Archiv der Kategorie: Schlagzeilen

Schlagzeilen

Die NZZ schreibt heute: Ärzte sitzen länger vor dem Computer als am Patientenbett.

Belegt wird dies durch eine Studie, welche 2015 am CHUV in Lausanne durchgeführt wurde. Dabei wurden 36 Assistenzärzte auf der Inneren Medizin während der Arbeitszeit von Studenten „beschattet“, die Studenten protokollierten dabei genau, wieviel Zeit der jeweilige Arzt für welche Tätigkeiten aufwendet. Im Schnitt wiesen die Ärzte 29 Monate (2 Jahre und 5 Monate) Berufserfahrung auf – es waren also nicht alles überforderte Staatsabgänger. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

11.6 Stunden (oder 11h 36 Minuten oder 696 Minuten) arbeiten Assistenzärzte im Schnitt pro Tag. Damit kommen sie auf 58 Stunden pro Woche. Soll-Arbeitszeit nach Arbeitsvertrag ist 50 Stunden, was ebenfalls das gesetzlich geregelte Limit ist. (Wer die Ironie darin findet, darf einen Keks essen.)

33 Minuten von diesen 11h 36min werden für „Essen und Toilette“ verwendet. Unklar ist für mich dabei, ob die Mittagspause darin einbezogen ist, denn Mittagspause ist ja nicht Arbeitszeit und dürfte somit nicht in den 11.6 Stunden enthalten sein – Realität ist allerdings, dass Assistenzärzte meist keine Zeit für Mittagspause haben und stattdessen eher mal ein Sandwich vor dem PC verdrücken. Nicht selten ist die gesetzlich vorgeschriebene Stunde Mittagspause dann Gratis-Arbeitszeit, weil, man muss die Mittagspause nehmen von Gesetzes wegen, aber man will nicht, weil das bedeutet, dass man noch eine Stunde später nach Hause kommt.

100 Minuten haben die Assistenzärzte direkten Patientenkontakt pro Tag. Das sind 100 von 696. Das sind 14%.

5 Stunden 12 Minuten sitzen Assistenzärzte am Computer. Sie schreiben Berichte für Hausärzte, Überweisungen an Spezialisten, Anmeldungen für Prozeduren, und führen die Akten, denn:

110 Minuten von diesen 5 Stunden gehen für das Führen der elektronischen Patientenakte, der KG (für „Krankengeschichte“) drauf. Das sind fast zwei Stunden einfach nur Dokumentation. Hier wird die Diagnoseliste angepasst – zum Beispiel, wenn neue Laborergebnisse da sind. Dann schreibt man auch zu jedem Patienten eine Text, jeden Tag. Darin wird festgehalten, wie es dem Patienten geht, welche neuen Ergebnisse man hat (wie ist das Labor, wie hört sich die Lunge an, ist der Puls immernoch unregelmässig), und wie man weiterfahren will. Gespräche mit Angehörigen und Patienten werden dokumentiert. Es gilt: Was nicht aufgeschrieben ist, wurde nicht gemacht – Schreibarbeit, um sich vor möglichen juristischen Nachspielen zu schützen. Dies war übrigens auch der Hauptgrund für die Durchführung der Studie: Die Assistenzärzte gaben an, mit dem elektronischen System unzufrieden zu sein. Es sei unpraktisch, ineffizient und brauche zuviel Zeit.

50.4% der Arbeitszeit gehen für Arbeiten drauf, die nur indirekt mit Patienten zu tun haben. Und schliesslich sind es über 100 Minuten, welche für administrative Arbeiten aufgewendet werden, die nicht mit Patienten direkt im Zusammenhang stehen. Das heisst, Berichte faxen, rumtelefonieren, um aus anderen Spitälern oder Praxen Berichte anzufordern und andere Sekretariatsarbeiten. Gerade telefonieren braucht enorm viel Zeit. In grossen Spitälern gibt es manchmal speziell dafür angestellte Stationsassistenzen, welche diese Arbeiten erledigen, sowas ist allerdings selten. Kostet halt zuviel. Einfacher und billiger ist es, diese Arbeiten dem Uhu zu überlassen. Der freut sich darüber auch nicht besonders.

