Oh Sh*t

Die Narkoseeinleitung der jungen, gesunden Patientin verlief absolut problemlos. Mein einziger Wermutstropfen: Die Infusion.

Auf der Anästhesie legen wir die Infusion generell am Handrücken. Wenn es dort nicht klappt, gehen wir weiter den Arm hinauf. Wir machen dies aus gutem Grund: Man stelle sich vor, wir stechen zuerst am Oberarm. Das klappt nicht. Am Unterarm klappt es dann aber gut, also laufen die ganzen Medikamente in die Vene im Unterarm. Die Vene am Oberarm hat aber ein Loch drin von unserem Fehlversuch, und im dümmsten Fall könnten da Medikamente aus der Vene ins umliegende Gewebe austreten und Schäden verursachen.

Die Patientin kam aber bereits mit einem Zugang, den die Pflege auf der Station gelegt hat – in der Ellenbeuge. Den Ort mögen wir überhaupt nicht, und heute werde ich herausfinden, warum.

Es ist Zeit, in den Operationssaal zu fahren. Ich löse alle Schläuche der Beatmungsmaschine. Ein Lagerungspfleger macht die letzten Vorbereitungen, damit die Patientin auch in der richtigen Position für die Operation liegt, und zieht dann den Operationstisch mit der schlafenden Patientin durch die Verbindungstüre von der Vorbereitung in den Operationssaal. Ich schiebe Beatmungsmaschine und Infusionsständer hinterher. Vorsichtig, koordiniert, wie immer.

Im Saal muss ich erst die Maschine wieder anschliessen. Die Kabel für Strom, Sauerstoff, Luft und Vakuum müssen in die jeweiligen Stecker, alle Geräte müssen am richtigen Ort stehen, den Wagen mit den Medikamenten muss ich auch noch aus dem Vorbereitungsraum holen. Das ist immer viel zu tun für einen alleine.

Mittendrin unterbricht mich der Perfusor, die kleine Maschine, welche die Schlafmittelspritzen automatisch bedient. Der Perfusor piepst. Ein Blick darauf verrät „Okklusion“, also irgend ein Verschluss im System. Gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine und meldet mir, dass etwas mit der Beatmung nicht stimmt. Weil die Atemfrequenz unter den von mir bestimmten Minimalwert fällt, piepst auch noch der Überwachungsmonitor. Das ist eine Menge Piepserei gleichzeitig.

Oh Shit.

Was ist das Problem? Systematisch analysiere ich im Kopf die Situation. Die Patientin hustet und lässt sich nicht mehr so gut beatmen. Das bedeutet in aller Regel, dass die Narkose nicht tief genug ist. Die Patientin schläft zwar, ihr Bewusstsein ist ausgeschaltet, aber ihr Körper stört sich an den Reizen. Dem Schlauch im Mund, der Beatmung, dem kalten Desinfektionsmittel, das die Chirurgin gerade aufträgt.

Ich vertiefe also die Narkose, stelle die Medikamente etwas höher. Nun piepst aber der Perfusor wieder, der nach wie vor eine Okklusion bemängelt. Aber warum? Die Hähne sind offen. Die Schläuche sind dran. Der Zugang…

Der Zugang.

Der Lagerungspfleger hat für die Saaleinfahrt den Arm der Patientin angewinkelt. Normalerweise kein Problem, aber hier liegt der Zugang im Ellbogen und wird wohl deshalb abgedrückt. Das ist mir nicht aufgefallen, weil der Arm unter den warmen grünen Tüchern versteckt ist, damit die Patientin nicht auskühlt, und ich habe nicht auf den Pfleger geachtet und nicht kontrolliert, ob alles in Ordnung ist.

Ich strecke den Arm und sehe, wie die Medikamente wieder laufen. Doch es ist zu spät: Die Patientin hatte zu lange keine Schmerzmittel und wacht langsam auf. Sie hebt vorsichtig den Kopf und versucht, umherzuschauen, aber ihre Augen sind mit Schutzklebern zugeklebt.

