Wenn die Scheibe dreimal klingelt

Kürzlich war ich in einem italienischen Restaurant mit Selbstbedienung. Ich hab dort eine Pizza bestellt und bekam eine kleine Scheibe in die Hand gedrückt. Als meine Pizza fertig war, vibrierte und leuchtete das Gerät, und ich konnte die Pizza abholen.

So weit nichts Neues, oder? Falsch, denn da hatte ich DEN Geistesblitz des Jahrhunderts.

Ein grosses Problem in meinem Alltag sind Patienten, die einfach nicht da sind, wenn man sie braucht. Meist sind es die Raucher, die mehr Zeit draussen als im Bett verbringen, aber auch Patienten, die viel Besuch bekommen und sich dann gerne in der Cafeteria aufhalten.

Wenn ich nun einen Patienten besuche, den ich für den nächsten Tag für eine Narkose aufklären muss, und der ist nicht da, dann ist das ein Problem. Denn ich habe ja nicht nur einen Patienten anzuschauen, sondern mehrere, und ich habe einfach nicht die Zeit, zu warten. Ausserdem muss ich bis zum Rapport alle Patienten gesehen haben. Das ist dann schwierig. Häufig sind sie auch per Handy nicht erreichbar, weil sie ihre Nummer nicht im System haben oder wegen des absolut miserablen Empfangs in der Klinik.

Natürlich kann und will ich nicht erwarten, dass Patienten den ganzen Tag nur rumliegen und auf mich warten. Aber ich kann eben auch nicht warten – ich muss arbeiten.

Da wäre doch die Scheibe die perfekte Lösung, oder nicht? Patienten bekommen die mit, wenn sie sich von der Station entfernen. Wenn Patienten im Zimmer gebraucht wird, vibriert die Scheibe, sie kommen zurück und sind für mich verfügbar. Na? Na?

Die Patienten-Ruf-Scheibe, auch PARS genannt. Ich melde gleich mal Patent an.

 

Oh Sh*t

Die Narkoseeinleitung der jungen, gesunden Patientin verlief absolut problemlos. Mein einziger Wermutstropfen: Die Infusion.

Auf der Anästhesie legen wir die Infusion generell am Handrücken. Wenn es dort nicht klappt, gehen wir weiter den Arm hinauf. Wir machen dies aus gutem Grund: Man stelle sich vor, wir stechen zuerst am Oberarm. Das klappt nicht. Am Unterarm klappt es dann aber gut, also laufen die ganzen Medikamente in die Vene im Unterarm. Die Vene am Oberarm hat aber ein Loch drin von unserem Fehlversuch, und im dümmsten Fall könnten da Medikamente aus der Vene ins umliegende Gewebe austreten und Schäden verursachen.

Die Patientin kam aber bereits mit einem Zugang, den die Pflege auf der Station gelegt hat – in der Ellenbeuge. Den Ort mögen wir überhaupt nicht, und heute werde ich herausfinden, warum.

Es ist Zeit, in den Operationssaal zu fahren. Ich löse alle Schläuche der Beatmungsmaschine. Ein Lagerungspfleger macht die letzten Vorbereitungen, damit die Patientin auch in der richtigen Position für die Operation liegt, und zieht dann den Operationstisch mit der schlafenden Patientin durch die Verbindungstüre von der Vorbereitung in den Operationssaal. Ich schiebe Beatmungsmaschine und Infusionsständer hinterher. Vorsichtig, koordiniert, wie immer.

Im Saal muss ich erst die Maschine wieder anschliessen. Die Kabel für Strom, Sauerstoff, Luft und Vakuum müssen in die jeweiligen Stecker, alle Geräte müssen am richtigen Ort stehen, den Wagen mit den Medikamenten muss ich auch noch aus dem Vorbereitungsraum holen. Das ist immer viel zu tun für einen alleine.

Mittendrin unterbricht mich der Perfusor, die kleine Maschine, welche die Schlafmittelspritzen automatisch bedient. Der Perfusor piepst. Ein Blick darauf verrät „Okklusion“, also irgend ein Verschluss im System. Gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine und meldet mir, dass etwas mit der Beatmung nicht stimmt. Weil die Atemfrequenz unter den von mir bestimmten Minimalwert fällt, piepst auch noch der Überwachungsmonitor. Das ist eine Menge Piepserei gleichzeitig.

Oh Shit.

Was ist das Problem? Systematisch analysiere ich im Kopf die Situation. Die Patientin hustet und lässt sich nicht mehr so gut beatmen. Das bedeutet in aller Regel, dass die Narkose nicht tief genug ist. Die Patientin schläft zwar, ihr Bewusstsein ist ausgeschaltet, aber ihr Körper stört sich an den Reizen. Dem Schlauch im Mund, der Beatmung, dem kalten Desinfektionsmittel, das die Chirurgin gerade aufträgt.

