Die erste Reanimation

Der Alarm kommt, wie immer, aus dem Nichts.

Ich bin gerade eben im Büro angekommen und habe mich umgezogen. Noch bin ich etwas früh für meinen Dienst, aber ich habe ausnahmsweise einen Bus früher erwischt. Während ich den PC anwerfe, um Mails und Aufgaben für den heutigen Tag zu prüfen, meldet sich der schrille, unheilverkündende Ton meines Diensttelefons.

Reanimation.

Nun, der Ton allein bringt mich noch nicht aus der Ruhe. Das ist nicht mein erster Alarm. Eigentlich ist es schon mein sechster, seit ich hier arbeite, aber bisher hatte ich nur Fehlalarme. Sprich: Ich habe noch nie in echt reanimiert.

Ich prüfe den Ort, der auf dem Display angegeben ist, und ich weiss sofort, dass es diesmal kein Fehlalarm ist. Das ist Herrn Rheins Zimmer. Herr Rhein wird meine erste Reanimation.

Herr Rhein ist seit über einem Monat bei uns wegen einer schwer infizierten Beinwunde. Er hatte eine Blutvergiftung, seine Organe haben versagt, er verbrachte Wochen auf der Intensivstation, wurde dreimal erfolgreich wiederbelebt. Zweimal die Woche wurde er am Bein operiert, der Verband gewechselt, das tote Gewebe abgetragen. Die Eingriffe fanden immer in Teilnarkose statt, da er eine Vollnarkose zumindest am Anfang kaum überlebt hätte.

Vor vier Tagen wurde er auf Normalstation verlegt. Vor drei Tagen wurde er zum letzten Mal operiert, man hat die Wunde mit Haut vom Oberschenkel abgedeckt. Ein grosser Schritt, über den wir uns alle freuten – endlich ging es aufwärts!

Oder eben auch nicht.

Ich fliege das Treppenhaus hinab. Hinter mir rennt ein Anästhesiepfleger mit Rea-Rucksack. Noch hält sich irgendwo im Hinterkopf tapfer die Hoffnung, es könnte doch ein Fehlalarm sein, entgegen aller Vernunft. Ich will Herrn Rhein nicht reanimieren. Kann meine erste Rea nicht bitte irgendein Unbekannter sein?

Das Zimmer ist voll mit Menschen. Eine Pflege drückt auf den Brustkorb, mein Oberarzt steht hinter ihr. Er wird die Beatmung übernehmen. Ich klebe Defi-Pads. Der Chef der Intensivstation steht neben mir, grummelt und klebt beide etwa um einen Zentimeter um. Er hat grässliche Laune, kennt den Patienten gut, hat selber wochenlang um ihn gekämpft. Das hier ist etwas Persönliches für ihn. Für viele von uns, die Herrn Rhein über den letzten Monat begleitet haben.

Der Assistenzarzt der Intensivstation übernimmt die nächste Runde. Dreissig mal drücken, dann beatmet mein Oberarzt zweimal mit dem Beutel, dann wird wieder gedrückt. Als er zum fünften Mal auf Dreissig zählt, nickt mein Oberarzt mir zu. „Du bist als nächstes dran.“

Ich hab das so oft geübt. Seit Jahren, mehrmals jährlich, wider und wieder auf Puppen herumgedrückt, Analysestreifen ausgewertet, den Trainingsdefi benutzt – ob sich das wohl anders anfühlt, als die Übungspuppe?

Überraschenderweise fühlt es sich praktisch gleich an, höchstens etwas weicher vielleicht. Fünf mal dreissig Kompressionen auf der Mitte des Brustbeins, danach werde ich abgelöst und es übernimmt eine Pflege der Intensivstation. Ich habe Schweissperlen auf der Nase. Das Adrenalin in meinem Blut löst ein vertrautes, klumpiges Gefühl in meinem Brustkorb aus. Das Adrenalin, das der Anästhesiepfleger ins Blut von Herrn Rhein spritzt, zeigt keinen Effekt.