Ich weiss, dass sie bald wieder einschlafen wird, denn die Medikamente fliessen wieder in ihren Arm. Ich nehme die Kleber über den Augen weg.

„Wir sind im Operationssaal, die Operation hat noch nicht begonnen. Es ist alles gut, Sie dürfen noch ein wenig weiterschlafen“, beruhige ich sie. Sie ist noch im Halbschlaf, hört mich, kann mich aber nicht direkt anschauen oder mir antworten. Meine Stimme  beruhigt sie, sie legt sich wieder hin und schliesst die Augen. Sekunden später ist sie wieder im Tiefschlaf.

Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.

Passiert ist prinzipiell nichts Schlimmes. Die Patientin hatte keine Schmerzen, denn wir haben noch nichts gemacht. Das funktioniert eigentlich genau gleich, wie wenn sie nachher geplant aus der Narkose aufwacht: Wir stellen die Medikamente ab und warten, bis die Patientin wach ist und selber atmet, dann nehmen wir den Schlauch aus dem Mund und bringen sie auf die Überwachungsstation.

Die Patientin wird keinen Schaden davontragen. Das ist nicht wie diese gefürchtete Situation, wo man während der Operation wach wird, aber sich nicht bewegen kann, dieses sanfte Aufwachen wird ihr keinen Schrecken einjagen. Höchstens die zugeklebten Augen könnten sie irritiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie sich an nichts erinnern wird.

Der Rest der Operation verläuft komplett unauffällig, die Patientin wacht nach der Operation genauso sanft wieder auf. Auf meine Frage, ob sie gut geschlafen habe, grinst sie und antwortet mit einem langgezogenen, zufriedenen „jaaaaaaaa“.

Ich besuche sie auch später auf Abteilung nochmal. Tatsächlich kann sie sich an nichts erinnern. Die Medikamente, welche sie vor und während der Operation erhalten hat, löschen auch Erinnerungen (Achtung: nicht aber negative Gefühle oder Träume) aus.

Am Abendrapport lege ich vor versammelter Mannschaft die Ereignisse dar, und wir diskutieren gemeinsam, wie man eine solche Situation in Zukunft verhindern könnte. Ich werde die Patientin auch morgen noch einmal besuchen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und bei Venenzugängen im Ellbogen werde ich ab sofort immer ganz genau aufpassen – oder einen neuen Zugang an strategisch besserer Stelle legen, sobald die Patientin schläft, damit mir so etwas nicht noch einmal passieren kann.

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Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.

Google-Suchbegriffe

was misst man bei leblosen Personen als erstes

Ich beginne doch gleich mal ganz vorne. Das Szenario: ich sehe eine unbekannte Person, die nur noch unmotiviert herumliegt, und beschliesse, der Sache auf den Grund gehen zu wollen, weil man ja ein guter Mensch sein möchte und sich Sorgen macht, ob mit der Person alles in Ordnung ist. Wir gehen davon aus, dass es ein sicheres Umfeld ist, keine Strasse, keine Stromleitungen etc.

Zuerst mal spreche ich die Person an. Dazu fasse ich die Person an der Schulter und schüttle sie ein bisschen. Kneifen kann man, aber bitte nicht quälen.

Wenn die Person nicht reagiert, schaue ich, ob sie noch atmet. Wenn ja, lege ich sie in eine stabile Seitenlage und setze dann den Notruf ab.

Wenn nein, hole ich mir wenn möglich Hilfe dazu, setze einen Notruf ab und beginne mit der Wiederbelebung: Oberkörper frei machen, 30mal auf die Mitte des Brustbeins drücken, gefolgt von 2 Beatmungsstössen. Wenn möglich, beauftrage ich jemanden, mir einen Defibrillator zu beschaffen.

Aber die Frage war ja, was misst man denn da? Der aufmerksame Leser stellt fest: Messen tu ich auf der Strasse generell nichts. Nicht mal den Puls, zumindest als Laie. Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, einen Puls zu spüren, wo keiner ist, und man verliert nur unnötig Zeit damit.

