Fehlalarme

Seit ich hier in der Stadtklinik arbeite, bin ich 5 Mal zu einer Reanimation gerufen worden.

Der Ruf geht auf die Sucher der Dienstärzte verschiedener Disziplinen. An Assistenzärzten kommt jemand von der Anästhesie, Chirurgie, Medizin und Intensivstation. Zusätzlich je eine Pflegekraft von der Anästhesie und der Intensivstation, und natürlich der Kaderarzt der Anästhesie.

Bei vier der fünf Reanimationsalarme stellte sich heraus, dass die Putzfrau ausversehen beim Putzen auf den Schalter kam. Das verstehe ich zwar nicht, weil man erst eine Plastikklappe anheben muss, um auf den Knopf drücken zu können, aber es ist, wie es ist: Ein Grossteil der Alarme sind Putzfrauenalarme.
Heute gabs dafür ein bisschen Abwechslung.

Ich rannte zum auf dem Sucher angegebenen Zimmer, und stellte dann fest, dass ich die erste vor Ort war, denn die Zimmertür war noch zu. Eine Millisekunde sehe ich J.D. aus Scrubs vor mir, der in der ersten Folge auf eine Rea rennt und dann sagt: Was mach ich da eigentlich? Und sich dann schnell im Schrank versteckt.

Ich öffne die Türe.

Das Zimmer ist leer.

Hinter mir kommen meine Oberärztin, der Chirurgieassistenzarzt und ein Anästhesiepfleger angerannt. Ich winke ab: ‚Das Zimmer ist leer.‘

Aus dem nächsten Zimmer kommt eine Gruppe Frauen, angeführt von jemandem aus der Direktion.

‚Ach‘, lacht sie, ‚den hab wohl ich ausgelöst. Das geht dann wohl auf meine Kappe. Hihihi!‘

Eine Stationspflege verteilt Schokobons an entrüstete Dienstärzte. Das hats wenigstens ein bisschen wieder gut gemacht.

Das wäre schon Notwehr, oder?

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Knapp am Drama vorbei

Es war der Tag der grossen Eingriffe.

Zuerst eine Tumorentfernung aus dem Bauch. Ein riesiger Schnitt längs des Bauches -genannt Laparotomie- , dann der Tumor aus dem Fettgewebe gegrübelt und wieder zugemacht. Klingt einfach, brauchte aber über eine Stunde Vorbereitung und die Operation dauerte auch fast drei.

Während der Operation hat meine Oberärztin kein einziges Mal den Saal verlassen, weil wir alle Hände voll zu tun hatten. Spannend bis zum letzten Moment. Zu dritt kämpften wir uns durch Blutungs-, Kreislauf- und andere Probleme, die Oberärztin, meine Uhuline (weibliche Form des Uhu, Unterhund, Medizinstudent im praktischen Jahr) und ich.

Die Studentin wollte ich ursprünglich gar nicht dabei haben, weil sie eh nichts Spannendes machen durfte bei dieser kritischen Patientin – war dann aber unendlich froh über die zwei zusätzlichen Hände. Selbständig hat sie das Protokoll geführt, mitgedacht, alle Medikamente frühzeitig aufgezogen und uns somit den Rücken freigehalten. Langweilig wurde es ihr entgegen meiner Befürchtungen nicht. Im Nu war es Mittag.

Nachdem wir die Patientin im Aufwachraum abgegeben haben, werde ich zum Essen geschickt, mit der Anweisung, nach der halben Stunde Pause gleich wieder in den OP zu kommen. Ich sei für eine Hüft-OP mit allem drum und dran geplant.

Normalerweise werden wir nach dem Mittag selten wieder in den OP gerufen, sondern müssen draussen Dinge erledigen. Zum Beispiel die Patienten für den Folgetag besuchen und für die Narkose aufklären. Ich freute mich natürlich wahnsinnig auf die grosse Einleitung – sogar mit Arterienzugang zur kontinuierlichen Blutdruckmessung! Yay!

Die Einleitung zog sich. Die Arterie klappte nicht, meine Oberärztin übernahm und scheiterte genauso. Nach einer ganz schönen Anzahl Versuche hatten wir wenigstens die Spitze des Katheters drin, und das System zeigte einen Blutdruck an. Mal schauen, ob das hält. Die Intubation war auch nicht ganz einfach, der ganze Rachen von zähem, weissem Schleim belegt.

Nach Schnitt wurde es ruhiger. Ich schickte die Uhuline raus, um dem Kollegen beim Aufklären zu helfen, weil wir nun tatsächlich beide ganz schön unterbeschäftigt da sassen.

