Archiv der Kategorie: Alltag im Spital

Alltag im Spital: Die Intensivstation

Nachdem wir letzthin geklärt haben, was eine Intensivstation (IPS) überhaupt ist, beantworte ich heute die Frage: Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Was ist eigentlich meine Aufgabe, als Assistenzärztin auf der IPS?

Als ich auf der IPS zu arbeiten begonnen habe, musste ich mir diese Frage natürlich erst mal selber beantworten – und war danach ganz schön ernüchtert. Denn ehrlich, so hab ich mir das irgendwie nicht vorgestellt.

Meine Aufgaben umfassen vor allem Dokumentation (Briefe und Verläufe schreiben, Diagnoseliste aktuell halten und so weiter) und Gespräche und Telefonate halten. Gespräche mit Angehörigen, mit Spezialisten aller möglichen und unmöglichen Fachgebiete im Hause oder in anderen Kliniken, mit Hausärzten, Physiotherapeuten oder Ernährungsberatern.

Morgens um 7:30 bekomme ich die Übergabe von der Nachtärztin und gehe dann auf die erste Runde, um mir ein klinisches Bild der Patienten machen zu können. Danach folgt die erste kurze Besprechung und Visite der chirurgischen Patienten mit den Kaderärzten der Chirurgie und Anästhesie und gleich anschliessend die Besprechung der medizinischen Patienten mit den medizinischen Kaderärzten.

Als nächstes folgt die eigentliche Visite. Zusammen mit einem Kaderarzt sowie der jeweiligen Bezugspflegeperson gehen wir am Computer jeden Patienten sorgfältig und strukturiert durch, legen Medikamente und Tagesziele fest und beschliessen Untersuchungen. Das gibt eine rechte To do-Liste. Wenn diese Visite vorbei ist, habe ich Zeit, diese abzuarbeiten.

Mittags findet meist eine Fortbildung für die medizinischen Assistenzärzte statt, an denen ich teilnehmen darf, wenn ich Zeit dafür finde. Am Nachmittag finden Gespräche mit Angehörigen statt, oder die Spezialisten kommen für irgendwelche Untersuchungen, zum Beispiel Magenspiegelungen oder Lungenspiegelungen, psychiatrische Beurteilungen und so weiter. Ich telefoniere mit Hausärzten, um alte Berichte, aktuelle Diagnoselisten oder Medikamentenlisten anzufordern, oder um die Hausärzte über den aktuellsten Stand zu informieren. So geht der Tag dann auch rum, und um 19:15 kommt der Nachtdienst, dem ich wiederum eine Übergabe mache.

Am Patienten selber mache ich eigentlich wirklich nur sehr wenig – das hat mich etwas ernüchtert und gefällt mir auch nicht so gut. Auf der Anästhesie, da war ich direkt am Patienten, die ganze Zeit. Ich habe alle Installationen selber gemacht, von Blutdruckmanschette und EKG über Venenzugang und Urinkatheter bis zum Tubus, habe überwacht und notiert, habe mit den Patienten geredet. Den (bisweilen zwar nur  kurzen) Kontakt mit dem Patienten erlebte ich viel intensiver. Hier machen die Pflegenden fast alles selber, mich braucht es in erster Linie für zentrale Zugänge und Arterien. Das war’s.

Nachts bin ich allein. Es gibt den Kaderarzt der Anästhesie, den ich beiziehen kann, wenn ich Probleme habe, und auch einen internistischen Hintergrund kann ich immer anrufen (und das auch wirklich, die sind sehr nett und hilfsbereit, auch nachts um drei). Als „Notnagel“ haben wir auch noch unseren ärztlichen Leiter im Rücken, der mir in meiner ersten Woche gesagt hat: „Bevor du zu weinen beginnst oder die Treppe zum Dach hochsteigst, rufst du mich an.“ Das meint er auch so, und manchmal, wenn er weiss, dass wir besonders viele schwierige Patienten haben, ruft er vor dem Zubettgehen auch noch kurz an, fragt, ob es uns gutgehe und erkundigt sich nach den kritischen Patienten.

