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Frau Wegeners letzte Reise

Frau Wegener ist 74 Jahre alt, und eit über einer Woche bei uns auf der Intensivstation. Als sie zu uns kam, dachten wir erst, die Niere sei das Problem – die war zuvor schon schlecht, sie war seit Jahren an der Dialyse – doch im Verlauf stellte sich heraus, dass es vor allem das Herz ist, das nicht mehr mitmacht.

Frau Wegener erhielt viele Untersuchungen und Therapien für Niere und Herz. Zudem hatte sie auch eine schwere Lungenerkrankung und noch so manch anderes, schwerwiegendes Problem, welche wir alle auch versuchten, zu verbessern – ohne Erfolg. Im Gegenteil: Der Patientin geht es nur immer schlechter, sie ist zunehmend verwirrt und müde, bis sie schliesslich kaum mehr auf Ansprache reagiert. Ihr Herz pumpt kaum mehr, hat keine Kraft, starke Medikamente sind nötig, damit sie überhaupt einen messbaren Blutdruck hat.

Schliesslich finde ich mich eines Sonntags mit ihrer Familie in meinem Büro wieder: Zwei Töchter und ein Sohn , alle um die 50 Jahre alt, sitzen mir gegenüber, um über Frau Wegeners Zukunft zu reden. Denn von uns aus ist es klar: Eine Besserung ist nicht in Sicht, und es ist Zeit, eine Entscheidung zu fällen.

Es ist mein erstes Gespräch dieser Art, und da Sonntag ist, hat auch mein Hintergrund keine Zeit, mich zu unterstützen („Sag mir dann, wie’s gelaufen ist. Erzwing nichts, schau einfach mal, in welche Richtung es geht.“) Ich bin nervös, habe Angst, nicht die richtigen Worte zu finden.

Das hab ich so auch gegenüber der zuständigen Pflegefachfrau geäussert. Ich weiss nicht, ob ich das kann. Was, wenn ich etwas Falsches sage? Etwas Dummes? Was, wenn ich mich falsch ausdrücke, die richtigen Worte nicht finde? Ich hab noch nicht einmal so einem Gespräch beigewohnt, konnte nie von jemand anderem lernen, und nun sitze ich hier, im eiskalten Wasser. Schwimm, kleines Ärztlein, schwimm!

Die Pflegefachfrau hat Erbarmen mit mir. „Die richtigen Worte kommen von ganz allein, glaub mir.“ Als die Angehörigen zum vereinbarten Termin kommen, schliesst sie sich uns spontan an. Sie sitzt neben mir, schweigend, die Angehörigen am runden Tisch uns gegenüber schauen mich erwartungsvoll an.

Ich beginne mir einer Zusammenfassung der Hospitalisation, vom Eintritt der Patientin bis heute. Die Untersuchungsergebnisse, die Therapieversuche. Ich will nicht um den heissen Brei herumreden, ich will Tatsachen auf den Tisch legen und klare Verhältnisse schaffen. So komme ich rasch auf den Punkt.

„Das Herz Ihrer Mutter arbeitet nicht mehr, es hat keine Kraft. Wir haben alles versucht, aber es reicht nicht. Sie hat auf keine unserer Therapien angesprochen. Sie ist seit einer Woche an der Dialysemaschine und sie hat starke Medikamente für ihren Kreislauf – sie ist auf Maschinen und Schläuche angewiesen. Wir sehen leider keine Aussicht auf Besserung.“

Das muss sich nun erstmal setzen. Die Töchter beginnen zu weinen, auch der Sohn hat feuchte Augen. Nach einer Weile der Stille fahre ich fort.

„Was für uns jetzt wichtig ist, ist, herauszufinden, was Ihre Mutter in dieser Situation möchte. Sie hat keine Patientenverfügung, aber hat sie sich Ihnen gegenüber mal geäussert? Können Sie sich vorstellen, was sie uns heute sagen würde, wenn sie es könnte?“

Ein paar Momente vergehen. Schliesslich platzt der Sohn heraus: „Sie hätte das nicht gewollt!“

Seine jüngste Schwester nickt unter Tränen. „Ein Leben an Maschinen? Niemals. Und vor allem, wenn Sie sagen, es wird nicht besser.“ Sie schluchzt leise, ihre Stimme bricht. Ihre Schwester nimmt sie in den Arm. Die Packung Tachentücher auf dem Tisch leert sich langsam.

Ich fühle mich von den Gefühlen überrannt. Ich kenne Frau Wegener nun auch schon sehr gut, habe ihre Leidensgeschichte mitverfolgt, gesehen, wie rasch sie sich verschlechtert hat. Ihre drei erwachsenen Kinder mir gegenüber tun mir unendlich leid. Auch mir kommen die Tränen, doch ich beisse sie zurück. Jetzt nicht. Nachher dann.

„Wissen Sie“, beginnt der Sohn, „das ist ja nun das vierte Mal innerhalt der letzten Monate, dass wir an diesem Punkt sind. Jedes Mal dachten wir, jetzt ist es soweit. Jedes Mal hat sie sich wieder gefangen. Nun ist es halt soweit.“ Die Tränen fliessen ihm die Wange herunter, aber er wirkt gefasst und entschlossen. Wieder bleibt es eine Weile still.