Es ist ruhig bei uns, man hört nur das Piepsen des Defis, vereinzelte Kommandos, gelegentlich ein „achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreissig!“ um meinem Oberarzt zu signalisieren, dass er wieder zwei Atemstösse mit dem Beutel geben kann. Nach fünf Zyklen übernimmt der Assistenzarzt der Intensivstation wieder. Nach weiteren fünf bin ich wieder dran.

Der Intensiv-Chef guckt auf die Uhr. „Wir machen eine halbe Stunde.“, kündigt er an. „Wenn dann nichts ist, dann war’s das.“ Die Hälfte davon haben wir schon.

Alle zwei Minuten kontrollieren wir den Rhythmus, aber es kommt nichts. Das Herz steht still. Der Intensiv-Chef gibt leise Kommandos, teils auch nur mit Handsignalen. Warte, mach weiter, schau da hin. Seine Ruhe und Erfahrung trägt uns alle, während sich manche von uns beim Drücken abwechseln, andere ein Protokoll schreiben, wieder andere Medikamente aufziehen und verabreichen.

Die Chirurgen kommen irgendwann dazu. Der Assistenzarzt reiht sich zum Drücken ein. Mein Oberarzt gibt mir das Signal, für ihn zu übernehmen. Jetzt bin ich am Kopf und gebe die Beatmungsstösse. Alle fünf Zyklen bestimme ich einen Wechsel, damit niemand zu lange am Stück drücken muss.

Teil 2 folgt 😉

Sie müssen jetzt ganz tapfer sein!

Ich werde ins CT gerufen, um einen Zugang für eine Kontrastmitteluntersuchung zu legen.

Herr B. hatte eine Chemotherapie und ist daher schwierig zu stechen. Die Kolleginnen von der Radiologie haben sich schon dreimal daran versucht, sind aber gescheitert, weshalb sie mir das Feld überlassen.

Ich schaue mir erst den rechten Arm an, finde aber nichts, das mir gefällt. In der Ellenbeuge wäre eine Vene, aber ich kann sie nur schlecht ertasten, habe ein schlechtes Bauchgefühl, und dann mach ich das nicht gern. Lieber überprüfe ich zuerst, ob vielleicht auf der linken Seite etwas zu finden ist. Mein Bauchgefühl vor dem Stechen ist ziemlich zuverlässig, wenn ich der Vene nicht traue, klappt es meist nicht.

Nach ein paar Minuten werde ich tatsächlich fündig: Ein kleines Venchen guckt mutig zwischen dem Knöchel des Ring- und des kleinen Fingers hervor. Aus Mangel an Alternativen, und weil ich dabei ein gutes Gefühl habe, entscheide ich mich für einen Versuch.

Die MTRA (Fachperson für Medizinisch-technische Radiologie. Puh, wie übersetzt man das am besten? Das sind die Personen, welche die radiologischen Untersuchungen, zum Beispiel Röntgen, CT und MRI, durchführen.) ist ganz offensichtlich nicht begeistert. Sie hat mich schon während meiner Suche mehr oder minder sanft auf die Vene in der Ellenbeuge hinsteuern wollen. Das mag ich nicht – ich steche gerne da, wo ich mich wohl dabei fühle, wo ich mir des Erfolgs einigermassen sicher bin. Wenn sie diese am besten findet, soll sie’s selbst machen.

Bevor ich irgendwas sagen kann, wendet sie sich an den Patienten. „Das wir jetzt ganz schön weh tun, Herr B.“, warnt sie ihn. „Da müssen Sie gut stillhalten, das wird sehr unangenehm.“

Wow.

Ernsthaft?

Versteht mich nicht falsch, man muss Patienten gegenüber ehrlich sein. Aber wenn man so etwas sagt, verkrampfen sie sich und bekommen Angst, und dann wird alles gleich viel schlimmer. Der Handrücken ist schmerzmässig etwa im mittleren Feld anzusiedeln: Schmerzhafter als Ellenbeuge, weniger schmerzhaft als die Innenseite des Unterarms.

Dazu kommt auch immer das individuelle Schmerzempfinden des Patienten, die Technik des „Stechenden“ und tausend andere Faktoren, die beeinflussen, wie schlimm (oder eben auch nicht) die Sache ist. Ich selber sage daher jeweils schlicht: „Es gibt jetzt einen Stich, Entschuldigung“. Das reicht aus. Wirklich.

