Die Stationsärztin

‚Wissen Sie Bescheid, welche Antibiose der Patient erhalten soll?‘, fragt mich der Chefarzt der Orthopädie, als er in den OP kommt.

Der Patient hat einen Protheseninfekt – eine Art Super-GAU auf der Ortho – und ich weiss, dass ich ihm nicht die normale Prophylaxe verabreichen durfte. ‚Keine AB präop!!!!‘ stand rot und unterstrichen auf dem Anästhesieblatt. Mehr hingegen weiss ich nicht.

‚Also, da gab es ein Infektiologie-Konsil‘, erklärt der Chef. Er hat es ausgedruckt und an die Wand geklebt, und liest mir daraus vor. ‚Vancomycin 1g alle 12 Stunden. Ceftazidim 2g alle 8 Stunden.‘

‚Soll ich die jetzt gleich verabreichen?‘ Die müsste ich noch organisieren, die haben wir nicht im OP.

‚Nein, bitte erst, wenn ich es sage. Ich wiln erstmal noch Proben entnehmen. Aber das ist ganz wichtig, Vanco alle 12, Ceftazidim alle 8 Stunden, ja?‘ Er dreht sich um,tum sich für die OP zu waschen

Antibiotika zu verordnen ist nicht mein Job. Das muss ich noch kurz loswerden, nicht, dass es zu Missverständnissen kommt. ‚Also verordnen muss das die Stationsärztin. Aber ich treib die erste Gabe auf und verabreiche sie, sobald Sie mir Bescheid geben.‘

Er nickt, und dreht sich dann noch einmal zu mir um, eine Augenbraue hochgezogen.

‚Stationsärztin?‘, sagt er in leicht spöttischem Unterton.

Ach komm schon. Das haben wir schon tausendmal diskutiert. Die Anästhesie verordnet die Schmerzmittel, Infusionsmengen und etwas gegen Übelkeit. Für chirurgiespezifische Dinge wie Ernährung, Blutgerinnselvorbeugung und Antibiose sind die Chirurgen selber verantwortlich, und das besprechen wir jetzt nicht nochmal.

Aber der Chefarzt will auf etwas ganz anderes heraus. ‚Ist das jetzt modern, dass man Stationsärztin sagt? Weil soviele Frauen hier arbeiten?‘ Spöttisch. Und ein bisschen genervt.

Beinahe möchte ich ihn auslachen. Ach, Frauen unter der männlichen Form einzuordnen ist seit Ewigkeiten okay, aber das Umgekehrte geht dann nicht, ja?

‚Nein… Der Patient kommt von der Station E5, dort ist Pauline Lefort zuständige Stationsärztin. Weiss ich zufällig.‘

‚Hmmm… Das ist dann wohl ein Argument‘, sagt der Chefarzt, dreht sich wieder um und geht sich waschen.

Schon tragisch, wenn deine Männlichkeit plötzlich durch eine weibliche Form eines ganz normalen Wortes bedroht ist, gell.

Es mangelt

Lange, lange habe ich nicht von mir hören lassen – das tut mir leid. In letzter Zeit war mir nicht so nach Schreiben zumute.

Bei uns im Spital ist der Personalmangel ausgebrochen. Beziehungsweise, das ist natürlich Blödsinn, sagt da gleich der Ökonom: Wir haben nicht zu wenig Personal, wir hatten vorher zu viel. Wir waren zu teuer. Deshalb wurden Sparmassnahmen angekündigt: Jeder Bereich musste so-und-so-viel sparen, und so-und-so-viele Stellen abbauen. So.

Bei uns hat man das günstig lösen können. Einer meiner Assistenzarztkollegen hat nach nur einem halben Jahr gekündigt. Das kam nicht ganz so plötzlich. Er war sich bereits bei Stellenantritt in der Berufswahl nicht sicher, nachdem er zwei Jahre in einem grossen Haus gearbeitet und dort wohl recht verheizt worden war. Er hatte gehofft, ihm würden die Arbeitsbedingungen im kleineren Spital besser gefallen, aber die Hoffnung hatte sich leider nicht bestätigt. So zog er die Konsequenzen.

