Adieu Mythos: Sedierung und Narkose

Heute möchte ich mit einem Irrtum aufräumen, dem ich tagtäglich in der Sprechstunde begegne.

Wenn ich Patienten für eine Narkose aufkläre, frage ich immer: „Hatten Sie schon einmal eine Vollnarkose?“

Viele Patienten antworten darauf: „Ja, für die Magen-/Darmspiegelung!“

Das ist allerdings nicht das Gleiche, und ich möchte hier den Unterschied darlegen.

Eine Magen- oder Darmspiegelung ist ja keine sehr angenehme Vorstellung. Um es ein wenig angenehmer zu machen, bekommen Patienten dafür tatsächlich dasselbe Schlafmittel, wie wir es für eine Vollnarkose verabreichen: Propofol.

Das sieht dann so aus: Die Patientin erhält einen Venenzugang. Ein Clip am Finger misst die Sauerstoffsättigung im Blut, und alle 5-10 Minuten misst automatisch ein Gerät den Blutdruck. Dann erhält die Patientin ein wenig Propofol. Genug, damit sie wegdöst. Nun kann der Spezialist die Untersuchung durchführen. Alle paar Minuten, oder wenn die Patientin sich zu fest bewegt, wird wieder ein bisschen nachgespritzt.

Wichtig: Patienten atmen dabei selber. Ihr Blutdruck und ihre Sauerstoffsättigung werden überwacht. Es ist nur ein leichter Schlaf, der Patient ist weckbar und reagiert auf Schmerz- und andere Reize.

Man nennt das eine „Sedierung“. Wir wenden sie auch im OP an, zum Beispiel zusätzlich zu einer Teilnarkose oder örtlichen Betäubung, falls nötig.

Bei einer Vollnarkose geben wir meist auch Propofol, aber in viel grösseren Mengen. Dazu brauchen wir auch mehr Überwachung: Blutdruck alle 2-5 Minuten, Sauerstoffsättigung und EKG sind Standard, je nachdem kommen weitere Dinge (zum Beispiel eine Art Hirnstrommessung, eine Messungdes Blutdrucks in der Arterie und so weiter), je nach Grösse der Operation und natürlich nach Gesundheitszustand der Patienten.

Da Propofol aber nur den Schlaf ermöglicht, braucht es für eine Narkose noch andere Medikamente, zum Beispiel ein Schmerzmittel, in der Regel ein Opiat (zum Beispiel Fentanyl oder Remifentanil). Oder je nachdem auch ein Medikament, das die Muskeln lähmt.

Bei der hohen Menge an Propofol setzt die Atmung aus und muss von der Maschine übernommen werden. Dazu legt man einen Schlauch direkt in die Luftröhre (Tubus, Intubation) oder eine Art weiches Luftkissen über den Kehlkopf (Larynxmaske). Für beide Methoden gibt es jeweils Gründe dafür oder dagegen, und der Anästhesist oder die Anästhesistin entscheidet, welche Methode für den Patienten die richtige ist.

Sobald die Atmung aufgehört hat, wird der Patient über eine Sauerstoffmaske erstmal mit dem Beutel beatmet. Wenn das gut geht, wird der Tubus oder die Larynxmaske eingelegt und mit der Beatmungsmaschine verbunden. Die Maschine wird dann von Anästhesiepersonal, ob nun Arzt oder Pflege, so eingestellt, dass die Beatmung richtig für die jeweiligen Patienten ist. Das Propofol läuft daraufhin aus einer Spritzenpumpe kontinuierlich in den Patienten. Alternativ kann man nach der Intubation auch Narkosegas verabreichen.

Ist die Operation fertig, werden die Medikamente abgestellt, und man wartet, bis der Patient wieder von alleine atmet. Wenn er wach genug ist – er kann auf Aufforderung die Augen öffnen oder die Hand drücken, kann schlucken und atmet selbständig – zieht man den Tubus oder die Larynxmaske wieder raus.

Also die wichtigsten Punkte: Patienten atmen nicht selber, sondern werden künstlich beatmet. Es braucht viel mehr Überwachung, und es ist ein sehr tiefer Schlaf, bei dem der Körper auf Schmerzreize nicht mehr reagiert und nicht weckbar ist.

