Die Folgen des Leichtsinns

Frau Elmer ist 85 Jahre alt. Das hält sie aber nicht davon ab, noch voll am Leben teilzunehmen. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt sie noch alleine und selbständig zuhause. Um fit zu bleiben, geht sie ins Altersturnen, unternimmt Wanderungen mit ihren Seniorengruppen und geht täglich mit dem Göttergatten spazieren. Daneben kümmert sie sich auch gerne um ihre sechs Enkel. Einkaufen und Haushalt erledigt sie selbst.

Eines Morgens bricht sie auf, um mit dem Bus in die Stadt zu gehen. Sie betritt den Bus und will sich auf den erstbesten freien Platz setzen, doch dort sitzt eine junge Frau, die den Kopf schüttelt: „Da ist mein Koffer, sorry.“

Kein Problem, hinten sind ja noch mehr Plätze frei. Frau Elmer bewegt sich eine Reihe weiter nach hinten. In diesem Moment fährt der Bus los, und durch den leichten Ruck kommt die Ältere Dame ein bisschen aus dem Gleichgewicht. Sie schwankt und hält sich an einer Stange fest, um wieder fest auf beiden Beinen zu stehen. Doch noch bevor die sich wieder richtig fangen kann, macht der Bus eine Vollbremsung: Ein Fussgänger wollte noch kurz vor dem anfahrenden Bus über die Strasse rennen und hat sich verschätzt.

Das ist zu viel für die zwar noch rüstige, aber eben doch nicht mehr ganz so junge Rentnerin. Sie stürzt zu Boden.

Sofort eilt ihr der Busfahrer zu Hilfe. Sie hat Schmerzen in der Brust, Schmerzen beim Atmen, Schmerzen bei jeder Bewegung. Der Busfahrer ruft eine Ambulanz und unterbricht seine Fahrt, bis der Rettungsdienst da ist. Grummelnd verlassen die anderen Passagiere den Bus und warten auf den nächsten, während Frau Elmer vom Busfahrer und einer anderen Passagierin auf einen Sitz gehievt und betreut wird.

So kommt Frau Elmer schliesslich auf meine Intensivstation. Sie hat sechs gebrochene Rippen, vier links und zwei rechts, dazu ein gebrochenes Brustbein. Da sie Blutverdünner nimmt wegen eines Vorhofflimmerns, hat sich ein grosser Bluterguss über dem Brustbein gebildet, und auch in ihre Brusthöhle hat es eingeblutet. Zum Glück nicht so stark, dass man einen Schlauch einlegen müsste, um das Blut abzusaugen, aber genug, damit sie in eine leichte Blutarmut fällt.

Rippenfrakturen werden häufig unterschätzt. Sie erfordern in der Regel keine Operation und man macht auch sonst nichts ausser Schmerztherapie – aber eben die Schmerzen sind das Problem. Sie lassen sich häufig nicht vollständig in den Griff kriegen. Besonders bei tiefer Atmung und beim Husten haben die Patienten starke Schmerzen, deshalb atmen sie oberflächlich und vermeiden es, zu husten.

Dadurch wiederum entwickelt sich häufig eine Pneumonie, und die dafür erhöhte Atemarbeit und das Abhusten des Schleims können die Patienten erst recht nicht aufbringen. Das ist dann häufig der Todesstoss.

Frau Elmer hat mehr Glück. Sie bleibt nur kurz auf der Intensivstation und verbringt danach noch fast zwei Wochen auf der Normalstation, wo die Physiotherapeuten jeden Tag mit ihr Atemtherapie durchführen. Die Schmerzmittel schlagen gut an. Sie bewegt sich viel, ich sehe sie oft in der Cafeteria und auf der Gartenterrasse, wo sie mit ihren Freundinnen zusammen in der Sonne strickt. Die Folgen des Unfalls wird sie allerdings noch lange spüren – sechs Wochen kann es dauern, bis Rippenbrüche verheilt sind, und viele Patienten haben noch lange danach Schmerzen.

Und alles nur, weil jemand sie nicht sitzen lassen wollte und jemand anderes keine fünf Sekunden warten konnte, um die Strasse zu überqueren. Aus Leichtsinn. Macht ja nichts, Bus ist ja halbleer, die Frau kann ja woanders sitzen. Macht ja nichts, muss der Bus halt kurz bremsen.

Manchmal scheint mir, Rücksicht zu üben ist heute einfach nicht mehr so zeitgemäss.

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Ich will jetzt mit einem Arzt sprechen!

Er war ein langer Tag. Wie immer hat er um 7:30 Uhr mit der Übergabe der Nachtschicht angefangen. Jetzt ist es 18:45 Uhr, ich bin müde und will nach Hause, muss aber noch eine Menge Schreibkram erledigen, bevor ich gehen kann. Noch eine dreiviertel Stunde, bis mich die Nachtschicht ablöst. Wenn ich bis dahin nicht alles fertig hab, mach ich Überstunden und erschwere dem Nachtdienst die Arbeit, weil die Dokumentation nicht aktuell ist. Doch dann klopft eine Pflegefachfrau an die Tür meines Büros.

