Aufklärung by proxy

Das Diensttelefon meines Kollegen klingelt, die Nummer darauf gehört zu unserem Wartezimmer.

‚Hallo, hier ist Müller. Ich bin hier wegen der Sprechstunde, aber ich hab noch eine Frage: Muss meine Mama dafür dabei sein?‘

Dienstarzt: ‚Ähm… Eigentlich nicht.‘

Wir behandeln aber keine Kinder. Da ist was im Busch. Er ahnt schon, was kommt.

‚Wer wird denn operiert, Sie oder Ihre Mutter?‘

‚Na, meine Mutter, aber die ist schon nach Hause. Können Sie das Gespräch nicht einfach mit mir führen und ich sag ihr dann, was wir besprochen haben?‘

Die Mama war 46 Jahre alt, urteils- und aufklärefähig.

Nein, das können wir nicht.

Mal ganz abgesehen von den rechtlichen Aspekten, unter welchen wir das Gespräch ja führen (Stichwort informed consent), müssen wir den Patienten auch sehen, um uns ein Bild von ihm machen zu können. Nur so können wir die passende Narkoseform aussuchen und die individuellen Risiken einschätzen.

Aber wir hätten da einen Vorschlag: Wir klären die Tochter auf, und führen dann den Eingriff gleich auch bei ihr durch. Wäre bestimmt auch einfacher für die Mutter, die kann dann schön gemütlich zuhause bleiben.

Wär doch was, oder?

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Lügner

Der junge Mann, der vor mir im Bett sitzt, sieht eigentlich gar nicht krank aus, doch das täuscht. Die chirurgische Dienstärztin hat ihn mir zur Notfalloperation angemeldet, weil er ein Loch im Magen hat.

Mit seinen 19 Jahren ist er eigentlich für meinen Geschmack etwas zu jung für ein Loch im Verdauungstrakt. Aber er hat seit einiger Zeit Ibuprofen regelmässig ohne Magenschutz eingenommen, und darunter hat sich ein Magengeschwür gebildet.

‚Guten Tag, mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin. Ich bin hier, um mit ihnen über die Narkose für die Operation am Bauch zu reden.‘

Er schaut mich erstaunt an. Von einer Operation wisse er nichts. Wann soll die denn sein? Was wird operiert? Und warum? Muss das denn wirklich sein?

Ich ärgere mich. Es ist nicht besonders angenehm, so mit der Tür ins Haus zu fallen, und eigentlich werde ich erst gerufen, wenn die Chirurgen schon beim Patienten waren. Schliesslich kann und soll ich all diese Fragen nicht beantworten. Aber was soll ich machen?

Ich setze einen kurzen Anruf an den diensthabenden Oberarzt ab, der mir versichert, der Operateur komme gleich. Er sagt mir aber auch, die Stationsärztin sei bestimmt bereits da gewesen und habe mit dem Patienten geredet.

Offensichtlich hat er das nicht, denn der Patient sagt nach wie vor, er wisse von nichts. Ich vertröste ihn auf ‚gleich‘ und kläre ihn trotzdem für eine Vollnarkose auf.

Anschliessend informiere ich meine Oberärztin über den Patienten, damit sie weiss, was sie vorbereiten muss. Auch ihr erzähle ich, dass der Patient noch gar nicht chirurgisch aufgeklärt ist, und auch sie nervt sich daran. Das ist einfach nicht die Abmachung, Punkt. Typisch Chirurgen, etwas ’super dringendes‘ anmelden und dann selber noch nicht da gewesen sein.

Ich besuche noch kurz das Stationszimmer und spreche mit der Stationsärztin darüber. Sie schüttelt den Kopf. ‚Das kann nicht sein. Mein Oberarzt ist vor 20 Minuten aus dieser Tür raus um zu diesem Patienten zu gehen. Das glaube ich einfach nicht.‘

Ich zucke mit den Schultern. Warum sollte der Patient mich anlügen? Naja. Passiert ist passiert.

Eine gute Stunde später treffe ich zufällig meine Oberärztin auf der Aufwachstation. Sie grinst mich an.