Die Sedierung ist also sozusagen der kleine Bruder der Narkose. Das ist für uns bei weitem nicht dasselbe, weil bei einer Narkose viel mehr Medikamente eingesetzt werden und eine bessere Überwachung nötig ist, und weil der sehr tiefe Schlaf auch einige zusätzliche Risiken birgt.

So, wieder mal was gelernt 🙂

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There is a fracture. I need to fix it.

Ein Klischee besagt, dass Chirurgen immer nur gerade den Körperteil des Patienten sehen, den sie behandeln wollen. Grundsätzlich gilt wohl: Je mehr man sich in einem Fach vertieft (und das gilt für alle Spezialisten, nicht nur Chirurgen), desto mehr verlernt man alles andere, desto weniger ist der Blick für Anderes geschärft.

Eines Dienstags gehe ich durch das geplante Programm der Woche, als mir ein Name ins Auge sticht – Herr Frühling ist für die Entfernung eines kleinen Metallplättchens am Fuss geplant, welches er zuvor zur Korrektur eines Knochenbruchs erhalten hatte. Den Namen habe ich doch schon mal gelesen, oder? So viele Herr Frühlings kann es doch gar nicht geben, oder?

Tatsächlich, ein Herr Frühling liegt auch bei uns auf der Intensivstation. Gleicher Vorname, gleiches Geburtsdatum, gleiche Akte. Ganz klar der gleiche Patient.

Auf der IPS ist er wegen Leberversagen. Der wird wohl bis übermorgen kaum fit genug sein für eine Metallentfernung, die man gut auch ein paar Tage oder Wochen verschieben kann. Ich beschliesse, die Sache in die Hand zu nehmen, und rufe die Ärztin auf der IPS an.

„Ach ja, deswegen wollte ich dich noch anrufen! Den könnt ihr gleich ganz vom OP-Programm nehmen. Sieht schlecht aus im Moment, und falls er das überlebt, ist er noch eine Weile nicht fit genug dafür“, bescheidet sie mir.

Ich leite diese Information an die OP-Planer weiter, und die Operation wird abgesagt.

Damit sich nun niemand wundert, wie ich, eine kleine Assistenzärztin, es wagen konnte, in die göttliche Planung der Chirurgie einzugreifen (insbesondere, da die Planer einen Vermerk in die Akte setzten mit „OP abgesagt, weil Frau Gramsel es gesagt hat“ – herzlichen Dank übrigens, als ob ich das entscheiden würde), habe ich an unserem Nachmittagsrapport davon berichtet.

„Herr Frühling, sagst du?“, ruft mein Kollege ungläubig aus. „Den kenne ich!“

Herr Frühling war nämlich am letzten Freitag – also vor vier Tagen – in der chirurgischen Sprechstunde. Dort wurde die Metallentfernung besprochen und der Patient direkt in unsere Sprechstunde geschickt, damit wir ihn gleich für die Narkose aufklären können.

Der Chirurg hatte Herrn Frühling angemeldet mit „Da kommt noch einer für eine Metallentfernung. Ist was ganz Kurzes. Geht in Teilnarkose. Ach ja, und er ist ein bisschen gelb. Danke!“ Mein Kollege fragte nicht nach. Er kannte den Patienten noch vom letzten Mal, und wusste, was er erwarten konnte – glaubte er zumindest.

Als der Patient zu meinem Kollegen in die Sprechstunde kam, bekam dieser erst mal einen Schreck. Der Patient kullerte im Rollstuhl ins Sprechzimmer mit knallgelben Augen und gelblich-bräunlicher Haut.

„Herr Frühling, letztes Mal sassen Sie doch noch nicht im Rollstuhl, oder irre ich mich?“

„Nein, nein… Aber wissen Sie, ich bin so erschöpft seit ein paar Tagen, ich mag kaum noch gehen.“

„Und seit wann sind Sie so gelb?“

„Seit zwei Wochen, hat plötzlich angefangen.“

„Waren Sie deswegen beim Arzt?“

„Nein, so schlimm ist das ja jetzt auch nicht, bisschen gelb…“

Mein Kollege hat die Aufklärung für die Teilnarkose gemacht und den Patienten daraufhin direkt auf den Notfall geschickt – er ging allerdings erst am Montag zum Hausarzt. Ist ja nun wirklich nicht so schlimm, ein bisschen gelb seit zwei Wochen. Aufgrund der hohen Leberwerte schickte der Hausarzt den Patienten direkt mit Ambulanz ins Spital. Er kam auf die medizinische Station, verschlechterte sich dann allerdings über Nacht und musste auf die IPS.