„Hör mal, die Angehörigen von Frau Weissmüller sind da, und die möchten jetzt gern mit einem Arzt sprechen.“

Nun, es ist ja nicht so, als würde ich diese Gespräche generell nicht führen. Mir ist durchaus klar, dass die Zeit, während derer ein Patient im Spital, und ganz besonders auf der Intensivstation ist, anstrengend ist für die Angehörigen. Sie haben Angst, können die Situation nur schlecht einschätzen. Sie nehmen sich die Zeit, an freien Tagen oder abends nach der Arbeit vorbeizukommen, um eine Person zu sehen, sie sie kaum wiedererkennnen zwischen all den Schläuchen und piepsenden Apparaten, die vielleicht nicht einmal auf sie reagiert.

Mir ist auch klar, dass diese Angehörigen oft arbeitstätig sind, und nicht tagsüber verfügbar sind. Ich hab auch nicht grundsätzlich was dagegen, Gespräche um diese Uhrzeit auszumachen. Insbesondere, wenn jemand vorher kurz anruft, und sich ankündigt. Dann kann ich mich auch richtig vorbereiten.

Was mich stört – und das ist nicht nur bei uns so, sondern auch auf der Normalstation – ist die Selbstverständlichkeit und Nachdrücklichkeit, mit der Patienten und Angehörige spontan Gespräche einfordern. Auf der normalen Station ist das um diese Zeit unter Umständen ein Problem, denn die Stationsärztin ist um 19Uhr „schon“ zuhause (nach Arbeitsbeginn um 7 Uhr oder noch früher), oder versucht noch, in Ruhe ihren Bürokram erledigen, für den sie sonst keine Zeit hat. Wenn dann nachdrücklich ein Arzt „eingefordert“ wird, muss der Dienstarzt kommen, der den Patienten nicht kennt, und eigentlich auf dem Notfall beschäftigt ist. Von dem kriegt man auch keine richtige Antwort, denn er kennt ja den Patienten nicht, und das wiederum ist auch unbefriedigend.

Auf der Intensivstation ist das generell ein bisschen komplizierter. Zwar ist immer ein Arzt oder eine Ärztin auf Station, rund um die Uhr, doch man muss sich ein bisschen organisieren können, um Zeit für Gespräche zu schaffen. Das ist möglich, wenn ein Termin vereinbart wird. Um zwei ist der Ultraschall von Herr Meier, aber um drei kann ich das einrichten, wenn nicht grade irgendwas lebensbedrohliches dazwischenkommt.

Aber bei spontanen Einforderungen von Gesprächen ist das manchmal schlicht nicht möglich. Gerade kam Herr Horowitz aus dem Schockraum mit dem septischen Schock, und sowohl die Frau von Frau Weber wie auch die Tochter von Herr Huber haben gerade jetzt „ein paar Fragen“. Da Herr Horowitz blöderweise verstirbt, wenn wir uns nicht jetzt um ihn kümmern, hat er Vorrang gegenüber Frau Weber, die seit einer Woche hier ist, und Herr Huber, mit dessen Tochter ich bereits gestern zwei Gespräche und heute ein Telefonat geführt habe.

Kommt jemand unangekündigt während des Tages oder ruft an, nehme ich mir die Zeit, wenn ich sie irgendwie einrichten kann. Nach 19Uhr wäge ich ab. Habe ich heute oder gestern schon mit diesen Angehörigen gesprochen und es hat sich seither nichts Neues ergeben, lehne ich in der Regel ab und überlasse dem Nachtdienst die Entscheidung, ob er oder sie sich darum kümmern möchte. Bei Patienten, welche im Sterben liegen oder auf der Kippe stehen, bei solchen, bei denen es Neuigkeiten gibt, oder neue Patienten, mit deren Angehörigen noch kein Arzt gesprochen hat, gehe ich vorbei.

Einr grosse Rolle spielt dabei die Pflege. Meine Pflegefachfrauen und -männer kennen mich, wissen, wie ich arbeite und womit ich jeweils grade beschäftigt bin. Sie können bei den Angehörigen schon mal die Weichen stellen. „Die Angehörigen von Frau Weissmüller sind da. Ich hab denen gesagt du bist grade noch mit einem neuen Patienten beschäftigt und hast nachher Übergabe, es kann sein, dass du keine Zeit hast. Aber vielleicht, wenn du’s dir einrichten kannst?“ Dann könnte ich sie jeweils schon umarmen.

Das ist aber nicht selbstverständlich. So klagte erst kürzlich eine Kollegin, die Pflegenden auf ihrer chirurgischen Station würden stets sagen „Natürlich, die Ärztin kommt gleich“, egal, ob es schon 20Uhr ist und die Kollegin schon seit zwei Stunden Feierabend hätte. Sie ist ja noch da, also muss sie für alle sofort verfügbar sein. Wie sie dann dem Chefarzt am nächsten Tag die Überstunden erklären soll, die sie eigentlich nicht machen darf, und die entsprechend auch einfach wieder gelöscht und somit nicht bezahlt werden, ist ja ihr Problem. Pech gehabt.

Darum, als Tipp: Meldet euch einfach vorher an, das macht alles viel einfacher. Ruft an und fragt, ob der Arzt vielleicht heute abend um Sieben kurz Zeit hätte, ihr kämt dann vorbei. Bittet im Voraus um Termine, wenn ihr physisch herkommt, oder fragt telefonisch um Auskunft. Dann nehmen wir uns auch gerne die Zeit, sind gut vorbereitet und können kompetent Auskunft geben.