Irgendwann nach 15 Uhr kommt ein Kollege von der Anästhesiepflege. „Hey, magst du mal Pause machen? Ich kann dich ablösen.“

Dankbar ging ich in den Aufenthaltsraum, und merkte da erst, wie müde ich war. Am Morgen war keine Zeit für eine Pause gewesen, und bei nur einer halben Stunde Pause seit 7 Uhr war ich ganz schön abgerackert. Nach der erlaubten Viertelstunde kroch ich zurück in den Saal, wo mich der Kollege auslachte.

„Erholt siehst du ja nicht aus. Willst du nicht noch ein bisschen länger Pause machen? Hast du einen Kaffee gehabt?“

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte noch keinen Kaffee gehabt – keinen einzigen! Nicht den Morgenkaffee, weil ich am Morgen keine Pause gemacht hatte, nicht am Mittag, weil’s nach dem Mittagessen nicht mehr gereicht hatte.

Ist euch klar, was das bedeutet? Kein Kaffee! Keinen Tropfen! Wie konnte ich überhaupt so lange durchhalten? Ein Desaster! Das hätte schrecklich enden können…

Schlechte Laune ist ansteckend

Wir machen eine Hüfte!

Also natürlich nicht einen neue. Eigentlich noch nicht mal eine ganze. Nein, wir machen eine gebrochene Hüfte wieder heil, oder so – wir machen einen Nagel rein, damit sie schön zusammenwächst. Die Patientin ist fast neunzig, körperlich altersendsprechend nicht mehr ganz knusprig und bekommt eine Spinale, einen Pieks in den Rücken, weil dies Herz, Lunge und Niere nicht so stark belastet.

Nach einer stressigen Einleitung, weil die Patientin mit dem Blutdruck mal kurz in den Keller saust und alle ein bisschen nervös werden, machen wir es uns im Saal gemütlich. Auf dem Programm stehe zwei meiner Lieblingschirurgen – ein junger Oberarzt und eine meiner Lieblingsassistenzärztinnen – was mich wieder völlig entspannt. Das wird eine lockere Sache mit gutem Umgangston und angenehmem Miteinander.

Die Patientin ist in der Stimmung noch nicht ganz angekommen. Sie ist so ein bisschen mies gelaunt, meckert an fast allem rum. Zuviele Leute. Zuviel Aufwand. Zulange sitzen für die Spinale. Zu kalt. Zuviel Lärm. „Das ist mir einfach alles zuviel“, sagt sie.

„Möchten Sie lieber ein bisschen schlafen?“, frage ich, und blinzle schon hoffnungsvoll in Richtung Propofol.

„Nein!“, ist ihre knappe Antwort.

Nun, der Patient ist König, und gegen ihren Willen sedieren kann ich sie nicht. Beruhigungsmittel kann ich ihr wegen des Alters auch keine spritzen. Ich seufze innerlich, während sie weiter meckert. Immer noch zuviele Leute. Ja, das werden auch nicht weniger: Da wären zwei Chirurgen, zwei Operationsassistenzen, ein Lagerungspfleger und ich. Immer noch zuviel Lärm. Ja, das ist eine Operation, da raschelt und rauscht es, und später wird’s dann auch noch hämmern. Wollen Sie nicht doch lieber ein bisschen dösen? Oder Musik hören? Ich hab auch Schlager, Volksmusik, klassische Musik… Nein, will sie nicht. Na dann.

Der Oberarzt kommt rein und stellt als erstes seinen Lautsprecher auf mit irgendwas an Rockmusik. Die Patientin geht auf die Barrikaden. „Schaltet die Musik aus!“, schreit sie. Damit wäre der Oberarzt dann auch beleidigt, und die Stimmung nicht ganz in dem Bereich, in dem ich sie mir gewünscht hatte. Er lässt seine miese Laune an der Assistenzärztin aus, die dann entsprechend auch nicht mehr allzu freundlich ist.

Wenigstens geht die Operation einigermassen schnell vorwärts, und ich kann die Dame etwa eine Stunde später schon wieder abgeben. Nicht, ohne Gemecker, natürlich. Zu lange liegen müssen, alles ging viel zu langsam, zuviel Gewusel um sie rum. Hach.

Nicht alle Patienten sind psychisch für eine Teilnarkose geeignet. Aber viele unserer Patienten sind körperlich nicht für eine Vollnarkose geeignet. Wenn sich das dann überschneidet, bedeutet das immer ein gewisses Mass an Stress, und die Möglichkeiten sind einfach eingeschränkt. Manchmal muss man ein bisschen auf die Zähne beissen.

Aber sag das mal der resoluten, schlecht gelaunten 90jährigen Omi.