Die Geschichte löste bei uns Entsetzen aus. Im Sprechstundenbericht des chirurgischen Kollegen wurde die Gelbsucht mit keinem Wort erwähnt. Es wurde nur der Fuss beschrieben, mehr nicht. Es kam ihm auch nicht in den Sinn, diesbezüglich nachzufragen, obwohl es ihm aufgefallen ist. Schliesslich hat er es ja dann meinem Kollegen gegenüber noch extra erwähnt.

Es ist, gelinde gesagt, schade, wenn man vor lauter kaputten Ästen den Waldbrand nicht sieht.

(Übrigens: Es gibt einen in Medizinerkreisen bekannten kleinen englischen Youtube-Film, der dieses Klischee auf die Spitze treibt, und da kommt auch der Titel des Posts her: Ein Traumatologe (Unfallchirurg) kommt zur Anästhesistin und sagt: „There is a fracture. I need to fix it.“ Nach einigen Nachfragen kommt heraus: Der Patient ist tot.)

Wenn die Scheibe dreimal klingelt

Kürzlich war ich in einem italienischen Restaurant mit Selbstbedienung. Ich hab dort eine Pizza bestellt und bekam eine kleine Scheibe in die Hand gedrückt. Als meine Pizza fertig war, vibrierte und leuchtete das Gerät, und ich konnte die Pizza abholen.

So weit nichts Neues, oder? Falsch, denn da hatte ich DEN Geistesblitz des Jahrhunderts.

Ein grosses Problem in meinem Alltag sind Patienten, die einfach nicht da sind, wenn man sie braucht. Meist sind es die Raucher, die mehr Zeit draussen als im Bett verbringen, aber auch Patienten, die viel Besuch bekommen und sich dann gerne in der Cafeteria aufhalten.

Wenn ich nun einen Patienten besuche, den ich für den nächsten Tag für eine Narkose aufklären muss, und der ist nicht da, dann ist das ein Problem. Denn ich habe ja nicht nur einen Patienten anzuschauen, sondern mehrere, und ich habe einfach nicht die Zeit, zu warten. Ausserdem muss ich bis zum Rapport alle Patienten gesehen haben. Das ist dann schwierig. Häufig sind sie auch per Handy nicht erreichbar, weil sie ihre Nummer nicht im System haben oder wegen des absolut miserablen Empfangs in der Klinik.

Natürlich kann und will ich nicht erwarten, dass Patienten den ganzen Tag nur rumliegen und auf mich warten. Aber ich kann eben auch nicht warten – ich muss arbeiten.

Da wäre doch die Scheibe die perfekte Lösung, oder nicht? Patienten bekommen die mit, wenn sie sich von der Station entfernen. Wenn Patienten im Zimmer gebraucht wird, vibriert die Scheibe, sie kommen zurück und sind für mich verfügbar. Na? Na?

Die Patienten-Ruf-Scheibe, auch PARS genannt. Ich melde gleich mal Patent an.

 

Oh Sh*t

Die Narkoseeinleitung der jungen, gesunden Patientin verlief absolut problemlos. Mein einziger Wermutstropfen: Die Infusion.

Auf der Anästhesie legen wir die Infusion generell am Handrücken. Wenn es dort nicht klappt, gehen wir weiter den Arm hinauf. Wir machen dies aus gutem Grund: Man stelle sich vor, wir stechen zuerst am Oberarm. Das klappt nicht. Am Unterarm klappt es dann aber gut, also laufen die ganzen Medikamente in die Vene im Unterarm. Die Vene am Oberarm hat aber ein Loch drin von unserem Fehlversuch, und im dümmsten Fall könnten da Medikamente aus der Vene ins umliegende Gewebe austreten und Schäden verursachen.

