Die Stationsärztin

‚Wissen Sie Bescheid, welche Antibiose der Patient erhalten soll?‘, fragt mich der Chefarzt der Orthopädie, als er in den OP kommt.

Der Patient hat einen Protheseninfekt – eine Art Super-GAU auf der Ortho – und ich weiss, dass ich ihm nicht die normale Prophylaxe verabreichen durfte. ‚Keine AB präop!!!!‘ stand rot und unterstrichen auf dem Anästhesieblatt. Mehr hingegen weiss ich nicht.

‚Also, da gab es ein Infektiologie-Konsil‘, erklärt der Chef. Er hat es ausgedruckt und an die Wand geklebt, und liest mir daraus vor. ‚Vancomycin 1g alle 12 Stunden. Ceftazidim 2g alle 8 Stunden.‘

‚Soll ich die jetzt gleich verabreichen?‘ Die müsste ich noch organisieren, die haben wir nicht im OP.

‚Nein, bitte erst, wenn ich es sage. Ich wiln erstmal noch Proben entnehmen. Aber das ist ganz wichtig, Vanco alle 12, Ceftazidim alle 8 Stunden, ja?‘ Er dreht sich um,tum sich für die OP zu waschen

Antibiotika zu verordnen ist nicht mein Job. Das muss ich noch kurz loswerden, nicht, dass es zu Missverständnissen kommt. ‚Also verordnen muss das die Stationsärztin. Aber ich treib die erste Gabe auf und verabreiche sie, sobald Sie mir Bescheid geben.‘

Er nickt, und dreht sich dann noch einmal zu mir um, eine Augenbraue hochgezogen.

‚Stationsärztin?‘, sagt er in leicht spöttischem Unterton.

Ach komm schon. Das haben wir schon tausendmal diskutiert. Die Anästhesie verordnet die Schmerzmittel, Infusionsmengen und etwas gegen Übelkeit. Für chirurgiespezifische Dinge wie Ernährung, Blutgerinnselvorbeugung und Antibiose sind die Chirurgen selber verantwortlich, und das besprechen wir jetzt nicht nochmal.

Aber der Chefarzt will auf etwas ganz anderes heraus. ‚Ist das jetzt modern, dass man Stationsärztin sagt? Weil soviele Frauen hier arbeiten?‘ Spöttisch. Und ein bisschen genervt.

Beinahe möchte ich ihn auslachen. Ach, Frauen unter der männlichen Form einzuordnen ist seit Ewigkeiten okay, aber das Umgekehrte geht dann nicht, ja?

‚Nein… Der Patient kommt von der Station E5, dort ist Pauline Lefort zuständige Stationsärztin. Weiss ich zufällig.‘

‚Hmmm… Das ist dann wohl ein Argument‘, sagt der Chefarzt, dreht sich wieder um und geht sich waschen.

Schon tragisch, wenn deine Männlichkeit plötzlich durch eine weibliche Form eines ganz normalen Wortes bedroht ist, gell.

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Es mangelt

Lange, lange habe ich nicht von mir hören lassen – das tut mir leid. In letzter Zeit war mir nicht so nach Schreiben zumute.

Bei uns im Spital ist der Personalmangel ausgebrochen. Beziehungsweise, das ist natürlich Blödsinn, sagt da gleich der Ökonom: Wir haben nicht zu wenig Personal, wir hatten vorher zu viel. Wir waren zu teuer. Deshalb wurden Sparmassnahmen angekündigt: Jeder Bereich musste so-und-so-viel sparen, und so-und-so-viele Stellen abbauen. So.

Bei uns hat man das günstig lösen können. Einer meiner Assistenzarztkollegen hat nach nur einem halben Jahr gekündigt. Das kam nicht ganz so plötzlich. Er war sich bereits bei Stellenantritt in der Berufswahl nicht sicher, nachdem er zwei Jahre in einem grossen Haus gearbeitet und dort wohl recht verheizt worden war. Er hatte gehofft, ihm würden die Arbeitsbedingungen im kleineren Spital besser gefallen, aber die Hoffnung hatte sich leider nicht bestätigt. So zog er die Konsequenzen.

Er wurde nicht ersetzt. Somit sind wir von vier auf drei Assistenzärzte geschrumpft. 25% weniger Arbeitskraft. Und wer hätte es gedacht: Wir spüren das.

