Die ausgerenkte Schulter

Der verhasste Aussendienst. Wie immer habe ich etwa ein Telefon pro Minute, muss mich um tausend Dinge gleichzeitig kümmern. Mittendrin erreicht mich ein Anruf von meiner Vorgesetzten.

„Du, kannst du mir nicht kurz einen Riesengefallen tun?“

„Was denn?“, frage ich misstrauisch zurück.

„Kannst du mir ein Röntgen anmelden für die Patientin in meiner Sprechstunde? Ich komm jetzt grade echt nicht dazu, mein Telefon klingelt ununterbrochen.“

Das Gefühl kenne ich. „Klar.“

„Super, vielen vielen Dank! Das wäre dann einmal Schulter links.“

Äh… Wie bitte? Wir sind Anästhesisten. Wir interessieren uns generell nur für Brustkorb-Röntgen. Was gehen uns Schultern an?

„Und… Mit welcher Fragestellung?“ Eine Fragestellung gehört immer in eine Rönteganmeldung. Nur so kann der Radiologe das Bild dann zielgerichtet beurteilen. Normalerweise fragen wir nach Hinweisen für eine Lungenenerkrankung oder ein Herzproblem, wenn wir ein Oberkörperröntgen anmelden. Aber die Schulter? Was soll daran denn anästhesiologisch schief sein?

„Frage nach, ähmmm… ausgerenkter Schulter.“

Jetzt bin ich komplett verwirrt. Aber ich bin ja auch eine brave Assistenzärztin, also melde ich das Röntgen im System an, schreibe unter den Bemerkungen „Bei Rückfragen bitte bei Dr. XY unter der Telefonnummer 9876 melden“, damit auch ja keiner darauf kommt, mich damit in Verbindung zu bringen. Obwohl ich als anmeldende Ärztin im Formular stehe.

Da ich keine Ahnung habe, ob ich da nun noch einen Transport ins Röntgen organisieren muss, rufe ich unsere Sekretärin an, unsere Abteilungsmama, die Retterin in der Not und Geradebüglerin für alles. Und wie nicht anders zu erwarten, entwirrt sie den Knoten in meinem Kopf.

„Also, diese Patientin hat ein Röntgen der Brust gebraucht, als präoperative Abklärung. Darin hat der Radiologe zufällig eine ausgekugelte Schulter links festgestellt. Jetzt gerade wird noch ein EKG und eine Blutentnahme gemacht, ebenfalls für die Operation, und danach macht man noch eine richtige Aufnahme der Schulter, damit man sieht, ob man die wieder einkugeln kann“, erklärt sie mir. Sie hat einfach immer den Überblick.

Zu meiner grossen Begeisterung (muss ich ganz ehrlich zugeben, sowas erlebt man nicht alle Tage) ist die Schulter tatsächlich ausgekugelt. Vor einem Monat. Die Patientin ist einen Monat lang mit einer ausgekugelten Schulter herumgelaufen. Wirklich absolut erstaunlich uns unvorstellbar.

Zu meiner noch viel grösseren Begeisterung darf ich die Kurznarkose durchführen, damit die Schulter wieder eingekugelt werden kann. Ein erstes Mal für mich, Schultern habe ich bisher immer nur selbst eingerenkt, die Narkose hat jemand anderes gemacht. Wir führen die Prozedur auf dem Notfall durch, und es fühlt sich an wie richtige echte Teamarbeit, als zwei chirurgische Assistenzärzte und ich uns gemeinsam unterstützen, um die Schulter wieder ins Gelenk zu bringen. Natürlich stehen hinter uns je eine Oberärztin der Chirurgie und der Anästhesie, aber während wir röntgen, verlassen beide den Raum und warten vor der Tür.

Die Geschichte dauert vielleicht knapp eine halbe Stunde, hat mir aber so viel Spass gemacht, wie schon lange nichts mehr. Narkosen ausserhalb des Operationssaals sind normalerweise einem Oberarzt zusammen mit einer Pflege vorbehalten, denn wenn etwas schief geht, braucht es erfahrene, gut ausgebildete Leute. Zudem habe ich im Aussendienst oft nicht die Zeit für solche Spässe. Ein echtes Wochenhighlight.

Die Patientin hat es übrigens gut überstanden. Die Schulter ist allerdings nach der geplanten Operation ein paar Wochen später wieder ausgekugelt – und das wird sie wohl noch öfters tun. Die Bänder sind ganz schön ausgeleiert nach einem Monat der Fehlstellung.

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4 Kommentare zu „Die ausgerenkte Schulter“

  1. Einmal ausgekugelt heißt in 95% Rezdidv weil Läsion des vorderen Labrums. So gesehen also nicht „leider“ (naja irgendwie auch) sondern vor allem „wie erwartet“. 😉
    Die Patientin muss nach erster Lux darüber aufgeklärt werden und ggf. im Anschluss operiert werden (Bankart).

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    1. Und selbst die wenigen Leute, die das vordere Labrum beim Erstereignis ganz gelassen haben, würden nach der Zeit mit Fehlstellung und entsprechenden Weichteilschäden zu Rezidiven neigen…

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    1. Ehrlich gesagt, genau weiss ich das auch nicht. Die Dame war betagt und hat wohl so diverse Baustellen. Sie kam auch im Rollstuhl, weil sie keine langen Strecken zu Fuss machen kann. Ich denke, am Anfang hat es wohl schon weh getan und sie hat den Arm geschont, aber mit der Zeit hat sich der Körper wohl daran ‚gewöhnt‘.

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