Der Eid des Hippokrates

Heute räume ich mal mit einem weitverbreiteten Mythos auf. Ärzte leisten beim Abschluss des Studiums den Eid des Hippokrates? Nein, tun sie nicht, und das hat seinen Grund: Der Eid ist teilweise komplett überholt. Um das darzustellen, have ich hier mal die deutsche Übersetzung hineinkopiert und mit meinem grobkörnigen Senf versehen. Es gibt übrigens eine Art Ersatz, nämlich die Genfer Deklaration des Weltärztebundes, zu der ich mich aber ein anderes Mal äussern werde.

Ich schwöre, Apollon den Arzt und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen anrufend, daß ich nach bestem Vermögen und Urteil diesen Eid und diese Verpflichtung erfüllen werde:

Das Schwören auf altgriechische Götter könnte für manche von uns nicht mehr unbedingt moralisch bindend sein.

den, der mich diese Kunst lehrte, meinen Eltern gleich zu achten, mit ihm den Lebensunterhalt zu teilen und ihn, wenn er Not leidet, mitzuversorgen; seine Nachkommen meinen Brüdern gleichzustellen und, wenn sie es wünschen, sie diese Kunst zu lehren ohne Entgelt und ohne Vertrag; Ratschlag und Vorlesung und alle übrige Belehrung meinen und meines Lehrers Söhnen mitzuteilen, wie auch den Schülern, die nach ärztlichem Brauch durch den Vertrag gebunden und durch den Eid verpflichtet sind, sonst aber niemandem.

Der Abschnitt war vor allem als Versicherung für Ärzte gedacht, damit ihre Rente gesichert war und sie im Falle von Krankheit von ihren Kollegen gratis behandelt wurden. Meine (unsere) Lehrer, sprich, Professoren, sind ganz schön zahlreich. Und mit denen zu teilen brauche ich kaum, die verdienen ja massiv viel mehr als ich. Zumindest jetzt noch (haha).

Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil; ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.

Das hier, das ist der Kernpunkt. Wäre das nicht schön, wenn ich meine Entscheidungen entsprechend dem treffen könnte, was ich am besten halte für den Patienten? Leider ist das heute nicht mehr so – sicher 70% meiner Handlungen tue ich aus rechtlichen Gründen, damit mir niemand später vorwerfen kann, ich hätte was übersehen. Oder aus wirtschaftlichen, weil so nunmal die Vorschriften des Spitals oder, ganz allgemein, des Systems sind. Hier liegt der Hase im Pfeffer, das Defizit unseres Gesundheitssystems. Allein darüber könnte ich seitenweise schreiben. Vielleicht mach ichs ja mal, wenn ich grade Lust habe, mich in Rage zu tippen.

Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.

Hier dürften sich die Geister scheiden, unter Ärzten und anderen Gesundheitsberufen, und sowieso unter Laien. Ich bin durchaus für Sterbehilfe, so, wie sie in der Schweiz erlaubt ist, und für Abtreibungen aus verschiedenen Gründen. Natürlich habe auch ich nicht immer Verständnis für alles, aber meiner Meinung nach liegt es nicht an mir, zu richten und vorzuschreiben.

Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist.

Der Abschnitt kommt aus einer Zeit, als Medizin und Chirurgie noch deutlich getrennt waren: Chirurgie wurde von Badern, Steinschneidern, Feldscheren durchgeführt, und von „echten“ Medizinern als minderwertig angesehen, weshalb sie sich hier deutlich davon distanzieren. (Lesetipp: ‚Der Medicus‘ von Noah Gordon, eines meiner Lieblingsbücher. Dort wird das sehr anschaulich beschrieben.)

Welche Häuser ich betreten werde, ich will zu Nutz und Frommen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen und Männern, Freien und Sklaven.

Schön gesagt – die Sklaven können wir aber, zumindest bei uns, zum Glück streichen.

Was ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und solches als ein Geheimnis betrachten.

Einer der Kernpunkte, nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich verpflichtend. Wer das Patientengeheimnis verletzt, kann seine Zulassung verlieren – zu recht. Der Sinn des Ganzen ist ja, dass der Patient mit jedem Leiden zu mir kommen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht verletze, möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg zuteil werden und Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten; wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, das Gegenteil. (Quelle: Wikipedia)

„Ruhm bei allen Menschen bis in ewige Zeiten“? Bitte nicht, das ist wohl so ziemlich der schlechteste Grund, um Arzt zu werden oder sich an ethische Vorschriften zu halten.

Viele dieser Dinge möchte ich nicht schwören. Sie sind nicht mehr zeitgemäss. Allerdings habe ich auch an der Genfer Deklaration manches auszusetzen ^^ So oder so hoffe ich, dass es für jene von euch, die das hier noch nicht wussten, einigermassen nachvollziehbar ist. Und wenn nicht: Fragt und kommentiert drauflos!

Werbeanzeigen

4 Kommentare zu „Der Eid des Hippokrates“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s