Das Fazit der Studie ist: Assistenzärzte der Inneren arbeiten mehr als geplant (11.6 statt 10h) und der Hauptteil der Zeit geht für Arbeiten drauf, die nur indirekt mit Patienten zu tun haben. Rund die Hälfte des Tages wird am Computer verbracht.

Daraus kann nun jeder ziehen, was er will. Dass im Gesundheitswesen eine Administration- und Dokumentationsswut herrscht, ist ein bekanntes Problem bei allen Berufsgruppen. Traurig stimmen mich vor allem die 100 Minuten, welche man direkten Patientenkontakt hat. Dafür sind wir Ärzte geworden? Wirklich?

 

Notfälle und „Notfälle“

Die Sonntagszeitung hat vor Kurzem einen Artikel darüber geschrieben, dass die Krankenkassenprämien unter anderem deswegen stetig steigen, weil viele Patienten heute statt zum Hausarzt direkt auf den Notfall gehen. Sie rechten vor, dass dieselbe Konsultation auf dem Notfall mehr als doppelt soviel kostet, wie beim Hausarzt (427 CHF, bzw 196 CHF).

Ein Problem ist das vor allem in der Hinsicht, dass Ressourcen blockiert werden, die anderswo dringender gebraucht werden können, und halt eben vom ökonomischen Standpunkt her.

Die Gründe der Patienten lassen sich in der Regel in zwei Kategorien einteilen: Faulheit/Bequemlichkeit und Hausarztmangel. Der Hausarztmangel ist besonders auf dem Land prägnant, wir bekommen das im Krautundrübenspital immer wieder zu spüren. Die wenigen Hausärzte, die es hier noch hat, haben keine Kapazität, um neue Patienten aufzunehmen, womit Neuzuzüger schonmal keinen Hausarzt finden. Sie kommen auf Wartelisten, wenn sie Glück haben. In den Städten sind Walk-In Arztpraxen inzwischen verbreitet – keine Voranmeldung, dafür wartet man halt unter Umständen recht lang. Die nächste solche Praxis ist gut eine halbe Stunde von unserem Spital weg im Tal – für viele ist das bereits zuviel Aufwand, womit wir wieder bei der Bequemlichkeit sind.

Ein typischer solcher Patient ist Herr Börner, 36-jährig, der am Sonntagvormittag um 10Uhr auf den Notfall kommt. „Mir ist gestern eine Maschine auf den Zeh gefallen, und ich wollte das mal zeigen.“

Ich schaue mir den grossen Zeh an. Ein bisschen blau ist er. Schmerzen? „Hab ich eigentlich keine. Ich kann problemlos laufen und Auto fahren. Aber wissen Sie, ich habe grade meine Nachbarin ins Altersheim gefahren, damit sie ihren Mann besuchen kann. Und da dachte ich, wenn ich ja sowieso hier in der Nähe bin und auf sie warten muss, dann komm ich doch einfach kurz hierher. Ich hab ja sonst nichts zu tun grade.“

Der Zeh ist nicht gebrochen, nur leicht gequetscht. Schmerzmittel oder eine Salbe will er nicht. Er geht eineinhalb Stunden später wieder – es hat ein bisschen länger gedauert, weil ich am Sonntag ganz allein bin und auch noch auf Station zur Visite muss, und da gab es einige brennenden Probleme zu lösen. Für uns ist das lange, eineinhalb Stunden. In grösseren Spitälern hätte er schon mal so lange gewartet, bis ihn überhaupt ein Arzt gesehen hätte.

Hätte Herr Börner mich vorher angerufen, um zu fragen, ob er vorbeikommen soll, hätte ich ihm freundlich gesagt, er solle doch am Montag zum Hausarzt, wenn er keine Schmerzen hat und in der Funktion nicht eingeschränkt ist. Dann ist es ja wohl kaum ein Notfall, nicht wahr. Aber nein. Er war halt grade in der Gegend und hatte nichts zu tun.

Der Patient geht also wieder, und bei mir bleibt ein schaler Nachgeschmack von Frust. Es ist ja nicht so, als wäre ich einfach zum Spass da und hätte sowieso nichts besseres zu tun.

Mein einziger Trost bleibt die Hoffnung, dass die Rechnung dann so richtig weh tut.