Eins, zwei, Polizei

Eines Tages im Dienst, 18.30h. Die nette Dame am Empfang ruft mich an und gibt mir Bescheid, dass sich die Polizei angemeldet hätte – für einen Blutalkoholtest. Mein erster. Das wird spannend.

Der junge Mann, eskortiert von zwei netten Polizisten, ist nervös, das sieht man ihm an. Grade knapp 16 ist er, und wie es Teeniejungs so tun (oder so hab ich gehört), kompensiert er seine Nervosität mit Machogehabe. Das kann ja heiter werden.

Die Kollegen in Blau infirmieren mich kurz über den Hintergrund: Der Junge ist mit seinem neuen Töff auf ein stehendes Auto aufgefahren. Er hat den Alkohol- und Cannabiskonsum zugegeben, verneint aber die Einnahme weiterer Drogen.

Meine Aufgabe ist ein Check der wichtigsten Hinweise auf Alkohol- oder Drogenkonsum. Dafür gibts eine Checkliste, auf der ich nur ankreuzen kann. Ich begrüsse die Truppe und sage zum Jungen: „Also, wir machen ein paar Turnübungen und dann muss ich noch Blut nehmen. Ist das dein erster Test?“

„Ja dänk. Logisch.“

„Trifft sich gut. Meiner auch.“ Er starrt mich entsetzt an. „Der Test. Nicht die Blutentnahme.“ Die Polizisten lachen lauthals. Eis gebrochen.

Wir arbeiten uns durch die Checkliste. Pupillen und Bindehäute. Verschiedene Gleichgewichtstests. Die meisten besteht er mehr oder weniger. Hin und wieder wirft er einen triumphierenden Blick zu den Kollegen in Uniform. Aus meiner Sicht nicht ganz so angebracht.

Die Blutentnahme. Muss ich das wirklich… Jap. Ist doch ein Witz. Die Anästhesie hier lässt uns beim Venenzugang genau einen Versuch, wenn wir nicht treffen, müssen wir den Rettungsdienst rufen (ernsthaft). Aber die Blutentnahme hier muss ich selbst machen. Ärztliche Aufgabe und so. Der Junge hat zum Glück Venen wie Abflussrohre. Einmal gestochen, zwei hübsche Röhrchen gefüllt. Ich bin stolz auf mich. Darf man ja auch mal sein.

Während die Polizisten noch kurz was besprechen, nutze ich die Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die er mir wohl eher wahrheitsgemäss beantwortet, wenn die beiden nicht zuhören. Jap, er hat getrunken. Nein, nicht so viel. Jap, er kifft gelegentlich. Wieviel? Genug, dass der erste Test positiv ausgefallen ist. Pech, junger Mann.

Der Junge darf aufs WC, eine Urinprobe sei nicht nötig. Nun stelle ich die „unter vier Augen“-Frage an die Polizisten. „Wieviel hat er denn geblasen?“

„0.8 Promille. Hat aber noch den provisorischen Ausweis…“

Nicht mein Problem. Ich habe meine Aufgabe erledigt. Und das Blutnehmen hat Spass gemacht.

Habe den Polizisten gesagt, sie dürfen gern wiedermal vorbeikommen.

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Alltag im Spital: Ops-Vorbereitung

Der Ops, kurz für „Operationssaal“. Where the macig happens, sozusagen.

Wir operieren 5 Tage die Woche, wobei sich die einzelnen Tage auf verschiedene Fächer aufteilen. Zum Beispiel operieren die Gynäkologen immer Mittwochs, alle anderen machen dann nur Notfälle. Am Montag und Freitag operiert der Allgemeinchirurg, Dienstag und Donnerstag die Orthopäden. Da die Gyn eine eigene Assistenzärztin hat, helfen wir am Mittwoch nur aus, wenn sie nicht da ist. Es gibt zwei Operationssäle. Das ist nicht viel, aber mehr brauchen wir meist auch nicht.

Morgens entscheiden die Assistenzärzte, wer in welcher OP assistiert. Wir entscheiden nach Interesse, Lust, Laune oder Arbeitsaufkommen auf der Station. Dann geben wir dem Ops-Personal durch, wer in welcher Operation assistieren wird, und die bieten uns dann direkt auf, wenn es soweit ist.