„Was geschieht denn nun?“, presst die mittlere Tochter heraus. „Wie geht es weiter?“

„Wenn wir uns entschliessen, die Therapie abzubrechen, werden wir ihr Schmerzmittel geben, die anderen Medikamente langsam abstellen und die Schläuche, die sie noch hat, ziehen. Sie wird keine Schmerzen haben und langsam einschlafen. Sie dürfen selbstverständlich kommen und gehen, wie sie wollen, und immer bei ihr sein. Die Besuchszeiten gelten nicht mehr für Sie. Schliesslich wird ihr Herz stehenbleiben.“

Die drei schauen sich an, und nicken schliesslich. Sie stellen mir noch einige Fragen – wird sie auch sicher keine Schmerzen oder Angst haben, wie lange geht es, bis sie stirbt, was geschieht danach und so weiter. Ich beantworte alle Fragen, die ich beantworten kann.

Als alles gesagt ist, frage ich: „Wollen wir noch zusammen zu Frau Wegener gehen?“ Ihre drei Kinder bejahen. Zusammen gehen wir zur Patientin. Nun verliert auch der Sohn die Fassung. Als er zu seiner Mutter ans Bett tritt, schluchzt er plötzlich laut, wendet sich ab, setzt sich auf einen Stuhl. Seine Schwestern beziehen Stellung links und rechts des Patientenbettes. „Jetzt darfst du gehen, Mama. Bald bist du bei Papa, der freut sich bestimmt auf dich.“

Das wars. Ich kann nicht mehr. „Ich ruf den Oberarzt an“, murmle ich zur Kollegin von der Pflege. Die nickt. Ich verlasse das Zimmer und fliehe in mein Büro. Schon auf halbe Weg laufen mir die Tränen herunter. Im Büro verbrauche ich noch die übrigen Taschentücher auf dem verlassenen Tisch, an dem wir gerade Frau Wegeners Tod besprochen haben.

Als ich das nächste Mal ins Patientenzimmer komme, sind die Schläuche schon alle weg, nur die Infusion mit den Kreislaufmedikamenten läuft noch. „Die Angehörigen gingen kurz raus an die frische Luft. Wenn sie wiederkommen, werde ich hier schrittweise reduzieren“, informiert mich die Kollegin von der Pflege. Frau Wegener tritt ihre letzte Reise eine gute Stunde später an, als ihre Kinder gestärkt und gefasst zurückkehren.

Frau Wegener verstirbt friedlich im frühen Morgen, im Beisein ihrer Töchter und ihres Sohnes, umsorgt, begleitet und geliebt.

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Das Auge des Sturms

Der Nachtdienst hat schon stressig begonnen. Die Kollegin vom Tagdienst hat kurz vor meinem Antritt eine Patientin im septischen Schock aufgenommen und kämpft jetzt um ihr Leben. Ausserdem hat sie noch 5 weitere Patienten, welche sie mir rapportieren muss. Zeit hat sie grade keine dafür.

Ich gehe ihr zur Hand, als sie den arteriellen und den zentralvenösen Zugang legt, bis schliesslich etwa um Zehn das Diensttelefon klingelt: Auf einer chirurgischen Station ist ein Patient im Status epilepticus. Die Anästhesistin sei schon da gewesen und habe verfügt, dass ich mich darum kümmern und den Patienten auf die Intensivstation nehmen soll. Ich solle auch gleich einen Zugang legen und ein Medikament spritzen.

Ich eile auf die altersunfallchirurgische Abteilung, auf welcher der Patient liegt. Er ist im Bett, ein Oberarzt und zwei Assistenzärztinnen der Chirurgie sowie eine Pflegefachfrau stehen daneben. Ich habe das Medikament, welches den Krampf beenden soll, mitgebracht. Der Zugang ist rasch gelegt, das Medikament gespritzt – nach kurzer Zeit schon liegt der Patient wieder ruhig da. So kann ich ihn auf die Intensivstation nehmen.

Nun kommt der interessante Teil: Warum hatte der Patient überhaupt den Krampfanfall? Wir überprüfen mittels Schnellanalyse einige Blutwerte, die aber alle völlig normal sind. Ich hab keine Ahnung, wonach ich überhaupt suchen muss, also lese ich erst mal nach. Die Kollegin ist nach wie vor mit ihrer Patientin beschäftigt, sieht aber wohl meinen ratlosen Gesichtsausdruck und wirft mir im Vorbeigehen ein paar Worte an den Kopf wie „malignes neuroleptisches Syndrom“. Hab ich glaub ich mal im Studium gehört. Das lese ich dann gleich als Nächstes nach.

Der Patient ist stabil an der Überwachung, Blutdruck und Atmung sind völlig normal, aber vom Medikament von vorhin und vom Krampfanfall her schläft er tief und fest. Seine Hirnfunktionen kann ich so nicht überprüfen. Ich möchte eine CT-Aufnahme des Gehirns haben, um zu sehen, ob da irgendwas nicht gut ist. Ich spreche das kurz mit dem chirurgischen Oberarzt ab, der sein Einverständnis gibt.

Ich muss den Patienten, zusammen mit einer Pflegekraft, ins CT begleiten – er könnte ja nochmal einen Anfall haben. So stehe ich um elf Uhr nachts im CT-Steuerungsraum, wo ich mich mal kurz setzen und nochmal mein kleines schlaues Buch hervorholen kann. Erst jetzt merke ich, wie gestresst ich bin. Ich hatte noch nicht mal Rapport, die Kollegin vom Tagdienst ist nachts um Elf immer noch da (die hat morgens um halb Acht angefangen, aber ehrlich, ohne sie wäre ich grade völlig aufgeschmissen), es herrscht Chaos, alle sind genervt. Ich stehe unter Strom.

Auf Ruf der Radiologiefachfrau betritt der Radiologe den Raum – es ist der Chefarzt, der Dienst hat. Es ist das erste Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeite – meine Aufregung nimmt noch ein bisschen zu. Er lächelt in die Runde, setzt sich an einen PC und schaut sich das erste Bild an.

