oder gehalten. Oder überhaupt irgendwas.

Schliesslich können wir den Ring entfernen und ein Röntgen anfertigen – gebrochen ist er, das haben wir vom Knirschen und der Instabilität her aber shcon vermutet. Trotz gründlicher Reinigung ist das bild übersät mit kleinen Metallpoartikeln vom Sägen. Mein Kollege meldet den Patienten auf der Handchirurgie an, die Pflege alarmiert den Rettungsdienst, wir hängen schonmal  Antibiotika an auf Geheiss der Spezialisten. Der Patient selber siehts noch recht locker, er hat noch nicht ganz begriffen, wie eklig sein Finger aussieht. Er scherzt, wie böse seine Frau sein wird, weil wir den Ring zerschnitten haben – wir postulieren, dass sie wohl lieber den Finger als den Ring intakt haben wird.

Als ich dem Rettungsdienst die Übergabe mache, werfe ich noch einen Blick auf den Finger. Er ist schon wieder ein bisschen rosa. Ein sehr gutes Zeichen, und viel mehr, als wir uns erhofft hatten.

Leider, leider erfahren wir nicht, was danach aus dem Finger wurde. Die Kollegen von der Handchirurgie sahen es wohl nicht als nötig, uns einen Bericht zukommen zu lassen. Wirklich schade.

 

Oh, sh*t

Es ist 19:55Uhr, meine Schicht nähert sich rasant dem Ende entgegen. Es ist ruhig, keine Patienten auf dem Notfall. Die Nachtärztin ist schon da, wir plaudern ein bisschen, bevor es dann um 20:00Uhr für sie offiziell losgeht.

Das Diensttelefon klingelt. Dran ist die Sanitätsnotrufzentrale, die mich gerne mit dem Fahrer eines RTW verbinden möchte. Ich reiche das Telefon an die Nachtärztin weiter – egal was da kommt, das betrifft wohl eher sie als mich.

Dran ist ein leicht nervöser Rettungssanitäter, der zusammen mit einem Kollegen eine  Patienten in ein grösseres Spital fahren sollte. Sie kommen von der anderen Seite der Berge und sind durch einen Tunnel gefahren. Nach dem Tunnel musste der Patient aufs Klo, weshalb sie an einer Raststätte angehalten haben. Der Patient ging also auf Toilette, wo sie ihn Minuten später zusammengebrochen am Boden finden, aus dem Darm blutend. Der Blutdruck war tief, der Puls viel zu schnell, der Patient nicht mehr richtig ansprechbar. Wir sind das nächste Spital. Der Rettungsheli ist informiert, es wurde eine Übergabe bei uns bereits abgemacht.

Oh, shit.

Wir rufen den Hintergrundarzt und den Narkosepfleger zu Hilfe, fragen die Laborantin, wieviel Blut und Plasma sie in Reserve hat – das sind 4 Blutkonserven und 4 Plasmas, informiert sie uns – und tragen der Notfallpflege auf einen Raum vorzubereiten. Ich bleibe als extra Paar Hände.

Der RTW kommt an, wir empfangen ihn draussen und geleiten Sanitäter und Patienten ins Untersuchungszimmer. Einen richtigen „Schockraum“ haben wir nicht, das nötige Material steht jedoch bereit. Unser Hintergrundarzt platziert sich am Fussende des Patienten und gibt in ruhigem Ton Anweisungen. Ich versuche, mich durch die mitgebrachten Arztberichte zu kämpfen, um herauszufinden, welche Erkrankungen, Medikamente und Allergien der Patient hat. Viel Klarheit schaffen die Berichte nicht. Der Patient blutet offensichtlich öfters mal, bisher konnte keine Quelle im Darm gefunden werden, weshalb er nun ins grössere Spital zu einer hochspezialisierten Untersuchung kommt.

Der Patient ist nicht ansprechbar, der Blutdruck ist nicht messbar. Blut sickert langsam, aber stetig zwischen seinen Beinen auf eine durchweichte Unterlage. Er bekommt viel Flüssigkeit von uns und eine erste Blutkonserve. Die Laborantin taut das gefrorene Plasma für uns auf, welches wir dann auch noch verabreichen. Ich versuche, mit der völlig aufgelösten Ehefrau zu sprechen, scheitere aber an der Sprachbarriere: Ich verstehe ihren Dialekt nur sehr schlecht. Zuhilfe kommt die MTRA (die Röntgenfachfrau), die sich um die Dame kümmert.

Ein paar Minuten und Handlungen später messen wir wieder einen Blutdruck, der Puls ist fast im Normalbereich. Der Patient reagiert wieder auf Ansprache. 10 Minuten später ist der Heli da, der Patient wird verfrachtet, auch die Ehefrau darf mitfliegen. Dann ist der Spuk vorbei, und wir stehen alle zusammen draussen in der Kälte zum „Debriefing“, der Nachbesprechung

Die Rettungssanitäter sind sauer, wil sie auf eine sehr weite Reise (geplant waren 4 Stunden Fahrt) geschickt wurden mit einem Patienten, der offensichtlich doch nicht ganz so tiptop zuwege war, wie es ihnen im Spital gesagt wurde. Der leitende Arzt, der die Anweisungen gegeben hat, äussert sich ebenfalls zufrieden. Ich muss ein bisschen Spott über mich ergehen lassen, weil ich am Dialekt gescheitert bin. Wir plaudern ein bisschen, dann putzen die Sanis ihr Auto notdürftig und treten die Heimfahrt an.