Allerdings ist es nachts auch eher ruhig, weshalb ich dann oft zu meinen Kolleginnen und Kollegen auf dem Notfall geselle. Dort kann ich die Chirurgen bei internistischen Fragen und die Internisten im Schockraum unterstützen. Wir Assistenzärzte arbeiten nun mal alle sehr gut zusammen. Wenn dann alles ruhig bleibt, kann ich irgendwann schlafen gehen. Vier Stunden pro Nacht wären mir vertraglich gegönnt, meist sind es weniger, aber das ist immer noch besser als gar kein Schlaf.

So richtig eingelebt habe ich mich auch nach über drei Monaten noch nicht, was auch daran liegt, dass ich praktisch keine Einarbeitungszeit hatte und hauptsächlich nachts, am Wochenende und an Feiertagen arbeite. Aber ich schlage mich wacker, zumindest meiner Meinung nach. Klagen hab ich bisher jedenfalls noch keine gehört.

Scheint so zu passen.

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Alltag im Spital: Dienste

Wiedermal ein etwas genereller Post zu Abläufen und Einteilungen – wie immer bei dieser Kategorie hoffe ich, dass ihr euch damit etwas besser vorstellen könnt, wie mein Alltag aussieht.

Bei uns gibts zwei Arten von Dienst.

Der normale Dienst bedeutet, wir beginnen um 7 Uhr. Wir sind in einen Saal eingeteilt, in dem wir die Narkosen machen. Wenn dann nichts Neues mehr dazukommt und das Tagesgeschäft vorbei ist, gehen wir aus dem OP wieder raus und gehen auf die Stationen, um Patienten für Narkosen aufzuklären, welche geplant für den nächsten Tag eingetreten sind. Und wir besuchen natürlich die Patienten, bei denen wir Narkosen gemacht haben, um zu sehen, wie sie es überstanden haben. Irgendwann ist Abendrapport – optimalerweise, wenn der Chirurgierapport vorbei ist, weil die den OP-Plan jeweils gerne noch kmplett umkrempeln – und besprechen die Patienten, Narkosen und Einteilungen für den nächsten Tag. Häufig kommt auch noch die Frage: „Hat heute jemand etwas Besonderes erlebt? Oder einen interessanten Fehler gemacht?“ Dann kann man sich von der Seele reden, wenn was total schief gelaufen ist, oder ein bisschen angeben, wenn man etwas richtig gut gemacht hat. Ganz besonders interessante Fälle werden ausführlich diskutiert. Und einmal die Woche hält jemand einen kurzen Vortrag über irgendwas Anästhesierelevantes, das dann wiederum diskutiert und weitergedacht wird, wobei von der leitenden Ärztin gelegentlich der Hinweis „das wird an der Facharztprüfung gerne gefragt“ kommt. Irgendwann darf man nach Hause. So.

Dann gibts den „Aussendienst“, wie ich ihn liebevoll und hasserfüllt nenne. Man darf eine Woche lang erst um 8 Uhr zur Arbeit erscheinen, muss dafür aber am Samstag Morgen für 4 Stunden antraben. Von Narkosen darf man nur träumen; die Aufgaben umfassen Sprechstunde, Schmerzdienst und einfach alles, was so ansteht.

Man kommt also morgens um 8, meldet sich beim Kaderarzt und geht dann auf Schmerzrunde. Das heisst, man besucht alle Patienten im Spital, welche eine Schmerzpumpe (zum Beispiel mit Morphin drin) oder einen Schmerzkatheter (ein kleiner feiner Schlauch, der konstant oder auf Knopfdruck Schmerzmittel um Nerven herumspült) haben. Man schaut, wie die Schmerzen so sind, ob und wann man die Therapie mal aussetzen oder beenden möchte, ob der Patient sie gut verträgt und so weiter. Allein dafür rennt man in der ganzen Klinik rum, weil die sich gerne gleichmässig auf allen Stationen verteilen.

