Eile mit Weile

Anästhesie war ja sowas wie der heilige Gral für mich. Ich begann das Studium bereits mit diesem Berufswunsch und bin nie wirklich davon abgekommen – wohlwissend, dass ich keine Ahnung hatte, was mich erwartet.

Durch ein Mentoring und drei Monate im praktischen Jahr war ich dann sicher, dass ich Anästhesie zu meiner Zukunft machen wollte. Entsprechend hatte ich hohe Erwartungen an mich selbst, als ich diese Stelle annahm.

Und dann ging alles so, so langsam.

Meine Lehrärzte haben alle Erfahrung in der Ausbildung von Assistenzärzten. Entsprechend gibt es ein sehr detailliertes Ausbildungskonzept, welches Lernziele und Kompetenzen für alle drei bis sechs Monate definiert. Am Anfang musste ich mich erstmal zurechtfinden. Klar. Was finde ich wo, wie sind die Abläufe und so. Zugänge legen konnte ich immerhin schon, wenn auch nicht auf dem Niveau der Anästhesiepflege oder -Ärzte. Und vieles hatte ich ja als Studentin im praktischen Jahr schonmal gemacht und brauchte meiner Meinung nach nur eine Auffrischung. Oft genug ging ich frustriert nach Hause, weil ich nicht so schnell Fortschritte machte, wie ich es gern gehabt hätte. Die Betreuung war intensiv, das Teaching liebevoll und sorgfältig, und ich sass auf Kohlen.

Eines Morgens stehe ich dann da, kurz nach der Einleitung. Der Patient schläft, alles ist im grünen Bereich, wir können in den Saal fahren. Das ist immernoch eine Challenge, weil wir das riesige, schwere Beatmungsgerät, auch Dr. Dräger genannt, sowie den Infusionsständer mitnehmen müssen, und alle beide hängen am Patienten dran und haben nur ein bisschen Spielraum. Aber zusammen mit meiner Leitenden Ärztin und einem Lagerungspfleger ging das ja problemlos. Drin im Saal wieder alles eingesteckt, nochmal alles überprüft, als plötzlich das Telefon der LÄ klingelt. Sie nimmt ab, wechselt ein paar Worte und ist dann mit einem entschuldigenden Winken verschwunden.

Plötzlich war ich allein.

Shit.

Der Operateur, ein freundlicher Urologe, kommt zu mir, um vor der OP noch ein bisschen zu quatschen. Das macht er gern. Ich bin aber grade ganz woanders. Hab ich alles gemacht? Ist die Beatmung gut? Nicht optimal, Mist. Was ändern. Das Propofol ist auch bald leer. Muss ich jetzt noch Fentanyl geben? Wie ist der Blutdruck? Wo ist die Wärmedecke? Husch, beim Abdecken helfen! Team-Timeout – was muss ich da schon wieder alles sagen?

Wow, hab ich mich verloren gefühlt.

Von da an hatte ich es nicht mehr ganz so eilig mit den Fortschritten.

Der Notfall, das Irrenhaus

Samstag Morgen. Meine Oberärztin Sandra und ich stehen im Schockraum, zusammen mit Charlotte, Assistenzärztin der Chirurgie, und Martina, die Notfallpflege. Wir warten auf eine Patientin, die gleich mit dem Rettungsdienst gebracht wird nach einem Autounfall.

Aus dem Notfallzimmer gegenüber schlurft eine leicht verwahrlost aussehende, übergewichtige Frau und schaut suchend umher.

„Zurück ins Zimmer!“, schreien Pflege und Charlotte gleichzeitig. „Wir bekommen hier gleich einen Notfall!“

Ich schaue ein bisschen verwundert. Das find ich jetzt ein bisschen übertrieben, gleich so zu schreien. Die Verwirrung löst sich aber gleich auf.

„Die macht mich noch wahnsinnig“, seufzt Charlotte.

„Und mich erst!“, ruft Martina aus. „Dauernd latscht die überall rum, geht in alle Zimmer und wühlt in fremden Sachen…“

Sie unterbricht sich selbst, als die Patientin plötzlich im Türrahmen des Schockraums steht. „Will n Tem.es.ta*“, lallt sie schlapp.

„Sie hatten schon sechs Stück, es gibt keine Tem.es.ta mehr. Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer! Sofort! Sonst rufe ich die Polizei, die schauen dann schon, dass Sie im Zimmer bleiben!“ Charlotte ist offensichtlich kurz vor dem Durchdrehen. Die Patientin murmelt weiter was von Tem.es.ta und verdrückt sich.

Der ganz normale Wahnsinn auf dem städtischen Notfall.

*Tem.es.ta ist ein starkes Beruhigungsmittel, das abhängig macht. 6 Stück sind ganz schön viel.