Meine Empfehlung: Besuch doch mal wieder einen Kurs! In der Schweiz gibt es ein flächendeckendes Angebot von Reanimations- und Nothelferkursen durch Samaritervereine, und es schadet nicht, seine Kenntnisse aufzufrischen. (Ich selber bin seit über 10 Jahren bei den Samaritern dabei, bis also vielleicht etwas voreingenommen)

nagelluxation

Eine Nagelluxation ist, wenn der Finger- oder Zehennagel aus dem Nagelbett „springt“ und nicht mehr richtig hält. Ein neuer Nagel wird nachwachsen, aber das Nagelbett ist sehr empfindlich, weshalb man den luxierten (sozusagen „ausgerenkten“) Nagel dann in der Regel drauflässt, bis ein neuer Nagel nachkommt. Das ist etwa das Einzige, bei dem mir immer ein bisschen schlecht wurde auf der Chirurgie. Übrigens habe ich da einen Beitrag dazu.

was ist hintergrund intibation

Hmmm… Also erstens mal denke ich, dass du Intubation meinst, aber den Begriff „Hintergrund Intubation“ habe ich noch nie gehört.

Intubation nennt man den Vorgang, wenn man einen kleinen Schlauch (den Tubus) durch Mund oder Nase in die Luftröhre des Patienten schiebt, um diesen künstlich zu beatmen. Das kann man nur, wenn der Patient tief in Narkose oder leblos ist. der Schlauch geht dabei bis nach den Stimmlippen, weshalb es vorkommt, dass Patienten etwas heiser sind oder Halsschmerzen haben, wenn sie aufwachen.

wie merken anästhesisten dass ein patient nicht nühtern ist

Das merken Anästhesisten dann, wenn halb- oder unverdaute Nahrung aus dem Magen nach oben steigt. Dann ist es allerdings schon zu spät, weil das Erbrochene in die Luftröhre fliesst (das nennt man Aspiration) – es kommt zu schweren Lungenentzündungen, zu Sauerstoffmangel und oft sogar zum Tod des Patienten. Eine andere Methode gibt es nicht, wir haben keinen Röntgenblick.

Wenn wir bereits im Voraus wissen, dass ein Patient nicht nüchtern ist, dann warten wir entweder, bis er es ist, oder wir treffen Vorkehrungen, um die Aspiration zu verhindern.

Wenn du es darauf ankommen lässt, dass der Anästhesist nichts merkt, weil du ja auf gar keinen Fall auf dein Brötchen verzichten kanns, spielst du mit deinem eigenen Leben. Kann ich nicht empfehlen. Finde ich übrigens auch dem Anästhesisten gegenüber nicht fair, der sich dann den eigenen Allerwertesten aufreissen muss, um deinen zu retten, denn glaub mir, das findet der auch nicht besonders spassig.

schockraum reanimation

Nichts Schönes. In den Schockraum werden Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen gebracht. Da wuseln dann eine Menge Menschen herum, Mediziner, Chirurgen, Anästhesisten natürlich, Pflegende aus verschiedenen Bereichen, Radiologen, was es dann eben so braucht. Es gibt alle möglichen Geräte, die schnell zur Hand sind, damit die Beteiligten rasch eine Arbeitsdiagnose und damit auch einen vorläufigen Plan erstellen können.  Für eine Reanimation ist es meist der ideale Ort, weil alle Ressourcen vorhanden sind – aber oft finden Reanimationen nicht dort, sondern irgendwo auf der Station statt.

rega telefon

1414. Ganz einfach. Aus dem Ausland  ist es +41 333 333 333, übrigens auch, wenn man irgendwo gestrandet ist und medizinische Hilfe benötigt. Die Rega hat ein Verzeichnis von Ärzten und Spitälern, die Englisch oder Deutsch sprechen, und kann auch logistisch behilflich sein. Eine unterstützenswerte Sache (und hoffentlich irgendwann mal mein Arbeitgeber).