Einfach so auftauchen, fordern und dabei vielleicht noch unverschämt werden, das – find ich zumindest –  geht gar nicht.

Alltag im Spital: Die Intensivstation

Nachdem wir letzthin geklärt haben, was eine Intensivstation (IPS) überhaupt ist, beantworte ich heute die Frage: Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Was ist eigentlich meine Aufgabe, als Assistenzärztin auf der IPS?

Als ich auf der IPS zu arbeiten begonnen habe, musste ich mir diese Frage natürlich erst mal selber beantworten – und war danach ganz schön ernüchtert. Denn ehrlich, so hab ich mir das irgendwie nicht vorgestellt.

Meine Aufgaben umfassen vor allem Dokumentation (Briefe und Verläufe schreiben, Diagnoseliste aktuell halten und so weiter) und Gespräche und Telefonate halten. Gespräche mit Angehörigen, mit Spezialisten aller möglichen und unmöglichen Fachgebiete im Hause oder in anderen Kliniken, mit Hausärzten, Physiotherapeuten oder Ernährungsberatern.

Morgens um 7:30 bekomme ich die Übergabe von der Nachtärztin und gehe dann auf die erste Runde, um mir ein klinisches Bild der Patienten machen zu können. Danach folgt die erste kurze Besprechung und Visite der chirurgischen Patienten mit den Kaderärzten der Chirurgie und Anästhesie und gleich anschliessend die Besprechung der medizinischen Patienten mit den medizinischen Kaderärzten.

Als nächstes folgt die eigentliche Visite. Zusammen mit einem Kaderarzt sowie der jeweiligen Bezugspflegeperson gehen wir am Computer jeden Patienten sorgfältig und strukturiert durch, legen Medikamente und Tagesziele fest und beschliessen Untersuchungen. Das gibt eine rechte To do-Liste. Wenn diese Visite vorbei ist, habe ich Zeit, diese abzuarbeiten.

Mittags findet meist eine Fortbildung für die medizinischen Assistenzärzte statt, an denen ich teilnehmen darf, wenn ich Zeit dafür finde. Am Nachmittag finden Gespräche mit Angehörigen statt, oder die Spezialisten kommen für irgendwelche Untersuchungen, zum Beispiel Magenspiegelungen oder Lungenspiegelungen, psychiatrische Beurteilungen und so weiter. Ich telefoniere mit Hausärzten, um alte Berichte, aktuelle Diagnoselisten oder Medikamentenlisten anzufordern, oder um die Hausärzte über den aktuellsten Stand zu informieren. So geht der Tag dann auch rum, und um 19:15 kommt der Nachtdienst, dem ich wiederum eine Übergabe mache.

Am Patienten selber mache ich eigentlich wirklich nur sehr wenig – das hat mich etwas ernüchtert und gefällt mir auch nicht so gut. Auf der Anästhesie, da war ich direkt am Patienten, die ganze Zeit. Ich habe alle Installationen selber gemacht, von Blutdruckmanschette und EKG über Venenzugang und Urinkatheter bis zum Tubus, habe überwacht und notiert, habe mit den Patienten geredet. Den (bisweilen zwar nur  kurzen) Kontakt mit dem Patienten erlebte ich viel intensiver. Hier machen die Pflegenden fast alles selber, mich braucht es in erster Linie für zentrale Zugänge und Arterien. Das war’s.

Nachts bin ich allein. Es gibt den Kaderarzt der Anästhesie, den ich beiziehen kann, wenn ich Probleme habe, und auch einen internistischen Hintergrund kann ich immer anrufen (und das auch wirklich, die sind sehr nett und hilfsbereit, auch nachts um drei). Als „Notnagel“ haben wir auch noch unseren ärztlichen Leiter im Rücken, der mir in meiner ersten Woche gesagt hat: „Bevor du zu weinen beginnst oder die Treppe zum Dach hochsteigst, rufst du mich an.“ Das meint er auch so, und manchmal, wenn er weiss, dass wir besonders viele schwierige Patienten haben, ruft er vor dem Zubettgehen auch noch kurz an, fragt, ob es uns gutgehe und erkundigt sich nach den kritischen Patienten.

Allerdings ist es nachts auch eher ruhig, weshalb ich dann oft zu meinen Kolleginnen und Kollegen auf dem Notfall geselle. Dort kann ich die Chirurgen bei internistischen Fragen und die Internisten im Schockraum unterstützen. Wir Assistenzärzte arbeiten nun mal alle sehr gut zusammen. Wenn dann alles ruhig bleibt, kann ich irgendwann schlafen gehen. Vier Stunden pro Nacht wären mir vertraglich gegönnt, meist sind es weniger, aber das ist immer noch besser als gar kein Schlaf.

So richtig eingelebt habe ich mich auch nach über drei Monaten noch nicht, was auch daran liegt, dass ich praktisch keine Einarbeitungszeit hatte und hauptsächlich nachts, am Wochenende und an Feiertagen arbeite. Aber ich schlage mich wacker, zumindest meiner Meinung nach. Klagen hab ich bisher jedenfalls noch keine gehört.

Scheint so zu passen.