‚Hast du schon gehört von deinem Patienten? Das war ja was.‘

‚Was denn?‘

‚Na, wir haben abgemacht, dass der zu uns zur Schleuse gebracht wird und der Operateur ihn dort noch kurz aufklärt. Als die Pflege ihn bringt, sagt er zu uns: Ich will jetzt nicht operiert werden, ich bekomme heute noch Besuch. Und ausserdem war von der Narkose gar niemand bei mir.‘

Der Patient hat also doch gelogen. Zuerst mir gegenüber, und dann versucht er es noch bei meiner Oberärztin und dem Chirurgen.

Ich hab keine Ahnung, wieso er das gemacht hat. Oder was er damit erreichen wollte. Damit durchgekommen ist er auch nicht. Auf dem Aufklärungsprotokoll, auf welchem ich handschriftlich die für ihn spezifischen Narkoserisiken notiert habe, prangt seine Unterschrift direkt über meiner. Ich hab den schriftlichen Beweis.

Geärgert habe ich mich deswegen auch nicht direkt über den Patienten, sondern über mich selbst. Ist mir eigentlich Wurscht, warum der Mist erzählt.

Aber ich hab mich manipulieren lassen, habe mich völlig zu Unrecht über die Chirurgen genervt, ihnen Absicht unterstellt. Ist ja mal wieder typisch, hab ich gedacht. Da stressen die so rum vonwegen ‚der muss schnell in der OP‘ und kümmern sich dann selbst nicht um ihre Aufgaben.

Solche vereinzelten Patienten sind dann auch der Grund, warum ich allen anderen auch nichts mehr glaube.

Die ausgerenkte Schulter

Der verhasste Aussendienst. Wie immer habe ich etwa ein Telefon pro Minute, muss mich um tausend Dinge gleichzeitig kümmern. Mittendrin erreicht mich ein Anruf von meiner Vorgesetzten.

„Du, kannst du mir nicht kurz einen Riesengefallen tun?“

„Was denn?“, frage ich misstrauisch zurück.

„Kannst du mir ein Röntgen anmelden für die Patientin in meiner Sprechstunde? Ich komm jetzt grade echt nicht dazu, mein Telefon klingelt ununterbrochen.“

Das Gefühl kenne ich. „Klar.“

„Super, vielen vielen Dank! Das wäre dann einmal Schulter links.“

Äh… Wie bitte? Wir sind Anästhesisten. Wir interessieren uns generell nur für Brustkorb-Röntgen. Was gehen uns Schultern an?

„Und… Mit welcher Fragestellung?“ Eine Fragestellung gehört immer in eine Rönteganmeldung. Nur so kann der Radiologe das Bild dann zielgerichtet beurteilen. Normalerweise fragen wir nach Hinweisen für eine Lungenenerkrankung oder ein Herzproblem, wenn wir ein Oberkörperröntgen anmelden. Aber die Schulter? Was soll daran denn anästhesiologisch schief sein?

„Frage nach, ähmmm… ausgerenkter Schulter.“

Jetzt bin ich komplett verwirrt. Aber ich bin ja auch eine brave Assistenzärztin, also melde ich das Röntgen im System an, schreibe unter den Bemerkungen „Bei Rückfragen bitte bei Dr. XY unter der Telefonnummer 9876 melden“, damit auch ja keiner darauf kommt, mich damit in Verbindung zu bringen. Obwohl ich als anmeldende Ärztin im Formular stehe.

Da ich keine Ahnung habe, ob ich da nun noch einen Transport ins Röntgen organisieren muss, rufe ich unsere Sekretärin an, unsere Abteilungsmama, die Retterin in der Not und Geradebüglerin für alles. Und wie nicht anders zu erwarten, entwirrt sie den Knoten in meinem Kopf.

„Also, diese Patientin hat ein Röntgen der Brust gebraucht, als präoperative Abklärung. Darin hat der Radiologe zufällig eine ausgekugelte Schulter links festgestellt. Jetzt gerade wird noch ein EKG und eine Blutentnahme gemacht, ebenfalls für die Operation, und danach macht man noch eine richtige Aufnahme der Schulter, damit man sieht, ob man die wieder einkugeln kann“, erklärt sie mir. Sie hat einfach immer den Überblick.

Zu meiner grossen Begeisterung (muss ich ganz ehrlich zugeben, sowas erlebt man nicht alle Tage) ist die Schulter tatsächlich ausgekugelt. Vor einem Monat. Die Patientin ist einen Monat lang mit einer ausgekugelten Schulter herumgelaufen. Wirklich absolut erstaunlich uns unvorstellbar.

