Ja, sie lebt noch!

Lange, langem lange war ich fort, und möchte mich dafür entschuldigen. Mir hat in letzter Zeit die Inspiration und Motivation gefehlt, zu schreiben. Wel auch immer das hier liest: Vielen Dank, dass du noch dabei ist, ich freue mich wirklich sehr darüber! ❤

Als kurzer Rückblick: Zuletzt war ich ja auf der Intensivstation – und wer meine vergangenen Posts gelesen hat, hat vielleicht mitbekommen, dass meine Begeisterung nicht ganz so gross war.

Das ist so geblieben und hat sich sogar noch verschlimmert während meiner sechs Monate auf der Intensiv. Anfangs wurde ich fantastisch eingeführt durch eine nette Kollegin von der Inneren, die bereits seit mehreren Monaten auf der IPS gewesen war und auch fachlich unglaublich viel draufhatte.Von ihr konnte ich sehr viel lernen, und sie hatte immer ein Ohr für mich und eine Engelsgeduld.

Einerseits machte es mir Freude, meine eigenen Fortschritte zu sehen. Nach zwei Jahren auf der Anästhesie im kleinen Haus (mit begrenztem Leistungsangebot) war die Lernkurve doch deutlich abgeflacht und Routine stellte sich ein. Auf der IPS fühlte ich mich deutlich mehr gefordert und gelegentlich überfordert, schliesslich war ja alles neu und meine internistischen Kenntnisse doch recht beschränkt. Ich bekam je länger, je mehr Freiheiten, da mich die Ober- und leitenden Ärzte, welche nachts und am Wochenende für mich zuständig waren, besser kennenlernten und meine Fähigkeiten besser einschätzen konnten. Man schien zufrieden mit mir. Klagen hörte ich keine, nur das gelegentliche „Ach, du bist da? Prima. Du kannst das ja allein.“ Das gab mir Selbstvertrauen und bereitete mir Freude, zumal ich ja wusste, dass ich, wenn nötig, trotzdem jederzeit mit ihrer Hilfe rechnen konnte.

Nach etwa drei Monaten wollte ich mein Logbuch nachtragen. Darin habe ich alle Interventionen notiert, welche ich gemacht habe: arterielle und zentralvenöse Zugänge, Dialysekatheter, Intubationen und so weiter. Die Liste erschien mir etwas kurz, deshalb ging ich die Bettenbelegungliste der letzten drei Monate durch und schaute in die Akten einzelner Patienten, dieich betreut hatte, um nachzuschauen, ob ich eventuell vergessen habe, etwas zu dokumentieren.

Was ich dabei las, erschütterte mich: Die meisten meiner ehemaligen Patienten waren tot. Verstorben auf Station, zu Hause, im Pflegeheim, irgendwo, irgendwann danach. Erstaunen dürfen hätte mich das nicht, IPS-Patienten haben eine erhöhte Mortalität. Die sind ja schliesslich aus einem bestimmten Grund da. Bei manchen geht es darum, sie zu stabilisieren, sodass sie noch Abschied nehmen können. Gelegentlich ändern sich im Verlauf die Therapieziele, wenn jemand merk, was „Intensivstation“ und „alles machen“ wirklich bedeutet, und die Patienten überlegen sich, dass sie das lieber nicht nochmal möchten. Aber die schiere Anzahl verstorbener Patienten, die sich mir da bot, erstaunte und deprimierte mich. Ich begann, mir ernsthaftere Gedanken darüber zu machen, was ich denn da eigentlich tat.

Je länger, je weniger sah ich den Sinn hinter meiner Tätigkeit. Muss man jetzt diesen Patienten wirklich intubieren? Muss man jene Patientin noch mit Schläuchen quälen? Macht diese Chemotherapie überhaupt noch Sinn? Ich sah, wie viel Geld in Patienten investiert wird, ohne Aussicht auf Verbesserung der Lebensqualität, nur zur Lebensverlängerung. Wahrscheinlich habe ich das massiv überbewertet, sah, ganz gemäss dem selbsterfüllende Prophezeiung-Prinzip, nur noch das Negative. Wahrscheinlich war es gar nicht so schlimm, und vielleicht sah ich einfach nur das, was ich sehen wollte.

Das war nicht das einzige Problem. Im Spital sind wir alle nur noch darauf getrimmt, aufs Geld zu achten. Wir fällen Entscheidungen nicht mehr nur danach, was am Besten für den Patienten ist, sondern suchen einen Kompromiss damit, was günstig und finanziell gut fürs Haus ist. Nicht so auf der Intensivstation: Hier wird mit Untersuchungen und hochteuren Medikamenten nur so um sich geschmissen – und das oft für nichts, grundlos, sinnlos. Ja, Patienten, die wegen jedem Blödsinn auf den Notfall rennen statt zum Hausarzt, kosten uns Geld – aber noch viel, viel mehr Geld kostet uns der 95jährige mir der Rippenserienfraktur, der noch im vegetativen Zustand drei Wochen auf der Intensivstation rumliegt, weil seine Angehörigen nicht Abschied nehmen können.

Mit der zunehmenden (subjektiven) Sinnlosigkeit schwand auch meine Motivation, meine Begeisterung, mein Interesse. Ich tat, was nötig war, und natürlich unverzüglich und so gut ich konnte, aber ich begann, Entscheide anzuzweifeln. Ich schlief schlechter, war nur noch müde, kannte mich selbst kaum wieder, wenn ich mich reden hörte: Ich war schon immer ein eher zynischer Mensch, aber ich war eigentlich auch freundlich, herzlich, geduldig. Jetzt nicht mehr.

Bevor ich wirklich nicht mehr konnte – und im Nachhinein war ich davon wohl gar nicht mehr so weit weg – waren die sechs Monate vorbei. Vorsorglich hatte ich mir eine kleine Auszeit eingeplant, bevor ich meine nächste Stelle antreten würde, und ich hatte die Auszeit bitter nötig. Lange brütete ich vor mich hin und stellte mir existentielle Fragen: Will ich Ärztin sein? Will ich eine kleine Spielfigur in diesem kranken System sein? Für immer fremdbestimmt durch Politiker und Ökonomen? Die Antwort habe ich mir bis heute noch nicht geben können, doch ich fasste einen Entschluss: Ich will zumindest meine Facharztausbildung abschliessen, dann schauen wir weiter.

Meine Facharztausbildung dauert noch 2.5 Jahre – und wir gehen jetzt zusammen ins nächste Kapitel. Also ich bin schon seit einer Weile da, aber ihr kommt erst jetzt mit, da ich es geschafft habe, ll diese Gedanken aufzuschreiben.

Also, wenn ihr mehr Geschichten wollt: Die kommen jetzt wieder, versprochen! Denn das nächste Kapitel ist das Maximalversorgerspital – und einen besseren Ort für Geschichten gibt es wohl nicht.