Sprechstunden gibts fixe, im Kalender eingetragene. Die kann man sehr gut an Kaderärzte abgeben, die das wohl nett abrechnen können. Dann muss man aber auch Patienten auf dem Notfall aufklären, welche dringend operiert werden müssen, oder solche, die Sprechstundentermine bei irgendwelchen Chirurgen im Haus haben und dort eine Operation verkauft bekommen, für welche es wiederum eine Narkose braucht. Und schliesslich gibts noch Patienten, welche regelmässig zum Beispiel zweimal die Woche drankommen für einen Verbandswechsel unter Narkose, oder welche „im Verlauf“ operiert werden (wenn zum Beispiel das gebrochene Körperteil endlich zufriedenstellend abgeschwollen ist), die man im Hinterkopf behalten muss.  Kurzum: Man erzählt dutzenden Patienten pro Tag das gleiche, füllt dutzende Male dieselben Formulare aus und rennt dafür auch noch durchs ganze Haus. Seufz.

Natürlich gibts auch kleine Zückerchen. Winzigkleine. Man darf für die Demenzklinik Lumbalpunktionen machen – Patienten in den Rücken stechen und kostbares Hirnwasser für Untersuchungen entnehmen. Das mach ich zum Beispiel wahnsinnig gern, kommt aber nur so einmal die Woche vor. Patienten, welche sich den Schenkelhals gebrochen haben, kriegen von uns eine Schmerzspritze in die Nähe der Hüfte mit einer dieser riesigen, dicken Nadeln. Naja. Alles mit Nadeln macht mir Spass. Solange sie nicht in meine Richtung zeigen.

Da wir vier Assistenzärzte sind, verteilen sich die Dienste in der Regel so, dass man einmal pro Monat eine solche Aussendienstwoche absolvieren muss. Am Samstag Mittag ist man dann einfach nur noch froh, wenn man wieder in den OP darf und was „Richtiges“ machen kann.

Alltag im Spital: Hierarchiestufen

Das ist mal wieder ein Post für Fachfremde, da ich privat immer wieder Fragen dazu gestellt bekomme. Es geht um Titel und Stufen. (Der Einfachheit halber verwende ich hier die männliche Form, selbstverständlich sind aber auch Frauen angesprochen. Frauen machen heute gut zwei Drittel der Medizinstudenten aus.)

Unterassistent: auch Arzt in Ausbildung, Uhu (für UnterHUnd) oder cand med genannt, sind Studenten gegen Ende ihres Studiums. Sie machen Praktikas auf verschiedenen Abteilungen und dürfen in geschütztem Rahmen, sprich unter stufengerechter Aufsicht, Patienten untersuchen, betreuen und behandeln.

Assistenzarzt: auch „Arzt in Weiterbildung“, entgegen landläufiger Meinungen ein fertiger, richtiger Arzt, der sich noch nicht spezialisiert hat. Er arbeitet in Spitälern oder Praxen unter Supervision, mehr oder weniger, je nach Fähigkeiten und Erfahrung. Assistenzarzt bleibt man für mindestens 5 Jahre, sprich, er muss keineswegs unerfahren sein.

Oberarzt: Arzt mit Facharzttitel oder kurz vor Erlangen des Titels, aber mit etwas weniger Kompetenzen (und Aufgaben, z.B. administrative) als Kaderärzte.

Leitender Arzt: Gehört zum „Kader“. Er hat erweiterte Kompetenzen und Aufgaben, zum Beispiel Ausbildung der Assistenzärzte.

Chefarzt: Ist der Chef, punkt. In grösseren Spitälern Professor, in mittleren bis kleinen Spitälern PD,Dr. med. oder immer häufiger auch einfach med. pract.

Facharzt: Ein Arzt, der sich auf etwas spezialisiert hat und dafür 5-7 Jahre als Assistenzarzt gearbeitet und eine Prüfung abgelegt hat. Er trägt einen (oder mehrere) Titel der schweizerischen Ärztegesellschaft FMH. Ein Facharzt kann jeden der oberen Hierarchiestufen bekleiden – auch Assistenzarzt, wenn er noch einen zweiten oder dritten Titel macht.