In jedem Operationssaal arbeitet jeweils ein Team aus zwei Personen, entweder zwei Anästhesiefachleute oder eine Anästhesiefachperson plus ein Assistenzarzt. Mit den Personalkürzungen, die ja nicht nur uns betreffen, können wir nun die überlappenden Wechsel nicht mehr immer anbieten.

Zuvor betreute jeweils einer den Patienten im Saal, der andere bereitete schon den nächsten vor. So konnten wir, sobald der Saal wieder frei war, gleich mit der nächsten Operation starten. Jetzt haben wir längere Wechselzeiten (schliesslich muss ja irgendjemand wieder frei sein, damit er den nächsten Patienten betreuen kann), wodurch sich das Programm in die Länge zieht, wodurch wir Assistenten länger im Operationsbereich bleiben müssen und erst viel später dazukommen, die Patienten für den nächsten Tag anzuschauen. Um trotzdem noch rechtzeitig zum Nachmittagsrapport bereit zu sein, müssen wir gleichviele Gespräche in weniger Zeit führen, was für die Patienten unangenehm ist und für uns einfach nur stressig und unbefriedigend.

Auch die Zeit im OP ist mühsamer. Wir wechseln häufig zwischen verschiedenen Sälen, sind nicht mehr so fix eingeteilt wie zuvor, weil einfach jeder dahin geht, wo gerade jemand gebraucht wird. Das erhöht das Fehlerpotential, weil man sich kurzfristig auf andere Patienten und Operationen umstellen muss und dabei Dinge übersehen kann, weil man schlechter vorbereitet ist.

Ach, und dann war ja noch der Sprechstundendienst: Eine von vier Wochen waren wir bisher ausschliesslich „draussen“, führten die Sprechstunden, sahen die Notfälle und visitierten die Schmerzpatienten. Da wir aber morgens mehr Leute im OP brauchen, beginnt nun derjenige, der den Dienst hat, den Morgen im OP und betreut eine Narkose, bevor er den Sprechstundendienst antritt. Den Dienstsucher hütet solange der Dienstkaderarzt.

Das klappt auch nicht, denn wer mach die Sprechstunden, während der Dienstarzt im OP ist? Irgendein Kaderarzt, der gerade Zeit hat. Auch hier bricht das völlige Chaos aus. Kaderärzte sind sich nicht gewohnt, die Sprechstunden zu machen, wissen nicht, was sie mit den ausgefüllten Formularen machen müssen. Die verschwinden dann auf mysteriöse Weise, was erst am Tag vor der Operation auffällt. Dann ist aber der betreffende  Kaderarzt nicht da, die arbeiten ja schliesslich alle nur gefühlte 40%, niemand kann Auskunft geben, niemand fühlt sich zuständig oder verantwortlich.

Wer badet das denn nun aus? Rhetorische Frage. Wir Assistenzärzte natürlich. Wir bekommen tausend „wo sind die Formulare“- Telefone. Wir dürfen uns dann darum kümmern, die Formulare suchen oder die Patienten für ein zweites Gespräch aufbieten.

Kurzum: So macht mir die Arbeit keinen Spass.

Das Problem: Allen anderen auch nicht, weil alle dieselben Probleme haben. So breitet sich eine negative Grundstimmung im ganzen Haus aus. Es gibt mehr Streit, weniger Verständnis, der Ton wir rauer. Man hat keine Zeit, um Konflikte zu besprechen, und eigentlich auch keine Lust, weshalb sie schwelen und regelmässig ausbrechen. Jeder macht nur noch das, was er unbedingt muss, niemand fühlt sich für irgendwas zuständig, will sich um irgendwas kümmern.

So fährt man ein Spital an die Wand.

Das kleine Uhu-Mimimi

Disclaimer: Achtung, dieser Post erhält eine anständige Portion Mimimi.

Uhus. Medizinstudenten. Unterassistenten. PJler. Das sind alles Bezeichnungen für fast fertige Mediziner, welche ihre ersten, manchmal etwas wackeligen Schritte aus der grauen Theorie der Uni hinein in die Klinik wagen.

Auf der Chirurgie hab ich sie geliebt. Wenn man sich Mühe gab und sie richtig und sorgfältig einarbeitete, konnten sie einem viel Arbeit abnehmen. Insbesondere deutsche Uhus haben mich tatkräftig unterstützt. Das liegt nicht daran, dass deutsche Studenten per se besser sind, sondern daran, dass sie ihr praktisches Jahr später in der Ausbildung haben als Schweizer Studenten. Viele hatten einen Teil des Staatsexamens bereits hinter- oder kurz vor sich. Ausserdem wird in Deutschland im Studium mehr praktisch gearbeitet als in der Schweiz, weshalb praktische Fertigkeiten einfach schon ein bisschen besser sitzen, und zu guter Letzt bleiben deutsche Uhus nach Vorschrift etwa 4 Monate, was dann ein „Tertial“ genannt wird, während es für Schweizer Uhus keine solchen Vorschriften gibt, also bleiben sie je nach Interesse einen oder zwei Monate. Logischerweise ist man nach 3 Monaten besser eingearbeitet und selbständiger als nach einem.