Frau Wegeners letzte Reise

Frau Wegener ist 74 Jahre alt, und eit über einer Woche bei uns auf der Intensivstation. Als sie zu uns kam, dachten wir erst, die Niere sei das Problem – die war zuvor schon schlecht, sie war seit Jahren an der Dialyse – doch im Verlauf stellte sich heraus, dass es vor allem das Herz ist, das nicht mehr mitmacht.

Frau Wegener erhielt viele Untersuchungen und Therapien für Niere und Herz. Zudem hatte sie auch eine schwere Lungenerkrankung und noch so manch anderes, schwerwiegendes Problem, welche wir alle auch versuchten, zu verbessern – ohne Erfolg. Im Gegenteil: Der Patientin geht es nur immer schlechter, sie ist zunehmend verwirrt und müde, bis sie schliesslich kaum mehr auf Ansprache reagiert. Ihr Herz pumpt kaum mehr, hat keine Kraft, starke Medikamente sind nötig, damit sie überhaupt einen messbaren Blutdruck hat.

Schliesslich finde ich mich eines Sonntags mit ihrer Familie in meinem Büro wieder: Zwei Töchter und ein Sohn , alle um die 50 Jahre alt, sitzen mir gegenüber, um über Frau Wegeners Zukunft zu reden. Denn von uns aus ist es klar: Eine Besserung ist nicht in Sicht, und es ist Zeit, eine Entscheidung zu fällen.

Es ist mein erstes Gespräch dieser Art, und da Sonntag ist, hat auch mein Hintergrund keine Zeit, mich zu unterstützen („Sag mir dann, wie’s gelaufen ist. Erzwing nichts, schau einfach mal, in welche Richtung es geht.“) Ich bin nervös, habe Angst, nicht die richtigen Worte zu finden.

Das hab ich so auch gegenüber der zuständigen Pflegefachfrau geäussert. Ich weiss nicht, ob ich das kann. Was, wenn ich etwas Falsches sage? Etwas Dummes? Was, wenn ich mich falsch ausdrücke, die richtigen Worte nicht finde? Ich hab noch nicht einmal so einem Gespräch beigewohnt, konnte nie von jemand anderem lernen, und nun sitze ich hier, im eiskalten Wasser. Schwimm, kleines Ärztlein, schwimm!

Die Pflegefachfrau hat Erbarmen mit mir. „Die richtigen Worte kommen von ganz allein, glaub mir.“ Als die Angehörigen zum vereinbarten Termin kommen, schliesst sie sich uns spontan an. Sie sitzt neben mir, schweigend, die Angehörigen am runden Tisch uns gegenüber schauen mich erwartungsvoll an.

Ich beginne mir einer Zusammenfassung der Hospitalisation, vom Eintritt der Patientin bis heute. Die Untersuchungsergebnisse, die Therapieversuche. Ich will nicht um den heissen Brei herumreden, ich will Tatsachen auf den Tisch legen und klare Verhältnisse schaffen. So komme ich rasch auf den Punkt.

„Das Herz Ihrer Mutter arbeitet nicht mehr, es hat keine Kraft. Wir haben alles versucht, aber es reicht nicht. Sie hat auf keine unserer Therapien angesprochen. Sie ist seit einer Woche an der Dialysemaschine und sie hat starke Medikamente für ihren Kreislauf – sie ist auf Maschinen und Schläuche angewiesen. Wir sehen leider keine Aussicht auf Besserung.“

Das muss sich nun erstmal setzen. Die Töchter beginnen zu weinen, auch der Sohn hat feuchte Augen. Nach einer Weile der Stille fahre ich fort.

„Was für uns jetzt wichtig ist, ist, herauszufinden, was Ihre Mutter in dieser Situation möchte. Sie hat keine Patientenverfügung, aber hat sie sich Ihnen gegenüber mal geäussert? Können Sie sich vorstellen, was sie uns heute sagen würde, wenn sie es könnte?“

Ein paar Momente vergehen. Schliesslich platzt der Sohn heraus: „Sie hätte das nicht gewollt!“

Seine jüngste Schwester nickt unter Tränen. „Ein Leben an Maschinen? Niemals. Und vor allem, wenn Sie sagen, es wird nicht besser.“ Sie schluchzt leise, ihre Stimme bricht. Ihre Schwester nimmt sie in den Arm. Die Packung Tachentücher auf dem Tisch leert sich langsam.

Ich fühle mich von den Gefühlen überrannt. Ich kenne Frau Wegener nun auch schon sehr gut, habe ihre Leidensgeschichte mitverfolgt, gesehen, wie rasch sie sich verschlechtert hat. Ihre drei erwachsenen Kinder mir gegenüber tun mir unendlich leid. Auch mir kommen die Tränen, doch ich beisse sie zurück. Jetzt nicht. Nachher dann.

„Wissen Sie“, beginnt der Sohn, „das ist ja nun das vierte Mal innerhalt der letzten Monate, dass wir an diesem Punkt sind. Jedes Mal dachten wir, jetzt ist es soweit. Jedes Mal hat sie sich wieder gefangen. Nun ist es halt soweit.“ Die Tränen fliessen ihm die Wange herunter, aber er wirkt gefasst und entschlossen. Wieder bleibt es eine Weile still.