Ich vertiefe also die Narkose, stelle die Medikamente etwas höher. Nun piepst aber der Perfusor wieder, der nach wie vor eine Okklusion bemängelt. Aber warum? Die Hähne sind offen. Die Schläuche sind dran. Der Zugang…

Der Zugang.

Der Lagerungspfleger hat für die Saaleinfahrt den Arm der Patientin angewinkelt. Normalerweise kein Problem, aber hier liegt der Zugang im Ellbogen und wird wohl deshalb abgedrückt. Das ist mir nicht aufgefallen, weil der Arm unter den warmen grünen Tüchern versteckt ist, damit die Patientin nicht auskühlt, und ich habe nicht auf den Pfleger geachtet und nicht kontrolliert, ob alles in Ordnung ist.

Ich strecke den Arm und sehe, wie die Medikamente wieder laufen. Doch es ist zu spät: Die Patientin hatte zu lange keine Schmerzmittel und wacht langsam auf. Sie hebt vorsichtig den Kopf und versucht, umherzuschauen, aber ihre Augen sind mit Schutzklebern zugeklebt.

Ich weiss, dass sie bald wieder einschlafen wird, denn die Medikamente fliessen wieder in ihren Arm. Ich nehme die Kleber über den Augen weg.

„Wir sind im Operationssaal, die Operation hat noch nicht begonnen. Es ist alles gut, Sie dürfen noch ein wenig weiterschlafen“, beruhige ich sie. Sie ist noch im Halbschlaf, hört mich, kann mich aber nicht direkt anschauen oder mir antworten. Meine Stimme  beruhigt sie, sie legt sich wieder hin und schliesst die Augen. Sekunden später ist sie wieder im Tiefschlaf.

Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.

Passiert ist prinzipiell nichts Schlimmes. Die Patientin hatte keine Schmerzen, denn wir haben noch nichts gemacht. Das funktioniert eigentlich genau gleich, wie wenn sie nachher geplant aus der Narkose aufwacht: Wir stellen die Medikamente ab und warten, bis die Patientin wach ist und selber atmet, dann nehmen wir den Schlauch aus dem Mund und bringen sie auf die Überwachungsstation.

Die Patientin wird keinen Schaden davontragen. Das ist nicht wie diese gefürchtete Situation, wo man während der Operation wach wird, aber sich nicht bewegen kann, dieses sanfte Aufwachen wird ihr keinen Schrecken einjagen. Höchstens die zugeklebten Augen könnten sie irritiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie sich an nichts erinnern wird.

Der Rest der Operation verläuft komplett unauffällig, die Patientin wacht nach der Operation genauso sanft wieder auf. Auf meine Frage, ob sie gut geschlafen habe, grinst sie und antwortet mit einem langgezogenen, zufriedenen „jaaaaaaaa“.

Ich besuche sie auch später auf Abteilung nochmal. Tatsächlich kann sie sich an nichts erinnern. Die Medikamente, welche sie vor und während der Operation erhalten hat, löschen auch Erinnerungen (Achtung: nicht aber negative Gefühle oder Träume) aus.

Am Abendrapport lege ich vor versammelter Mannschaft die Ereignisse dar, und wir diskutieren gemeinsam, wie man eine solche Situation in Zukunft verhindern könnte. Ich werde die Patientin auch morgen noch einmal besuchen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und bei Venenzugängen im Ellbogen werde ich ab sofort immer ganz genau aufpassen – oder einen neuen Zugang an strategisch besserer Stelle legen, sobald die Patientin schläft, damit mir so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.

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was misst man bei leblosen Personen als erstes

Ich beginne doch gleich mal ganz vorne. Das Szenario: ich sehe eine unbekannte Person, die nur noch unmotiviert herumliegt, und beschliesse, der Sache auf den Grund gehen zu wollen, weil man ja ein guter Mensch sein möchte und sich Sorgen macht, ob mit der Person alles in Ordnung ist. Wir gehen davon aus, dass es ein sicheres Umfeld ist, keine Strasse, keine Stromleitungen etc.

Zuerst mal spreche ich die Person an. Dazu fasse ich die Person an der Schulter und schüttle sie ein bisschen. Kneifen kann man, aber bitte nicht quälen.

Wenn die Person nicht reagiert, schaue ich, ob sie noch atmet. Wenn ja, lege ich sie in eine stabile Seitenlage und setze dann den Notruf ab.