Dr. med. : Ein Titel, der einem für das Einreichen einer Forschungsarbeit verliehen wird. Er entspricht dem Englischen M.D. Dabei gibt es extreme Unterschiede, wie viel Zeitaufwand für die jeweilige Doktorarbeit aufgewendet wird, viel davon hat mit Glück und Gelegenheit zu tun. Früher wurde die Doktorarbeit, auch Dissertation, während des Studiums begonnen, heute machen Schweizer Medizinstudenten eine Masterarbeit, welche als Zulassung ans Staatsexamen gilt. Die Dissertation kann man mit Glück darauf aufbauen und entsprechend gleich anschliessen. Aktuell gilt, dass eine Doktorarbeit frühestens ein Jahr nach Studienabschluss eingereicht werden kann. Der Titel ist nicht zu verwechseln mit einem Doktortitel anderer Fachrichtungen, z.B. Dr. rer. nat. (Englisch: PHD). Die Anforderungen zum Erlangen des Dr. med. sind innerhalb der Schweiz nicht einheitlich. Der Titel ist keine Voraussetzung, um Facharzt zu werden.

med. pract. : Der Titel, der einem Absolventen des Medizinstudium nach erfolgreichem Ablegen des Staatsexamens verliehen wird. Also einfach ein Arzt.

PD, KD: Privatdozent und klinischer Dozent. Erworben mit Einreichen mehrerer Publikationen. Mehr als ein Dr. med., aber weniger als ein Professor.

Professor: Hat ganz viel Forschung gemacht, und macht nun immer noch ganz viel Forschung (oder lässt sie in seinem Namen machen.) Ist in der universitären Lehre tätig.

Falls ihr noch weitere Unklarheiten und Begriffe habt: fragt drauflos 🙂

Disclaimer: Blogpost ist ausschliesslich für die Schweiz gültig. Ich habe absolut keinen Plan, wie das System in Nachbarländern funktioniert.

Alltag im Spital: Nachtschicht

Nächte.

Eigentlich arbeite ich gern abends und in der Nacht. gerade im Spital herrscht dann eine besondere Stimmung, es ist ruhiger, die Patienten schlafen (im besten Fall), nur wenige Leute arbeiten.

Nachts ist man aber sehr viel mehr allein als tagsüber. Tagsüber gibts immer einen Kollegen, den man kurz etwas fragen kann, erfahrene Kaderärzte sind nicht weit weg, falls man mal wirklich tief in der… Breduille steckt. Nicht zuletzt hat tagsüber die Cafeteria offen und es gibt leckeren, frischen Kaffee. Nachts gibts nur mich, eine Pflegekraft pro Station und eine Pflegehilfe oder FaGe (Fachangestellte Gesundheit, eine Art Vorstufe der Krankenschwester) als Springer. Kein Essen. Kein frischer Kaffee. Und viel, viel mehr Entscheidungen.

Die Laboranten und die Röntgenassistenten sind auf Abruf. Brauche ich wirklich dringend ein Röntgen? Und ein Labor? Kann das warten bis um 7 Uhr? Behalte ich den Patienten hier oder kann ich ihn so nach Hause schicken? Ich sehe nichts auf dem Röntgenbild – aber heisst das wirklich, da ist nichts? Was, wenn ich etwas übersehe? Was, wenn meine Diagnose falsch ist? Lohnt es sich, dafür den Hintergrund zu wecken? Kann ich das allein oder nicht?

Ein paar „Schlupflöcher“ hab ich: Gemäss Tarmed gilt eine Aufnahme nach 24Uhr als ambulant, auch wenn sie ein Bett auf der Station bezieht. Ich kann also einen Patienten, der nach Mitternacht kommt, für den Rest der Nacht „einlagern“, damit sich dann tagsüber die Kollegen kümmern können, und trotzdem eine ambulante Konsultation verrechnen. Macht häufig sowieso mehr Sinn, da nachts die meisten diagnostischen Mittel nicht oder nur auf Spezialanfrage verfügbar sind – die Nacht ist hier nicht dazu da, Probleme definitiv zu lösen, sondern eher, um sie zu lindern und aufzuschieben. Ich gebe Schmerzmittel, Blutdrucksenker oder Flüssigkeit, und der Rest wird dann am nächsten Tag abgeklärt.