„Was geschieht denn nun?“, presst die mittlere Tochter heraus. „Wie geht es weiter?“

„Wenn wir uns entschliessen, die Therapie abzubrechen, werden wir ihr Schmerzmittel geben, die anderen Medikamente langsam abstellen und die Schläuche, die sie noch hat, ziehen. Sie wird keine Schmerzen haben und langsam einschlafen. Sie dürfen selbstverständlich kommen und gehen, wie sie wollen, und immer bei ihr sein. Die Besuchszeiten gelten nicht mehr für Sie. Schliesslich wird ihr Herz stehenbleiben.“

Die drei schauen sich an, und nicken schliesslich. Sie stellen mir noch einige Fragen – wird sie auch sicher keine Schmerzen oder Angst haben, wie lange geht es, bis sie stirbt, was geschieht danach und so weiter. Ich beantworte alle Fragen, die ich beantworten kann.

Als alles gesagt ist, frage ich: „Wollen wir noch zusammen zu Frau Wegener gehen?“ Ihre drei Kinder bejahen. Zusammen gehen wir zur Patientin. Nun verliert auch der Sohn die Fassung. Als er zu seiner Mutter ans Bett tritt, schluchzt er plötzlich laut, wendet sich ab, setzt sich auf einen Stuhl. Seine Schwestern beziehen Stellung links und rechts des Patientenbettes. „Jetzt darfst du gehen, Mama. Bald bist du bei Papa, der freut sich bestimmt auf dich.“

Das wars. Ich kann nicht mehr. „Ich ruf den Oberarzt an“, murmle ich zur Kollegin von der Pflege. Die nickt. Ich verlasse das Zimmer und fliehe in mein Büro. Schon auf halbe Weg laufen mir die Tränen herunter. Im Büro verbrauche ich noch die übrigen Taschentücher auf dem verlassenen Tisch, an dem wir gerade Frau Wegeners Tod besprochen haben.

Als ich das nächste Mal ins Patientenzimmer komme, sind die Schläuche schon alle weg, nur die Infusion mit den Kreislaufmedikamenten läuft noch. „Die Angehörigen gingen kurz raus an die frische Luft. Wenn sie wiederkommen, werde ich hier schrittweise reduzieren“, informiert mich die Kollegin von der Pflege. Frau Wegener tritt ihre letzte Reise eine gute Stunde später an, als ihre Kinder gestärkt und gefasst zurückkehren.

Frau Wegener verstirbt friedlich im frühen Morgen, im Beisein ihrer Töchter und ihres Sohnes, umsorgt, begleitet und geliebt.

Das Auge des Sturms

Der Nachtdienst hat schon stressig begonnen. Die Kollegin vom Tagdienst hat kurz vor meinem Antritt eine Patientin im septischen Schock aufgenommen und kämpft jetzt um ihr Leben. Ausserdem hat sie noch 5 weitere Patienten, welche sie mir rapportieren muss. Zeit hat sie grade keine dafür.

Ich gehe ihr zur Hand, als sie den arteriellen und den zentralvenösen Zugang legt, bis schliesslich etwa um Zehn das Diensttelefon klingelt: Auf einer chirurgischen Station ist ein Patient im Status epilepticus. Die Anästhesistin sei schon da gewesen und habe verfügt, dass ich mich darum kümmern und den Patienten auf die Intensivstation nehmen soll. Ich solle auch gleich einen Zugang legen und ein Medikament spritzen.

Ich eile auf die altersunfallchirurgische Abteilung, auf welcher der Patient liegt. Er ist im Bett, ein Oberarzt und zwei Assistenzärztinnen der Chirurgie sowie eine Pflegefachfrau stehen daneben. Ich habe das Medikament, welches den Krampf beenden soll, mitgebracht. Der Zugang ist rasch gelegt, das Medikament gespritzt – nach kurzer Zeit schon liegt der Patient wieder ruhig da. So kann ich ihn auf die Intensivstation nehmen.

Nun kommt der interessante Teil: Warum hatte der Patient überhaupt den Krampfanfall? Wir überprüfen mittels Schnellanalyse einige Blutwerte, die aber alle völlig normal sind. Ich hab keine Ahnung, wonach ich überhaupt suchen muss, also lese ich erst mal nach. Die Kollegin ist nach wie vor mit ihrer Patientin beschäftigt, sieht aber wohl meinen ratlosen Gesichtsausdruck und wirft mir im Vorbeigehen ein paar Worte an den Kopf wie „malignes neuroleptisches Syndrom“. Hab ich glaub ich mal im Studium gehört. Das lese ich dann gleich als Nächstes nach.

Der Patient ist stabil an der Überwachung, Blutdruck und Atmung sind völlig normal, aber vom Medikament von vorhin und vom Krampfanfall her schläft er tief und fest. Seine Hirnfunktionen kann ich so nicht überprüfen. Ich möchte eine CT-Aufnahme des Gehirns haben, um zu sehen, ob da irgendwas nicht gut ist. Ich spreche das kurz mit dem chirurgischen Oberarzt ab, der sein Einverständnis gibt.

