Reflexion: Notarztdienst

Vor ein paar Monaten ging ein Traum für mich in Erfüllung.

Ich habe Medizin studiert, um Notärztin zu werden. Das war von Anfang an das Ziel, die Anästhesie das Mittel zum Zweck – in der Schweiz fahren hauptsächlich Anästhesist*innen aus, also sollte dies halt mein Fachgebiet werden. Ich wollte die Action, das Drama, das Adrenalin. Leben retten. Heldin sein. Dafür habe ich 7 (manche brauchen halt ein bisschen länger) Jahre studiert, mich durch Prüfungen und langweilige Vorlesungen gequält – ich habe, meinem Empfinden nach, sehr viel da reingesteckt, um dieses Ziel zu erreichen.

Mit der Zeit bin ich bin älter und vernünftiger geworden. Action verlor den Reiz. Das Gefühl der Adrenalinausschüttung mag ich nicht, es macht mich fahrig und hektisch und meine Entscheidungen unüberlegter. Auch vom „Heldinnengedanken“ hatte ich mich schon lange verabschiedet, der hat in der Anästhesie (und wahrscheinlich in der ganzen Medizin) einfach nichts verloren. Das hat mir Sorgen gemacht: War ich überhaupt noch „wild“ genug für präklinische Notfallmedizin? Würde es mir überhaupt Spass machen?

Trotzdem, ich hatte so viel für diesen Traum gegeben, ich musste es einfach probieren. Daher hab ich an meinem jährlichen Karrieregespräch den Wunsch nach der Notarztrotation angegeben. Dank etwas Glück erhielt ich die Rotation, Beginn nur wenige Wochen später. Ich war völlig überrascht und unendlich glücklich – bis mir bewusst wurde, dass ich in wenigen Wochen als Notärztin ausfahren würde. Nun setzte die Panik ein. War ich überhaupt vorbereitet?

In Windeseile las ich Fallberichte, wälzte Lehrbücher, studierte Leitfäden, lernte Algorithmen auswendig. Ich fühlte mich absolut kein Bisschen vorbereitet, trotz inzwischen 5 Jahren relativ breiter klinischer Erfahrung und allen nötigen Vorbereitungskursen. Impostor-Syndrom par excellence.

Dann kam der erste Tag. Ein sehr netter leitender Notarzt nahm mich in Empfang und gab mir eine ausführliche Einführung in Dienstkleidung, Funk, Piepser, Ausrüstung, Essensbestellung und administrative Aufgaben.

Als wir uns das Notarzteinsatzfahrzeug, das NEF, genauer anschauten, wurde ich von Gefühlen überwältigt, allen voran das Gefühl, angekommen zu sein. Ein wichtiges Ziel erreicht zu haben. Nicht einmal an meiner Staatsexamensfeier war ich so zufrieden mit mir selbst. Ich war genau da, wo ich schon immer hinwollte. Ich hatte es geschafft.

Mit leicht feuchten Augen strich ich über den Autolack und versuchte, dies dem Kollegen zu erklären. Er grinste.

„Willst du mal reinsitzen?“

Ich nickte enthusiastisch, und er öffnete die Beifahrertür für mich. Als ich im Sitz versank, meine Gefühle wohl ziemlich offen lesbar, grinste er noch breiter, griff an mir vorbei und drückte einen Knopf. Blaues Licht leuchtete in der Garage auf. Ich hätte heulen können vor Freude. Sowas erlebt man wirklich nicht jeden Tag, und meine Freude schien den leitenden Notarzt anzustecken.

Trotz all meiner Befürchtungen fand ich mich in der neuen Funktion sehr schnell zurecht. Ich fand heraus, dass von mir weder absolutes Wissen noch Autorität verlangt wurde. Viel wichtiger war Teamwork, Kommunikation und Offenheit. Fragen durfte ich jederzeit stellen, und wenn ich mir unsicher war und dies auch so kommunizierte, wurde darauf immer eingegangen.

Ich bin hier in der komfortablen Situation, dass ich das NEF nicht selber fahren muss, ich werde meist von erfahrenen Rettungssanitäter*innen gefahren (gelegentlich aber auch durch andere, zum Beispiel die Feuerwehr). Diese RS können mich dank ihrer jahrelangen Erfahrung medizinisch unterstützen, machen aber auch den Löwenanteil an organisatorischer Arbeit. Zum Beispiel sprechen sie mit Angehörigen und zaubern Patientenverfügungen, Medikamenten- oder Diagnoselisten und andere Informationen herbei. Sie fordern weitere Mittel an, ob Feuerwehr, Polizei oder mehr RTWs wenn es mehere Verletzte gibt. Sie koordinieren, organisieren und halten dem Team den Rücken frei.

Dazu kommt die ganz unglaubliche Teamstruktur in der Präklinik. Unsere RS lieben und leben die CRM-Prinzipien. Kommunikation funktioniert in der Regel hervorragend mit closed loop und Feedback. Auch das Speak up funktioniert super, sowas kenne ich aus dem Spital gar nicht. Jeder bringt jederzeit Vorschläge an, und ich bin jeweils extrem dankbar dafür.

Wenn die RS mich dazurufen, ist das ein sehr spezielles Gefühl. Ich komme dazu und erhalte als erstes eine meist gut strukturierte, fokussierte Übergabe und dann eine klare Fragestellung, zum Beispiel „Wir habe dich gerufen, weil wir uns bezüglich X oder Y nicht sicher waren“ oder „Wir möchten Medikament Z verabreichen, aber das ist Notarztkompetenz“.

Drama, Action und Adrenalin brauche ich nicht – das Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben, gibt mir sehr viel. Wenn wir am Ende beim Debriefing alle zufrieden sind, bin ich glücklich.

Überfordert bin ich manchmal schon noch. Und natürlich gibt es die Einsätze, bei denen ich nicht sicher bin, was zu tun ist. Das ist aber auch okay, denn ich habe ja mein Team. Ich bin nie allein.

Ich liebe jede Minute hier.

3 Kommentare zu „Reflexion: Notarztdienst“

  1. Liebe Gramsel,

    schön von dir zu lesen und wie wunderbar, dass du angekommen bist. Es klang in früheren Posts an, dass es Veränderungen geben würde und ich war besorgt, dass du dich komplett beruflich veränderst.
    Umso besser, dass Patienten immer noch dich als Ärztin haben dürfen. Ich freue mich, von dir zu lesen.

    Alles Gute im Team!

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  2. Auch von mir einen herzlichen Glückwunsch zum Erreichen des Berufszieles!
    Hab auch lange gezweifelt ob der Blog nur Pause macht oder gar eingeschlafen ist- nun die tolle Antwort.
    Ich freue mich darauf wieder mehr von „Dr. Gramsel“ zu lesen.

    R.L.

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