Ich hatte manche , die in etwa gleich wie Assistenzärzte arbeiteten. Die Notfälle selbständig und direkt mit dem zuständigen Kaderarzt abhandeln konnten, ohne dass ich mich irgendwie darum hätte kümmern müssen. Zwei, drei Mal hatte ich Studentinnen, die schon ein paar Monate auf der Gynäkologie gemacht und mich auf der gynäkologischen Visite mehr als nur unterstützt haben.

Die grosse Mehrheit war selbständig, interessiert, engagiert und motiviert. Ihre Freude, wenn man ihnen etwas beibrachte, war ansteckend und lohnend. Auch ausserhalb des Spitals habe ich mit vielen von ihnen gerne Zeit verbracht, zusammen gekocht, getrunken oder gefeiert.

Auf der Anästhesie habe ich nun allerdings ein ganz anderes Verhältnis zu Uhus.

Studenten bleiben bei uns nur einen Monat. Nur ungefähr einmal im Jahr bleibt jemand für zwei. Das bedeutet, wir arbeiten alle vier Wochen jemanden komplett neu ein. In nur einem Monat kann man in diesem Fach jedoch keine Selbständigkeit erlangen, auch nicht als Assistenzarzt – das Einzige, was Studenten bei uns alleine tun dürfen, sind Narkoseaufklärungsgespräche bei einfachen, gesunden Patienten, die eine Vollnarkose erhalten. Alles Weitere machen sie ausschliesslich unter unserer direkten Supervision.

Jeden Monat fangen wir komplett bei Null an. Und dies ohne wirklichen Benefit. Ich muss weiter alles selber denken, aber nebenher noch kontrollieren, ob der Uhu auch keinen Unsinn anstellt – schliesslich muss ich seine Fehler ausbaden und dafür geradestehen.

An sich liebe ich Teaching, ich liebe es, Dinge zu erklären. Und zu erklären gibt es bei uns unendlich viel, da fangen wir oft beim Stoff des ersten und zweiten Studienjahres – Anatomie und Physiologie – an, denn wer hat das schon noch präsent? (Ich übrigens auch nicht, ich hab mich vor Stellenantritt wieder einlesen müssen.) Die ganze Medikamentenlehre kommt dazu, ein Riesenhaufen Querschnittwissen über Chirurgie, Innere und Radiologie, und dazwischen gesprenkelt manuelle Fertigkeiten, wie die Anlage eines Venenzugangs (für die meisten Uhus das erste Mal) oder die Intubation.

Was mir hier aber häufiger als zuvor fehlt, sind Interesse und Engagement.

Chirurgie und Innere sind prüfungsrelevant. Daher geben sich die meisten Studenten Mühe, möglichst viel mitzunehmen, denn das Staatsexamen steht ja praktisch vor der Tür.

Anästhesie hingegen wird im Studium völlig vernachlässigt. Die wenigen Vorlesungen sind kaum prüfungsrelevant, auch im Staatsexamen kommt höchstens eine Handvoll Fragen, und da haben viele Studenten Mut zur Lücke – alles kann man schliesslich nicht lernen. So suchen sich viele Studenten eine einmonatige Stelle auf der Anästhesie, damit sie wenigstens einen Einblick bekommen und sich passiv etwas Wissen aneignen können. Angehende Anästhesisten hatte ich hier noch keine – das Höchste der Gefühle ist am Ende des Monats die Aussage „Joah, also es war gar nicht soooo schrecklich langweilig, wie ich gedacht habe.“

Anästhesie benötigt konstantes Mit- und Vorausdenken – während der Narkose passiert etwa 80% der Arbeit in meinem Kopf. Das ständige Überdenken der aktuellen Werte in Abgleich mit meinen Zielwerten, wie werden die Werte in 5, 10, 30 Minuten sein, was beeinflusst alles meine Narkose, wo muss ich jetzt anpassen, damit ich nicht in einer Viertelstunde in irgendein Problem rassle… Das ist Arbeit, die ich schlecht kommunizieren kann, denn dann wäre ich ja nur am Quasseln. Und so kommt das dann häufig auch nicht so richtig rüber.