„Na, was hat er denn?“, fragt er mich freundlich und in ruhigem Ton. Ich hasple eine Zusammenfassung der letzten Stunde zusammen. Er lächelt immer noch. Die Radiologiefachfrau fährt jetzt die erste Untersuchung. Gebannt schauen wir auf die entstehenden Bilder.

„Wie läuft’s denn so bei euch?“, fragt mich der Chefarzt.

Ich schnaube. „Riesenstress. Wir haben vorhin eine Patientin im septischen Schock bekommen, und jetzt kommt er noch dazu. Ich hab noch fünf weitere Patienten, und von der Pflege ist jemand krank. Ein echtes Chaos“, platzt es aus mir heraus.

Der Radiologe lächelt wieder. Kann diesen Mann wohl irgendwas aus der Ruhe bringen? „Ach das ist ja blöd… Immer alles auf einmal, was? Was habt ihr denn für einen Verdacht bezüglich des epileptischen Anfalls?“

Ich sage es ihm ehrlich: Ich hab keine Ahnung, habe an dieses und jenes gedacht, aber die bisherigen Untersuchungen waren alle in Ordnung. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schmunzelt der Radiologe daraufhin.

Inzwischen sind die ersten Bilder da. Wir sehen schon auf den ersten Blick grosse Hirninfarkte, einige davon älter, andere sehen frischer aus.

Der Gedanke, dass es „nur“ ein Hirninfarkt sein könnte, wirkt auf mich unendlich beruhigend. Das ist was, das ich kenne, ich weiss, was weiter zu tun ist. Die nächsten Schritte sind klar, die krieg ich problemlos hin.

Das weiss auch der Radiologe. „Na, da haben wir’s ja. Wir fahren noch das Kontrastmittel, aber Blutung sehe ich auf den ersten Blick keine. Wenn’s ein Infarkt ist, dann haben Sie ja schon die Antwort, und dann wissen Sie auch wie’s weitergeht, oder?“ Er spricht ruhig und aufmunternd.

Ich atme tief durch und packe das schlaue Büchlein weg. Mein Herz schlägt ruhiger, meine Zuversicht kehrt zurück. Zusammen nehmen wir den Patienten zurück auf die Intensivstation, wo er die Nacht noch ausschlafen darf, während ich mich mit den Kollegen von der nächsten Stroke-Unit rückspreche. Die Neurologin am Telefon ist schrecklich nett. Sie ruft nach Rücksprache mit ihrer Oberärztin prompt zurück und tischt mir ein vernünftiges, durchdachtes Prozedere auf, welches ich nur noch umsetzen muss.

Danach geht alles irgendwie einfacher. Manchmal braucht es einfach nur jemanden, der ein bisschen Ruhe verbreitet. Das ist die Art Ärztin, die ich gerne mal sein will. Die ruhige, freundliche, die die jüngeren Kollegen ermutigen und stärken kann. Die den Überblick hat, weiss was zu tun ist, alles unter Kontrolle hat. Das Auge des Sturms.

Da arbeite ich noch dran.

Ohne dich wär‘ alles doof

Es ist mitten in der Nacht. Wir haben vor zwei Stunden eine Patientin im septischen Schock bei Lungenentzündung und kurz darauf einen Patienten mit unklarem epileptischen Anfall bekommen und hatten alle Hände voll zu tun, doch nun endlich scheint alles einigermassen aufgegleist. Die Kollegin vom Tagdienst hat Überstunden gemacht, um mir zu helfen und ist nun auch endlich nach Hause. Ich habe ein riesige To-Do-Liste, welche ich abarbeiten muss.

Punkt eins: „Picco-Katheter legen“. Na dann.

Ein Picco-Katheter ist ein Schlauch mit einer Sonde dran, den man in der Leiste in die Arterie einlegt. Zusätzlich braucht man einen Schlauch in der oberen Hohlvene des Herzens. Nun kann man eine definierte Menge kaltes Wasser in den Schlauch in der Vene spritzen, damit wird dort das Blut kälter. Das kalte Blut fliesst nun durch das rechte Herz, die Lunge, das linke Herz und schliesslich in die Aorta und dann die Leistenarterie. Die Sonde in der Arterie misst den Temperaturunterschied des Bluts. Die daran angehängte Maschine kann nun zum Beispiel berechnen, wieviel Blut das Herz pro Schlag oder pro Minute auswirft, und noch einige andere nützliche Parameter.

Die Theorie kenn ich, aber gemacht hab ich das noch nie.Klar, ich hab schon diverse Schläuche in diverse Gefässe gelegt, aber halt noch nie genau diesen genau in der Leiste. Glücklicherweise habe ich mit Andrea eine der erfahrensten, freundlichsten Pflegefachpersonen des Teams an meiner Seite. Sie hat schon das ganze Material vorbereitet.

„Ich hol dann mal den Ultraschall“, verkünde ich.

Andrea prustet los. „Wozu brauchst du denn den?“

„Damit ich sehe, wo ich stechen muss?“

„Ach ihr Anästhesisten mit eurem Ultraschall… Taste doch mal. Spürst du den Puls? Da must du hin. Dazu brauchst du keinen Ultraschall.“

Ich vertraue Andrea. Sie hat mir schon so oft gute Tipps gegeben, sie weiss einfach extrem viel. Wenn sie sagt, ich könne das, dann kann ich das auch.

Ich taste den Puls. Der ist nicht zu verfehlen. Na dann, los gehts.

„Ach ja, und ich hab das ganze Bett abgedeckt. Macht also nix, wenn ein Bisschen was daneben geht, okay? Ignorier das einfach und kümmer dich um den Katheter“, zwinkert mir Andrea noch zu.