Am Ende, wer hätte es gedacht, war es dann doch nicht so schlimm. Der Zugang sass einwandfrei (puh, Glück gehabt), und auch wenn der Ort nicht der günstigste ist, wird ja der Zugang gleich nach der Untersuchung wieder entfernt und kann dann nicht mehr stören.

Aber bitte, einfach bitte: Verängstigt mir nicht meine Patienten. Die wissen schon, dass das nicht gerade Spass macht – immerhin war das bei Herrn B. auch schon der vierte Versuch. Die ersten drei waren bestimmt auch keine Geburtstagsparty. Dramatisieren und extra drauf hinweisen ist wirklich, wirklich nicht nötig.

 

 

Wasser Marsch!

Hirn und Rückenmark schwimmen in einer Flüssigkeit, dem Hirnwasser. Die Untersuchung dieses Wassers kann bei der Diagnose von verschiedenen Krankheiten helfen, zum Beispiel bei Entzündungen oder bösartigen Tumoren des Hirns.

Ein spitalinterner Service, den wir anbieten, ist die Durchführung von Hirnwasseruntersuchungen, auch „Liquorpunktion“ oder kurz „LP“ genannt. Wir bieten dies insbesondere für die dem Haus angeschlossene Memory-Klinik an (das ist leider kein Ort für Kartenspiele, sondern ein Abklärungszentrum für unter Anderem Demenz).

Eine Zuweisung für eine solche LP kommt von der Onkologie, der Tumormedizin. Herr Winter, 72 Jahre alt, hat Lymphdrüsenkrebs, und Ableger davon machen sich bereits in seinem Hirn breit. Nun möchte man erstens eine Untersuchung des Hirnwassers haben, damit man die dort vorhandenen Zellen genau analysieren kann, und andererseits eine Chemotherapie direkt im Hirnwasser durchführen. Chemotherapeutika können die Barriere zwischen Blut und Hirn meistens nicht durchdringen, weshalb man auf diesen Weg zurückgreifen muss.

Herr Winter ist ein kleines Bisschen nervös, aber grundsätzlich sehr aufgestellt und freundlich. Brav legt er sich auf die Seite und zieht seine Knie so hoch zum Kinn, wie er kann, um mir einen runden Rücken zu präsentieren. So dehnen sich die Wirbel auseinander, und es bleibt dazwischen mehr Platz für mich, um durchzukommen. Ich taste den Rücken ab, um zu entscheiden, in welchem Bereich der Lendenwirbelsäule ich stechen möchte.

Für die Untersuchung trage ich einen sterilen Mantel, sterile Handschuhe, Mundschutz und eine OP-Haube. Gründlich desinfiziere ich den Rücken und klebe ein steriles Tuch mit einem Loch in der Mitte da hin, wo ich arbeiten möchte. So habe ich eine sterile Fläche, an der ich meine Hand abstützen kann.

Zuerst gibt es eine örtliche Betäubung. Die piekst und brennt ein bisschen, aber Herr Winter bleibt stoisch gelassen. Danach suche ich mit einer langen, stumpfen Nadel den Weg. Das bereitet in der Regel keine Schmerzen mehr, nur gelegentlich piekst es ein bisschen. Dann kann ich noch etwas örtliche Betäubung nachgeben, wenn nötig.

Manchmal, wenn die Wirbel sehr verknöchert oder die Zwischenräume sehr eng sind, ist das nicht so leicht, aber heute klappt es problemlos. Ich spüre, wie sich der Widerstand an der Nadel verändert. Am Ende der Nadel in einem durchsichtigen Plastikstück sehe ich das Hirnwasser, das mir langsam entgegen kommt.

Jetzt ist Geduld gefragt – von mir und von Herr Winter. Meine Oberärztin, die mich bei der Untersuchung unterstützt, reicht mir nacheinander vier Plastikröhrchen, welche ich füllen muss. Das Hirnwasser tropft langsam, ein Tropfen alle paar Sekunden, und ich brauche für jedes Röhrchen mindestens zwanzig Tropfen.