Weit bevor es losgeht, ruft mich jemand von der Ops-Pflege an und gibt mir Bescheid. Dann gehe ich in die Garderobe und muss mich umziehen. Der kleine Raum ist durch einen Balken getrennt. Wenn ich Schuhe, Hose und Shirt ausgezogen habe, klettere ich mit meinen kurzen Beinen über den Balken. Nun ziehe ich die Ops-Kleidung an: Blaues Shirt, blaue Hose. Und hässliche, aber praktische Ops-Schuhe, ähnlich wie Crocs. Weil man die einfach waschen kann.

Über die Haare ziehe ich zwei Hauben. Eine normale und eine, welche unten zwei Bändel hat, die ich um den Hals nehme und hinten zusammenbinde. So bin ich sicher, dass keine Haare mehr herausgucken, weil manche Ops-Schwestern die Angewohnheit haben, einem solche Haare auszureissen. Ebenfalls kommt ein Mundschutz dazu und meist eine Brille. Nicht, weil ich eine brauche, sondern damit mir nichts ins Auge spritzt. Bei manchen Operationen ist die Spritzgefahr hoch, zum Beispiel in der Orthopädie. Wenn ich keine Brille trage und mir spritzt etwas ins Auge, zahlt die Versicherung nichts.

Die Händedesinfektion mache ich mit Sterilium, also Händedesinfektionsalkohol. Zuerst reibe ich mir damit die Unterarme bis nach den Ellbogen ein, dann die Unterarme bis vor den Ellenbogen, dann nur die Hände bis und mit dem Handgelenk. Das jeweils etwa eine Minute. Dann kann ich den Saal betreten. Ich stelle mich in eine Ecke oder sitze auf einen Stuhl, und warte darauf, dass mich die Ops-Schwester einkleidet.

En struube Dunschtig

Der strube Donnerstag beginnt eigentlich ganz normal: mit einer Hüftprothese. Das ist eher anstrengend, am Anfang muss ich nämlich das Bein etwa eine Viertelstunde hochhalten, und das sind ja nicht die kleinen schlanken fitten Patienten. Ging aber gut.

Nach der Operation gehe ich auf die Station und besuche meine Patienten. Ich frage, wie es ihnen geht, beantworte ihre Fragen und stelle meine. Dann gehe ich ins Büro und schreibe auf, was wir besprochen haben. Ein ganz normaler Morgen.

Mein Telefon klingelt: Ich muss wieder in den Ops. Halluxoperation. Habe ich vorher noch nie gesehen, wird also spannend. In der Garderobe treffe ich auf meine Arbeitskollegin. Sie macht diese Woche die Gyn, weil die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist. „Hey, wir haben nachher noch einen Notfallkaiserschnitt. Wenn du Lust hast. Wir müssen eh zu zweit rein.“

„Klar, gern! Wann?“

„So um eins, wenn die Spinale sitzt.“

Das geht ja noch lange. Ich schätze , es ist gerade etwa um elf Uhr. Also in zwei Stunden. Was brauchen die denn so lang für die Spinale? Und Notfallsectios, sind die nicht – naja – notfallmässig sofort? Strub.

Ich gehe in den Ops, wir machen alles bereit, Operateur kommt, wir fangen an. Als er „Schnitt“ sagt und das Skalpell zückt, schaue ich auf die Uhr… Moment, wie? Es ist 12:40? Mist. Ich hab noch nichts gegessen. Was zur Hölle ist mit meinem Zeitgefühl falsch? Schade. Ich wollte das Baby sehen. Hoffentlich geht das hier schnell rum.

Tut es natürlich nicht. Halb drei sind wir etwa fertig. Mein Magen knurrt. 7 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit. Mein Fehler. Dämlich.

„Also. Ich mach auf der Fusskante zu, du auf dem Fussrücken.“, sagt der Operateur. Auch er ist froh, dass es vorbei ist.

„Einzelknöpfe?“ Ich habe immernoch keine Ahnung, welcher Operateur wann welche Naht bevorzugt. Es scheint relativ willkürlich. Manchmal geben sie das auch zu: Sie entscheiden aus dem Bauch heraus.

„Fortlaufend.“

Na gut. Das ist einfach. Ich nehme den Nadelhalter und Pinzette von der TOA (politisch korrekt für Ops-Schwester: Technisch operative Assistentin). Auf der einen Seite rein, auf der anderen raus. Knoten. Nicht abschneiden. Weiter. Auf der einen Seite rein, auf der anderen Seite raus. Shit bin ich hungrig. Ich merke deutlich die Unterzuckerung, ein strubes Gefühl. Alles ist dumpf, alles egal. Nur noch die Naht, dann kann ich raus.