Ich desinfiziere die Leiste, ich decke alles steril ab und bereite das Material vor. Ich inspiziere besonders den Katheter gut. Sieht aus, wie alle anderen Schläuche auch. Scheint machbar zu sein – natürlich, Andrea hat’s ja gesagt. Und eigentlich hat sie recht – wenn ich Katheter in die Arterie am Arm lege, brauche ich in der Regel auch keinen Ultraschall, sondern taste und steche zu.

Ich spüre den Puls noch immer gut. Um es mir etwas leichter zu machen, spritzt Andrea noch ein Medikament, welches den Blutdruck etwas erhöht. Von dem Medikament braucht die Patientin ohnehin schon extrem viel, ohne war ihr Blutdruck bei 70/30mmHg, jetzt ist sie grade auf einem guten Niveau. Mit der kleinen Extragabe steigt der Blutdruck noch ein bisschen, so kann ich den Puls besser tasten. Tief unter meinem linken Zeigefinger pulsiert die Arterie.

Ich nehme die Kanüle und steche durch die Haut in die Richtung, aus welcher das pulsierende Gefühl kommt. „Da hast du’s!“, ruft Andrea aus. Aus der Kanüle tropft Blut, schnell und ebenfalls pulsierend. Tropf, tropf, tropf. Jetzt sollte es schnell gehen.

Ich führe einen dünnen, flexiblen Draht durch die Kanüle in die Arterie ein. Dabei rutsche ich mit der Spitze der Kanüle wieder aus der Arterie und muss den richtigen Ort wieder finden. Ein paar Millimeter vor, und da tropft es wieder. Diesmal geht der Draht problemlos rein, und ich kann die Kanüle rausziehen.

Als nächstes schiebe ich den weichen Katheter über den Draht in die Arterie. Das gestaltet sich schwierig.

„Komm schon, mit Schmackes!“, spornt mich Andrea an. „Drücken drücken drücken… Siehst du? Klappt doch prima.“

Der Schlauch ist drin und Andrea reicht mir den Verbindungsschlauch für die Messung, nun brauche ich ihn nur noch anzunähen. Das ist der einfachste Part. Schliesslich kann ich alle spitzen Kanülen entsorgen und meine schweissnassklebrigen sterilen Handschuhe ausziehen. Puh.

„Na also. Hast du prima gemacht!“ Sie klopft mir auf die Schulter, ich fühle mich, als hätte sie ein Sternchen im mein Heft geklebt. „Das hat super geklappt, und du hast noch nichtmal eine Sauerei gemacht! Top! Jetzt geh und trink was und leg die Füsse ein paar Minuten hoch, das waren jetzt ein paar echt stressige Stunden. Danach schauen wir uns mal die ganzen Parameter an, ja?“

Tatsächlich, das ist meine erste Pause seit über vier Stunden. Ich trinke etwas Wasser, Andrea geht eine rauchen, dann treffen wir uns am Patientenbett wieder,  analysieren die Messergebnisse zusammen und einigen uns auf das Vorgehen für die nächsten zwei Stunden. Ich hab einen Algorithmus dafür und muss nur die richtigen Pfade finden. Andrea kennt den Algorithmus in- und auswendig, wartet aber geduldig, bis ich selber zum richtigen Ergebnis komme.

Irgendwann darf ich ein Nickerchen machen gehen, so ist das nachts geregelt, weil man keine richtigen Pause während der 13h Schicht hat. Die Pflegenden könen mich jederzeit anrufen, doch heute kann ich ungestört zwei Stunden schlummern.

Als ich zurück auf die Station komme, haben sich sämtliche Werte der Patientin verbessert. Was vor ein paar Stunden noch kritisch bis lebensbedrohlich aussah, ist nun „nur“ noch ernst, aber machbar. Frau P. wird es schaffen.

Ohne Pflegefachpersonen wären wir nix.

Was ist die Intensivstation?

„Sag mal, was ist eigentlich eine Intensivstation?“

Das hat mich meine Mutter kürzlich gefragt – und dabei ist mir wieder mal bewusst geworden, dass viele Dinge, die für mich selbstverständlich sind, es gerade für medizinische Laien eben nicht sind. Manchmal vergesse ich das. Darum heute und hier ein kleiner Einblick in die Welt der Medizin, wo nichts zu teuer und alles machbar ist. Oder auch nicht.

Die Intensivstation ist ein gesonderter Bereich im Spital, der nicht einfach zugänglich ist. Betreten kann man sie nur mit Badge, für Angehörige gibt es ein Wartezimmer mit Gegensprechanlage, im Gegensatz zur Normalstation, wo man sich freier bewegen kann.

Die Patientenzimmer haben je zwei Plätze, trennbar durch einen Vorhang, mit einer Schiebetür aus Glas, dass man jederzeit hineinschauen kann. Jeder Patientenplatz ist mit einem Arsenal an Maschinen ausgestattet – verschiedene Monitoren zur Überwachung von allem, was man irgendwie überwachen kann, Spritzenpumpen, Beatmungsgeräte. Die Pflege hat auch kein eigentliches „Schwesternzimmer“. Ihre Arbeitsplätze sind, mit Blick auf die Patientenzimmer gerichtet, hinter einer Glasscheibe, sodass sie eben jederzeit sehen können, was wo vorgeht.

Das ist wichtig, denn auf der Intensivstation liegen die kränksten Patienten. Patienten, die beatmet werden müssen, deren Blutdruck, Herzrhythmus oder Puls jede Sekunde beobachtbar sein muss, weil es jederzeit lebensgefährliche Probleme geben kann. Patienten, die in einen künstlichen Schlaf versetzt werden müssen, damit ihr Körper besser heilen kann. Manchmal sind es auch Patienten, die in einem verwirrten Zustand sind, und die einfach eine sehr enge Betreuung brauchen, welche man auf der Normalstation nicht gewährleisten kann.