Die Patientin kam aber bereits mit einem Zugang, den die Pflege auf der Station gelegt hat – in der Ellenbeuge. Den Ort mögen wir überhaupt nicht, und heute werde ich herausfinden, warum.

Es ist Zeit, in den Operationssaal zu fahren. Ich löse alle Schläuche der Beatmungsmaschine. Ein Lagerungspfleger macht die letzten Vorbereitungen, damit die Patientin auch in der richtigen Position für die Operation liegt, und zieht dann den Operationstisch mit der schlafenden Patientin durch die Verbindungstüre von der Vorbereitung in den Operationssaal. Ich schiebe Beatmungsmaschine und Infusionsständer hinterher. Vorsichtig, koordiniert, wie immer.

Im Saal muss ich erst die Maschine wieder anschliessen. Die Kabel für Strom, Sauerstoff, Luft und Vakuum müssen in die jeweiligen Stecker, alle Geräte müssen am richtigen Ort stehen, den Wagen mit den Medikamenten muss ich auch noch aus dem Vorbereitungsraum holen. Das ist immer viel zu tun für einen alleine.

Mittendrin unterbricht mich der Perfusor, die kleine Maschine, welche die Schlafmittelspritzen automatisch bedient. Der Perfusor piepst. Ein Blick darauf verrät „Okklusion“, also irgend ein Verschluss im System. Gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine und meldet mir, dass etwas mit der Beatmung nicht stimmt. Weil die Atemfrequenz unter den von mir bestimmten Minimalwert fällt, piepst auch noch der Überwachungsmonitor. Das ist eine Menge Piepserei gleichzeitig.

Oh Shit.

Was ist das Problem? Systematisch analysiere ich im Kopf die Situation. Die Patientin hustet und lässt sich nicht mehr so gut beatmen. Das bedeutet in aller Regel, dass die Narkose nicht tief genug ist. Die Patientin schläft zwar, ihr Bewusstsein ist ausgeschaltet, aber ihr Körper stört sich an den Reizen. Dem Schlauch im Mund, der Beatmung, dem kalten Desinfektionsmittel, das die Chirurgin gerade aufträgt.

Ich vertiefe also die Narkose, stelle die Medikamente etwas höher. Nun piepst aber der Perfusor wieder, der nach wie vor eine Okklusion bemängelt. Aber warum? Die Hähne sind offen. Die Schläuche sind dran. Der Zugang…

Der Zugang.

Der Lagerungspfleger hat für die Saaleinfahrt den Arm der Patientin angewinkelt. Normalerweise kein Problem, aber hier liegt der Zugang im Ellbogen und wird wohl deshalb abgedrückt. Das ist mir nicht aufgefallen, weil der Arm unter den warmen grünen Tüchern versteckt ist, damit die Patientin nicht auskühlt, und ich habe nicht auf den Pfleger geachtet und nicht kontrolliert, ob alles in Ordnung ist.

Ich strecke den Arm und sehe, wie die Medikamente wieder laufen. Doch es ist zu spät: Die Patientin hatte zu lange keine Schmerzmittel und wacht langsam auf. Sie hebt vorsichtig den Kopf und versucht, umherzuschauen, aber ihre Augen sind mit Schutzklebern zugeklebt.

Ich weiss, dass sie bald wieder einschlafen wird, denn die Medikamente fliessen wieder in ihren Arm. Ich nehme die Kleber über den Augen weg.

„Wir sind im Operationssaal, die Operation hat noch nicht begonnen. Es ist alles gut, Sie dürfen noch ein wenig weiterschlafen“, beruhige ich sie. Sie ist noch im Halbschlaf, hört mich, kann mich aber nicht direkt anschauen oder mir antworten. Meine Stimme  beruhigt sie, sie legt sich wieder hin und schliesst die Augen. Sekunden später ist sie wieder im Tiefschlaf.

Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.

Passiert ist prinzipiell nichts Schlimmes. Die Patientin hatte keine Schmerzen, denn wir haben noch nichts gemacht. Das funktioniert eigentlich genau gleich, wie wenn sie nachher geplant aus der Narkose aufwacht: Wir stellen die Medikamente ab und warten, bis die Patientin wach ist und selber atmet, dann nehmen wir den Schlauch aus dem Mund und bringen sie auf die Überwachungsstation.