Zu meiner noch viel grösseren Begeisterung darf ich die Kurznarkose durchführen, damit die Schulter wieder eingekugelt werden kann. Ein erstes Mal für mich, Schultern habe ich bisher immer nur selbst eingerenkt, die Narkose hat jemand anderes gemacht. Wir führen die Prozedur auf dem Notfall durch, und es fühlt sich an wie richtige echte Teamarbeit, als zwei chirurgische Assistenzärzte und ich uns gemeinsam unterstützen, um die Schulter wieder ins Gelenk zu bringen. Natürlich stehen hinter uns je eine Oberärztin der Chirurgie und der Anästhesie, aber während wir röntgen, verlassen beide den Raum und warten vor der Tür.

Die Geschichte dauert vielleicht knapp eine halbe Stunde, hat mir aber so viel Spass gemacht, wie schon lange nichts mehr. Narkosen ausserhalb des Operationssaals sind normalerweise einem Oberarzt zusammen mit einer Pflege vorbehalten, denn wenn etwas schief geht, braucht es erfahrene, gut ausgebildete Leute. Zudem habe ich im Aussendienst oft nicht die Zeit für solche Spässe. Ein echtes Wochenhighlight.

Die Patientin hat es übrigens gut überstanden. Die Schulter ist allerdings nach der geplanten Operation ein paar Wochen später wieder ausgekugelt – und das wird sie wohl noch öfters tun. Die Bänder sind ganz schön ausgeleiert nach einem Monat der Fehlstellung.

Ich mach nur Narkosen

In meiner Sprechstunde sitzt ein junger Mann, gerade 18 Jahre alt, mit seiner Mutter. Er wurde mir von der Handchirurgin geschickt, die bei ihm einen Bruch eines Fingerknochens diagnostiziert hat und ihn am Folgetag gerne daran operieren möchte. Sie hat sich dafür eine Teilnarkose über die Vene gewünscht, wie immer.

„Haben Sie noch Fragen?“, beende ich meine Aufklärung.

„Ja, also… Kann bei dieser Operation nicht ein Nerv kapputtgehen? Oder der Knochen kaputt gehen, wenn man da was reinschraubt? Kann es sein, dass ich meinen Finger nie wieder brauchen kann?“

„Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Ich mache nur Narkosen. Das müssten Sie die Chirurgin fragen.“

„Aber, kann den dabei nicht etwas schief gehen? Kann mein Finger abfallen? Oder kann ich verbluten?“

„Wie gesagt. Zur Operation müssen Sie Ihre Chirurgin fragen. Ich mache nur Narkosen. Über Operationen weiss ich nicht besonders viel.“

Selbst wenn ich wollte – natürlich könnte ich ihm sagen, dass das alles Blödsinn ist und sein Finger ganz bestimmt nicht abfällt, weil man einen kleinen Draht in den Knochen bohrt – ich dürfte und sollte es nicht. Das ist Fischen in fremden Gewässern. Was, wenn die Chirurgin eine andere Aussage gemacht hat als ich? Wenn der Patient etwas falsch versteht? „Aber die Frau von der Narkose hat gesagt…“ Ich hör’s schon klingeln in meinem Kopf.

An einem anderen Tag spreche ich mit einem älteren Patienten über seine bevorstehende Zehenamputation. Er ist bei uns wohlbekannt, hat die bevorstehende Teilnarkose schon ein paarmal durchgemacht. Kurz vor der Unterschrift stellt mir eine Pflege seinen etwa sechzigjährigen Sohn ins Zimmer. Er ist rasend vor Wut.

„Was soll das hier?“, schreit er.

Ich weiss noch nicht so recht, was ich von der Situation halten soll, und erkläre ihm, dass wir gerade über die Teilnarkose für eine Zehenamputation gesprochen haben.

„Ja, aber warum muss man die Zehe denn nun trotzdem wegnehmen? Vor zwei Wochen hat es geheissen, das sei nicht nötig!“, braust der Sohn.