Rahels Regeln

Als kleine, ahnungslose Studentin habe ich im praktischen Jahr zwei Monate auf der Inneren Medizin in einem mittelgrossen Spital verbracht. Die Stelle trat ich direkt nach drei Monaten Anästhesie in einem anderen Spital an – und da hatte ich mich so wahnsinnig wohl gefühlt, dass ich nach dem Wechsel in ein totales Motivationsloch kam. Noch heute ist Innere für mich etwas grundsätzlich Böses. Ich vergleiche Innere gern mit den Dementoren aus Harry Potter: Sie saugen alles Glück, alles Gute und Schöne aus dir raus und hinterlassen nur Leere, Schmerz und Traurigkeit. Das ist Innere für mich.

Den ersten Monat verbrachte ich auf einer internistischen Station. In der ersten Woche hatte ich eine Assistenzärztin relativ frisch ab Staatsexamen, die noch immer komplett überfordert war und sich entsprechend kaum um mich kümmern konnte. Ab der zweiten Woche war dann Rahel für mich zuständig.

Rahel war schon etwas weiter, im dritten oder vierten Assistenzjahr, glaube ich. Sie hat mich von Anfang an voll eingebunden – ein bisschen auch als Sekretärin und Dienstbotin, aber das habe ich gern für sie gemacht, weil es sich lohnte. So schrieb ich während der Visite die Verlaufseinträge, führte Telefonate mit allen möglichen Hausärzten und externen Kliniken und ging für sie ans Telefon, wenn sie gerade beschäftigt war. Dafür hatte ich schnell zwei, drei eigene Patienten, welche ich unter ihrer Supervision behandelte, was für sie einen erheblichen Mehraufwand bedeutete. Ausserdem erkannte sie schnell, dass ich nicht ganz ungeschickt mit Nadeln war und liess ihre „Connections“ bei anderen Assistenzärzten spielen, um mir möglichst viele Blutentnahmen aus Arterien zuzuschaufeln. Sie organisierte auch zwei Tage auf der Intensivstation und ein paar Lungenspiegelungen für mich – Rahel war super.

Rahel hatte es aber nicht ganz einfach. Als Frau mit klarer Linie, definierten Vorstellungen von ihrem Aufgabenbereich und von Prioritäten und vor allem der Eigenschaft, Dinge direkt anzusprechen und ihre Meinung kund zu tun, kam sie beim Chef nicht gut an. Gar nicht. Er war weder fair noch anständig zu ihr, und im ganzen Stress, der Dauerbelastung, Schlafmangel, einfach allem, was ein Stationsarzt auf der Inneren halt so hat, ging sie manchmal unter. Ich hütete ihre Telefon, wenn sie sich auf der Toilette im Büro einschloss, um zu weinen, schreien oder einfach durchzuatmen. Sie war, in meinen Augen, eine echt gute Ärztin in einem echt schlechten Umfeld. Ein Vorbild bis heute.

Rahel hat mir sehr viel beigebracht, unter anderem ihre Regeln, die einem das Arbeiten einfacher machen. Diese Regeln begleiten mich bis heute, und über so manche hab ich bereits geschrieben. Diese Regeln waren unter anderem:

  • Arbeite parallel, nicht seriell. Wenn du eins nach dem anderen machst, bist du um Mitternacht noch da.
  • Arbeite vorausschauend. Beginne gleich bei Eintritt, den Austrittsbericht zu schreiben, und passe ihn fortlaufend an, das gehst viel schneller, als wenn du nach einer Woche Spitalaufenthalt alles nochmal durchackern musst, weil du nicht mehr alles präsent hast. Mach heute schon alle Austrittspapiere für morgen fertig, vielleicht sogar für übermorgen. Nur für den Fall.
  • Stell dich gut mit der Pflege. Gib dir extraviel Mühe damit. Wohlwollende Pflege bedeutet mehr Geduld ihrerseits, bessere Zusammenarbeit, einfachere Problemlösung (sie verpfeifen dich nicht gleich, wenn mal was nicht gut ist, sondern kommen erst mal zu dir), und gelegentlich auch mal Kaffee oder Essen, wenn sie Kuchen haben zum Beispiel.
  • Beim Anfordern von Berichte oder Diagnoselisten: Sprich nicht mit der Sekretärin. Die hilft dir nicht weiter. Die will irgendwelche ausgefüllten Schweigepflichtsentbindungsformulare, oder hat keine Lust zu faxen, was auch immer. Verlange immer direkt den Dienstarzt. Der sitzt im gleichen Boot wie du und versteht, wie dringend du Infos brauchst.
  • Sag auch mal nein. Zu Angehörigen, zu Patienten, zur Pflege. Zu deinen Vorgesetzten. Du musst nicht abends um Sieben ein unangekündigtes Angehörigengespräch führen, du darfst auch mal nach Hause. Und es gibt Dinge, die sehr gut jemand Anderes erledigen kann, du musst dich nicht um alles kümmern, was an dich herangetragen wird.

