Kein Patientenkontakt? Blödsinn!

Tatsache: Die allermeisten Patienten haben viel mehr Angst vor der Narkose als vor der Operation.

Für mich völlig verkehrt- du gibst einem Chirurgen ein Messer in die Hand und die Erlaubnis, an und in dir rumzuschnippeln, und das macht dir keine Sorgen? Aber natürlich ist es absolut verständlich.

Der Chirurg hat einen klaren Auftrag: Reparier dies. Mach das weg. Nimm jenes raus. Punkt. Da ist irgendwas nicht gut, und dieser Held in Grün macht es heil. Was Chirurgen so tun, ist fassbar, nachvollziehbar.

Ganz im Gegenteil zur Anästhesie. Was soll das denn eigentlich? Die haben da Nadeln. Man ist denen hilflos ausgeliefert, man schläft, muss die Kontrolle aus der Hand geben, weiss nicht genau, was mit einem passiert. Und so eine Narkose ist ja auch nichts wirklich Fassbares. Was soll das denn heissen, man schläft? Wie schläft man? Warum? Und was ist mit all diesen schrecklichen Geschichten, die man im Internet so liest oder von Bekannten erzählt bekommt, von Patienten, die nicht mehr aufwachen oder die eben gerade während der Operation aufwachen?

Ich glaube, man ist sich nirgends in der Medizin so seiner Wirkung auf den Patienten bewusst, wie auf der Anästhesie. Bei uns werden Worte auf die Goldwaage gelegt – eine falsche Formulierung, und der Patient könnte negativ darauf reagieren.

Beispiel: Vor ein paar Wochen in einer ganz normalen Einleitung. Der Patient hat die Maske mit Sauerstoff auf dem Gesicht, alle Checks sind gemacht, alles liegt bereit, das Schlafmittel fliesst in die Vene, man erwartet, dass der Patient jede Sekunde einschläft.

„Denken Sie an was Schönes“, schnurrt die Anästhesiepflege, „atmen Sie ein paar Mal tief ein. Wenn die Operation vorbei ist, wecken wir Sie wieder.“ Die gleichen Worte, die ich auch schon hundert Mal gesagt habe. Aber bei diesem Patient wirken sie anders: Er bäumt sich auf, schreit „Nein! Das haben die letztes Mal auch gemacht, das war schrecklich!“, dann plumpst er zurück auf Bett und erbricht. Ein Horrorszenario.

Wir bemühen uns, alles zu vermeiden, was Patienten beunruhigen oder aufregen könnte. Laute Geräusche zum Beispiel. Wer in einen Einleitungsraum platzt, wo der Patient gerade einschläft – also in der ganz heiklen Phase ist – riskiert, geköpft zu werden. Denn ein Patient, der nicht gut einschläft, schläft auch schlecht, macht mehr Komplikationen, wacht unruhiger wieder auf.

Wir machen, was wir können, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dazu gehört auch, die Stimmung und Art der Patienten schnell zu erfassen. Manche sind gut mit Smalltalk ablenkbar, andere mögen es, wenn man ihnen alles genau erklärt, wieder andere brauchen einfach nur Ruhe und ein Minimum an Kommunikation.

Genau das ist aber auch der Reiz am Fach. Man muss schnell Vertrauen herstellen können, muss Patienten in ihrer momentanen Stimmung auffangen und beruhigen können. Das Klischee vom Anästhesisten, der den Job nur macht, weil er keinen Patientenkontakt will, ist daher meiner Meinung nach falsch. Natürlich hat man weniger „wachen“ Patientenkontakt, aber bei dem, den man hat, zählt jede Sekunde.

Insbesondere in der Sprechstunde wird das deutlich – es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn Patienten sichtlich ängstlich durch die Tür kommen, und weniger besorgt oder gar ein bisschen erleichtert wieder rausgehen.

Kürzlich hatte ich eine Patientin für eine Schulter-Operation. Wie viele war sie verängstigt, das liebe Midazolam, das sie zur Vorbereitung erhalten hatte, hat davon nur ein bisschen etwas abfangen können. Meine Oberärztin und ich haben in ruhigem Ton mit ihr geredet, ihr erklärt, was wir machen, gelegentlich auch versucht, zu scherzen. Insbesondere die Anlage des Schmerzkatheters machte ihr Angst. Sie machte aber sehr gut mit, hielt still, atmete ruhig.

Als ich sie später am Tag besuchte – die sogenannte Postmedikationsvisite – strahlte sie. Sie bedankte sich für die Atmosphäre, die wir für sie geschaffen hatten. Sie erzählte mir, wie schrecklich Angst sie gehabt hätte, und dann sei doch alles nur halb so schlimm gewesen. Da leite ich das Kompliment natürlich auch gerne an meine Oberärztin weiter und gehe mit einem guten Gefühl nach Hause.

Anästhesie ist ein anspruchsvolles Fach. Breites Fachwissen sind gefordert, und natürlich auch ganz banale Grundlagen wie Physik, Chemie, Pharmakologie, Physiologie. Aber auch menschliche Fertigkeiten sind gefragt.

Schade, dass es als Fach so oft unterschätzt wird.

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