„Dazu kann ich Ihnen leider nichts sagen. Mir wurde die Operation vom Kollegen der Chirurgie angemeldet, ich mache nur die Narkose.“

„Das ist eine Frechheit! Es hat geheissen, man könne abwarten!“

Ich gebe auf. „Möchten Sie nochmal mit einem Chirurgen reden?“

Ein kurzes Telefon an den zuweisenden Kollegen. Die beiden düsen ab, zurück ins chirurgische Ambulatorium.

Schliesslich auch die nette ältere Dame, die am Folgetag einen Herzschrittmacher bekommen soll.

„Wie gross ist denn der Schnitt?“, will sie wissen.

„Das müssen Sie den Operateur fragen, der kann Ihnen alles zur Operation erklären.“

„Ist der Schnitt gerade? Oder schräg? Oder senkrecht?“

„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, ich mache den Schnitt nicht. Fragen Sie den Kardiologen, der kommt später noch bei Ihnen vorbei.“

„Ja aber ich verstehe sowieso nicht, was der sagt.“

Warum nicht? Warum versteht sie, was ich sage, aber nicht, was der Kardiologe sagt? Ich kenne den, der ist nett und erklärt ganz wunderbar deutlich. Auch, wenn ein hilfloser Assistenzarzt ihn irgendwas Dummes zu einem EKG fragt.

„Ich mache nur die Narkose, ich kann Ihnen keine Fragen zur Operation selbst beantworten, das ist nicht mein Gebiet.“

„Ja aber Sie sind doch vom Fach!“

Nö, eben nicht. Ich bin vom Fach Anästhesie. Ich mache keine Schnitte, keine Schrauben oder Drähte, ich weiss nicht, wann Sie das erste Mal wieder Stuhlgang haben werden und auch nicht, welche Konsistenz er haben wird. Ich kann und darf mich zu solchen Sachverhalten nicht äussern, denn ich weiss nicht genug darüber, kenne nicht alle Aspekte. Ich bin der Fachidiot, und das muss so sein. Schliesslich wäre ich genauso wenig begeistert, wenn mir ein Chirurg in meine Narkose reinquatschen würde.

Manchmal hat das aber auch was Gutes: Auf dem Notfall schreit mich ein Patient an: „Ich warte hier schon ewig! Kümmern Sie sich jetzt endlich mal um mich?“

Ich lächle mein zuckersüssestes Lächeln. „Ich bin Narkoseärztin. Möchten Sie gerne eine Narkose haben?“

„NEIN!“

„Okay, dann eben nicht.“ Ich dreh mich um und gehe. Ich gehe noch einige Male an ihm vorbei, aber er spricht mich nicht nochmal an.

Auf zu neuen Ufern

… nein, nein, keine Sorge, ich bleib hier. Aber ich erweitere mein Geplapper auf doccheck.com, genauer gesagt, hier.

Vor kurzem wurde ich von Doccheck kontaktiert, ob ich auf ihrer Seite gelegentlich bloggen möchte. Doccheck vereint alle grossen Medizinblogs, die ich über alles liebe, unter anderem die grossartige Pharmama, mein erklärtes Lieblingsblog. Ich war, gelinde gesagt, begeistert, und habe ein paar Purzelbäume und Saltos geschlagen. In meinem Kopf jedenfalls. Ich will ja nicht bei einem meiner Kollegen auf dem Tisch enden.

Der Plan ist, dort einerseits alte Artikel von diesem Blog zu posten, andererseits aber natürlich auch neuen Inhalt zu generieren. Wenn ich auf Doccheck etwas poste, werde ich das natürlich hier auch verlinken, falls ihr das nicht verpassen möchtet.

An dieser Stelle gebührt euch, meinen lieben Lesern, mein allerherzlichstes, begeistertes Dankeschön.

2017 habe ich 101’862 Klicks verbuchen können, 32’080 Besucher, 435 Likes und 367 Kommentare.

Das seid alles ihr. Und ich bin unheimlich glücklich darüber, dass ich mir von der Seele schreiben darf, und dafür auch noch eine Zuschauerschaft habe. Ich danke euch für eure Gedanken, die ihr mit mir teilt, euren Zuspruch, eure eigenen Erlebnisse zu Themen und eure Witze. Danke, dass ihr mir die Treue haltet. Ihr seid die Besten!

Kein Patientenkontakt? Blödsinn!

Tatsache: Die allermeisten Patienten haben viel mehr Angst vor der Narkose als vor der Operation.