Diese Regeln habe ich seither versucht, zu beherzigen. Mit manchen hatte und habe ich mehr Mühe, zum Beispiel mit dem „Nein sagen“, aber alles in allem sind es sinnvolle Grundsätze, die mir die Arbeit leichter machen.

Rahel wollte Onkologin werden. Ich hoffe, sie hat es geschafft, und macht etwas, das sie glücklich macht, an einem Ort, wo sie sich wohl fühlt.

Begeisterungsstürme

Frau Gerber ist 90 Jahre alt und bekommt eine neues Knie.

Ja, mein erster Gedanke war auch „Ernsthaft, in dem Alter?“ Bis ich Frau Gerber dann zum ersten Mal getroffen habe. Topfit war sie, geistig wie körperlich. Ich hab schon so manchen 70jährigen in deutlich schlechterem Zustand gesehen. Sie lebt noch allein und war bis vor kurzem recht selbständig, aber die äusserst starken Knieschmerzen haben ihr das Leben in letzter Zeit sehr schwer gemacht.

Frau Gerber bekommt eine Spinalanästhesie (einen Stich im Rücken, bei dem das Rückenmark betäubt wird). Auf Aufforderung sitzt sie auf, agil wie ein junges Reh.

Der Stich ist nicht einfach. Die Bänder, durch welche ich durchstechen muss, sind verknöchert, es ist schwierig, sie vom Knochen abzugrenzen. Dennoch klappt es nach ein paar kleinen Winkeländerungen der Nadel gut, und ich spritze das Medikament. Pflaster drauf, fertig.

Ich trete hinter ihrem Rücken hervor und stelle mich vor sie, während meine Kollegin sie vorsichtig zurück auf den Rücken legt.

„Sie spüren jetzt, dass das Mittel zu wirken beginnt, es wird etwas warm im Gesäss“, informiere ich Frau Gerber. „Es wird jetzt eine Weile dauern, bis es vollständig wirkt und die Beine einschlafen.“

Frau Gerber schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Ja… Haben Sie denn jetzt die Spritze gemacht?“, ruft sie aus.

Ach neeee, nicht schon wieder ein „du bist ja so jung, Kindchen“, schiesst es mir durch den Kopf.

„Ja, das war ich“, antworte ich, schon leicht resigniert.

„Sie sind ein Genie!“, schreit sie begeistert. „Ich hab ja gar nichts gespürt! Genial!“

Nun muss ich lachen. Ich glaube nicht, das Lob verdient zu haben, denn besonders am Anfang hatte ich meine liebe Mühe mit den verkalkten Bändern, aber annehmen tu ich es natürlich trotzdem gern. Man wird ja nicht jeden Tag als Genie bezeichnet.

Back to the roots

Kürzlich hat mich jemand gefragt: „Wolltest du schon immer Ärztin werden?“

Gut, die Frage habe ich schon öfters gestellt bekommen. Aber im ganzen Stress der letzten Wochen und Monate war es ein Augenöffner, mich mal wieder darauf zu besinnen, wie alles begann. Zurück zu den Ursprüngen eben. Back to the roots.