Damit erschliesst sich auch schon ein weiterer Unterschied zur Normalstation: Der Betreuungsschlüssel. Während auf Normalstationen eine Pflegekraft für 5, 6 oder mehr Patienten zuständig ist, sind es hier nur etwa eins bis drei, je nach dem, wie aufwändig die Patienten sind. Die Patienten auf der Intensivstation benötigen, wer hätte es gedacht, intensivere Pflege und Betreuung.

Wir sind eine gemischte Station, das heisst, wir haben internistische und chirurgische Patienten. An einem typischen Tag haben wir zum Beispiel unter anderem:

  • Patient A, 87jährig, der gestern Nacht eine notfallmässige Bauchoperation bei Darmverschluss hatte, und der seither kreislaufunterstützende Medikamente braucht
  • Patientin B, 67jährig, die schon viele Jahre lang eine COPD hat und sich nun eine Lungenentzündung eingefangen hat, weshalb ihre Atmung erschöpft ist. Sie ist intubiert und eine Maschine übernimmt die Schwerstarbeit, bis die Lungenentzündung etwas abgeklungen ist und sie selber wieder atmen mag
  • Patient C, 72jährig, kam heute morgen mit dem Rettungswagen, weil er Brustschmerzen hatte. Es wurde ein Herzinfarkt diagnostiziert, er wurde in ein anderes Spital verlegt und bekam dort Stents. Die Kollegen haben ihn danach zu uns zurückgeschickt, nun ist er noch bei uns zur Überwachung
  • Patientin D, 18jährig, hat vor drei Tagen eine ganze Packung Paracetamol geschluckt, weil ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Sie ist hier, bis ihre Leberwerte wieder besser sind, danach wird sie in die Psychiatrie überführt
  • Patientin E, 52jährig, hat eine Blutvergiftung. Ihr Körper ist im Ausnahmezustand. Sie ist intubiert und im künstlichen Koma und bekommt eine Menge verschiedener Medikamente, die ihr Überleben ermöglichen sollen.

All diese Patienten haben ganz andere Schwerpunkte und Probleme. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen älter sind und schon eine Reihe an anderen Erkrankungen mitbringen, welche alle auch Probleme machen können. Das ist eine grosse Herausforderung für das ganze Team.

Für die Patienten ist die Situation meist schwer zu erfassen. Da sind eine Menge fremder Menschen, die alles Mögliche an ihnen machen, sie verstehen oft nicht, was um sie herum geschieht.

Auch für die Angehörigen ist die Intensivstation meist kein schöner Ort. Sie sehen ihre Liebsten schwerkrank in einem Bett, an zahllose Schläuche und Bildschirme angeschlossen. Die Besuchszeiten sind beschränkt, es dürfen nur zwei Personen gleichzeitig ans Bett. Der Ausgang ist häufig ungewiss, man macht sich grosse Sorgen.

Doch wir haben auch viele schönen Erlebnisse. Zum Beispiel, wenn Patientin B ihre Augen zum ersten Mal wieder öffnet. Wenn Patientin E ihre ersten eigenen Atemzüge seit Tagen nimmt. Wenn Patient A das erste Mal Stuhlgang hat (ja, wir sind manchmal mit wenig zufrieden) und ein paar Stunden am Stück im Lehnstuhl sitzen kann. Wenn Patient C’s Familie zu Besuch kommt und er vor Freude strahlt.

Was genau meine Rolle in dem Ganzen ist, erzähle ich euch dann nächste Woche.

Frau Keller darf sterben

Es ist mein dritter Nachtdienst auf der Intensivstation (IPS). Es ist soweit ruhig, wir sind nicht mal zur Hälfte ausgelastet. Gegen 22Uhr werde ich von der diensthabenden Anästhesistin zur Unterstützung und Übernahme in den Schockraum gerufen.

Frau Keller ist 68 Jahre alt und hat eine schwere Lungenerkrankung, eine sogenannte COPD Stadium IV. Sie wurde von der Sanität ins Spital gebracht wegen schwerer Atemnot. Wirklich, es ist ein erschreckendes Bild, welches sie uns bietet. Sie sitzt auf der Liege, die Hände verkrampft an der Matratze festgeklammert, und sie atmet. Mehr kann sie nicht, denn das Atmen fällt ihr so unendlich schwer, dass all ihre Kraft und Konzentration darauf gerichtet sind. Die Panik steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie ist unruhig, wackelt hin und her mit dem Kopf.

Die erste Blutentnahme zeigt erwartungsgemäss schlechte Atemgase und hohe Entzündungszeichen. Frau Keller hat eine Lungenentzündung in ihrer ohnehin schon schwerst geschädigten Lunge und steht offensichtlich kurz vor der Erschöpfung, der Anästhesistin juckt es schon in den Fingern für die Intubation.

Der medizinische Hintergrund, der Leiter der Notfallstation, den der zuständige medizinische Assistenzarzt soeben anruft, pfeift sie allerdings zurück. Er kennt die Patientin bestens, hat sie schon viele Male auf der Notfallstation betreut. Eine Intubation, so ist es in ihrer Patientenverfügung geschrieben, lehnt sie klar, ab, genau wie eine Reanimation. Angehörige hat sie keine. Frau Keller ist schon sehr lange sehr schwer krank. Sie darf sterben, wenn es denn soweit kommt.