Für mich völlig verkehrt- du gibst einem Chirurgen ein Messer in die Hand und die Erlaubnis, an und in dir rumzuschnippeln, und das macht dir keine Sorgen? Aber natürlich ist es absolut verständlich.

Der Chirurg hat einen klaren Auftrag: Reparier dies. Mach das weg. Nimm jenes raus. Punkt. Da ist irgendwas nicht gut, und dieser Held in Grün macht es heil. Was Chirurgen so tun, ist fassbar, nachvollziehbar.

Ganz im Gegenteil zur Anästhesie. Was soll das denn eigentlich? Die haben da Nadeln. Man ist denen hilflos ausgeliefert, man schläft, muss die Kontrolle aus der Hand geben, weiss nicht genau, was mit einem passiert. Und so eine Narkose ist ja auch nichts wirklich Fassbares. Was soll das denn heissen, man schläft? Wie schläft man? Warum? Und was ist mit all diesen schrecklichen Geschichten, die man im Internet so liest oder von Bekannten erzählt bekommt, von Patienten, die nicht mehr aufwachen oder die eben gerade während der Operation aufwachen?

Ich glaube, man ist sich nirgends in der Medizin so seiner Wirkung auf den Patienten bewusst, wie auf der Anästhesie. Bei uns werden Worte auf die Goldwaage gelegt – eine falsche Formulierung, und der Patient könnte negativ darauf reagieren.

Beispiel: Vor ein paar Wochen in einer ganz normalen Einleitung. Der Patient hat die Maske mit Sauerstoff auf dem Gesicht, alle Checks sind gemacht, alles liegt bereit, das Schlafmittel fliesst in die Vene, man erwartet, dass der Patient jede Sekunde einschläft.

„Denken Sie an was Schönes“, schnurrt die Anästhesiepflege, „atmen Sie ein paar Mal tief ein. Wenn die Operation vorbei ist, wecken wir Sie wieder.“ Die gleichen Worte, die ich auch schon hundert Mal gesagt habe. Aber bei diesem Patient wirken sie anders: Er bäumt sich auf, schreit „Nein! Das haben die letztes Mal auch gemacht, das war schrecklich!“, dann plumpst er zurück auf Bett und erbricht. Ein Horrorszenario.

Wir bemühen uns, alles zu vermeiden, was Patienten beunruhigen oder aufregen könnte. Laute Geräusche zum Beispiel. Wer in einen Einleitungsraum platzt, wo der Patient gerade einschläft – also in der ganz heiklen Phase ist – riskiert, geköpft zu werden. Denn ein Patient, der nicht gut einschläft, schläft auch schlecht, macht mehr Komplikationen, wacht unruhiger wieder auf.

Wir machen, was wir können, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dazu gehört auch, die Stimmung und Art der Patienten schnell zu erfassen. Manche sind gut mit Smalltalk ablenkbar, andere mögen es, wenn man ihnen alles genau erklärt, wieder andere brauchen einfach nur Ruhe und ein Minimum an Kommunikation.

Genau das ist aber auch der Reiz am Fach. Man muss schnell Vertrauen herstellen können, muss Patienten in ihrer momentanen Stimmung auffangen und beruhigen können. Das Klischee vom Anästhesisten, der den Job nur macht, weil er keinen Patientenkontakt will, ist daher meiner Meinung nach falsch. Natürlich hat man weniger „wachen“ Patientenkontakt, aber bei dem, den man hat, zählt jede Sekunde.

Insbesondere in der Sprechstunde wird das deutlich – es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn Patienten sichtlich ängstlich durch die Tür kommen, und weniger besorgt oder gar ein bisschen erleichtert wieder rausgehen.

Kürzlich hatte ich eine Patientin für eine Schulter-Operation. Wie viele war sie verängstigt, das liebe Midazolam, das sie zur Vorbereitung erhalten hatte, hat davon nur ein bisschen etwas abfangen können. Meine Oberärztin und ich haben in ruhigem Ton mit ihr geredet, ihr erklärt, was wir machen, gelegentlich auch versucht, zu scherzen. Insbesondere die Anlage des Schmerzkatheters machte ihr Angst. Sie machte aber sehr gut mit, hielt still, atmete ruhig.