Wollte ich denn schon immer Ärztin werden? Meine früheste Erinnerung ist mit etwa vier Jahren. Ich sitze auf dem Hochbett und soll schlafen, dabei bin ich doch noch nicht müde! Meine kleine Schwester schläft aber schon im unteren Bett, also muss ich leise sein. Mein Lieblingsspiel: Die Turtles (genau, Leonardo, Raphael, Donatello und Michelangelo) kommen nach einer anstrengenden Jagd auf Superschurken zurück ins Hauptquartier, wo ich sie verarzten muss. Ich lege Verbände an, klebe Pflaster und verabreiche Spritzen.

Ja, irgendwie wollte ich wohl tatsächlich schon immer Ärztin werden.

Allerdings wird man ja irgendwann, wenn man etwas älter wird, auch ein bisschen realistischer. Für eine lange Zeit war das Ziel, Ärztin zu werden, für mich etwa so erreichbar wie Astronautin, Prinzessin oder Schauspielerin. Nur sehr kluge Menschen werden Ärzte. Solche, die gut in der Schule sind, gerade in naturwissenschaftlichen Fächern. Ich war gut in Sprachen und Musik.

Ein Arzt, das war ein fleissiger, sehr kluger Mann für mich. Diszipliniert und ambitioniert. Ich selber war eine Chaotin mit schlechten Noten in Bio, Chemie und Physik, ein Kindskopf. Fürs Gymnasium hat es gereicht, trotz anfänglichen Schwierigkeiten kam ich auf eine gute Matura. Alle Türen standen mir offen, aber Ärztin stand für mich trotzdem nicht zur Debatte. Es kam mir nicht einmal in den Sinn, genauso wenig wie Astronautin, Prinzessin oder Schauspielerin.

Nach der Matur wollte ich Lehrerin werden. Musiklehrerin, genauer gesagt. Ich bestand aber die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule knapp nicht, und musste mir für ein Zwischenjahr einen Job suchen, um die Zeit bis nur nächsten Aufnahmeprüfung zu überbrücken. Über Kontakte meines Vaters bewarb ich mich als Pflegepraktikantin in einem kleineren Privatspital und erhielt die Stelle für drei Monate. Dabei schwindelte ich noch beim Bewerbungsgespräch: Ich behauptete, Medizin studieren zu wollen.

Den Umstand, dass ich mich dann doch noch an den Numerus Clausus getraut habe, obwohl ich in meinen Augen ja kaum dafür geeignet war, verdanke ich ausschliesslich dem Pflegeteam „meiner“ Station, insbesondere Beni, mein Lieblingspfleger. Er und auch viele andere Pflegefachpersonen auf der Station fragten mich wieder und wieder, ob ich nicht doch Medizin studieren möchte. Ich antwortete immer, dafür sei ich nicht klug genug. Das sei nichts für mich.

„Aber du bist doch so interessiert“, antwortete er dann. „Du fragst so viel, liest alles nach.“

Tatsächlich. Ich las in freien Minuten am liebsten in irgendwelchen Lehrbüchern, die da im Stationszimmer standen, hatte immer tausende Fragen. Hin und wieder getraute ich mich sogar, die Ärzte etwas zu fragen. Steter Tropfen höhlt den Stein, und so begann ich, es mir langsam aber sicher ernsthaft zu überlegen.

Nach zwei Monaten bat mich die Stationsleiterin zum Gespräch und eröffnete mir darin, meinen Vertrag auf ein halbes Jahr verlängern zu wollen. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben einen „richtigen“ Job, und ich entdeckte, dass ich gar nicht schlecht war darin. Ein grossartiges Gefühl, das mir damals viel Selbstvertrauen gegeben hat.