Ein Uhu hat dem Kollegen mal proaktiv und ohne was zu sagen die Narkose abgestellt, weil die Operation ja schliesslich vorbei war. Dass der Patient noch durch Medikamente gelähmte Muskeln hatte, und man ihn deswegen auf keinen Fall aufwachen lassen sollte, hat sich zwar der Kollege gedacht, der Uhu aber nicht – und Anästhesie ist doch so kinderleicht, da kann er mutig etwas mitmischen, also schaltet er die Spritzenpumpen aus. Aufgefallen ist es erst, als der Patient angefangen hat, zu husten und würgen. Ich hab meinen Kollegen noch nie so wütend gesehen.

Andere lassen ihr Desinteresse deutlicher aus: Eine Studentin hatte etwa zweimal pro Woche einen „Arzttermin“ oder sonst irgendwas und musste „früher nach Hause“, sprich spätestens um drei Uhr nachmittags. Das sprach sie dann jeweils mit der Chefarztsekretärin ab. Dem Chef selbst war es egal, und uns irgendwann auch. Die Studentin hat bei mir den ganzen Monat nie einen Tubus aus der Nähe gesehen – wenn du keinen Bock hast, dann hab ich auch keinen, sorry.

Die brauchbarsten haben wir in aller Regel in den Frühlings- und Sommermonaten. Im Herbst beginnt das praktische Jahr, dann können die meisten aus mangelnder Erfahrung kein Patientengespräch führen (denn sowas lernt man im Studium nicht wirklich), geschweige denn einen Patienten für eine Narkose aufklären oder ihn gesundheitlich grob einschätzen. Im Sommer haben sie schon einige Monate Praktikum in anderen Fächern hinter sich und finden sich schneller zurecht.

Und natürlich gibt es da trotzdem auch die richtig, richtig guten. Die, welche man in der letzten Woche auch mal eine Weile alleine in den Saal stellen kann, insbesondere bei Patienten in Teilnarkose. Die selbständig alles vorbereiten und die Medikamente für die Narkose aufziehen können. Die, welche auch etwas kompliziertere Patienten problemlos beurteilen und aufklären können. Die motiviert sind, uns enorm viel abnehmen können und vielseitig einsetzbar sind. Die gute Fragen stellen, auch mal was selber nachlesen, mitdenken, weissen, worauf es ankommt.

Die möchte ich dann am liebsten gar nicht mehr gehen lassen.

Grosse Erwartungen

„Du machst doch Narkosen, nicht?“, hat mich kürzlich eine Bekannte gefragt. „Ich hab nämlich vor kurzem eine ganz schreckliche Narkose gehabt.“

Ach je, was jetzt wohl kommt? „Oh… Was war denn nicht gut?“

„Na, also, die Narkose selbst war wohl in Ordnung, aber ich bin viel zu früh aufgewacht, die haben da überhaupt nicht richtig geschaut!“ Sie ist empört.

Ich weiss nicht recht, was ich sagen soll. Ich hasse es, mich zu Dingen äussern zu müssen, zu denen ich nicht genug Informationen habe. Was soll’s. „Zu früh? Als sie noch genäht haben oder so?“

Die Bekannte schaut mich entsetzt an. „Was? Nein! Aber ich lag noch auf dem OP-Tisch, und der war ganz hart und schmal. Und dann haben sie gesagt, ich muss selber in mein Bett hinüber rutschen! Ist das nicht unglaublich? Ich musste einfach selber ins Bett zurück!“

Damit wäre dann auch das Problem geklärt: Erwartungshaltung deckt sich nicht mit tatsächlichem Vorgehen.

„Das ist normal, das machen wir bei allen Patienten so. Du konntest doch rutschen, oder nicht?“

„Ja, aber das war total anstrengend und ich war noch so müde!“

„Nun, stell dir mal vor, ich müsste einen 100 Kilo Patienten alleine ins Bett tragen, das geht doch nicht. Patienten werden alle im OP auf dem OP-Tisch wach, zur Sicherheit. Falls irgendwas schiefgeht, muss alles verfügbar sein. Und die meisten Patienten können selber ins Bett rutschen, warum auch nicht? Sie sind wach und haben Beine.“

Die Bekannte ist nicht überzeugt, und ich habe den Verdacht, dass sie sich gerade still geschworen hat, sich nie in unserer barbarischen Stadtklinik operieren zu lassen.