Patienten, die vor Mitternacht kommen, oder denen es gut genug geht, um nach Hause zu gehen, kann ich am nächsten Tag nochmal zur Kontrolle einbestellen. Und nicht zuletzt kann ich alles, was kommt, auch einfach zur Kontrolle zum Hausarzt schicken.

Häufig sind nachts auch Telefonkonsultationen. Patienten, die erst nachfragen, ob sie noch irgendwas machen können, bevor sie zu uns kommen. Erstaunlich oft lässt sich so ein Notfallbesuch vermeiden, meist mit einem einfachen „nehmen Sie doch erst mal ein Paracetamol und machen Sie sich eine Wärmflasche, warten sie eine Stunde, und wenn’s dann nicht besser wird, rufen Sie nochmal an oder kommen vorbei“.

Ein Nachtdienst geht gut 12 Stunden, von acht bis acht Uhr, 7 davon am Stück. Wenn ich nichts zu tun habe, kann ich ins Pikettzimmer schlafen gehen, und die Pflege ruft mich an bei Problemen, oder leitet mir Telefone von extern weiter. Die Pflege kommt etwa um 22Uhr auf die Nacht, dann gibt’s eine Übergabe von der Spätschicht und gegen 23Uhr die erste Runde. Dann treten häufig noch Fragen auf, weshalb ich gerne noch um 23.30 Uhr auf den Stationen vorbeigehe, um nachzufragen, ob noch etwas ist, und natürlich, um ein bisschen zu schwatzen.

Die Nacht hängt im Wesentlichen von der Qualität und dem guten Willen der Pflege ab. Man kann das mit einer Geiselsitation vergleichen: Kennt ihr aus Krimis diese Theorie, dass man mit Entführern reden und ihnen den Namen und persönliche Dinge erzählen soll, damit sie einen als Person statt als Objekt betrachten und einem dann vielleicht nichts antun? Ähnlich verhält es sich mit der Pflege. Wenn sie mich mögen, dann gönnen sie mir vielleicht eher den Schlaf und lösen Probleme selbst. (Ja, das habe ich ein bisschen mit einem Augenzwinkern formuliert)

Wir machen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Nachtdiensten. Meine sind meist sehr ruhig. Manchmal backe ich Bestechungsmuffins für die Pflege, um mir ihre Gunst zu sichern, und das scheint zu funktionieren. In der Regel wecken sie mich nur, wenn von extern ein Anruf kommt, oder wenn ein Patient wirklich nicht mehr führbar ist. Und Notfälle nachts habe ich meist auch kaum. Andere haben nicht so viel Glück. Und schliesslich kommt es auch aufs Wetter, Jahreszeit/Saison und Events in der Umgebung an.

Alltag im Ops: zämeklappe (moll ehrlich)

Eigentlich ist es ein Tabuthema in vielen Spitälern: Das Zusammenklappen am Opstisch. Manche Operateure, so heisst es, lassen einen nicht mehr assistieren, wenn man mal vom Tisch wegmusste. Das OP-Personal macht sich lustig, man wird nicht mehr ernstgenommen. „Das passiert nur den Schwachen“, heisst es. „So kannst du nicht Chirurg werden.“

Alles Bullshit.

Stells dir so vor: Du isst Frühstück. Sagen wir mal, um 7 Uhr. Nach dem Rapport trinkst du noch einen Kaffee, dann, sagen wir 8 Uhr, gehst du in den Saal. Vielleicht hast du ein paar Hüften und Knie vor dir, oder Spiegelungen, Hernien, Gallenblasen. Dazwischen hast du vielleicht kurz Zeit für ein Stück Brot und/oder einen Kaffee. Trinken möchtest du lieber nichts, auf die Toilette kannst du ja sowieso nicht. Und wer weiss schon, wann der Drang kommt? Bestimmt im ungünstigsten Moment.

