Die Wunderheilerin

Herr Toni stellt sich bei uns auf dem Notfall vor. Er hat sich vor vier Tagen eine Verbrennung am Vorderarm zugezogen, war deswegen auch hier in Behandlung. Nichts Schlimmes, eine schöne Rötung plus Brandblase. Er hat dafür eine Salbe bekommen und sollte die Wunde nach ein paar Tagen seinem Hausarzt zeigen.

Heute ging er in die Apotheke, um sich neues Verbandsmaterial zu kaufen. Dort hat sich jemand die Wunde angeschaut, und einen Schreck gekriegt: Die Haut um die Wunde herum ist unschön verfärbt. Bei Verdacht auf einen Infekt wird Herr Toni angewiesen, dies sofort einem Arzt zu zeigen, weshalb er bei uns vorbeikommt.

Ich betrete die Notfallkoje und inspiziere den Vorderarm. Die Wunde sieht schön aus, trocken, kei Eiter. Gute Heilungstendenz, werde ich später in den Bericht schreiben. Rundherum jedoch besteht ein gräulicher Randsaum, scharf begrenzt, in gut 2cm Abstand von den Wundrändern in alle Richtungen.

Wie ein Bluterguss sieht das nicht aus. Auch nicht wie totes Gewebe… Kann es so einfach sein? Ich nehme einen Tupfer, tränke ihn in Ethanol und reibe damit vorsichtig über die grauen Stellen.

Jetzt ist der Tupfer grau, und die Haut wieder Hautfarben.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schaue den Patienten an. „Ach ja! Ich habe gestern einen schwarzen Pullover angehabt!“

Seufz.

Werbeanzeigen

Noch einmal durchatmen, bitte

Der Schreck mit dem bewusstlosen, nicht atmenden Joshua sitzt uns noch in den Knochen, aber die Arbeit geht weiter. Nur eine Stunde später ruft Hilde mich an.

„Da ist ein 50jähriger Mann, der sagt, er habe eine Lungenembolie.“

„Woher will der das denn wissen?“, frage ich.

„Er hat schon mal eine gehabt.“

Das ist das kleine Alarmglöckchen. Ich gehe zum Patienten, der ruhig im Bett liegt, aber ziemlich schnell atmet und einen hohen Puls hat. „Was ist denn passiert?“

„Ja, also, vor vier Tagen hatte ich diesen Schmerz im rechten Bein, und ich hatte da ja schonmal eine Thrombose, und ich glaube, das war wieder eine. Das hat mir die ganze Woche beim Arbeiten weh getan. Und heute konnte ich dann kaum mehr arbeiten, ich war so schlapp, und bei der kleinsten Anstrengung komme ich gleich ausser Atem.“

Das klingt nicht gut. Ich ordne ein Labor und ein EKG an und lasse ihn am Monitor. Das EKG sieht nicht schlecht aus, zeigt aber schon, dass die rechte Herzkammer überarbeitet ist. Als mich die Laborantin anruft und sagt, die D-Dimere (Blutwert, der ein Hinweis auf Lungenembolien sein kann) seien ganz schön hoch, ordne ich nach kurzer Rücksprache mit dem Chef ein CT an.

Die Regel hier ist, bei einem Kontrastmittel-CT muss während der Aufnahme ein Arzt dabei sein. Ich stehe also hinter der MTRA (medizinisch-technische Radiologieassistentin), während sie das CT fährt. Dabei kann ich jeweils die Bilder kurz sehen, während der Computer sie verarbeitet, aber er scrollt schnell durch, meist geht es mir zu schnell für einen Befund.

Diesmal nicht. Diese verstopften Gefässe sehe sogar ich. Der Radiologe gibt mir kurz Bescheid, aber eigentlich weiss ich es schon: in den grossen Gefässen, die in die Lunge gehen, sind riesige, fiese Gerinnsel. Auf beiden Seiten. Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Patient noch wach ist und einen anständigen Blutdruck hat – es ist todernst hier. Lebensgefährlich.