Übrigens: Viele Jahre später erfuhr ich, dass meine Eltern heimlich eine Wette abgeschlossen hatten, wie lange ich das Praktikum durchziehen würde. Sie schätzten, ich würde nach kurzer Zeit kündigen, die Zeiten lagen da wohl zwischen zwei Wochen und einem Monat. Sie sahen mich nicht in einem Job in dem ich Langschläferin um 7Uhr Arbeitsbeginn hatte, Schicht und mit Menschen arbeiten musste, und dazu noch all die nicht ganz so appetitlichen Aufgaben wie Nachttöpfe putzen und Menschen waschen erledigen sollte. Als ich ihnen vom geplanten Gespräch erzählte, dessen Inhalt ich da ja noch nicht wusste, gingen sie davon aus, dass ich die Kündigung erhalten würde. Danke übrigens, dass ihr immer an mich geglaubt habt, Mama und Papa ❤

Tatsächlich meldete ich mich schliesslich für den Numerus Clausus an. Ich fand eine Kollegin, welche mit mir darauf lernte (sie hat mich durch die ersten zwei Studienjahre gebracht und ist jetzt Zahnärztin). Wir bestanden beide.

Die Aufnahmeprüfung für die Musikhochschule machte ich auch nochmal, allerdings eher meinen Eltern zuliebe, die mir einen Vorbereitungskurs dafür bezahlt hatten. Ich bestand wieder nicht, was mich nicht überraschte, weil ich mir nicht besonders Mühe gab. Traurig war ich auch nicht darüber. Mein Ziel war längst ein anderes.

Die Stationsärztin

‚Wissen Sie Bescheid, welche Antibiose der Patient erhalten soll?‘, fragt mich der Chefarzt der Orthopädie, als er in den OP kommt.

Der Patient hat einen Protheseninfekt – eine Art Super-GAU auf der Ortho – und ich weiss, dass ich ihm nicht die normale Prophylaxe verabreichen durfte. ‚Keine AB präop!!!!‘ stand rot und unterstrichen auf dem Anästhesieblatt. Mehr hingegen weiss ich nicht.

‚Also, da gab es ein Infektiologie-Konsil‘, erklärt der Chef. Er hat es ausgedruckt und an die Wand geklebt, und liest mir daraus vor. ‚Vancomycin 1g alle 12 Stunden. Ceftazidim 2g alle 8 Stunden.‘

‚Soll ich die jetzt gleich verabreichen?‘ Die müsste ich noch organisieren, die haben wir nicht im OP.

‚Nein, bitte erst, wenn ich es sage. Ich wiln erstmal noch Proben entnehmen. Aber das ist ganz wichtig, Vanco alle 12, Ceftazidim alle 8 Stunden, ja?‘ Er dreht sich um,tum sich für die OP zu waschen

Antibiotika zu verordnen ist nicht mein Job. Das muss ich noch kurz loswerden, nicht, dass es zu Missverständnissen kommt. ‚Also verordnen muss das die Stationsärztin. Aber ich treib die erste Gabe auf und verabreiche sie, sobald Sie mir Bescheid geben.‘

Er nickt, und dreht sich dann noch einmal zu mir um, eine Augenbraue hochgezogen.

‚Stationsärztin?‘, sagt er in leicht spöttischem Unterton.

Ach komm schon. Das haben wir schon tausendmal diskutiert. Die Anästhesie verordnet die Schmerzmittel, Infusionsmengen und etwas gegen Übelkeit. Für chirurgiespezifische Dinge wie Ernährung, Blutgerinnselvorbeugung und Antibiose sind die Chirurgen selber verantwortlich, und das besprechen wir jetzt nicht nochmal.

Aber der Chefarzt will auf etwas ganz anderes heraus. ‚Ist das jetzt modern, dass man Stationsärztin sagt? Weil soviele Frauen hier arbeiten?‘ Spöttisch. Und ein bisschen genervt.

Beinahe möchte ich ihn auslachen. Ach, Frauen unter der männlichen Form einzuordnen ist seit Ewigkeiten okay, aber das Umgekehrte geht dann nicht, ja?

‚Nein… Der Patient kommt von der Station E5, dort ist Pauline Lefort zuständige Stationsärztin. Weiss ich zufällig.‘

‚Hmmm… Das ist dann wohl ein Argument‘, sagt der Chefarzt, dreht sich wieder um und geht sich waschen.

Schon tragisch, wenn deine Männlichkeit plötzlich durch eine weibliche Form eines ganz normalen Wortes bedroht ist, gell.