Vielleicht hast du du nicht gut geschlafen. Vielleicht bist du ein bisschen angeschlagen oder hast gestern sehr lange arbeiten müssen. Du stehst an den Tisch, eingepackt in den wärmenden sterilen Papiermantel, atmest deine warme, feuchte Ausatemluft wieder ein. Du hältst ein Bein hoch. Es ist schwer. Die Zeit vergeht.

Irgendwann fängts dann an. Zuerst wird dir schlecht. Das macht nichts, das vergeht wieder, sagst du dir. Du konzentrierst dich aufs Atmen. Atme die Übelkeit weg. Klappt nicht, es wird schlimmer. Deine Knie werden weich. Du schimpfst mit dir oder spornst dich an. Du schaffst das! Nur noch 10 Minuten. Oder 20. Das wird schon. Die Übelkeit wird mehr. Deine Hände zittern. Vor deinen Augen verschwimmt alles, dein Magen krampft.

Wenn du dich kennst, weist du, wann du aufgeben musst. Regel Nummer Eins: Kotze nicht ins Operationsgebiet. Das wäre worst case. Wenn du ohnmächtig wirst, müssen sich ein paar Leute um dich kümmern. Die rennen dann. Und wer schaut dann zum Patienten? Wenn du schlau bist, gibst du früh genug auf, dass du noch selber rauslaufen kannst.

Ein gutes OP-Team weiss, dass das passieren kann. Der Umgang mit solchen Zwischenfällen ist eins der Merkmale für die Stimmung und das Arbeitsklima. Gut, sie werden dich vielleicht die nächsten paar Wochen fragen, ob du schwanger bist. Jemand wird dir einen Schwangerschaftstest zustecken. Niemand wird böse, niemand lacht dich aus. Bei der nächsten OP bist du wieder dabei. Niemand nervt sich mehr ab diesem Zwischenfall, als du. Niemand setzt dich mehr unter Druck, als du. Aber du hast nicht versagt, das kann jedem passieren. Wer etwas anderes behauptet, lügt, so einfach ist das. Und spätestens am nächsten Tag stehst du wieder im Saal, beteuerst, dass du nicht schwanger bist, und stehst es durch.

 

Alltag im Spital: im Ops

Letztes Mal habe ich beschrieben, wie es abläuft, wenn ich in den Ops muss. Heute gehts darum, was geschieht, wenn ich drin bin.

Das Erste, was man im Ops falsch machen kann, ist das Stehen. Oder Sitzen. Also eigentlich die blosse Existenz. Steh nicht zu nah an den sterilen Tischen! Wende den Sterilen Tischen nie den Rücken zu! Steh nicht im Weg rum! Steh nicht in der Ecke, da muss ich nämlich genau jetzt hin! Fass ja nichts an, du hast dir die Hände schon desinfiziert! Halte die Hände vor deiner Brust in die Luft! Mach keine Geräusche, die jemanden ablenken könnten! Und so weiter. Ops-Schwestern können dir fast alles, was du machst, zu Lasten legen. Allerdings muss ich anmerken: Solche Drachen haben wir hier keine. Keinen einzigen. Alle nett, freundlich, hilfsbereit – solange du machst, was sie sagen jedenfalls, und was Anderes hab ich mich noch nie getraut.

Das Zweite, was man im Ops falsch machen kann, ist das Ankleiden. Eine TOA (technisch operative Assistentin, aka Ops-Schwester) ist schon steril eingepackt. Sie zieht mich an. Unterarme angewinkelt, Hände weg vom Körper. Ich bekomme eine blaue Schürze. nicht bewegen, Finger steif machen. Von hinten macht mir die Springerin (die nicht sterile TOA) den Kittel zu. Die andere hält mir den ersten sterilen Handschuh hin, die Öffnung nach oben. Mit der Hand rein, dann die zweite. Wenn die TOA sonst viel zu tun hat, ziehe ich mir das zweite Paar Handschuhe selbst an, sonst macht sie das. Die Handschuhe haben Grössen von 6-8 ungefähr, in 0.5er Schritten. Die TOAs schauen deine Hände einmal schräg an und wissen genau, welche du brauchst. Ich bekomme zuerst die 7, dann die 6.5 drüber.