Sauerstoff bekommt die Patientin aus einem speziellen Gerät, welches bis zu 50 Liter pro Minute angewärmter und befeuchteter Luft (mit einstellbarem Sauerstoffgehalt) durch eine spezielle Nasenbrille pusten kann. Damit und nach der Gabe eines fiebersenkenden Mittels verbessert sich Frau Keller ein wenig, als ich sie das nächste Mal sehe, kann sie ein bisschen mit mir sprechen. Ihr Wille ist klar: Wenn sie sterbe, dann sei das eben so.

Mit der Zeit geht es Frau Keller immer schlechter. Die Pflege ist unzufrieden, drängt mich zur Intubation – doch die steht ausser Frage. Ich kann sie verstehen, es ist für uns alle eine unangenehme Situation. Frau Keller reisst sich immer wieder den Sauerstoff aus dem Gesicht, ihre Sättigung ist konstant zwischen 70-75%. Der Blutdruck ist inzwischen auch tief, sie braucht ein kreislaufunterstützendes Medikament. Verwirrt ist sie nicht. Sie weiss, wo sie ist, was geschieht und eben, was sie will und was nicht. Dem müssen wir Folge leisten, doch es ist schwer, einfach zuzuschauen und nichts zu tun.

Ich rufe irgendwann nach ein Uhr nochmal meinen Hintergrund an, um mir dafür Rückendeckung zu holen. Wenn er nochmal sagt, wir müssen das so akzeptieren, dann glaubt das die Pflege halt eher, als mir kleinen Anfänger. Er bestätigt nochmal das Prozedere und hat trotz der späten Stunde noch ein paar vorsichtig aufmunternde Worte für mich übrig.

Immer wieder stehe ich am Bett. Die Pflege ist unzufrieden und lässt es an mir aus, alle 15 Minuten ruft sie mich ans Bett. Ich kann mit Frau Keller gut reden, sie lässt sich von mir überzeugen, den Sauerstoffschlauch in den Mund zu nehmen. Das ist angenehmer als in der Nase, und so bekommt sie wenigstens ein bisschen mehr Sauerstoff. So schreitet die Nacht voran. Ich bin völlig erschöpft und fühle mich schrecklich hilflos.

Kurz vor Vier komme ich wieder ans Bett, weil ich die Patientin schreien höre. Sie ist ausser sich, versucht, mich zu schlagen und anzuspucken, doch die Kraft reicht ihr nicht aus. Ich rede beruhigend auf die ein. Die schaut mich böse an. „Lasst mich gehen, lasst mich gehen!“ Die Pflege keift mich von der Tür aus an, sie müsse jetzt eine Rauchen gehen, ihr reicht’s. Damit verschwindet sie.

Leise und ruhig spreche ich auf sie ein, versuche, meine eigene Unruhe zu unterdrücken. „Versuchen Sie nochmal tief durchzuatmen. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Nach einer Weile entspannt sie sich, und ich atme auf. Frau Keller lehnt sich zurück, ihre Hände, welche zuvor am Bettgitter festgekrallt waren, lockern sich und sie nimmt sie in den Schoss.

Dann verdreht sie die Augen nach oben. Ihre Atmung wird langsamer und ruhiger. Ihr Puls wird langsamer. Speichel sammelt sich im Mundwinkel an. Das Gesicht ist fahl. Es ist soweit.

Nun kommt auch die Pflege wieder dazu. Gemeinsam stehen wir am Bett, jeder von uns hält eine Hand. „Wir sind bei Ihnen, Frau Keller, Sie sind nicht alleine“, gurrt die Pflege, die 5 Minuten zuvor noch knallrot im Gesicht und ausser sich war. Frau Kellers Atemzüge werden oberflächlicher und unregelmässiger, bis sie schliesslich ganz ausbleiben. Auf dem Monitor sind noch die Ausschläge der Herzaktivität zu sehen, die immer kleiner und seltener werden, bis schliesslich keine mehr da sind.

„Jetzt haben Sie’s geschafft“, seufzt die Pflege schliesslich, und schaltet den Überwachungsmonitor aus. Sie beginnt damit, die Patientin für die Aufbahrung herzurichten. „Todeszeitpunkt ist 4:20, ja? Das muss überall genau gleich stehen, also schreib dir das auf.“ Ich ziehe mich in mein Büro zurück fülle und den Totenschein aus.

Ich hab mich schon lange nicht mehr so überfordert und alleine gelassen gefühlt. Das war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich eine Patientin beim Sterben begleitet habe, und ich musste das erst mal für mich verarbeiten. Natürlich musste es ausgerechnet nachts sein, wenn sonst keiner da ist, der mir helfen kann – aber so ist das nun mal.

Frau Keller wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Intensiv(e)Medizin

Kürzlich war es eine Weile lang etwas ruhiger hier. Das hatte mehrere Gründe: Einerseits hatte ich Ferien, andererseits habe ich ein neues Abenteuer begonnen – auf der Intensivstation.

Für den Facharzt Anästhesie brauche ich insgesamt 5 Jahre, davon muss ich 4-4.5 im Fach Anästhesie absolvieren (an mindestens 2 verschiedenen Spitälern, wovon eines ein Maximalversorger sein muss) sowie ein halbes bis ein ganzes Jahr Intensivmedizin. Mein Chef hat mir in unserem Spital eine sechsmonatige Rotation auf unserer Intensivstation (IPS) organisiert, welche ich nun angetreten habe.