Wie mitten im Sturm stehen

Es ist gut 17 Uhr. Ich hatte einen unendlich langen Tag, sass zuerst in einer 3mehr als dreistündigen Bauch OP, durfte dann kurz Mittag machen und musste danach noch eine 2.5 Stunden Nasen-OP (ernsthaft, wie kann man so lange an einer Nase rumfummeln?) absitzen. Und das sind nur die reinen OP-Zeiten, da ist Vor- und Nachbereitung unsererseits nicht eingerechnet.

Ich bringe den zweiten Patienten in den Aufwachraum, fix und fertig. Den Nachmittagsrapport hab ich auch verpasst – wo ich wohl morgen eingeteilt bin? Hoffentlich ist es was lockeres, einfaches, danach steht mir der Kopf nach so einem Tag.

Im Aufwachraum ist das reinste Chaos. Die betreuende Pflegefachfrau sprintet von einem frischoperierten zum nächsten, gibt einer Stationspflege Rapport, um wenigstens einen ihrer Patienten loszuwerden, gleichzeitig stehen hinten im Übergang zur Tagesklinik noch zwei Patienten, die gerne ihre Papiere erhalten und gehen möchten, und irgendwo dazwischen zetert ein Mann in einem Bett mitten im Gang vor sich hin.

Ich halte meine Übergabe kurz und knapp. Als ich fertig bin, meint die Pflege: „Hey, und da ist noch ein Patient, siehst du den?“ Sie deutet auf den schinpfenden Senior im Bett. „Der bräuchte noch einen Zugang.“

Ich zucke mit den Schultern und nähere mich dem Bett. „Guten Tag Herr Wetter, mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin.“

Das reicht, um ihn völlig ausrasten zu lassen. Irgendwas von „ich will, dass diese Übung jetzt sofort abgebrochen wird, ich will zurück ins Zimmer, dsas ist eine Frechheit, und eine Narkose will ich schon gar nicht, das kommt gar nicht in Frage, und…“ *seufz* Na das kann ja lustig werden.

„Ich bin nicht für eine Narkose hier. Ich bin hier, um Ihnen einen Zugang zu legen.“, versuche ich, ihn zu beschwichtigen. Das löst aber nur eine weitere Tirade aus über die absolut miserable Behandlung hier. „Unten haben die mir gesagt, das geht hier ruckzuck! Nur deswegen hab ich überhaupt zugestimmt! Und jetztg macht die da die ganze Zeit was anderes und läuft immer wieder davon!“

„Das tut mir sehr leid, dass Sie warten müssen. Aber Sie sehen doch, dass sie alleine hier ist. Sie kann sich halt nicht um alle gleichzeitig kümmern.“

Er schimpft weiter. Alles ist furchtbar, alle sind gemein, was auch immer. Ich bin zu müde. Ich versuche, auf ihn einzugehen, freundlich zu sein, ihn zu beschwichtigen. Irgendwann reichts mir.

„In der Zeit, in der Sie hier schimpfen, hätte ich schon einen Zugang legen können.“

Das war offensichtlich falsch. „Warum tun Sie’s dann nicht endlich!?“, schreit er.

„Ich werde doch nicht mit einer Nadel auf Sie zu kommen, wenn Sie damit nicht einverstanden sind, Herr Wetter. Das wäre nicht besonders nett, und ich denke nicht, dass Sie das besonders schätzen würden.“

Er schreit und zetert weiter. Zwischendurch habe ich das Gefühl, er ist kurz davor, mir eine zu klatschen. Ich lasse ihn meckern. Er ist nur ein Sturm, der um mich herum tobt. versuche ich mir einzureden. Einatmen, ausatmen, los.

Ich nehme mir seinen Arm und ziehe den Stauschlauch an. Er schimpft vor sich hin. „Einen Versuch gebe ich Ihnen, genau einen! Hören Sie? Danach bin ich hier weg!“, schreit er. Laut.

„Das finde ich nicht besonders fair, Herr Wetter. Sie setzen mich hier ganz schön unter Druck, finden Sie nicht?“

„Ja Sie sind doch die Expertin, oder? Dann experten Sie mal! Machen Sie vorwärts!“

Desinfektion. Einatmen, ausatmen. Will ich das machen? Was geschieht, wenn ich nicht treffe? Will ich nicht lieber die Oberärztin rufen? Oder den Anästhesiepfleger, der da hinten auch gerade einen Patienten abgibt?

Manchmal muss man Dinge machen, auch wenn man wirklich, wirklich, wirklich nicht möchte.