Er wurde nicht ersetzt. Somit sind wir von vier auf drei Assistenzärzte geschrumpft. 25% weniger Arbeitskraft. Und wer hätte es gedacht: Wir spüren das.

In jedem Operationssaal arbeitet jeweils ein Team aus zwei Personen, entweder zwei Anästhesiefachleute oder eine Anästhesiefachperson plus ein Assistenzarzt. Mit den Personalkürzungen, die ja nicht nur uns betreffen, können wir nun die überlappenden Wechsel nicht mehr immer anbieten.

Zuvor betreute jeweils einer den Patienten im Saal, der andere bereitete schon den nächsten vor. So konnten wir, sobald der Saal wieder frei war, gleich mit der nächsten Operation starten. Jetzt haben wir längere Wechselzeiten (schliesslich muss ja irgendjemand wieder frei sein, damit er den nächsten Patienten betreuen kann), wodurch sich das Programm in die Länge zieht, wodurch wir Assistenten länger im Operationsbereich bleiben müssen und erst viel später dazukommen, die Patienten für den nächsten Tag anzuschauen. Um trotzdem noch rechtzeitig zum Nachmittagsrapport bereit zu sein, müssen wir gleichviele Gespräche in weniger Zeit führen, was für die Patienten unangenehm ist und für uns einfach nur stressig und unbefriedigend.

Auch die Zeit im OP ist mühsamer. Wir wechseln häufig zwischen verschiedenen Sälen, sind nicht mehr so fix eingeteilt wie zuvor, weil einfach jeder dahin geht, wo gerade jemand gebraucht wird. Das erhöht das Fehlerpotential, weil man sich kurzfristig auf andere Patienten und Operationen umstellen muss und dabei Dinge übersehen kann, weil man schlechter vorbereitet ist.

Ach, und dann war ja noch der Sprechstundendienst: Eine von vier Wochen waren wir bisher ausschliesslich „draussen“, führten die Sprechstunden, sahen die Notfälle und visitierten die Schmerzpatienten. Da wir aber morgens mehr Leute im OP brauchen, beginnt nun derjenige, der den Dienst hat, den Morgen im OP und betreut eine Narkose, bevor er den Sprechstundendienst antritt. Den Dienstsucher hütet solange der Dienstkaderarzt.

Das klappt auch nicht, denn wer mach die Sprechstunden, während der Dienstarzt im OP ist? Irgendein Kaderarzt, der gerade Zeit hat. Auch hier bricht das völlige Chaos aus. Kaderärzte sind sich nicht gewohnt, die Sprechstunden zu machen, wissen nicht, was sie mit den ausgefüllten Formularen machen müssen. Die verschwinden dann auf mysteriöse Weise, was erst am Tag vor der Operation auffällt. Dann ist aber der betreffende  Kaderarzt nicht da, die arbeiten ja schliesslich alle nur gefühlte 40%, niemand kann Auskunft geben, niemand fühlt sich zuständig oder verantwortlich.

Wer badet das denn nun aus? Rhetorische Frage. Wir Assistenzärzte natürlich. Wir bekommen tausend „wo sind die Formulare“- Telefone. Wir dürfen uns dann darum kümmern, die Formulare suchen oder die Patienten für ein zweites Gespräch aufbieten.

Kurzum: So macht mir die Arbeit keinen Spass.

Das Problem: Allen anderen auch nicht, weil alle dieselben Probleme haben. So breitet sich eine negative Grundstimmung im ganzen Haus aus. Es gibt mehr Streit, weniger Verständnis, der Ton wir rauer. Man hat keine Zeit, um Konflikte zu besprechen, und eigentlich auch keine Lust, weshalb sie schwelen und regelmässig ausbrechen. Jeder macht nur noch das, was er unbedingt muss, niemand fühlt sich für irgendwas zuständig, will sich um irgendwas kümmern.

So fährt man ein Spital an die Wand.