Die Naht ist einfach und schnell gemacht, die Stiche einigermassen regelmässig, die Wunde dicht. Keine Unterhaut sichtbar, schön adaptiert. Wenn ich bei Sinnen wäre, wäre ich stolz. „So. Ich hoffe, das entspricht einigermassen dem, was du dir vorgestellt hast?“

Der Orthopäde wirft einen Blick drauf. „Überhaupt nicht.“

Ein kurzes „crap, jetzt muss ich von vorn beginnen“ schiesst mir durch den Kopf. Unter normalen Umständen wäre das für mich eine Katastrophe – er ist nicht zufrieden. Schlecht. Aber ich bin in meinem hypoglykämischen Delirium. Alles egal. „Soll ich es aufmachen?“

„Was du hier gemacht hast, ist ein Salamibund. Bei mir heisst fortlaufend immer Donati (eine andere, etwas schwierigere Art der Nahttechnik). Aber ist jetzt egal. Das geht auch. Ich mags nur lieber anders. Lass es ruhig so, es macht eigentlich keinen Unterschied.“ Er ist nicht böse, nicht unfreundlich, sein Tonfall verständnisvoll. Alles ist gut.

„Hab ich nicht gewusst…“

„Ich weiss. Ist schon gut, ist ja kein Problem.“

Wir legen den Verband an. Der Orthopäde geht. Ich muss der Anästhesie noch beim Umlagern helfen – also dabei, den Patienten wieder in sein Bett zu kriegen. Dann, endlich, kann ich raus. Umziehen. Ich kann nur noch ans Essen denken.

Es ist fast 15 Uhr. Der Ausgang aus der Garderobe ist gleich beim Notfall. Die Notfallpflege sieht mich sofort. „Ich habe einen Patienten für dich…“

„Muss essen. Hunger.“

„Ich weiss. Aber die andere Assistenzärztin ist noch im Ops und jemand muss ja…“

Patienten holen immer noch das Letzte aus mir raus. Nach der Behandlung hat mein Stoffwechsel umgestellt. Der Hunger ist weg, Appetit vergangen, Kopf klar. Trotzdem gönne ich mir rasch einen Kaffee. Zwei Stück Zucker. Jetzt gehts vorwärts. Noch ein Patient. Noch ein Bericht. Noch ein Rezept. Noch ein Patient. Dann helfe ich einer medizinischen Kollegin aus der Patsche. (Eine sehr gute Geschichte, welche sich aber um männliche Geschlechtsteile dreht, bin daher noch nicht sicher, ob sie hier angemessen ist)

Kurz nach 18 Uhr verlasse ich das Spital, zusammen mit meiner Arbeitskollegin. Wir müssen noch in die Stadt, etwas einkaufen für morgen. Der Zug hat eine halbe Stunde. Fast 12 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit.

20 Uhr bekomme ich endlich meine erste feste Mahlzeit seit 13 Stunden.

Ein struber Tag? Eigentlich nicht. Es kommt schon vor, dass wir keine Zeit zum Essen haben. Im Winter wirds dann wohl regelmässig so, wenn die Skisaison beginnt. Zum Glück hab ich Reserven.

Grüessech wou

Vor ein paar Wochen habe ich meine erste Stelle als Assistenzärztin auf der chirurgischen Abteilung eines kleinen Bergspitals gestartet. Hier teile ich mit euch meine Erfahrungen, Sonnen- und Schattenseiten, Geschichten und Gedanken – was ich bisher auf Facebook gemacht habe und nun hier in einer schöneren, einfacher lesbaren Form weiterführen möchte.

„gramsele“ oder „gramüsele“ ist Berndeutsch für „kribbeln“. Das war das erste spezifisch Berndeutsche Wort, das ich gelernt habe, und es gefällt mir. Ausserdem ist mir kein besserer Titel eingefallen.

Fragen, Themenvorschläge, Feedback, Anregungen und alles Weitere richtet ihr am besten direkt an mich. Ansonsten schreibe ich, wie die letzten Jahre auch, einfach darüber, was mir so in den Sinn kommt, und wovon ich hoffe, dass es euch unterhält, interessiert oder im schlimmsten Fall zum Nachdenken bringt. Ich freue mich auf euer Feedback!