Während sich ein Röhrchen nach dem anderen füllt, kommt der Onkologe hinzu. Er bringt mir eine kleine Spritze mit einer grellen gelben Flüssigkeit – das Chemotherapeutikum. Er überprüft noch einmal die Identität des Patienten, die Diagnose, die Verordnung und auch den deklarierten Inhalt der Spritze.

Als alle meine Röhrchen voll sind, reicht er mir die Spritze. Ich verabreiche den Inhalt langsam, den Anleitungen des Onkologen folgend. Danach ziehe ich die Nadel wieder raus und klebe ein Pflaster an die Stelle. Fertig.

Das ist für mich etwas sehr Besonderes. Nicht die Untersuchung an sich, die ist für mich Routine, und normalerweise mache ich sie ohne Oberarzt. Heute war meine Oberärztin ausnahmsweise zu meinem Schutz dabei, damit ich rechtlich nicht alleine da stehe, falls es irgend ein Problem wegen der Chemo gibt. Denn die Chemo, das ist das Besondere daran.

Ich bin Anästhesistin. Ich heile nicht. Nie. Ich gebe Medikamente, die irgendein Ziel haben, aber an der Genesung des Patienten habe ich normalerweise keinen direkten Beitrag. Ich schaffe gute Bedingungen mit einer Narkose für eine Operation, ich lege Zugänge, damit andere Ärzte Medikamente verabreichen können, aber selber führe ich keine Therapien durch.

Nicht so heute: Eigenhändig spritze ich ein Medikament, welches den Krebs des Patienten direkt beeinflussen soll. Ein Medikament, das falsch angewendet verheerende Konsequenzen haben könnte. Das scheint mir wichtig, gross, gefährlich, beängstigend und beeindruckend. Gemischte Gefühle.

Herr Winter darf sich jetzt wieder auf den Rücken legen und muss dann eine halbe Stunde so liegen bleiben, damit sich das Medikament verteilt. Er grinst mich an. „Das hab ich mir schlimmer vorgestellt“, gibt er zu. Das hör ich nach solchen Untersuchungen oft, und natürlich immer wieder gern.

Danach darf ich gehen, während der Onkologe noch bleibt und mit dem Patienten das Prozedere bespricht.

Ausnahmsweise bereue ich, den Patienten nicht weiter verfolgen zu können. Mich würde schon interessieren, wie es mit ihm weitergeht, ob ihm die Chemo geholfen hat – aber hier ist mein Anteil am (hoffentlich?) Genesungsprozess beendet.

Alles Gute, Herr Winter.

Ein ganz normaler Morgen

08:00 Mein Sprechstundendienst beginnt. Pünktlich melde ich mich bei meiner Dienstoberärztin, damit sie mir noch sagen kann, was aktuell noch zu tun ist, bevor ich mit der Visite der Schmerzpatienten beginnen kann. Stillschweigend ist über Nacht eine Patientin zur Versorgung eines Oberarmbruchs auf das Programm geschlichen, von der aber niemand etwas weiss. Das ist meine erste Aufgabe für heute morgen.

Die Übersicht: Ich habe geplante Sprechstundentermine um 9 Uhr, 10 Uhr und 13 Uhr und acht im ganzen Haus verteilte Patienten für die Schmerzrunde. Zusätzlich bin ich für alle ambulanten Patienten zuständig, das sind die, welche heute einen Termin bei einem Chirurgen haben und mit diesem eine Operation ausmachen. Gemäss interner Abmachung können diese Patienten anschliessend gleich zu mir in die Sprechstunde, damit sie nicht extra einen Termin abmachen und nochmal ins Spital kommen müssen. Ebenfalls bin ich zuständig für sämtliche Notfalloperationen. Und generell alle Probleme ausserhalb des OPs.

08:03 Ich lese mich durch die Akte. Diagnosenliste, Laborergebnisse, Röntgenbilder, EKG. Ziemlich kranke, alte Patientin, wie immer. Mitten drin ruft die zuständige Stationsärztin an und meldet die Patientin offiziell für die Operation an.