Die Kardiologin macht einen Ultraschall vom Herz. Die rechte Kammer ist zu gross und pumpt nicht mehr so gut.

Ich rufe im Zentrumspital an und informiere den diensthabenden Herz- und Gefässchirurgen, dass wir den Patienten schicken. Er sieht sich die Bilder an und pfeift anerkennend. „Mmmhm, der Thrombus reitet auf der Bifurkation… Hui, die sind ja zentral, parazentral und peripher! Nicht schlecht. Und der ist stabil? Echt? Schickt den so schnell wie möglich.“ (Zentrumsärzte können ganz schön kluge Dinge sagen.)

Ich bestelle einen Krankenwagen. Zusammen mit dem medizinischen Hintergrundarzt kläre ich den Patienten auf. Er weiss ja eigentlich schon, was er hat, aber wie ernst es ist, das konnte er nicht ahnen. Er bekommt ein blutverdünnendes Medikament. Ich schreibe einen Bericht und drucke aus, was ich an Laborresultaten und Bildgebungsberichten habe. Das darf der Rettungsdienst dann mitnehmen. Zusammen mit dem armen Patienten, der jetzt wohl langsam merkt, dass es hier ans eingemachte geht.

Soviel zu „im Krautundrübenspital hast du nie was Spannendes“.

Einmal durchatmen, bitte

„Du hast ja nie was Ernstes“, hat man mir gesagt. „Du arbeitest in einem so kleinen Spital, ihr habt ja eh nur langweiliges Zeug dort.“

Ein Arbeitskollege hat es mal so gesagt: Im Krautundrübenspital muss man ernste Dinge nicht behandeln, sondern erkennen und richtig reagieren können.

Der Heli und der Rettungsdienst, die wissen, was wir behandeln können, und was nicht. Sie entscheiden draussen selbst, ob sie uns anfahren, oder doch lieber gleich ins Tal in ein grosses Spital oder sogar in ein Universitätsspital fahren. Die Einheimischen, die normale Bevölkerung, macht da keinen Unterschied. Entsprechend ist es so, dass die schlimmen Dinge nicht mit Heli oder Blaulicht kommen, sondern im PKW oder zu Fuss.

Ich sitze im Notfall und schreibe Berichte. Ich hatte einen sehr anstrengenden Morgen, wir sind unterbesetzt und ich hüte das chirurgische und das medizinische Telefon. Ich schaue mir Notfälle an, löse überall im und ausser Haus Probleme, eigentlich bin ich Mädchen für alles.

Draussen hupt es mehrmals. „Eine Hochzeit!“, freut sich Hilda, die Notfallpflege. „Tss, hier hat’s kranke Menschen, was soll der Lärm.“, grummele ich. Eine halbe Minute später bin ich hellwach.

In Koje 3 steht ein Mann mit einem kleinen Kind auf dem Arm, das sich nicht bewegt. Neben ihm steht Senna, eine Pflege von der Station oben. Die Stimmung ist hektisch, panisch, aufgeregt. Der Mann legt den Bub auf die Bahre, er liegt da seitlich. Ich eile dazu und drehe das Kind auf den Rücken. Es ist blau im Gesicht. Es bewegt sich nicht mehr.

Ich kann nicht mehr ganz genau sagen, wie die nächsten Minuten abgelaufen sind. Ich habe Hilde Anweisungen gegeben, wen sie alles rufen muss. Ich habe einen Puls getastet. Der Anästhesiepfleger war nach kürzester Zeit da und hat das Kind abgesaugt und mit dem Beutel beatmet. Ich habe mit dem Vater gesprochen, die wichtigsten Fragen gestellt. Der Bub hat wieder angefangen, zu atmen.