Die Patientin wird keinen Schaden davontragen. Das ist nicht wie diese gefürchtete Situation, wo man während der Operation wach wird, aber sich nicht bewegen kann, dieses sanfte Aufwachen wird ihr keinen Schrecken einjagen. Höchstens die zugeklebten Augen könnten sie irritiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie sich an nichts erinnern wird.

Der Rest der Operation verläuft komplett unauffällig, die Patientin wacht nach der Operation genauso sanft wieder auf. Auf meine Frage, ob sie gut geschlafen habe, grinst sie und antwortet mit einem langgezogenen, zufriedenen „jaaaaaaaa“.

Ich besuche sie auch später auf Abteilung nochmal. Tatsächlich kann sie sich an nichts erinnern. Die Medikamente, welche sie vor und während der Operation erhalten hat, löschen auch Erinnerungen (Achtung: nicht aber negative Gefühle oder Träume) aus.

Am Abendrapport lege ich vor versammelter Mannschaft die Ereignisse dar, und wir diskutieren gemeinsam, wie man eine solche Situation in Zukunft verhindern könnte. Ich werde die Patientin auch morgen noch einmal besuchen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und bei Venenzugängen im Ellbogen werde ich ab sofort immer ganz genau aufpassen – oder einen neuen Zugang an strategisch besserer Stelle legen, sobald die Patientin schläft, damit mir so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.

Google-Suchbegriffe

was misst man bei leblosen Personen als erstes

Ich beginne doch gleich mal ganz vorne. Das Szenario: ich sehe eine unbekannte Person, die nur noch unmotiviert herumliegt, und beschliesse, der Sache auf den Grund gehen zu wollen, weil man ja ein guter Mensch sein möchte und sich Sorgen macht, ob mit der Person alles in Ordnung ist. Wir gehen davon aus, dass es ein sicheres Umfeld ist, keine Strasse, keine Stromleitungen etc.

Zuerst mal spreche ich die Person an. Dazu fasse ich die Person an der Schulter und schüttle sie ein bisschen. Kneifen kann man, aber bitte nicht quälen.

Wenn die Person nicht reagiert, schaue ich, ob sie noch atmet. Wenn ja, lege ich sie in eine stabile Seitenlage und setze dann den Notruf ab.

Wenn nein, hole ich mir wenn möglich Hilfe dazu, setze einen Notruf ab und beginne mit der Wiederbelebung: Oberkörper frei machen, 30mal auf die Mitte des Brustbeins drücken, gefolgt von 2 Beatmungsstössen. Wenn möglich, beauftrage ich jemanden, mir einen Defibrillator zu beschaffen.

Aber die Frage war ja, was misst man denn da? Der aufmerksame Leser stellt fest: Messen tu ich auf der Strasse generell nichts. Nicht mal den Puls, zumindest als Laie. Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, einen Puls zu spüren, wo keiner ist, und man verliert nur unnötig Zeit damit.

Meine Empfehlung: Besuch doch mal wieder einen Kurs! In der Schweiz gibt es ein flächendeckendes Angebot von Reanimations- und Nothelferkursen durch Samaritervereine, und es schadet nicht, seine Kenntnisse aufzufrischen. (Ich selber bin seit über 10 Jahren bei den Samaritern dabei, bis also vielleicht etwas voreingenommen)

nagelluxation

Eine Nagelluxation ist, wenn der Finger- oder Zehennagel aus dem Nagelbett „springt“ und nicht mehr richtig hält. Ein neuer Nagel wird nachwachsen, aber das Nagelbett ist sehr empfindlich, weshalb man den luxierten (sozusagen „ausgerenkten“) Nagel dann in der Regel drauflässt, bis ein neuer Nagel nachkommt. Das ist etwa das Einzige, bei dem mir immer ein bisschen schlecht wurde auf der Chirurgie. Übrigens habe ich da einen Beitrag dazu.

was ist hintergrund intibation

Hmmm… Also erstens mal denke ich, dass du Intubation meinst, aber den Begriff „Hintergrund Intubation“ habe ich noch nie gehört.