Natürlich machen wir Ausnahmen, natürlich mpssen nicht alle Patienten selber ins Bett klettern. Bei Patienten mit Spinalanästhesie zum Beispiel, welche die Beine nicht bewegen können. Die können nun wirklich nicht selber rutschen. Aber sonst wachen alle Patienten auf dem OP-Bett auf. Wir ziehen den Beatmungsschlauch erst dann raus, wenn der Patient selbständig atmet und wach ist, sonst könnte er sich zum Beispiel verschlucken. (Allerdings erinnern sich die wenigsten Patienten daran, weil die Narkosemedikamente eine Gedächtnislücke bewirken.) Wenn der Schlauch raus ist, fahren wir zur „Schleuse“, dem Übergangsbereich vom OP zum „normalen“ Spitalbereich, wo der Patient dann auf sein Bett rutschen muss. Und bei neun von zehn Patienten klappt das hervorragend – auch bei betagten Patienten. Beim zehnten müssen wir dann doch etwas nachhelfen.

Alles in allem sehe ich das sehr häufig: Patienten haben eine gewisse Erwartung. Diese haben sie aus dem Fernsehen, oder aus Erzählungen von Kollegen, oder einfach aus ihrer eigenen Fantasie. Und warum auch nicht? Man kann ja schlecht wissen, wie etwas abläuft, wenn man es noch nie selbst erlebt hat.

Aber da ist man krank und fühlt sich schlecht, befindet sich in einer Umgebung, die einem fremd ist, mit fremden Menschen, auf die man plötzlich angewiesen ist, da ist man schnell verunsichert. Und wenn dann etwas nicht so ist, wie man es erwartet, dann denkt man schnell, etwas ist falsch oder schlecht, und vielleicht wird man dann auch mal sauer.

In solchen Fällen gilt es von unserer Seite, Verständnis zu zeigen und zu erklären. Manche Patienten brauchen auch einfach nur zu hören, es sei normal so, dann sind sie beruhigt. Klingt einfach.

Der Patient hat es da schon schwerer: Er muss das Gesagte auch nachvollziehen und akzeptieren können. Er muss uns ein Stück weit vertrauen, dass wir ihm keinen Unsinn erzählen, dass wir wissen, was wir tun, und dass es eben wirklich richtig ist, wie es ist. Je nach Patient, Charakter und gemachten Erfahrungen ist das dann nicht so leicht, manchmal vielleicht sogar fast unmöglich. Entsprechend ist der Patient nicht zufrieden, und wird seine Unzufriedenheit natürlich auch weitergeben. Das ist dann schade, weil die Unzufriedenheit auf einem schlichten Missverständnis beruht.

Meine Bekannte jedenfalls wird auch bei der nächsten Operation selber ins Bett rutschen müssen. Unabhängig davon, ob sie sich daran erinnert, oder nicht. Genau, wie die meisten anderen Patienten auch.

Wie sind Sie denn versichert?

Anruf auf mein Diensttelefon. Es ist die chirurgische Oberärztin auf dem Notfall.

„Hallo, ich hätte hier noch eine Patientin mit Blinddarmentzündung, Frau Stipic. 20 Jahre alt, gesund. Kannst du dir die noch kurz anschauen kommen? Oh, und bevor ich’s vergesse: Die ist halbprivat versichert.“

Jackpot: Halbprivat (HP) und privat (P) versicherte stationäre Patienten muss primär nicht ich, sondern ein Oberarzt/Kaderarzt anschauen, ausser es geht eben zeitlich nicht auf. (Übrigens: bei ambulanten Patienten gibt es keine Unterscheidung zwischen Allgemein, Halbprivat und Privat, da sind alle gleich.)

Ich rufe also meine diensthabende Oberärztin an.

„Ich bin grade noch im OP, aber so in einer halben Stunde kann ich runter gehen“, versichert sie mir. Super, muss ich nicht selber hin.

10 Minuten später habe ich erneut die Chirurgin dran. „Hör mal, die Patientin ist nun wahrscheinlich doch nicht HP versichert. Also es steht zwar auf ihrer Karte, aber sie weiss nichts davon. Wir lassen sie vorläufig mal allgemein laufen, also musst du wohl doch selbst kommen.“

Klar, kann ich machen. Muss ich wohl. Ich liebe dieses Hin und Her mit tausend Telefonaten und minütlichen Umentscheidungen.