08:10 Zur maximalen Effizienz plane ich, die Patientin zwischen der Visite zu besuchen. Ich habe auf ihrer Station sowieso zwei Schmerzpatienten, das passt gut. Ich lese mich durch die Einträge der Nachschwestern bei all meinen acht Schmerzpatienten. Bei zweien hat es Probleme gegeben, da bin ich gespannt, wie die Lage jetzt ist. Zwei von den acht sind über Nacht neu dazugekommen und mir noch unbekannt, daher muss ich mich da etwas gründlicher einlesen.

08:24 Anruf der Dienstärztin. Ich werde dringend im OP gebraucht. Ich soll für einen Patienten alles vorbereiten, ihn entgegennehmen und in Narkose versetzen. Der für diesen Saal zuständige Anästhesiepfleger wird mich ablösen, wenn er seinen Patienten abgegeben und kurz was getrunken hat. Ich äussere meinen Unmut, weil das wieder all meine Aufgaben nach hinten schieben und mich übelst in die Bredouille reiten wird. Das wird so zur Kenntnis genommen, aber in den OP muss ich trotzdem. Ich gehe mich umziehen.

08:28 Mein Patient ist noch nicht da, denn die aktuell noch laufende Operation in diesem Saal ist ein bisschen schwieriger als erwartet. Ich will eigentlich nur kurz schauen gehen, werde aber sofort eingespannt für diverse kleine Handreichungen. Macht nichts, bin ja sowieso da, und kleine Arbeiten, bei denen ich nichts überlegen muss, mag ich manchmal ganz gerne. Besonders dann, wenn ich im Stress bin.

08:44 Der Patient, um den ich mich kümmern muss, wurde bestellt und soll bald an der Schleuse sein. Alles ist soweit vorbereitet. Es kommt ein Telefon zu der einen Patientin, bei deren Schmerzkatheter heute Nacht etwas nicht in Ordnung war. Sie hat starke Schmerzen. Ich vertröste die Pflege, entschuldige mich tausend Mal und weise sie an, regelmässig die Reserve zu verabreichen, bis ich Zeit finde, vorbei zu kommen.

08:52 Mein Patient ist da. Ich schliesse EKG und Blutdruckmanschette an, lege den Zugang, bereite alles vor.

08:53 Anruf: Der Patient für die fixe Sprechstunde um 9 Uhr ist da. Wird vertröstet.

08:55 Anruf einer weiteren Stationspflege, wann ich denn vorbeikäme. Die zweite „Problempatientin“ von gestern Nacht hat auch starke Schmerzen. Gleiche Anweisung wie zuvor: Reserve geben, abwarten, ich komme, sobald ich kann.

08:58 Als ich bereit bin für die Narkoseeinleitung, rufe ich die zuständige Oberärztin, die mir aus Zeitmangel meinen Assistentenkollegen vorbeischickt. Wir leiten zusammen reibungslos ein, entgegen unserer Richtlinien, die für mindestens einen der Beteiligten eine Anästhesieerfahrung von zwei Jahren vorschreibt. Wenn Personalmangel herrscht, sind Richtlinien flexibel. Sobald der Patient in Narkose und intubiert ist, verabschiedet sich mein Kollege. Ich bereite weiter vor, schreibe das Protokoll und warte darauf, abgelöst zu werden.

09:15 Eine Oberärztin übernimmt für mich. Ich kann mich wieder umziehen gehen.

09:18 Anruf zur Anmeldung aus der chirurgischen Sprechstunde für eine ambulante Operation in einer Woche. Ob der Patient gleich noch zur Aufklärung vorbeikommen kann? Klar. Den bring ich schon irgendwo unter.

09:24 Ich nehme den Patienten für den 9Uhr-Termin ins Sprechzimmer, entschuldige mich für die Wartezeit. Seine Diagnoseliste ist sehr kompliziert, er selbst scheint auch sehr ausgelaugt, man merkt ihm den psychischen Stress seiner Leidensgeschichte deutlich an. Viel Empathie und Fingerspitzengefühl sind gefragt, sowie Zeit und Geduld. Geduld und Empathie hab ich, Zeit nicht, aber die Kunst ist, dies den Patienten nicht merken zu lassen.