Irgendwer putzt das Schlachtfeld im Untersuchungszimmer. Blut, leere Beutel, Tücher, Verpackungsmaterial von allen möglichen benötigten Dingen.

Ich gehe nach Hause, ein bisschen zufrieden, aber auch noch leicht mitgenommen und grübelnd.

Für meine Kollegin hat die Nacht gerade erst angefangen. Sie wird später noch einen Patienten mit einer Blutung haben, diesmal aber aus dem Magen, und wird auch sonst nicht viel zum Schlafen kommen.

 

Meine „oh sh*t“ – Momente

Achtung: Dieser Text beinhaltet Fluchwörter. Oder zumindest eine Menge von „oh shit“s.

Ich kann mich noch gut an meine ersten Wochen auf der Chirurgie erinnern – zumal die noch nicht mal ein ganzes Jahr her sind. Ich kam von der Uni, noch ganz frisch und grün hinter den Ohren. Gerade auf der Chirurgie ist man dann als Unerfahrener schnell mal beeindruckt, wenn das Blut oder der Eiter fliesst, wenn das Stückchen Fingerkuppe im separaten Glas liegt, wenn dir die Knochensplitter bei der Inspektion der Wunde schon freundlich zuwinken. „Oh shit“, dachte ich dann jeweils, zog die Augenbrauen hoch und dachte kurz darüber nach, mir sofort Hilfe zu holen.

Die Überlebensstrategie hatte ich schnell mal raus. „Ja, das sieht schon nicht so schön aus. Aber wir machen erstmal ein Röntgen und warten ab.“ Merke: Auf der Chirurgie kannst du praktisch alles röntgen. Finger ist Mus? Finger röntgen. Aufs Handgelenk gefallen? Handgelenk röntgen. Fuss verknackst? Sprunggelenk röntgen, und vielleicht das Knie. Bauchweh? Ultraschall. Das gibt dir Zeit, um deine Gedanken zu sammeln und weitere Schritte zu überlegen. Oder jemanden zu fragen. Und fürs Blut gibts auch eine ganz einfache Lösung: Zudecken. Einfach Gaze drauf, festkleben und fertig. Wenn du es nicht siehst, machts dir keine Angst. Und dem Patienten auch nicht, so ganz nebenbei.

Mit der Zeit werden diese Momente weniger, und vor allem kommen sie in anderen Situationen. Ein eingeklemmter Finger entlockt mir ein anerkennendes Nicken – wirklich, so schöne Verletzungen muss man auch erstmal machen können – aber der Patient mit den komischen Hand- und Zungenkrämpfen beim Wandern, bei dem hallt das „oh shit“ in meinem Kopf wieder wie ein endloses Echo. Das Handgelenk mit der von weitem sichtbaren Fehlstellung, der hässliche Oberschenkelbruch des 8jährigen, der ausgerissene Nagel. Alles kein Problem. Aber die Patientin mit dem Herzinfarkt und dem Puls von 30, der 30jährige mit dem völlig zertrümmerten Fussgelenk? „Oh shit“.

Mir der Zeit wird „oh shit“ zu einem recht verlässlichen Bauchgefühl. Wenn dir etwas Sorgen macht, dann entweder aus Unerfahrenheit oder aus gutem Grund. Und ich habe das Glück, dass ich meinen Vorgesetzten dieses Bauchgefühl so präsentieren kann, und sie das ernstnehmen. Häufig mögen es die Hintergrundärzte nicht, wenn man sie anruft, und noch keine wirkliche Diagnose und noch nicht alle Laborergebnisse hat. Manche werden dann böse, jedenfalls habe ich das in anderen Spitälern so erlebt. Bei uns darf man das. Und man darf auch mal einfach nicht weiterwissen. Auch morgens um 3 Uhr.

Übrigens noch mein enttäuschendster „oh shit“ – Moment: Ein Hausarzt kündigt einen Patienten an, der beim Durchschneiden einer Schnur mit dem kleinen Messerchen ins Handgelenk abgerutscht ist- das Blut sei über einen Meter hoch gespritzt. Das sei ihm zu heikel. Erhabe einen Druckverband gemacht, und der Patient lasse sich jetzt von einem Arbeitskollegen zu uns fahren. Ich hatte ganz schön Angst. Arterielle Blutung? Spritzendes Blut? Gehört das wirklich in meine Hände? Vorsichtig habe ih den Verband gelöst, meinen Kopf aus der Schusslinie gehalten und das Polster entfernt… Aber da war nichts. eine 7mm Schnittwunde, von geronnenem Blut verschlossen. Keine aktive Blutung. Nichts.

Im Ultraschall kam dann raus, dass er die Arterie tatsächlich getroffen hat, aber nur ein ganz winzig kleines bisschen, und das hat sich von selbst wieder verschlossen. Er musste nicht mal genäht werden. Glück gehabt. Wir beide.