Als ich sie später am Tag besuchte – die sogenannte Postmedikationsvisite – strahlte sie. Sie bedankte sich für die Atmosphäre, die wir für sie geschaffen hatten. Sie erzählte mir, wie schrecklich Angst sie gehabt hätte, und dann sei doch alles nur halb so schlimm gewesen. Da leite ich das Kompliment natürlich auch gerne an meine Oberärztin weiter und gehe mit einem guten Gefühl nach Hause.

Anästhesie ist ein anspruchsvolles Fach. Breites Fachwissen sind gefordert, und natürlich auch ganz banale Grundlagen wie Physik, Chemie, Pharmakologie, Physiologie. Aber auch menschliche Fertigkeiten sind gefragt.

Schade, dass es als Fach so oft unterschätzt wird.

Stolz und Vorurteil

Einmal im Monat tagt unser Kader abends. Einer von uns Assistenten muss dann bleiben, bis die mit der Sitzung fertig sind. Dankbare Aufgabe, wenn man morgens um 7 Uhr Arbeitsbeginn hat und dann bis 9 oder 10 bleiben darf – aber so 14 Stunden Arbeit sind doch ein Klacks, gelle.

Eines solchen Abends hüte ich brav den Sucher. Es gibt ein paar Notfälle zu sehen, ein bisschen was zu organisieren, da noch was an der Schmerzmedikation ändern, dort noch irgendeine Frage beantworten.

Bis mich ein verzweifelter Kollege der Medizin anruft.

„Wir haben da diese Patientin, und wir haben bei der eine Blutentnahme gemacht und die hat angeblich Werte, die nicht mehr so mit dem Leben vereinbar sind. Jetzt brauchen wir eine zweite Blutentnahme, aber wir haben schon zig Mal gestochen und kriegen nix mehr raus!“

Ich geh mir das Ganze anschauen. Da ist eine ziemlich mies gelaunte Patientin – komplett verwirrt – und ihren Arm will sie partout nicht hergeben. Ich taste nach Arterien und finde – nichts. Na dann halt nicht, die Vene wird’s ja sicher auch tun. Da die Pflege sich von mir noch einen venösen Zugang wünscht, mach ich da ein zwei in eins Ding draus: Stechen, zapfen, fluten. Klingt komisch, ist aber so.

Die Pflegekraft wird ihrer Bezeichnung mehr als gerecht. Sie hält den Arm der armen Dame mit eisernem Griff fest. Auf dem Handrücken präsentiert sich mir eine Vene, ein bisschen kurz, aber ein echtes Kaliber. Ein kleiner Pieks, ein grosses Gejammer, fertig. Die Blutentnahmespritze füllt sich wie von selbst. Wir veranstalten bei der zappelnden Patientin eine kleine Sauerei, aber hey, ich hab Blut, und das ist alles was zählt.

Während die Kollegin von der Pflege sich dankenswerterweise um die Kleinigkeiten kümmert, zum Beispiel das Putzen, den Verband und das Material, stehe ich ein bisschen ratlos mit meiner blutgefüllten Spritze in der Hand. Die Pflege gibt mir den Auftrag, sie auf den Notfall zu bringen. Finde ich gut. Mach ich.

Auf dem Weg da hin treffe ich den netten medizinischen Kollegen. Ich präsentiere ihm stolz meine Beute. Kennt ihr das, wenn Katzen tote Vögel und Mäuse nach Hause bringen und sie dem Besitzer präsentieren? Genau so ist das. Ich berichte noch kurz, dass es eben venös ist, nicht arteriell, und dass ich leider echt nichts Besseres produzieren konnte, aber er ist damit zufrieden, nimmt mir meine Trophäe ab und bringt sie gleich selber zur Analyse.

Unsere Wege kreuzen sich wenig später bei der Cafeteria, als ich mir mein Abendessen besorgen will.

Er spricht mich nochmal darauf an, erzählt mir, wieviel Mühe sie gehabt haben, und fragt mich dann leicht ungläubig: „Und das hast du ganz alleine geschafft?“

Technisch gesehen, nö, hab ich nicht, da war eine supergute Pflege dabei. Aber gestochen hab ich tatsächlich selbst. Ein Versuch. So gross bin ich schon, so selbständig. Da staunste, was? Krieg ich jetzt n Keks?