09:36 Anruf: Weitere Anmeldung für eine Sprechstunde.

09:42 Anruf: Anmeldung eines Notfalls, der heute noch dran kommen soll.

09:44 Anruf: Ein weiterer Notfall, der aber erst in vier Tagen drankommt, ich aber trotzdem schon aufklären muss. Der Sprechstundenpatient wartet geduldig, und sagt, als ich auflege, mitfühlend: „Sie Arme, habe Sie Stress?“ Soviel dazu, dem Patienten vorzugaukeln, ich hätte Zeit.

09:46 Anruf: Der ambulante Patient ist im Wartezimmer.

09:53 Anruf: Der Patient für den 10 Uhr-Termin ist da. Wird vertröstet.

09:56 Ich schliesse das Gespräch mit dem Patienten der Sprechstunde ab und hole mir den ambulanten Patienten ins Sprechzimmer.

09:59 Anruf: Die Dienstärztin will wissen, wie es bei mir läuft. Sie übernimmt für mich den 10 Uhr-Termin.

10:06 Anruf: Die zweite ambulante Sprechstunde ist da.

10:15 Ich hole die zweite ambulante Sprechstunde ab. Obwohl sie jung und gesund ist, gestaltet sich das Gespräch schwierig, weil sie selbst einfach kompliziert ist. Sie verlangt viermal, dass ich auch darauf achte, dass auf keinen Fall der Assistenzarzt die Naht macht. Mein Einwand, dass ich da keinen Einfluss habe und sie das bei den Chirurgen deponieren muss, verhallt viermal ungehört.

10:32 Sprechstunde beendet, ich gehe auf den auf den Notfall.

10:40 Den Notfallpatienten für heute sehe ich mir an, die Patientin für in vier Tagen lasse ich vorerst noch warten.

10:53 Ich schaue mir den Oberarmbruch von heute Morgen, 8 Uhr, an. Patientin ist zuckersüss und unkompliziert, ein wunderbarer Aufsteller für zwischendurch.

11:14 Beginn der eigentlich für 08:15 anberaumten Schmerzvisite. Patientin 1 hat starke Schulterschmerzen nach Schulteroperation, weil ihr Schmerzkatheter „rausgefallen“ ist über Nacht. Die Patientin ist von gestern Abend, ich kenne sie daher nicht und muss mich erst einlesen und mit der zuständigen Pflege besprechen. Anscheinend hat die Patientin nicht nur einen gebrochenen Oberarm, sondern auch gebrochene Rippen und ein geprelltes Knie, die ihr Beschwerden bereiten.

11:18 Visite der Patientin. Sie beschreibt mir ausführlich all ihre Beschwerden und Wehwehchen, ich entscheide mich zur Installation einer Schmerzpumpe über die Vene statt der Anlage eines neuen Schmerzkatheters. Der Katheter betäubt schliesslich nur den Arm, und der ist bei weitem nicht ihr einziges Problem.

11:19 Anruf: Chirurgische Sprechstunde. Eine Anmeldung für eine Operation in zwei Monaten. Sprechstunde abgelehnt, muss einen Termin vereinbaren.

11:26 Visite der zweiten Patientin mit akuter Schmerzproblematik. Auch sie ist von gestern Abend und mir daher unbekannt. Ich muss die ganze Analgesie komplett überarbeiten. Danach ausführliches Gespräch mit der Patientin darüber, wie wir weiterfahren wollen.

11:28 Anruf: Urologische Sprechstunde. Anmeldung für eine Operation in drei Wochen. Sprechstunde abgelehnt, muss einen Termin vereinbaren.

11:29 Anruf: Orthopädische Sprechstunde, Anmeldung für eine Operation in zwei Wochen. Sprechstunde nicht abgelehnt, weil der Orthopäde bösartig ist und ich keinen Bock habe, mich anpfeifen zu lassen.

11:40 Ich gehe ins Büro für einen Notfallsnack, nachdem ich mich im Gespräch mit der einen Pflegefachfrau leicht patzig anhöre. Das ist bei mir ein deutliches Zeichen für eine Unterzuckerung – wenn ich jetzt nichts esse, wird’s nur schlimmer. Ich setze mich auf den Bürostuhl. Grosser Fehler, denn jetzt kann ich fast nicht mehr aufstehen.

