Stolz und Vorurteil

Einmal im Monat tagt unser Kader abends. Einer von uns Assistenten muss dann bleiben, bis die mit der Sitzung fertig sind. Dankbare Aufgabe, wenn man morgens um 7 Uhr Arbeitsbeginn hat und dann bis 9 oder 10 bleiben darf – aber so 14 Stunden Arbeit sind doch ein Klacks, gelle.

Eines solchen Abends hüte ich brav den Sucher. Es gibt ein paar Notfälle zu sehen, ein bisschen was zu organisieren, da noch was an der Schmerzmedikation ändern, dort noch irgendeine Frage beantworten.

Bis mich ein verzweifelter Kollege der Medizin anruft.

„Wir haben da diese Patientin, und wir haben bei der eine Blutentnahme gemacht und die hat angeblich Werte, die nicht mehr so mit dem Leben vereinbar sind. Jetzt brauchen wir eine zweite Blutentnahme, aber wir haben schon zig Mal gestochen und kriegen nix mehr raus!“

Ich geh mir das Ganze anschauen. Da ist eine ziemlich mies gelaunte Patientin – komplett verwirrt – und ihren Arm will sie partout nicht hergeben. Ich taste nach Arterien und finde – nichts. Na dann halt nicht, die Vene wird’s ja sicher auch tun. Da die Pflege sich von mir noch einen venösen Zugang wünscht, mach ich da ein zwei in eins Ding draus: Stechen, zapfen, fluten. Klingt komisch, ist aber so.

Die Pflegekraft wird ihrer Bezeichnung mehr als gerecht. Sie hält den Arm der armen Dame mit eisernem Griff fest. Auf dem Handrücken präsentiert sich mir eine Vene, ein bisschen kurz, aber ein echtes Kaliber. Ein kleiner Pieks, ein grosses Gejammer, fertig. Die Blutentnahmespritze füllt sich wie von selbst. Wir veranstalten bei der zappelnden Patientin eine kleine Sauerei, aber hey, ich hab Blut, und das ist alles was zählt.

Während die Kollegin von der Pflege sich dankenswerterweise um die Kleinigkeiten kümmert, zum Beispiel das Putzen, den Verband und das Material, stehe ich ein bisschen ratlos mit meiner blutgefüllten Spritze in der Hand. Die Pflege gibt mir den Auftrag, sie auf den Notfall zu bringen. Finde ich gut. Mach ich.

Auf dem Weg da hin treffe ich den netten medizinischen Kollegen. Ich präsentiere ihm stolz meine Beute. Kennt ihr das, wenn Katzen tote Vögel und Mäuse nach Hause bringen und sie dem Besitzer präsentieren? Genau so ist das. Ich berichte noch kurz, dass es eben venös ist, nicht arteriell, und dass ich leider echt nichts Besseres produzieren konnte, aber er ist damit zufrieden, nimmt mir meine Trophäe ab und bringt sie gleich selber zur Analyse.

Unsere Wege kreuzen sich wenig später bei der Cafeteria, als ich mir mein Abendessen besorgen will.

Er spricht mich nochmal darauf an, erzählt mir, wieviel Mühe sie gehabt haben, und fragt mich dann leicht ungläubig: „Und das hast du ganz alleine geschafft?“

Technisch gesehen, nö, hab ich nicht, da war eine supergute Pflege dabei. Aber gestochen hab ich tatsächlich selbst. Ein Versuch. So gross bin ich schon, so selbständig. Da staunste, was? Krieg ich jetzt n Keks?

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3 Kommentare zu „Stolz und Vorurteil“

  1. Da ist man eigentlich sehr dankbar wenn die „Könner“ so früh wie möglich angefordert werden. Ich hatte mal einen „Chefarzt CT/MRi der mir den Zugang für das Kontrastmittel selber stechen wollte. Bei Versuch 8 habe ich gesagt dass das sein letzter Versuch sei und er sonst jemanden holen soll der es kann. Es ging dann aber ich hatte beide Arme voller blauer Flecken. Was sich toll macht wenn man am nächsten Tag per Zufall mit 6-7 Polizisten an einem Tisch sitzt und die Ärmel hochkrempelt. Da war es mal ganz schnell ganz ruhig am Tisch… Ich konnte dann erklären warum wie was und wer es bestätigen könnte.. Bei der Geburt hatte ich (ich wusste das nicht) Hellp mit Blutkörperchen unter 50000 und Leber war auch schon nicht mehr so glücklich (und ich dachte Junior tritt immer dorthin und daher die Schmerzen) und alle die mir Blutnehmen mussten haben sich immer entschuldigt weil es halt gleich wieder einen Bluterguss gab was mir aber in diesem Moment irgendwie völlig am Ar*** vorbei ging weil gestochen haben die alle super und ich hatte keine Schmerzen deswegen.. Ich hab dann das auch immer gesagt weil man darf ja auch mal loben, und irgendwie hatte ich immer das Gefühl dass das die Leute wahnsinnig erstaunt hat.. Warum? Ist das wirklich so selten? Ich mein ich freu mich ja auch über positive Rückmeldungen, warum soll ich das nicht auch machen?

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