Intubation nennt man den Vorgang, wenn man einen kleinen Schlauch (den Tubus) durch Mund oder Nase in die Luftröhre des Patienten schiebt, um diesen künstlich zu beatmen. Das kann man nur, wenn der Patient tief in Narkose oder leblos ist. der Schlauch geht dabei bis nach den Stimmlippen, weshalb es vorkommt, dass Patienten etwas heiser sind oder Halsschmerzen haben, wenn sie aufwachen.

wie merken anästhesisten dass ein patient nicht nühtern ist

Das merken Anästhesisten dann, wenn halb- oder unverdaute Nahrung aus dem Magen nach oben steigt. Dann ist es allerdings schon zu spät, weil das Erbrochene in die Luftröhre fliesst (das nennt man Aspiration) – es kommt zu schweren Lungenentzündungen, zu Sauerstoffmangel und oft sogar zum Tod des Patienten. Eine andere Methode gibt es nicht, wir haben keinen Röntgenblick.

Wenn wir bereits im Voraus wissen, dass ein Patient nicht nüchtern ist, dann warten wir entweder, bis er es ist, oder wir treffen Vorkehrungen, um die Aspiration zu verhindern.

Wenn du es darauf ankommen lässt, dass der Anästhesist nichts merkt, weil du ja auf gar keinen Fall auf dein Brötchen verzichten kanns, spielst du mit deinem eigenen Leben. Kann ich nicht empfehlen. Finde ich übrigens auch dem Anästhesisten gegenüber nicht fair, der sich dann den eigenen Allerwertesten aufreissen muss, um deinen zu retten, denn glaub mir, das findet der auch nicht besonders spassig.

schockraum reanimation

Nichts Schönes. In den Schockraum werden Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen gebracht. Da wuseln dann eine Menge Menschen herum, Mediziner, Chirurgen, Anästhesisten natürlich, Pflegende aus verschiedenen Bereichen, Radiologen, was es dann eben so braucht. Es gibt alle möglichen Geräte, die schnell zur Hand sind, damit die Beteiligten rasch eine Arbeitsdiagnose und damit auch einen vorläufigen Plan erstellen können.  Für eine Reanimation ist es meist der ideale Ort, weil alle Ressourcen vorhanden sind – aber oft finden Reanimationen nicht dort, sondern irgendwo auf der Station statt.

rega telefon

1414. Ganz einfach. Aus dem Ausland  ist es +41 333 333 333, übrigens auch, wenn man irgendwo gestrandet ist und medizinische Hilfe benötigt. Die Rega hat ein Verzeichnis von Ärzten und Spitälern, die Englisch oder Deutsch sprechen, und kann auch logistisch behilflich sein. Eine unterstützenswerte Sache (und hoffentlich irgendwann mal mein Arbeitgeber).

Rahels Regeln

Als kleine, ahnungslose Studentin habe ich im praktischen Jahr zwei Monate auf der Inneren Medizin in einem mittelgrossen Spital verbracht. Die Stelle trat ich direkt nach drei Monaten Anästhesie in einem anderen Spital an – und da hatte ich mich so wahnsinnig wohl gefühlt, dass ich nach dem Wechsel in ein totales Motivationsloch kam. Noch heute ist Innere für mich etwas grundsätzlich Böses. Ich vergleiche Innere gern mit den Dementoren aus Harry Potter: Sie saugen alles Glück, alles Gute und Schöne aus dir raus und hinterlassen nur Leere, Schmerz und Traurigkeit. Das ist Innere für mich.

Den ersten Monat verbrachte ich auf einer internistischen Station. In der ersten Woche hatte ich eine Assistenzärztin relativ frisch ab Staatsexamen, die noch immer komplett überfordert war und sich entsprechend kaum um mich kümmern konnte. Ab der zweiten Woche war dann Rahel für mich zuständig.