11:45 Anruf: Die orthopädische Sprechstunde ist da. Jung und gesund, zum Glück, das geht schnell.

12:03 Ich besuche drei weitere Schmerzpatienten, die soweit problemlos sind.

12:48 Ich gehe Mittagessen und verschiebe die restlichen Schmerzpatienten auf später. Die haben bis jetzt ohne mich durchgehalten, dann schaffen sie bestimmt auch die nächsten 15 Minuten.

Zu jung

Ich hole im Wartezimmer ein älteres Ehepaar für die Sprechstunde ab. Der Mann soll eine Operation erhalten. Ich begrüsse die beiden, stelle mich vor („Mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin“) und nehme die zwei mit ins Sprechzimmer.

Das Gespräch gestaltet sich soweit unauffällig, ausser, dass der Patient keine einzige Frage allein beantworten kann und zur Sicherheit immer noch erst die Frau anguckt, bevor er eine Antwort gibt, die dann von ihr meistens noch korrigiert wird. Kenn ich sonst eher von jungen Männern und ihren Müttern, aber stören soll mich das ja nicht – Hauptsache, ich bekomme die Antworten.

Ich empfehle eine Spinale, eine Rückenmarksnarkose. Die Frau ist skeptisch, stellt ein paar zusätzliche Fragen, welche ich ihr natürlich gerne beantworte. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den nächsten Tagen anruft und dennoch eine Vollnarkose (für ihren Mann) wünscht, auf etwa 50%, obwohl sie am Ende grundsätzlich besänftigt ist.

Während der Göttergatte doch immerhin selbständig unterschreibt, sagt sie plötzlich unvermittelt: „Wissen Sie, als ich Sie gesehen habe, da hab ich mir schon gedacht, ach du meine Güte“ – sie legt theatralisch den Kopf in die Hände, ein richtig echter Facepalm – „die ist doch viel zu jung. Aber Sie haben das sehr gut erklärt.“

Mich „zu jung“ zu nennen ist etwa einer der einfachsten Wege, mir die Laune zu verderben. Tatsächlich kommt das gleich nach „es hat keine Schokolade mehr“.

„So jung bin ich auch wieder nicht, auch wenn es so aussieht. Ich bin Dreissig.“

Ja, ich weiss, für eine 80jährige ist das trotzdem noch jung. Aber sollte ich mit Dreissig nicht alt genug sein, um wenigstens halbwegs ernst genommen zu werde in meinem Beruf?

Das geht komplett an ihr vorbei. „Ja, aber so jung und schon so weit!“

„Das Medizinstudium schliesst man Mitte bis Ende der Zwanziger ab. Wie gesagt. So jung bin ich nicht.“

„Ja, aber Sie haben das so gut gemacht, auch wenn Sie noch so jung sind!“

Ich gebe auf und versuche, damit zufrieden zu sein, dass ich wenigstens mit Kompetenz punkten konnte. Was anderes bleibt mir ja dann doch nicht übrig.

Wetten, dass mein 24 jähriger Medizinstudent mit seinen 180cm und dem Dreitagebart sich so was nicht hätte anhören müssen?

Neulich im Netz

„Hypnose ist in Schweizer Spitälern auf dem Vormarsch“ –  titelt Watson.ch, und legt gleich noch einen drauf: „Wie mit Hypnose in Schweizer Spitälern die Prämienexplosion gestoppt werden soll“

Was je nach Vorurteilen komplett lächerlich oder unglaublich innovativ daherkommt, ist bereits seit Jahren im Gespräch. Dank Hypnose soll der Patient entspannt genug sein, um die Operation anstatt in Vollnarkose auch in Teilnarkose oder örtlicher Betäubung durchzustehen. Daher eine erste Relativierung: Ganz ohne etwas geht es nicht.

Eine Narkose besteht (ganz grob) aus zwei Teilen: Ausschaltung von Schmerz und Ausschaltung des Bewusstseins. Mit Hypnose würde man den Bewusstseinsteil aus der Narkose rausnehmen.

