Frau Bader

Es ist Montag, gegen elf Uhr morgens. Die Visite habe ich durch, alle sieben Patienten sind besprochen, als mein Telefon klingelt. Es ist Thea, Assistenzärztin auf der internistischen Privatstation.

„Hör mal, ich hab da eine Patientin, die ich gerne auf die IPS schicken möchte. Hast du kurz Zeit? Und Platz?“

Ich bejahe beides, und sie fährt fort: „Also, guck ma. Frau Bader ist seit eineinhalb Wochen bei uns. Sie kam wegen Übelkeit und Schwäche, mochte kaum mehr essen und hat stark abgenommen. Wir haben alles Mögliche an Untersuchungen durchgeführt. Sie hat viele Metastasen im Bauch, das haben wir im CT gesehen, aber wir wissen noch nicht genau, wo der Ursprungstumor sitzt.

Wir haben da letzte Woche etwas Gewebe entnommen, aber die Analysen aus der Pathologie sind noch ausstehend. Jedenfalls, es geht ihr immer schlechter. Letzte Woche ging’s noch, aber übers Wochenende ist sie eingegangen wie eine Primel. Ich hab grade noch nichts Handfestes, sie ist noch nicht so richtig schlecht zuwege, aber es geht grade schnell bergab. Sie hat Chefarztbehandlung, und der Chef sagt, wir sollen sie zu euch legen. Kannst du die nehmen?“

Zehn Minuten später wird Frau Bader zu uns gebracht. Sie ist rüstige 69 Jahre alt, und sie sieht wirklich krank aus, lächelt uns aber alle an. „Das ist aber lieb, dass Sie sich alle so gut um mich kümmern“, sagt sie mit leiser, schwacher Stimme. Sie wird an den Monitor angeschlossen zur Überwachung, und wir sehen, dass ihr Blutdruck tief ist. Wir beginnen mit kreislaufunterstützenden Medikamenten. Ich lege einen arteriellen Zugang.

Ihr Sohn und ihre Tochter sind beide dabei, und nachdem wir Frau Bader aufgenommen und eingerichtet haben, kommen sie beide dazu.

„Es tut mir leid, ich kann Ihnen noch nicht besonders viel sagen, ihre Mutter ist gerade erst zu uns gekommen. Wir werden gleich alle zusammensitzen, der Onkologe, der internistische Chefarzt, der Leiter der Intensivstation und so weiter, damit wir herausfinden können, wo das Problem liegt und wie wir vorgehen wollen, dann werde ich Sie wieder informieren.“ Die Beiden wirken gefasst, wenn auch etwas überrumpelt.

Thea hat inzwischen auf der Pathologie angerufen, um herauszufinden, wie lange es noch dauert mit den Ergebnissen der Probeentnahme. Der Pathologe verspricht, in zwei Stunden einen vorläufigen Befund zu haben.

Frau Bader geht es immer schlechter – sie wird schwächer, ihr Körper gibt auf. Sie liegt bleich im Bett, klagt über Übelkeit und Bauchschmerzen. Sie beschreibt einen merkwürdigen Geschmack im Mund, der aber nicht neu sei – sie habe seit Wochen nicht mehr richtig essen mögen. Alles sei ihr zuwider.

Auch ihr Herz hat Mühe. Es schlägt noch selber, mag aber kaum pumpen. Wir geben ihr weitere Medikamente, die das Herz stärken sollen. So halten wir sie halbwegs stabil.

Am Nachmittag sitzen wir alle zusammen im Stationsbüro, um die Ergebnisse zu diskutieren. Der Pathologe hat inzwischen durchgegeben, es handle sich um ein Siegelringzellkarzinom, ein äusserst bösartiger Tumor mir katastrophaler Prognose. Es gibt kaum Aussicht auf Heilung, eine Chemotherapie könnte zumindest die Symptome etwas lindern, aber kaum den Krebs besiegen, insbesondere, da er schon sehr weit gestreut hat.