Ich steche zu. Fühlt sich gut an. Schlauch vorschieben geht problemlos. „So, das wars schon. Ging das für Sie?“

„Sie sind doch die Expertin! Sagen Sie mir doch, wie das ging!“

„Aber Sie haben den Stich aushalten müssen, und ich möchte von Ihnen wissen, ob der Stich schlimm war. Den fühle ich ja nicht.“

„Ja der Stich, das war halt ein Stich! Was ist denn nun?“

Ich habe die Infusion angeschlossen. Läuft. Okay. Tief durchatmen. Ich schaue den Patienten an. „Der sitzt.“

Einen Moment ist er sprachlos. Nach zwei atemlosen Sekunden meint er: „Wissen Sie, und ich wollte gerade sagen, wie ich Ihren Namen auch in meinem mehrseitigen Brief an den Kassensturz erwähnen werde.“

Seine Freude ist von kurzer Dauer, denn ich weigere mich, auf seinen Befehl, den Transportdienst für seine Rückreise ins Zimmer jetzt sofort zu rufen, einzugehen. Stattdessen klebe ich unter seinem nun wieder lautstarken Protest die Kanüle fest, verabschiede mich von ihm und gebe den Auftrag an die Pflege weiter.

Irgendwie schaff ich es noch nach Hause und falle noch vor 20 Uhr völlig erledigt ins Bett.

Die einsamste Narkose

Meine erste Schilddrüse habe ich vor einigen Wochen schon begleitet. Operieren tat mein „Lieblings“- Oberarzt. Nein, wir sind keine besonders guten Freunde. Wir könnten es aber werden, wenn er aufhören würde, mich so arrogant von oben herab anzuschauen und in diesem Tonfall mit mir zu sprechen, als wäre ich fünf.
Beim zweiten Mal war’s natürlich wieder derselbe Oberarzt, aber diesmal kannte ich schon die wichtigsten Kniffe. Dazu kam aber: Nicht nur ein Teil der Schilddrüse wurde entfernt, sondern auch die Nebenschilddrüse. Um zu überprüfen, ob die auch wirklich draussen ist, musste ich zu Beginn und zum Ende der Operation eine Blutentnahme machen (am Fuss, weil ich Abdecktücher-bedingt nicht an die Arme kam), um das Parathormon zu bestimmen, welches in der Nebenschilddrüse produziert wird. Wenn man die Nebenschilddrüse rausnimmt, sollte der Hormonspiegel sinken.

Die Operation ging glatt. Ich war gut vorbereitet, kannte die einzelnen Schritte, wusste, wann man etwas von mir wollen könnte. Schliesslich war die Operation fertig, und während der Oberarzt zunähte, führte ich die zweite Blutentnahme durch und liess sie ins Labor schicken.

Kurz darauf beschied der Chirurg: „So, ich bin fertig. Jetzt warten wir auf das Labor und den Schnellbefund des Pathologen. Ich geh was trinken. Lass die Patientin so, bis wir den Bescheid haben, mach keinen Unsinn in der Zwischenzeit, so extubieren oder so, ja?“ Und weg war er.

Als nächstes schickte die OP-Schwester die Uhuline, die assistierende Medizinstudentin, weg. „Geh und iss was“, war die Anweisung. Wahrscheinlich nötig, denn sie sah schon ein bisschen blass ums Näschen aus.

Da waren’s nur noch zwei – für gute zwei Minuten, dann verabschiedete sich auch die OP-Schwester. „Ich helf im nächsten Saal aus“, wurde ich informiert.

Dann war ich allein mit der schlafenden Patientin. Ich hielt die Narkose aufrecht und, naja, wartete. Nicht mal wen zum Quatschen hatte ich.

Eine sehr einsame dreiviertel Stunde später bekam ich einen Anruf: alles gut, Patientin bitte aufwachen lassen. Na dann…

Das war ja mal echt langweilig. Sonst hab ich wenigstens ein bisschen Unterhaltung, wenn ich der Operation zuschauen oder mit den Chirurgen plaudern kann. Aber jetzt weiss ich’s ja, und kann mich nächstes Mal davor drücken 😉

Streichelzoo

Am Ende eines Aufklärungsgesprächs mit einer Patientin, im Beisein ihrer Schwester. 

Ich:“Haben Sie vielleicht noch Fragen?“
Schwester der Patientin: „Ja, eine Frage hätte ich schon noch. Also, wenn die Patienten dann in Narkose sind, streicheln Sie die dann auch?“

Ich: ???

„Ja, also“, erklärt sie mir, „ich schaue immer im Fernsehen diese Arztserien. Und wenn dann die Patienten in Narkose sind, streicheln die Narkoseärzte immer so deren Wangen und Haare und reden mit ihnen. Machen Sie das auch?“

Nein. Nein, mach ich nicht. Nope. Nie. Nein. Was zur Hölle?