Wer hier regelmässig liest, weiss schon lange: Eine Vollnarkose braucht es für viele Eingriffe gar nicht, eine Teilnarkose, zum Beispiel die Betäubung eines Arms oder Beins, reicht völlig aus. Voraussetzung ist, dass der Patient für die Dauer der Operation schön still liegen kann.

Tatsächlich, auch bei uns im Team haben wir zwei Oberärztinnen, die aktuell eine solche Ausbildung machen. Die beiden verstehen Hypnose allerdings auch nicht als Ersatz, wie es im Artikel suggeriert wird, sondern eben als Ergänzung in allen Bereichen. Nicht nur während der Operation, sondern auch rundherum, zum Beispiel vor einer Vollnarkose, damit er ruhiger einschläft, oder beim Legen eines schwierigen Zugangs beim verängstigten Patienten.

Jetzt, wie „stoppen“ wir damit „die Prämienexplosion“? Es senke Kosten, wenn man weniger Vollnarkosen macht. Na, soviel scheint irgendwie klar, es braucht weniger Equipment, man muss weniger Medikamente geben, braucht weniger Personal. Oder?

Tatsächlich muss für jede Operation mit Anästhesiebegleitung immer das volle Equipment vorhanden sein, denn nur so ist man für den Notfall vorbereitet. Man stelle sich vor, es gäbe einen Vorfall, zum Beispiel einen Herzstillstand, und der Anästhesist steht zwar daneben, kann aber nichts machen, weil er keine Beatmungsmaschine oder keine Medikamente dabeihat.

Des Weiteren: Was ist denn das Teure an der Operation? Der Anästhesist (der für mindestens 4 Narkosen gleichzeitig zuständig ist)  und der Anästhesiepfleger, die Medikamente im Wert von 50 Franken in den Patienten schütten? Oder ist es vielleicht doch der Chirurg, seine zwei Assistenten, eine OP-Pflege am Tisch und eine sonst im Saal als Handlanger? Das Gerät für Klammernähte, bei welchem ein Set allein schon 100 Franken kostet, die Prothese für 10’000 Franken und so weiter?

Dann braucht es ja doch einen Anästhesisten für die Teilnarkose. Für die örtliche Betäubung nicht, klar. Aber will man denn echt das Risiko eingehen, dass während der Operation niemand dabei ist, der im Notfall handeln kann? Unsere Chirurgen beantworten sich diese Frage so: Wenn es ohne Anästhesist geht, brauche ich es nicht im OP-Saal durchzuführen. Also brauche ich auch die Infrastruktur nicht, und führe den Kleineingriff in einem dafür eingerichteten Raum ausserhalb der OPs durch.

Übrigens, von wegen Zeit und Ressourcen: Die Krux an der Teilnarkose ist, sie ist technisch und zeitlich deutlich aufwändiger als eine Vollnarkose. So ein Block braucht auch Material, Medikamente, Menschen. Es braucht einen Anästhesisten plus eine Assistenz, allein geht es nicht – wie bei einer Vollnarkose. Es braucht Erfahrung, gutes Teaching – es ist deutlich einfacher eine Vollnarkose (unter normalen Umständen) durchzuführen, als eine Regionale zu stechen. Der Zeitbedarf ist schwieriger abzuschätzen, er variiert je nach anatomischen Gegebenheiten, Kooperation der Patienten, Erfahrung und Tagesform des Anästhesisten…

Und es bräuchte natürlich eben Fachpersonal für Hypnose, sprich dafür ausgebildete Anästhesisten oder Anästhesiepfleger. Natürlich könnten auch medizinische Laien die Hypnose durchführen. Aber dann braucht es ja trotzdem jemanden, der das Ganze überwacht, medizinische Probleme sofort erkennt und sie beheben kann.

Das kratzt nun alles nur ganz oberflächlich an der Problematik, und ich könnte noch viel mehr schreiben. Aber das soll jetzt erst mal genügen.

Wie so häufig gilt auch hier: Wenn die Lösung so einfach erscheint, dann hat man sie meistens nicht gründlich genug beleuchtet, und/oder schlicht und einfach zu wenig Ahnung.