Rahel war schon etwas weiter, im dritten oder vierten Assistenzjahr, glaube ich. Sie hat mich von Anfang an voll eingebunden – ein bisschen auch als Sekretärin und Dienstbotin, aber das habe ich gern für sie gemacht, weil es sich lohnte. So schrieb ich während der Visite die Verlaufseinträge, führte Telefonate mit allen möglichen Hausärzten und externen Kliniken und ging für sie ans Telefon, wenn sie gerade beschäftigt war. Dafür hatte ich schnell zwei, drei eigene Patienten, welche ich unter ihrer Supervision behandelte, was für sie einen erheblichen Mehraufwand bedeutete. Ausserdem erkannte sie schnell, dass ich nicht ganz ungeschickt mit Nadeln war und liess ihre „Connections“ bei anderen Assistenzärzten spielen, um mir möglichst viele Blutentnahmen aus Arterien zuzuschaufeln. Sie organisierte auch zwei Tage auf der Intensivstation und ein paar Lungenspiegelungen für mich – Rahel war super.

Rahel hatte es aber nicht ganz einfach. Als Frau mit klarer Linie, definierten Vorstellungen von ihrem Aufgabenbereich und von Prioritäten und vor allem der Eigenschaft, Dinge direkt anzusprechen und ihre Meinung kund zu tun, kam sie beim Chef nicht gut an. Gar nicht. Er war weder fair noch anständig zu ihr, und im ganzen Stress, der Dauerbelastung, Schlafmangel, einfach allem, was ein Stationsarzt auf der Inneren halt so hat, ging sie manchmal unter. Ich hütete ihre Telefon, wenn sie sich auf der Toilette im Büro einschloss, um zu weinen, schreien oder einfach durchzuatmen. Sie war, in meinen Augen, eine echt gute Ärztin in einem echt schlechten Umfeld. Ein Vorbild bis heute.

Rahel hat mir sehr viel beigebracht, unter anderem ihre Regeln, die einem das Arbeiten einfacher machen. Diese Regeln begleiten mich bis heute, und über so manche hab ich bereits geschrieben. Diese Regeln waren unter anderem:

  • Arbeite parallel, nicht seriell. Wenn du eins nach dem anderen machst, bist du um Mitternacht noch da.
  • Arbeite vorausschauend. Beginne gleich bei Eintritt, den Austrittsbericht zu schreiben, und passe ihn fortlaufend an, das gehst viel schneller, als wenn du nach einer Woche Spitalaufenthalt alles nochmal durchackern musst, weil du nicht mehr alles präsent hast. Mach heute schon alle Austrittspapiere für morgen fertig, vielleicht sogar für übermorgen. Nur für den Fall.
  • Stell dich gut mit der Pflege. Gib dir extraviel Mühe damit. Wohlwollende Pflege bedeutet mehr Geduld ihrerseits, bessere Zusammenarbeit, einfachere Problemlösung (sie verpfeifen dich nicht gleich, wenn mal was nicht gut ist, sondern kommen erst mal zu dir), und gelegentlich auch mal Kaffee oder Essen, wenn sie Kuchen haben zum Beispiel.
  • Beim Anfordern von Berichte oder Diagnoselisten: Sprich nicht mit der Sekretärin. Die hilft dir nicht weiter. Die will irgendwelche ausgefüllten Schweigepflichtsentbindungsformulare, oder hat keine Lust zu faxen, was auch immer. Verlange immer direkt den Dienstarzt. Der sitzt im gleichen Boot wie du und versteht, wie dringend du Infos brauchst.
  • Sag auch mal nein. Zu Angehörigen, zu Patienten, zur Pflege. Zu deinen Vorgesetzten. Du musst nicht abends um Sieben ein unangekündigtes Angehörigengespräch führen, du darfst auch mal nach Hause. Und es gibt Dinge, die sehr gut jemand Anderes erledigen kann, du musst dich nicht um alles kümmern, was an dich herangetragen wird.

Diese Regeln habe ich seither versucht, zu beherzigen. Mit manchen hatte und habe ich mehr Mühe, zum Beispiel mit dem „Nein sagen“, aber alles in allem sind es sinnvolle Grundsätze, die mir die Arbeit leichter machen.

Rahel wollte Onkologin werden. Ich hoffe, sie hat es geschafft, und macht etwas, das sie glücklich macht, an einem Ort, wo sie sich wohl fühlt.