Incompliance

Der knapp 60jährige Herr Fitz liegt bei mir auf dem Tisch. Wegen seinem BMI von sage und schreibe 48 und seiner zahlreichen Nebenerkrankungen – unter Anderem fortgeschrittener Diabetes mit Gefühlsstörungen in den Beinen und schlechten Nieren, eine Lungenerkrankung, Bluthochdruck – wurde eine Teilnarkose gemacht. Die braucht er, weil er einen Infekt am Unterschenkel hat, der schon so übel aussieht, dass man da mal den Schorf und totes Gewebe runterkratzen muss, damit einerseits die Infektion nicht noch schlimmer wird und andererseits die Wunde endlich heilen kann.

Die Teilnarkose gestaltete sich ganz schön schwierig. Mit dem Ultraschall versuchte mein Oberarzt, die zu betäubenden Nerven unterhalb des Gesäss und in der Leiste zu finden, was bei soviel Fett einfach schwierig ist. Für den Stich in der Leiste musste gar jemand den Fettbauch nach oben ziehen – ich war’s zum Glück nicht. Herr Fitz meckerte derweil die ganze Zeit, weil das Liegen unbequem sei – glaub ich, aber Mitleid hatte von uns keiner so richtig.

Die Chirurgen machten sich ans Werk. Eine Assistenzärztin durfte den Lead übernehmen, eine erfahrene Oberärztin leitete sie an. Besonders schwierig war der Eingriff nicht, es ging ja nur ums Kratzen, aber der Befund war ziemlich gross, weil natürlich der Unterschenkel sehr gross war. BMI 48. Meine Güte.

Ich schaue den Chirurginnen bei der Arbeit zu. Es geht schnell, und unter der Schorfschicht zeigt sich schönes, lebendiges Gewebe.

„Ist bald fertig?“, fragt Herr Fitz. Ich war kurz vor Schnitt auf die dämliche Idee gekommen, ihm ein Schmerzmittel zu geben, weil wir nicht ganz so sicher waren, wie gut die Teilnarkose wirkte, und davon wurde Herr Fitz zum Plaudertäschchen. Er quasselte also lallend, aber munter vor sich hin.

„Bald“, versprach ich. „Geht das Liegen noch?“

„Jaja“, nuschelte Herr Fitz. „Ich will nur endlich eine Rauchen gehen. Kann ich nachher gleich eine Rauchen gehen? Wissen Sie, Rauchen ist mir sehr wichtig.“

„Das müssen Sie mit der Pflege ausmachen, ob die Sie schon aus dem Bett holen wollen, wenn Ihr Bein noch schläft. Aber aus chirurgischer Sicht muss ich Ihnen schon sagen, Rauchen ist schlecht für die Wundheilung.“

„SEHR SCHLECHT! SEHR SEHR SCHLECHT!“, schreit die Oberärztin hinter dem Tuch hervor. Und erklärt auch gleich, warum: „Vom Rauchen ziehen sich Ihre Gefässe zusammen. Dann wird Ihr Bein schlechter durchblutet, und deswegen können die Abfallstoffe nicht gut abtransportiert und neuer Sauerstoff herantransportiert werden. Und sie haben ja noch den Diabetes, der ist schon schlecht für die Wunde!“

Herr Fitz nimmt das alles mit einem Schulterzucken. „Wissen Sie, ich kann mit dem Rauchen einfach nicht aufhören. Das kann man nicht. Das geht nicht.“

„Sie wollen nicht.“, unterstelle ich ihm. Er schüttelt den Kopf.

„Das kann man nicht“, wiederholt er.

„Das kann man schon“, widerspreche ich. „Viele Leute hören mit dem Rauchen auf. Wollen Sie denn in ein paar Tagen wieder hier liegen?“

„Ich liebe das Rauchen“, lallt er.

Ich gebe auf. Ich führe generell nicht gerne solche Diskussionen. Mir ist das egal, ob der nächste Woche wieder da liegt und jammert, es sei unbequem. Mir ist es auch egal, wenn man irgendwann das Bein abnehmen muss. Diese Diskussionen darf er mit den Chirurgen und Medizinern führen, ich mache hier nur Narkosen. Obwohl, wenn wir bei dem mal aus irgendeinem Grund eine Vollnarkose machen müssten… Ob das wohl überhaupt geht?

Trotzdem spreche ich ihn nochmal drauf an, als ich ihn später auf der Station besuche, und erkläre ihm noch einmal, warum das Rauchen in seinem Fall eben besonders schlecht ist. Die Chirurginnen werden ihm das sicher auch nochmal sagen. Vielleicht hift’s ja was, wenn er es oft genug hört.

Die zuständige Pflege schüttelt den Kopf, als ich ihr davon erzähle, und lächelt leicht. „Der hat Bettruhe, und die hält er schon nicht ein. Dauernd haut er ab, um zu rauchen. Die Physio hat ihn auch schon aufgegeben, da macht er nicht mit. Seine Medikamente nimmt er aber immerhin, er lebt ja im Pflegeheim, da kann er nicht anders.“ Mit noch nicht mal 60? Im Pflegeheim?

Ich hoffe nur, der kommt nicht nochmal dran.

Wenn Ethik schwerfällt

„Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung.“

So steht es in der Genfer Deklaration des Weltärztebundes, welches ich hier auch schon vorgestellt habe.