Chefarzt, Intensivmediziner und Onkologe gehen anschliessend zur Patientin, um ihr und ihren Kindern alles mitzuteilen. Sie entscheiden sich nach langer Überlegungszeit dafür, eine Chemotherapie zu versuchen, doch reanimiert oder beatmet werden möchte sie nicht. Wir setzen alle gemeinsam die Therapiegrenzen schriftlich fest.

Sohn Bader weicht seiner Mutter kaum von der Seite. Sobald sie auch nur annähernd Lust auf etwas zu essen oder trinken hat, eilt er, um es ihr zu holen. Zitroneneis hätte sie gerne. Er bringt es ihr, und dazu eine ganze Schlachtel für uns, zusammen mit seiner süssen kleinen Tochter, die uns alle schüchtern anlächelt und leise am Krankenbett für die Grossmama Kinderlieder singt. Wiederholt spreche ich mit ihm, er ist immer sehr freundlich und dankbar, und obwohl Frau Bader erst weniger Stunden bei mir auf der Station ist, fühle ich einen deutlichen Bezug zu ihr und ihren Angehörigen.

Am nächsten Tag wollen wir mit der Chemo beginnen. Optimismus gibt es keinen, aber ein letzter Funken Hoffnung, dass Frau Bader sich vielleicht soweit erholt, dass sie noch nach Hause kann.

Doch so weit kommt es nicht. Ich bin gerade beim Abendessen mit meinen Kolleginnen vom chirurgischen Notfall, ruft mich die Pflege an: „Komm bitte sofort in die vier!“

Frau Bader hat das Bewusstsein verloren, der Blutdruck ist trotz Kreislaufmedikamenten zu tief. Höher stellen können und wollen wir die Medikamente nicht, da das zuvor so abgemacht wurde. Ich rufe ihren Sohn an, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter wahrscheinlich bald verstirbt. Er verspricht, in einer Stunde zusammen mit seiner Schwester da zu sein.

Jana, die zuständige Pflegefachfrau, öffnet das Fenster – das finde ich immer irgendwie niedlich. Ich glaube, es geht dabei darum, dass die Seele den Weg nach draussen findet. Ich stehe am Fussende des Bettes, wie immer in dieser Situation etwas hilflos, da ich nichts tun kann ausser da zu sein. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden und tröste mich damit, dass ich eben wenigstens da bin.

Die Atemzüge werden weniger und oberflächlicher. Jana nimmt Frau Baders eine Hand in die ihre und streichelt ihr sanft über die Schulter. Schliesslich kommt kein Atemzug mehr. Die arterielle Kurve zeigt keine Wellenbewegungen mehr. Das EKG zeigt noch für eine ganze Weile elektrische Aktivität, bis es schliesslich bei der Nulllinie hängenbleibt.

Als Sohn und Tochter bei uns ankommen, ist Frau Bader schon in ein weisses Leintuch gebettet, die Überwachung abmontiert, alle Zugänge gezogen. Sohn Bader lächelt mich unter Tränen an und dankt für den Anruf. Mein Herz bricht, während ich ihm vom Tod seiner Mutter berichte und mein Beileid ausspreche. Tochter Bader stösst einen spitzen Schrei aus, rennt ins Zimmer, sinkt neben dem Bett auf die Knie und weint in die kalte, bewegungslose Hand ihrer Mutter.

Inzwischen ist meine Ablösung gekommen. Ich verabschiede mich von den trauernden Angehörigen, stelle ihnen den Nachtarzt vor und sage ihnen, dass sie sich mit Fragen jederzeit an ihn wenden können. Sohn Bader bedankt sich noch einmal, auch wenn ich nicht sicher bin, wofür.

Ich entscheide mich, ausnahmsweise zu Fuss nach Hause zu gehen – knapp eine Stunde – um den Tag etwas verdauen zu können, bevor ich nach Hause komme, und kaue auf dem Weg den Rest meines Sandwiches, das jeglichen Geschmack verloren zu haben scheint.