An der Aussenseite des Kittels sind blaue Bändel befestigt, die von einer Papierlasche zusammengehalten werden. Die TOA nimmt sie und gibt mir einen in die Hand. Dann drehe ich mich einmal im Kreis, sodass sich der lange Bändel um mich herumwickelt. Dann binde ich eine Schleife. Fertig. Von nun an muss ich sehr genau aufpassen, was ich anfasse. Ungefähr jetzt beisst mich auch erstmals die Nase. Kratzen ist nicht.  Das wird mir in den nächsten Minuten bis Stunden noch gelegentlich passieren.

Nun stelle ich mich neben einen der sterilen Tische. Die Hände verschränkt und vor der Brust, stehe ich da, und warte auf Anweisungen. Währenddessen wird das Operationsgebiet desinfiziert (dreimal über das Ganze drüber) und mit sterilen Tüchern abgedeckt. Für Hüft- und Knieoperationen muss ich das zu operierende Bein für die Desinfektion hochhalten, ca 10-15 Minuten. Wieder ist es am Einfachsten, wenn man sich genau an die Anweisungen hält.

Wenn alles fertig abgedeckt ist, stelle ich mich an den Tisch dahin, wo ich hingehöre – meist ist das gegenüber vom Operateur. Dann können wir anfangen.

Alltag im Spital: Ops-Vorbereitung

Der Ops, kurz für „Operationssaal“. Where the macig happens, sozusagen.

Wir operieren 5 Tage die Woche, wobei sich die einzelnen Tage auf verschiedene Fächer aufteilen. Zum Beispiel operieren die Gynäkologen immer Mittwochs, alle anderen machen dann nur Notfälle. Am Montag und Freitag operiert der Allgemeinchirurg, Dienstag und Donnerstag die Orthopäden. Da die Gyn eine eigene Assistenzärztin hat, helfen wir am Mittwoch nur aus, wenn sie nicht da ist. Es gibt zwei Operationssäle. Das ist nicht viel, aber mehr brauchen wir meist auch nicht.

Morgens entscheiden die Assistenzärzte, wer in welcher OP assistiert. Wir entscheiden nach Interesse, Lust, Laune oder Arbeitsaufkommen auf der Station. Dann geben wir dem Ops-Personal durch, wer in welcher Operation assistieren wird, und die bieten uns dann direkt auf, wenn es soweit ist.

Weit bevor es losgeht, ruft mich jemand von der Ops-Pflege an und gibt mir Bescheid. Dann gehe ich in die Garderobe und muss mich umziehen. Der kleine Raum ist durch einen Balken getrennt. Wenn ich Schuhe, Hose und Shirt ausgezogen habe, klettere ich mit meinen kurzen Beinen über den Balken. Nun ziehe ich die Ops-Kleidung an: Blaues Shirt, blaue Hose. Und hässliche, aber praktische Ops-Schuhe, ähnlich wie Crocs. Weil man die einfach waschen kann.

Über die Haare ziehe ich zwei Hauben. Eine normale und eine, welche unten zwei Bändel hat, die ich um den Hals nehme und hinten zusammenbinde. So bin ich sicher, dass keine Haare mehr herausgucken, weil manche Ops-Schwestern die Angewohnheit haben, einem solche Haare auszureissen. Ebenfalls kommt ein Mundschutz dazu und meist eine Brille. Nicht, weil ich eine brauche, sondern damit mir nichts ins Auge spritzt. Bei manchen Operationen ist die Spritzgefahr hoch, zum Beispiel in der Orthopädie. Wenn ich keine Brille trage und mir spritzt etwas ins Auge, zahlt die Versicherung nichts.

Die Händedesinfektion mache ich mit Sterilium, also Händedesinfektionsalkohol. Zuerst reibe ich mir damit die Unterarme bis nach den Ellbogen ein, dann die Unterarme bis vor den Ellenbogen, dann nur die Hände bis und mit dem Handgelenk. Das jeweils etwa eine Minute. Dann kann ich den Saal betreten. Ich stelle mich in eine Ecke oder sitze auf einen Stuhl, und warte darauf, dass mich die Ops-Schwester einkleidet.