Joshua, der in wenigen Wochen zwei Jahre alt wird, hat im Garten Melonenstücke gegessen. Dabei ist er aufgestanden, rückwärts vom Gartenstuhl gekippt und mit dem Kopf auf der harten Steinplatte gelandet, dabei hat er sich auch noch gleich an der Melone verschluckt. Die Mutter habe sich noch über den Tisch gestreckt, um ihn aufzufangen, hat ihn aber nicht mehr erwischt. Joshua hat kurz geschrien und blieb bewusstlos liegen. Als der Vater kurz darauf dazu kam, hat er bemerkt, dass sein Bub nicht mehr atmet. Er hat ihn gepackt, an den Füssen in die Luft gehalten und auf den Rücken geklopft. Mama hat dem Kleinen in den Mund gefasst, konnte aber auch nichts finden. Deshalb hat Papa die Familie kurzerhand ins Auto geladen und ist direkt zu uns gefahren.

Mama hat Joshuas grosse Schwester Angeline auf dem Arm, beide weinen. Mama, weil sie Angst um ihr Kind hat, Angeline, weil sie von der ganzen Situation überfordert ist. Ich gebe Angeline eine Spritze (natürlich leer und ohne Nadel), von der Pflege bekommt sie ein Plüschtier. Ich hole die Mutter an die Bahre, sie soll ihr Kind anfassen und mit ihm reden. Darunter beruhigt sie sich, allerdings ist nun Angeline allein in einer Ecke. Papa macht einen sehr gefassten Eindruck. Er nimmt Angeline zu sich und spielt mit ihr.

Joshua schreit. Er hat eine gute Sättigung und einen normalen Puls. Den Zugang in seinem Ellenbogen findet er alles andere als toll, aber wir sind einfach nur froh, dass er wach und laut ist. 15 Minuten später kommt der Heli und fliegt ihn und seine Mama ins Kinderspital.

Nun kann auch ich wieder durchatmen. Ich schreibe den Bericht und gehe zum nächsten Patienten.

Pharmama’s Blogparade: Ohne Apotheke*r fehlt dir was

blogparade

Pharmama hat ihre Leser darum gebeten, die eindrücklichsten Erlebnisse in Apotheken zu beschreiben. Als treuer Fan ihrer Seite kann ich natürlich nicht nein sagen, darum folgt hier meine Lieblings-Apotheken-Geschichte:

In meiner Jugend litt ich unter schrecklich starken Mensbeschwerden. Wenn’s so richtig anfing und ich nicht gleich eine Tablette nehmen konnte, waren die Schmerzen so stark, dass ich mich nur noch in Fötalposition hin-und herwiegen konnte. Entsprechend hatte ich immer Paracetamol dabei, auf die sprach ich damals noch sehr gut an.

Eines Samstag Morgens – ich war etwa 14, schätze ich – bin ich wegen der Schmerzen aufgewacht. Da waren sie schon ganz schön stark, und ich suchte verzweifelt nach einer Schmerztablette – aber da war keine. Nirgends. Nicht im Medischrank, nicht in der Küche, wo meine Mutter ihre Kopfschmerztabletten aufbewahrt, nicht in meiner Schultasche. Ich hatte vergessen, Nachschub zu besorgen. Meine Eltern waren nicht da, und Handys gabs damals noch nicht lange, also hatte von uns niemand eins.

Mir blieb nichts anderes übrig, als in die Apotheke zu gehen, um Nachschub zu besorgen. Mit dem Fahrrad waren das etwa 5 Minuten, mir kam es aber wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten und war fast von Sinnen vor Schmerzen. In der Apotheke habe ich knapp „Ich bräuchte Dafalgan Brausetabletten bitteschön“ rausgebracht. Die Pharmaassistentin hat mich ein bisschen schief angeguckt, und kurz darauf stand die Apothekerin vor mir.

„Wo  hast du denn Schmerzen?“

„Bauchweh“, hab ich gejammert und auf meinen Unterbauch gedrückt.