Ich muss den Patienten, zusammen mit einer Pflegekraft, ins CT begleiten – er könnte ja nochmal einen Anfall haben. So stehe ich um elf Uhr nachts im CT-Steuerungsraum, wo ich mich mal kurz setzen und nochmal mein kleines schlaues Buch hervorholen kann. Erst jetzt merke ich, wie gestresst ich bin. Ich hatte noch nicht mal Rapport, die Kollegin vom Tagdienst ist nachts um Elf immer noch da (die hat morgens um halb Acht angefangen, aber ehrlich, ohne sie wäre ich grade völlig aufgeschmissen), es herrscht Chaos, alle sind genervt. Ich stehe unter Strom.

Auf Ruf der Radiologiefachfrau betritt der Radiologe den Raum – es ist der Chefarzt, der Dienst hat. Es ist das erste Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeite – meine Aufregung nimmt noch ein bisschen zu. Er lächelt in die Runde, setzt sich an einen PC und schaut sich das erste Bild an.

„Na, was hat er denn?“, fragt er mich freundlich und in ruhigem Ton. Ich hasple eine Zusammenfassung der letzten Stunde zusammen. Er lächelt immer noch. Die Radiologiefachfrau fährt jetzt die erste Untersuchung. Gebannt schauen wir auf die entstehenden Bilder.

„Wie läuft’s denn so bei euch?“, fragt mich der Chefarzt.

Ich schnaube. „Riesenstress. Wir haben vorhin eine Patientin im septischen Schock bekommen, und jetzt kommt er noch dazu. Ich hab noch fünf weitere Patienten, und von der Pflege ist jemand krank. Ein echtes Chaos“, platzt es aus mir heraus.

Der Radiologe lächelt wieder. Kann diesen Mann wohl irgendwas aus der Ruhe bringen? „Ach das ist ja blöd… Immer alles auf einmal, was? Was habt ihr denn für einen Verdacht bezüglich des epileptischen Anfalls?“

Ich sage es ihm ehrlich: Ich hab keine Ahnung, habe an dieses und jenes gedacht, aber die bisherigen Untersuchungen waren alle in Ordnung. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schmunzelt der Radiologe daraufhin.

Inzwischen sind die ersten Bilder da. Wir sehen schon auf den ersten Blick grosse Hirninfarkte, einige davon älter, andere sehen frischer aus.

Der Gedanke, dass es „nur“ ein Hirninfarkt sein könnte, wirkt auf mich unendlich beruhigend. Das ist was, das ich kenne, ich weiss, was weiter zu tun ist. Die nächsten Schritte sind klar, die krieg ich problemlos hin.

Das weiss auch der Radiologe. „Na, da haben wir’s ja. Wir fahren noch das Kontrastmittel, aber Blutung sehe ich auf den ersten Blick keine. Wenn’s ein Infarkt ist, dann haben Sie ja schon die Antwort, und dann wissen Sie auch wie’s weitergeht, oder?“ Er spricht ruhig und aufmunternd.

Ich atme tief durch und packe das schlaue Büchlein weg. Mein Herz schlägt ruhiger, meine Zuversicht kehrt zurück. Zusammen nehmen wir den Patienten zurück auf die Intensivstation, wo er die Nacht noch ausschlafen darf, während ich mich mit den Kollegen von der nächsten Stroke-Unit rückspreche. Die Neurologin am Telefon ist schrecklich nett. Sie ruft nach Rücksprache mit ihrer Oberärztin prompt zurück und tischt mir ein vernünftiges, durchdachtes Prozedere auf, welches ich nur noch umsetzen muss.

Danach geht alles irgendwie einfacher. Manchmal braucht es einfach nur jemanden, der ein bisschen Ruhe verbreitet. Das ist die Art Ärztin, die ich gerne mal sein will. Die ruhige, freundliche, die die jüngeren Kollegen ermutigen und stärken kann. Die den Überblick hat, weiss was zu tun ist, alles unter Kontrolle hat. Das Auge des Sturms.

Da arbeite ich noch dran.

Ohne dich wär‘ alles doof

Es ist mitten in der Nacht. Wir haben vor zwei Stunden eine Patientin im septischen Schock bei Lungenentzündung und kurz darauf einen Patienten mit unklarem epileptischen Anfall bekommen und hatten alle Hände voll zu tun, doch nun endlich scheint alles einigermassen aufgegleist. Die Kollegin vom Tagdienst hat Überstunden gemacht, um mir zu helfen und ist nun auch endlich nach Hause. Ich habe ein riesige To-Do-Liste, welche ich abarbeiten muss.

Punkt eins: „Picco-Katheter legen“. Na dann.

Ein Picco-Katheter ist ein Schlauch mit einer Sonde dran, den man in der Leiste in die Arterie einlegt. Zusätzlich braucht man einen Schlauch in der oberen Hohlvene des Herzens. Nun kann man eine definierte Menge kaltes Wasser in den Schlauch in der Vene spritzen, damit wird dort das Blut kälter. Das kalte Blut fliesst nun durch das rechte Herz, die Lunge, das linke Herz und schliesslich in die Aorta und dann die Leistenarterie. Die Sonde in der Arterie misst den Temperaturunterschied des Bluts. Die daran angehängte Maschine kann nun zum Beispiel berechnen, wieviel Blut das Herz pro Schlag oder pro Minute auswirft, und noch einige andere nützliche Parameter.