Auf dem Notfall ist ziemlich viel los. Der zuständige Assistenzarzt gibt mir trotzdem netterweise eine kurze Zusammenfassung zur Patientin – „jung, gesund, keine Medikamente, raucht nicht, keine Allergien, hat seit gestern nichts gegessen“ – bevor ich zu ihr in die Koje gehe. Frau Stipic liegt im Bett, ein bisschen blass ums Näschen. Ihre Mutter sitzt daneben auf einem Stuhl.

Ich beginne mein Gespräch mit Frau Stipic mit den üblichen Fragen. Grösse, Gewicht, ein kurzer Abriss über körperliche Leistungsfähigkeit. Nach zwei Minuten unterbricht mich eine Pflegefachfrau.

„Entschuldigung, ich störe nur kurz, ich wollte nur nochmal fragen wegen dem Versicherungsstatus. Also ist das richtig, Sie wüssten nicht, dass Sie HP versichert sind?“

Ich liebe es ja, wenn ich so unterbrochen werde. Passiv-aggressiv werfe ich der Kollegin von der Pflege einen mässig begeisterten Blick zu. Sie hält jedoch ihr Versprechen und verschwindet nach einer Minute wieder.

Ich fahre weiter und erkläre Frau Stipic den genauen Ablauf um die Operation herum. Es ist ihre erste Operation, und sie ist nervös. Ich will mir darum die Zeit nehmen, ihr Dinge, die sie erschrecken oder beunruhigen könnten, zu erklären. Wenn sie eine gute Vorstellung davon hat, was sie erwartet, kommt sie vielleicht ein bisschen entspannter in den OP.

Doch es dauert nicht lange, und ich werde wieder unterbrochen. Diesmal ist es eine Dame von der Patientenaufnahme. Nicht nur ignoriert sie mich völlig und entschuldigt sich noch nicht mal für die Unterbrechung, sie hat auch einen Zettel mit Informationen dabei, die sie nun eine nach der anderen mit Frau Stipic und ihrer Mutter abgleicht.

Mein Blick hätte die Dame wohl zum Einfrieren bringen können. Liegt das an mir, dass mich das so wütend macht? Das ist hier ein ärztliches Gespräch, noch dazu ein für die Patientin (und mich) recht wichtiges. Muss man das wirklich zweimal wegen des Versicherungsstatus unterbrechen? Dauernde Unterbrechungen stören nicht nur das Gespräch, sondern verunsichern Patienten auch unnötig.

Ich überlege mir, zu protestieren. Aber wie bringe ich das höflich rüber, oder zumindest so, dass es vor der Patientin keinen schlechten Eindruck macht? Ich bin schrecklich schlecht mit solchen Informationen, und prinzipiell eher jemand, der die Faust im Sack macht, innerlich kocht und, naja, eben solche passiv-aggressiven Blicke oder Bemerkungen macht. Nicht die optimale Art, ich weiss.

Als schliesslich herauskommt, dass auch das Geburtsdatum irgendwie nicht stimmt, entscheiden sich Aufnahmedame und Mama von Frau Stipic, gemeinsam nochmal zum Aufnahmeschalter zu gehen und den Fehler zu suchen. Ich atme auf und kann nun endlich mein Gespräch beenden.

Oder auch nicht: Die Tür öffnet sich und die Medizinstudentin auf der Chirurgie betritt die Koje. Jetzt reicht’s mir.

„Guck, ich will hier einfach nur mein Gespräch beenden. Das ist jetzt das dritte Mal, dass jemand reinkommt, also warte bitte einfach, bis ich fertig bin, ja?“

Die Studentin schaut mich leicht verschüchtert und sehr entschuldigend an. „Ich wollte dich nur kurz was fragen, hast du herausgefunden, ob sie Voroperationen hat?“

„Sie hat keine“, knurre ich. Die Studentin schiebt schnell die Schiebetür wieder zu und huscht davon.

Jetzt endlich kann ich doch noch auf den Punkt kommen. Ein paar Minuten später habe ich die Unterschrift der Patientin, und sie lächelt mich sogar an. Gewonnen. Ich verlasse das Zimmer mit dem festen Vorsatz, das nächste Mal aber wirklich meine ärztliche Autorität (jap, da muss ich tatsächlich selber drüber lachen) auszuspielen und zu sagen, dass die Anderen zu warten haben, wenn ich eine nervöse Patientin für ein Gespräch habe.

Tun werde ich es wahrscheinlich trotzdem nicht, aber den Vorsatz kann man sich ja man fassen.