Wir sind vier Assistenzärzte, davon sind drei von der medizinischen Abteilung. Der vierte ist nirmalerweise ein Chirurg, aber die Chirurgen haben mir diese Rotatonsstelle freundlicherweise (oder nach irgendwelchen Androhungen meines Chefs, wer weiss) überlassen. Es ist jeweils ein Assistenzarzt im Zweischichtbetrieb anwesend (das bedeutet ca 13h Schichten), der tagsüber von einem der beiden leitenden Ärzte eng betreut wird. Nachts sind wir alleine, haben aber einen Anästhesisten im Köcher, falls irgendwas Dringendes anstehen würde, sowie einen medizinischen Hintergrund, den man bei Fragen anrufen kann.

Zusätzlich habe ich drei bis vier hervorragend ausgebildete, erfahrene Pflegefachpersonen, welche mir ebenfalls jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Damit sie das auch wirklich tun, habe ich ihnen die ersten zwei Tage Kuchen mitgebracht. Wenn die mich nicht mögen, können die mein Leben ganz schön schwer machen, also habe ich vorsichtshalber mal essbare Bestechung mitgebracht.

Die Patienten sind meist medizinisch. Das ist der Haken. Ich habe nie Medizin gemacht. Nach dem Staatsexamen war ich in der Chirurgie (mit interdisziplinärem Notfall, aber das zählt nur so halb), dann ein bisschen in der Hausarztpraxix und nun zwei Jahre lang in der Anästhesie. Meine internistischen Kenntnisse sind also dürftig, wenn überhaupt. Das hat mir im Vorfeld ganz schön Sorgen gemacht. Ich habe wochenlang chirurgische Kolleginnen, welche die Rotation bereits hinter sich haben, gelöchert. Alle haben mir gesagt, man werde hervorragend betreut, und man könne auch nachts immer anrufen, niemand sei jemals böse, alle seien hilfsbereit und erkläre gern. Klingt gut, oder?

Am ersten Tag durfte ich noch mit einer Assistenzärztin mitlaufen. Sie hat mir viel Administratives erklärt und gezeigt. Am nächsten Tag war ich allein. Ins eisige, kalte Wasser geschmissen.

Und hui, manchmal war mir echt unwohl.

Auf der Anästhesie habe ich mich inzwischen recht sicher gefühlt. Die Tage waren vor allem Routine. Mein Wissen war einigermassen ausreichend, ich wusste, was ich tat, hatte Pläne A, B, C und D bereit. Auch stressige Situationen erschütterten mich kaum noch. Ich kannte mein Team, mein Team kannte mich, wir arbeiteten gut zusammen.

Jetzt ist alles neu. Ich war überfordert. Das gehört sich so, das ist normal, wenn man neu beginnt, und ich wusste das. Trotzdem fühlte ich mich manchmal etwas überfahren, hilflos, planlos.

Was mich wenigstens halbwegs rettete, war meine Erfahrung. Kaum zu glauben, wie dreieinhalb Jahre, eigentlich so wenig Zeit, einen riesigen Unterschied machen. Wäre ich zum Anfang meiner Assistenzarztzeit noch komplett unter die Räder gekommen (kennt ihr Scrubs, die Szenen, wenn Elliott sich in den Materialschränken versteckt und heult? Genau so), hatte ich nun die Gelassenheit, mich Situationen zu stellen, auch wenn es schien, als wäre ich Wurm dafür kaum qualifiziert. Und mithilfe der Pflege und meiner  leitenden Ärztin klappte das dann auch gar nicht so schlecht. Zumindest starb niemand, und niemandem ging es am Ende der Schicht schlechter als am Anfang. Das ist schon viel.

Ich stellte aber auch fest: Es tut gut, wiedermal überfordert zu sein, an seine Grenzen zu kommen, festzustellen, was man alles nicht weiss. Man lernt unheimlich viel dabei. In vielerlei Hinsicht: Schon am ersten Morgen lernte ich 5 neue Medikamente kennen, 15 neue Maschinen und Geräte und gefühlte tausend neue Namen meiner neuen Mitarbeiter.

Ich gewöhnte mich wieder daran, mit Hausärzten zu telefonieren, und war berührt, wie interessiert sie jeweils am Zustand ihrer Patienten waren. Fast alle baten mich, den Patienten Grüsse auszurichten. Alle gaben bereitwillig Auskunft, mailten mir Berichte, Diagnosenlisten, Laborresultate, Medikamentenlisten. Jene, die ich nicht erreichte, weil sie gerade nicht in der Praxis oder beschäftigt waren, riefen mich zurück.

Schliesslich war der Tag vorbei, der Kollege vom Nachtdienst kam und löste mich ab. Er beantwortete noch einige meiner Fragen und entliess mich dann nach Hause. Ich war wie gerädert, aber auch so zufrieden wie seit Langem nicht mehr.

ZVK mit Hindernissen

„Du, da ist noch ein ZVK angemeldet, hast du Lust, den zu legen?“

Der Anruf meiner Oberärztin löst bei mir kleinere Freudensprünge aus. Ein ZVK, oder Zentraler Venenkatheter, ist ein venöser Zugang, der direkt vors rechte Herz geht. So kann man Medikamente schnell und sicher verabreichen. Natürlich ist auch die Anlage eines ZVK, wie so ziemlich alles, was wir tun, nicht ohne Risiko, weshalb man gut abschätzen muss, ob es wirklich nötig ist.

Wir legen den ZVK in der Regel in eine grosse Vene am Hals, welche mit dem Ultraschall aufgesucht wird. Ich habe bisher noch nicht so viele dieser Katheter gelegt, weshalb ich mich umso mehr freue, da mehr Erfahrungen zu sammeln.

Der Patient wird von der chirurgischen Abteilung auf die Überwachungsstation gebracht, wo ich schon alles Material vorbereitet habe – doch als ich den Patienten sehe, vergeht mir ein bisschen die Lust.