Manchmal fällt mir das nicht ganz so leicht.

Herr Steiner ist der nächste Punkt im OP-Programm. Zusammen mit einer Anästhesieschwester bin ich gerade bei den üblichen Vorbereitungen – Medikamente aufziehen, Maschinen testen und programmieren, Material bereitlegen – als Sandra, die für uns zuständige Oberärztin bei uns vorbeischaut.

„Ihr habt Herrn Steiner als nächstes, gell?“, fragt Sandra, worauf wir nicken. „Ja, zu dem wollte ich euch noch was sagen, also… Weil, ich habe den schon am letzten Wochenende gehabt. Und drum wollte ich euch da vorwarnen. Herr Steiner ist ein Neo-Nazi und hat ziemlich auffällige Tattoos. Ich sag’s euch einfach, damit ihr nicht erschreckt, okay? Wir machen ja sonst genau dasselbe, wie bei allen anderen Patienten auch.“

Die Vorwarnung war hilfreich, denn zumindest ein Augenbrauchen hochziehen hätte ich mir sonst wohl nur schlecht verkneifen können. Herr Steiner präsentiert am ganzen Körper Hakenkreuze, SS-Symbole, die 88, und verschiedene Deutschland- und szenebezogene Schriftzüge. Ich schüttle innerlich den Kopf. Ganz kurz kommt mir der Gedanke, mich beim Kanüle-legen „aus Versehen“ zu verstechen, um ihn nochmal pieksen zu können. Ich verwerfe den Gedanken schnell wieder. Unethisch, geht garnicht.

Herr Steiner ist Mitte Zwanzig und eigentlich recht freundlich. Kein Wort, keine Geste, auch nicht seine Mimik verrät ihn, als der Lagerungspfleger aus Sri Lanka ihm auf den OP-Tisch hilft, ihm warme Tücher bringt und ihm das Nachthemd auszieht. Zu dritt gehen wir in die Vorbereitung und beginnen die übliche Prozedur – EKG, Blutdruckmanschette, Pulsoxy, Zugang. Schliesslich halte ich ihm die Maske ans Gesicht, um ihn vor der Intubation mit Sauerstoff aufzufüllen, und wir rufen Sandra, um uns bei der Einleitung zu helfen. Das darf ich noch eine Weile nicht allein mit der Pflege, es muss immer ein Facharzt dabei sein.

Die Unterhaltung ist auf das Minimum reduziert. Wir erklären, was wir gerade machen, stellen die nötigen Fragen. Das ist alles. Wir spritzen das Schlafmittel, Herr Steiner schläft langsam ein. Er braucht ziemlich viele Medikamente, bis er endlich nicht mehr auf mein Ansprechen reagiert. Vorsichtig ziehe ich den Kopf nach hinten, ziehe den Unterkiefer hoch und beginne, ihn zu beatmen. Um zu sehen, ob das funktioniert, schlägt Sandra die Decke etwas zurück, damit ich freie Sicht auf den Brustkorb habe. Er hebt uns senkt sich im von mit gegebenen Rhythmus, und mit ihm das flammende Hakenkreuz. Niemand von uns will wirklich hinsehen. Wir intubieren, fixieren den Schlauch, kleben die Augen zu.

Zuletzt zieht Sandra die Decke mit einer zackigen Bewegung wieder über den Brustkorb. „Das brauchen wir nicht zu sehen.“, meint sie.

„Weisst du“, meint Sandra später beim Kaffee, „wir behandeln ja eigentlich alle Patienten gleich. Und das hab ich ja am Wochenende auch so gemacht. Aber die Visite nach der Narkose, die hab ich mir gespart – nochmal sehen wollte ich den eigentlich nicht.“

Wegen seiner vielen Nierensteine wird Herr Steiner wohl noch öfters bei uns landen. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf ist ein bisschen zufrieden, dass Nierensteine wenigstens ganz schön weh tun. Eine andere Stimme schilt mich deswegen.

Ich wünschte, die zweite Stimme wäre etwas lauter.

Der „not my f*cking job“-Award

Heute verleihe ich zum ersten Mal den „not my fucking job“ Orden (den ich liebevoll NOMFJO nenne).

Und der NOMFJO geht aaaaaaaaan…….

Die Kardio-Mitarbeiterinnen, welche meine Patientin 1.5h haben sitzen lassen, weil ich sie aus Unkenntnis nach der telefonischen Anmeldung eines EKGs ins falsche Wartezimmer (Medizin statt Kardio) geschickt habe. Räumliche Differenz: Satte 15 Meter, am gleichen Gang, in Sichtweite. Die netten Damen haben es nicht für nötig befunden, bei mir rückzufragen, als die Patientin nach einer halben Stunde noch immer nicht direkt bei ihnen im Zimmer sass – was das Missverständnis natürlich aufgelöst hätte-, sondern gingen kommentarlos eine Stunde in die Mittagspause. Erfahren habe ich davon nur zufällig, weil sich die Patientin bei der nahem Überwachungsstation gemeldet hat mit der Frage, wann es denn nun weitergehe.

Herzliche Gratulation!