Die Theorie kenn ich, aber gemacht hab ich das noch nie.Klar, ich hab schon diverse Schläuche in diverse Gefässe gelegt, aber halt noch nie genau diesen genau in der Leiste. Glücklicherweise habe ich mit Andrea eine der erfahrensten, freundlichsten Pflegefachpersonen des Teams an meiner Seite. Sie hat schon das ganze Material vorbereitet.

„Ich hol dann mal den Ultraschall“, verkünde ich.

Andrea prustet los. „Wozu brauchst du denn den?“

„Damit ich sehe, wo ich stechen muss?“

„Ach ihr Anästhesisten mit eurem Ultraschall… Taste doch mal. Spürst du den Puls? Da must du hin. Dazu brauchst du keinen Ultraschall.“

Ich vertraue Andrea. Sie hat mir schon so oft gute Tipps gegeben, sie weiss einfach extrem viel. Wenn sie sagt, ich könne das, dann kann ich das auch.

Ich taste den Puls. Der ist nicht zu verfehlen. Na dann, los gehts.

„Ach ja, und ich hab das ganze Bett abgedeckt. Macht also nix, wenn ein Bisschen was daneben geht, okay? Ignorier das einfach und kümmer dich um den Katheter“, zwinkert mir Andrea noch zu.

Ich desinfiziere die Leiste, ich decke alles steril ab und bereite das Material vor. Ich inspiziere besonders den Katheter gut. Sieht aus, wie alle anderen Schläuche auch. Scheint machbar zu sein – natürlich, Andrea hat’s ja gesagt. Und eigentlich hat sie recht – wenn ich Katheter in die Arterie am Arm lege, brauche ich in der Regel auch keinen Ultraschall, sondern taste und steche zu.

Ich spüre den Puls noch immer gut. Um es mir etwas leichter zu machen, spritzt Andrea noch ein Medikament, welches den Blutdruck etwas erhöht. Von dem Medikament braucht die Patientin ohnehin schon extrem viel, ohne war ihr Blutdruck bei 70/30mmHg, jetzt ist sie grade auf einem guten Niveau. Mit der kleinen Extragabe steigt der Blutdruck noch ein bisschen, so kann ich den Puls besser tasten. Tief unter meinem linken Zeigefinger pulsiert die Arterie.

Ich nehme die Kanüle und steche durch die Haut in die Richtung, aus welcher das pulsierende Gefühl kommt. „Da hast du’s!“, ruft Andrea aus. Aus der Kanüle tropft Blut, schnell und ebenfalls pulsierend. Tropf, tropf, tropf. Jetzt sollte es schnell gehen.

Ich führe einen dünnen, flexiblen Draht durch die Kanüle in die Arterie ein. Dabei rutsche ich mit der Spitze der Kanüle wieder aus der Arterie und muss den richtigen Ort wieder finden. Ein paar Millimeter vor, und da tropft es wieder. Diesmal geht der Draht problemlos rein, und ich kann die Kanüle rausziehen.

Als nächstes schiebe ich den weichen Katheter über den Draht in die Arterie. Das gestaltet sich schwierig.

„Komm schon, mit Schmackes!“, spornt mich Andrea an. „Drücken drücken drücken… Siehst du? Klappt doch prima.“

Der Schlauch ist drin und Andrea reicht mir den Verbindungsschlauch für die Messung, nun brauche ich ihn nur noch anzunähen. Das ist der einfachste Part. Schliesslich kann ich alle spitzen Kanülen entsorgen und meine schweissnassklebrigen sterilen Handschuhe ausziehen. Puh.

„Na also. Hast du prima gemacht!“ Sie klopft mir auf die Schulter, ich fühle mich, als hätte sie ein Sternchen im mein Heft geklebt. „Das hat super geklappt, und du hast noch nichtmal eine Sauerei gemacht! Top! Jetzt geh und trink was und leg die Füsse ein paar Minuten hoch, das waren jetzt ein paar echt stressige Stunden. Danach schauen wir uns mal die ganzen Parameter an, ja?“

Tatsächlich, das ist meine erste Pause seit über vier Stunden. Ich trinke etwas Wasser, Andrea geht eine rauchen, dann treffen wir uns am Patientenbett wieder,  analysieren die Messergebnisse zusammen und einigen uns auf das Vorgehen für die nächsten zwei Stunden. Ich hab einen Algorithmus dafür und muss nur die richtigen Pfade finden. Andrea kennt den Algorithmus in- und auswendig, wartet aber geduldig, bis ich selber zum richtigen Ergebnis komme.

Irgendwann darf ich ein Nickerchen machen gehen, so ist das nachts geregelt, weil man keine richtigen Pause während der 13h Schicht hat. Die Pflegenden könen mich jederzeit anrufen, doch heute kann ich ungestört zwei Stunden schlummern.

Als ich zurück auf die Station komme, haben sich sämtliche Werte der Patientin verbessert. Was vor ein paar Stunden noch kritisch bis lebensbedrohlich aussah, ist nun „nur“ noch ernst, aber machbar. Frau P. wird es schaffen.

Ohne Pflegefachpersonen wären wir nix.

Was ist die Intensivstation?

„Sag mal, was ist eigentlich eine Intensivstation?“

Das hat mich meine Mutter kürzlich gefragt – und dabei ist mir wieder mal bewusst geworden, dass viele Dinge, die für mich selbstverständlich sind, es gerade für medizinische Laien eben nicht sind. Manchmal vergesse ich das. Darum heute und hier ein kleiner Einblick in die Welt der Medizin, wo nichts zu teuer und alles machbar ist. Oder auch nicht.