Wenn nein, hole ich mir wenn möglich Hilfe dazu, setze einen Notruf ab und beginne mit der Wiederbelebung: Oberkörper frei machen, 30mal auf die Mitte des Brustbeins drücken, gefolgt von 2 Beatmungsstössen. Wenn möglich, beauftrage ich jemanden, mir einen Defibrillator zu beschaffen.

Aber die Frage war ja, was misst man denn da? Der aufmerksame Leser stellt fest: Messen tu ich auf der Strasse generell nichts. Nicht mal den Puls, zumindest als Laie. Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, einen Puls zu spüren, wo keiner ist, und man verliert nur unnötig Zeit damit.

Meine Empfehlung: Besuch doch mal wieder einen Kurs! In der Schweiz gibt es ein flächendeckendes Angebot von Reanimations- und Nothelferkursen durch Samaritervereine, und es schadet nicht, seine Kenntnisse aufzufrischen. (Ich selber bin seit über 10 Jahren bei den Samaritern dabei, bis also vielleicht etwas voreingenommen)

nagelluxation

Eine Nagelluxation ist, wenn der Finger- oder Zehennagel aus dem Nagelbett „springt“ und nicht mehr richtig hält. Ein neuer Nagel wird nachwachsen, aber das Nagelbett ist sehr empfindlich, weshalb man den luxierten (sozusagen „ausgerenkten“) Nagel dann in der Regel drauflässt, bis ein neuer Nagel nachkommt. Das ist etwa das Einzige, bei dem mir immer ein bisschen schlecht wurde auf der Chirurgie. Übrigens habe ich da einen Beitrag dazu.

was ist hintergrund intibation

Hmmm… Also erstens mal denke ich, dass du Intubation meinst, aber den Begriff „Hintergrund Intubation“ habe ich noch nie gehört.

Intubation nennt man den Vorgang, wenn man einen kleinen Schlauch (den Tubus) durch Mund oder Nase in die Luftröhre des Patienten schiebt, um diesen künstlich zu beatmen. Das kann man nur, wenn der Patient tief in Narkose oder leblos ist. der Schlauch geht dabei bis nach den Stimmlippen, weshalb es vorkommt, dass Patienten etwas heiser sind oder Halsschmerzen haben, wenn sie aufwachen.

wie merken anästhesisten dass ein patient nicht nühtern ist

Das merken Anästhesisten dann, wenn halb- oder unverdaute Nahrung aus dem Magen nach oben steigt. Dann ist es allerdings schon zu spät, weil das Erbrochene in die Luftröhre fliesst (das nennt man Aspiration) – es kommt zu schweren Lungenentzündungen, zu Sauerstoffmangel und oft sogar zum Tod des Patienten. Eine andere Methode gibt es nicht, wir haben keinen Röntgenblick.

Wenn wir bereits im Voraus wissen, dass ein Patient nicht nüchtern ist, dann warten wir entweder, bis er es ist, oder wir treffen Vorkehrungen, um die Aspiration zu verhindern.

Wenn du es darauf ankommen lässt, dass der Anästhesist nichts merkt, weil du ja auf gar keinen Fall auf dein Brötchen verzichten kanns, spielst du mit deinem eigenen Leben. Kann ich nicht empfehlen. Finde ich übrigens auch dem Anästhesisten gegenüber nicht fair, der sich dann den eigenen Allerwertesten aufreissen muss, um deinen zu retten, denn glaub mir, das findet der auch nicht besonders spassig.

schockraum reanimation

Nichts Schönes. In den Schockraum werden Patienten mit lebensbedrohlichen Zuständen gebracht. Da wuseln dann eine Menge Menschen herum, Mediziner, Chirurgen, Anästhesisten natürlich, Pflegende aus verschiedenen Bereichen, Radiologen, was es dann eben so braucht. Es gibt alle möglichen Geräte, die schnell zur Hand sind, damit die Beteiligten rasch eine Arbeitsdiagnose und damit auch einen vorläufigen Plan erstellen können.  Für eine Reanimation ist es meist der ideale Ort, weil alle Ressourcen vorhanden sind – aber oft finden Reanimationen nicht dort, sondern irgendwo auf der Station statt.

rega telefon

1414. Ganz einfach. Aus dem Ausland  ist es +41 333 333 333, übrigens auch, wenn man irgendwo gestrandet ist und medizinische Hilfe benötigt. Die Rega hat ein Verzeichnis von Ärzten und Spitälern, die Englisch oder Deutsch sprechen, und kann auch logistisch behilflich sein. Eine unterstützenswerte Sache (und hoffentlich irgendwann mal mein Arbeitgeber).