„Willst du gleich eine Tablette nehmen?“

Ich konnte nur noch nicken. Ich hab wohl einen ziemlich schlechten Gesamteindruck gemacht (schmerzbedingt reduzierter Allgemeinzustand, würde ich heute sagen), denn sie hat mich an den Schultern genommen und in ein Büro geführt. Sie hat in einem Wasserkocher kleine Gelkissen erwärmt, die ich mir unter den Hosenbund auf den Bauch klemmen konnte, und hat mir die Tabletten gebracht. Eine ganze Weile durfte ich da sitzen bleiben, ich habe keine Ahnung mehr, wie lange. Immer mal wieder kam jemand, um nach mir zu schauen. Als ich mich schliesslich besser fühlte, habe ich mich bedankt und ging nach Hause, wo ich nochmal ein paar Stunden schlafen konnte. Die Gelkissen durfte ich nach Hause nehmen, die habe ich immernoch.

Ich bin immernoch beeindruckt, wie liebevoll und gut man sich damals um mich gekümmert hat. Nicht einmal etwas dafür bezahlt habe ich, ausser für die Tabletten – die Wärmekissen waren Werbegeschenke. Apotheken sind zurecht unsere ersten Anlaufstellen bei allerlei Problemen, und sie können sehr viel mehr als nur Medikamente herausgeben. Leider scheint das vielen Leuten nicht wirklich klar zu sein, weshalb ich dann auf dem Notfall junge, fitte, gesunde Menschen mit Schnupfen behandeln darf. Das ist mit ein Teil, weshalb die Krankenkassen immer teurer werden, weil das zu personellen und wirtschaftlichen Problemen führt. Von da her: Super Aktion, Pharmama! Und wer das hier liest: Ich ermutige euch, ihr eure Geschichten zu senden, und empfehle wärmstens ihr Blog.

Belohnungssysteme

Wir alle hören gern, wenn wir gute Arbeit leisten. Komplimente sind nie falsch, und gerade, wenn man einen schrecklich anstrengenden, wilden Tag hatte, nimmt man gerne positive Worte entgegen. Bei uns hat da jeder Kaderarzt so sein eigenes System.

Der Chirurg belohnt uns mit kleinen Eingriffen. Wenn ich gute Arbeit geleistet habe, lässt er mich irgendeinen Hauttumor aus irgendeinem Patienten schneiden. Jetzt, da ich endlich die blöde Intrakutan-Einzelknopfnaht beherrsche, macht er es sogar noch ein bisschen lieber.

Der eine Orthopäde hält wenig von Belohnungen oder netten Worten, ist dafür aber bei Fehlern oder nicht ganz so schlauen Fragen umso nachsichtiger.

Der andere Orthopäde lässt einen mal das Tasthäkchen oder die Kamera bei der Kniespiegelung halten – eine sehr grosse Ehre – und ist sonst sehr offen mit Komplimenten. „Mit dir fägets“(mit dir machts Spass), sagt er. Gute Unterassistenten belohnt er mit einem Gleitschirmtandemflug.

Einer der Mediziner lässt einen seine Zufriedenheit spüren, indem er Teaching macht. Eine sehr gute Art der Belohnung. „Bist ne Gute.“, sagt er am Telefon. Ein sehr willkommener Nebensatz, wenn man gerade auf dem Notfall die Hölle gemeistert hat.

Ich selber halte es so, dass ein „das hast du gut gemacht“ oder „das hat mir sehr geholfen, vielen Dank“ immer angebracht ist. Gegenüber der Pflege, wenn sie mir mal wieder den Popo gerettet haben, weil ihnen in einer Kurve oder bei einem Patienten irgendwas aufgefallen ist, das nicht so sein sollte. Gegenüber meinen Studenten, wenn sie mitdenken oder Initiative zeigen.

Nett sein bringt einen wahnsinnig viel weiter, fast immer und fast überall.  Das ist für mich so etwa die wichtigste Überlebensregel in der Klinik, und sie gilt nicht nur kurzfristig – wenn ich immer ganz lieb mit der Pflege bin, verzeihen sie es mir auch mal, wenn ich total im Stress bin oder mich über irgendwas ärgere. Manchmal krieg ich dann Schokolade oder einen Kaffee. Liebe geht durch den Magen.