Die Intensivstation ist ein gesonderter Bereich im Spital, der nicht einfach zugänglich ist. Betreten kann man sie nur mit Badge, für Angehörige gibt es ein Wartezimmer mit Gegensprechanlage, im Gegensatz zur Normalstation, wo man sich freier bewegen kann.

Die Patientenzimmer haben je zwei Plätze, trennbar durch einen Vorhang, mit einer Schiebetür aus Glas, dass man jederzeit hineinschauen kann. Jeder Patientenplatz ist mit einem Arsenal an Maschinen ausgestattet – verschiedene Monitoren zur Überwachung von allem, was man irgendwie überwachen kann, Spritzenpumpen, Beatmungsgeräte. Die Pflege hat auch kein eigentliches „Schwesternzimmer“. Ihre Arbeitsplätze sind, mit Blick auf die Patientenzimmer gerichtet, hinter einer Glasscheibe, sodass sie eben jederzeit sehen können, was wo vorgeht.

Das ist wichtig, denn auf der Intensivstation liegen die kränksten Patienten. Patienten, die beatmet werden müssen, deren Blutdruck, Herzrhythmus oder Puls jede Sekunde beobachtbar sein muss, weil es jederzeit lebensgefährliche Probleme geben kann. Patienten, die in einen künstlichen Schlaf versetzt werden müssen, damit ihr Körper besser heilen kann. Manchmal sind es auch Patienten, die in einem verwirrten Zustand sind, und die einfach eine sehr enge Betreuung brauchen, welche man auf der Normalstation nicht gewährleisten kann.

Damit erschliesst sich auch schon ein weiterer Unterschied zur Normalstation: Der Betreuungsschlüssel. Während auf Normalstationen eine Pflegekraft für 5, 6 oder mehr Patienten zuständig ist, sind es hier nur etwa eins bis drei, je nach dem, wie aufwändig die Patienten sind. Die Patienten auf der Intensivstation benötigen, wer hätte es gedacht, intensivere Pflege und Betreuung.

Wir sind eine gemischte Station, das heisst, wir haben internistische und chirurgische Patienten. An einem typischen Tag haben wir zum Beispiel unter anderem:

  • Patient A, 87jährig, der gestern Nacht eine notfallmässige Bauchoperation bei Darmverschluss hatte, und der seither kreislaufunterstützende Medikamente braucht
  • Patientin B, 67jährig, die schon viele Jahre lang eine COPD hat und sich nun eine Lungenentzündung eingefangen hat, weshalb ihre Atmung erschöpft ist. Sie ist intubiert und eine Maschine übernimmt die Schwerstarbeit, bis die Lungenentzündung etwas abgeklungen ist und sie selber wieder atmen mag
  • Patient C, 72jährig, kam heute morgen mit dem Rettungswagen, weil er Brustschmerzen hatte. Es wurde ein Herzinfarkt diagnostiziert, er wurde in ein anderes Spital verlegt und bekam dort Stents. Die Kollegen haben ihn danach zu uns zurückgeschickt, nun ist er noch bei uns zur Überwachung
  • Patientin D, 18jährig, hat vor drei Tagen eine ganze Packung Paracetamol geschluckt, weil ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Sie ist hier, bis ihre Leberwerte wieder besser sind, danach wird sie in die Psychiatrie überführt
  • Patientin E, 52jährig, hat eine Blutvergiftung. Ihr Körper ist im Ausnahmezustand. Sie ist intubiert und im künstlichen Koma und bekommt eine Menge verschiedener Medikamente, die ihr Überleben ermöglichen sollen.

All diese Patienten haben ganz andere Schwerpunkte und Probleme. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen älter sind und schon eine Reihe an anderen Erkrankungen mitbringen, welche alle auch Probleme machen können. Das ist eine grosse Herausforderung für das ganze Team.

Für die Patienten ist die Situation meist schwer zu erfassen. Da sind eine Menge fremder Menschen, die alles Mögliche an ihnen machen, sie verstehen oft nicht, was um sie herum geschieht.

Auch für die Angehörigen ist die Intensivstation meist kein schöner Ort. Sie sehen ihre Liebsten schwerkrank in einem Bett, an zahllose Schläuche und Bildschirme angeschlossen. Die Besuchszeiten sind beschränkt, es dürfen nur zwei Personen gleichzeitig ans Bett. Der Ausgang ist häufig ungewiss, man macht sich grosse Sorgen.

Doch wir haben auch viele schönen Erlebnisse. Zum Beispiel, wenn Patientin B ihre Augen zum ersten Mal wieder öffnet. Wenn Patientin E ihre ersten eigenen Atemzüge seit Tagen nimmt. Wenn Patient A das erste Mal Stuhlgang hat (ja, wir sind manchmal mit wenig zufrieden) und ein paar Stunden am Stück im Lehnstuhl sitzen kann. Wenn Patient C’s Familie zu Besuch kommt und er vor Freude strahlt.

Was genau meine Rolle in dem Ganzen ist, erzähle ich euch dann nächste Woche.

Meine Erlebnisse im und ums Spital