Er ist massiv übergewichtig – sein BMI, lese ich später in der Kurve, ist über 50. Er kann sich kaum bewegen, liegt in einem Spezialbett. Durch das viele überschüssige Fett ist auch sein Hals nur schlecht zugänglich, was das Anlegen des Katheters deutlich erschweren wird.

Doch das ist nicht das Hauptproblem: Mein erster Gedanke ist „Hui, der sieht schlecht aus“. Nicht wegen seines Gewichts, sondern es ist mehr ein Gesamteindruck. Vielleicht ist es Intuition, vielleicht auch Erfahrung, aber für mich ist der Patient gar nicht knusper. Er schnauft wie eine Dampflok. Er schwitzt, obwohl er sich kein bisschen bewegt. Seine Haut ist fahl, die Hand, die er mir zum Gruss reicht, ist kalt, nass und klebrig.

Ich installiere erstmal die Überwachung. Tatsächlich ist seine Sauerstoffsättigung nur 76% – das ist sehr schlecht. Ich gebe ihm Sauerstoff über eine Maske mit Reservoir, damit wirklich die volle Ladung bei ihm ankommt. So kommt er auf eine Sättigung von 88%.

Sein Puls ist schnell, über 120/min, auch seine Atmung ist mit 30/min viel zu schnell. Sein Blutdruck ist normal, immerhin etwas. Ich gehe noch einen Schritt weiter und messe sogar eine Temperatur. 39.8°C.

Nun muss ich mich wirklich erstmal so richtig einlesen. Ich rufe meine Oberärztin an und informiere sie über den Zustand des Patienten, dann gehe ich die Diagnoseliste, Laborwerte und Kurve durch. Ich rufe sogar kurz auf Station an, um mich nach dem vorherigen Zustand zu erkunden. „Bis vor Kurzem war noch alles okay“, bescheidet mir die zuständige Pflegekraft. „Kein Fieber, normale Sättigung.  Alles gut. Wir können deine Beschreibung überhaupt nicht nachvollziehen.“ Die letzten gemessenen Werte sind von vor fünf Stunden. Aber na klar, der hat sich sicher auf dem Transport hierher so verschlechtert.

Eigentlich steht für mich fest, dass der Patient septisch ist und auf die Intensivstation gehört, aber das ist nicht meine Entscheidung. Ein Chirurg muss her, der alles in die Wege leitet.

Da wären wir auch schon beim Knackpunkt, denn die zuständige Stationsärztin ist im OP. Ihre Kollegin ist im chirurgischen Rapport, sie komme „dann vielleicht nachher mal vorbei“. Das ist frühestens in einer Stunde. Ich würde den Patienten gerne direkt auf die IPS geben, aber da ich nur konsiliarisch beteiligt bin, steht mir das nicht zu. Ich bin ja nur Dienstleister, ich soll doch nur den Katheter legen. Stich und schweig, kleines Anästhesistchen.

Allerdings habe ich auch das Gefühl, dem Patienten nicht von der Seite weichen zu dürfen. Die Pflege auf der Überwachung hat viel zu tun, ich möchte ihnen nicht auch noch einen möglicherweise kritischen Patienten einfach so da lassen. Ich setze mich also in die Nähe und rufe schon mal den Assistenzarzt auf der IPS an, einfach, um mal auszukundschaften, ob sie dort überhaupt Platz hätten. Er bejaht und bescheidet mir nach meinen kurzen Ausführungen, dass sie den Patienten nehmen würden.

Nun brauchen wir nur noch das OK der Chirurgen – doch das lässt auf sich warten. Die Zwischenzeit nutze ich, um doch noch den zentralen Katheter zu legen. Wie erwartet gestaltet sich das Unterfangen rein anatomisch sehr schwierig. Dazu kommt, dass ich den Patienten nicht so lagern kann, wie ich gern möchte, weil er sich nur ein paar Millimeter weit bewegen kann, und von der Kopftieflage, die mir helfen würde, bekommt er mehr Atemnot. Aber es klappt, was mir lobende Worte meiner Oberärztin einbringt für meinen „ersten ZVK unter widrigen Bedingungen“.

Eine gute Stunde später bekomme ich ein knappes Telefonat der Stationsärztin, die mir bescheidet, der Patient könne jederzeit verlegt werden. Sie selbst macht aber offensichtlich weder Anstalten, den Patienten selber anzuschauen, noch, irgendwas an Übergabe zu organisieren. Ich helfe also einer Intensivpflegekraft, den Patienten in die IPS zu verfrachten, und mache eine Übergabe, so gut ich kann. Ich ärgere mich ein bisschen über das Desinteresse und mangelnde Engagement der chirurgischen Kollegin. Ich mache hier ihren Job, und ich hätte wirklich Anderes zu tun, als zwei Stunden einen Patienten zu hüten – aber Hauptsache, der Patient landet da, wo er hingehört und ihm am besten geholfen wird.

Der Fall hat mir wieder einmal deutlich gemacht, wie wichtig es ist, über seinen Tellerrand (in meinem Fall den Auftrag, den Katheter zu legen) hinaus zu sehen. Es lohnt sich, auf Bauchgefühle zu hören, und Patienten als Ganzes einzuschätzen. Wer weiss, was passiert wäre, wenn ich den Patienten einfach gestochen und so wieder auf die Normalstation verlegt hätte? Wem wäre es dann aufgefallen, wie sehr er sich verschlechtert hat? Und vor allem, wann wäre es aufgefallen?

Jeder von uns ist ein Zahnrädchen im Uhrwerk der Klinik, und jeder kann seinen Beitrag leisten, um Patienten zu helfen. Das ist das Schöne daran.