Von Fischen und Krokodilen

Als mir am Samstagmorgen ein Teenager auf Amphetaminen angekündigt wird, rutscht mir kurz das Herz in die Hose. Ich habe keine Möglichkeit, den angemessen zu betreuen. Ich kann keine Sitzwache in so kurzer Ziet organisieren, ich habe keine Überwachungsstation. Und davon mal abgesehen, habe weder ich noch sonst gross jemand hier Erfahrung mit Drogen, sowas haben wir einfach viel zu selten. Alkohol vielleicht mal. Aber Amphetamine? Können die den um Himmelswillen nicht woanders hin bringen?

Der Patient liegt auf der Trage, Oberkörper entkleidet. Er ist unruhig, trotz des Beruhigungsmittels, das er schon bekommen hat. Seine Händ fummeln und kratzen und kneifen. Seine Atmung ist schnell. Er zittert und klappert beim Sprechen mit den Zähnen. Shit. Shitshitshit. Was mach ich mit dem? Woran muss ich alles denken? Herz. Amphetamine können aufs Herz gehen. Oder?

Ich zwinge mich zur Ruhe und werfe einen Blick auf den Monitor. Blutdruck, Puls und Sauerstoff sind normal. Der Rettungssanitäter berichtet, der junge Mann habe nachts Speed eingeschmissen. Am frühen Moprgen sei ihm dann unwohl geworden, weshalb er erstmal einen Joint geraucht hat, um sich zu beruhigen. Das hat aber auch nichts gebracht. Sein Mitbewohner hat den Rettungsdienst gerufen. Der Patient selbst ist kooperativ und einigermassen freundlich, er stellt sich als Lukas vor.

Ich rufe kurz meinen Hintergrund an, um sicher zu gehen, dass ich nichts vergesse. Er empfiehlt mir, einfach mehr Beruhigungsmittel zu verabreichen und ihn Aktivkohle trinken zu lassen. Klingt gut. Nach ein paar Minuten ist der junge Mann ruhiger. Ich arbeite am PC im Raum an der Aufnahme, damit er möglichst schnell auf die Station kann. Alle meine Untersuchungszimmer sind besetzt, und wir haben keine Kapazität für intensive Betreuung. Plötzlich ruft Lukas: „Ist das ein blauer Ball da auf meiner Brust?“

Ich gehe hin. Da ist nur die nackte Brust, kein Ball. „Nein.“, antworte ich.

„Ich sehe da einen Ball“, schmollt Lukas.

„Siehst du noch mehr Dinge? Dinge, die nicht wirklich da sind?“

„Glaub schon. Warte, muss mich konzentrieren.“ Er verstummt unt starrt intensiv zur Decke. „Da sind Fische.“

„Hmh, und was machen die Fische?“

„Die machen… So!“ Er macht wilde Schüttelbewegungen mit den Händen. Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. „Und jetzt sind da Krokodile!“

„Nun, ich kann dir jedenfalls versprechen, dass dich hier bestimmt keine Krokodile aufessen werden.“

Lukas nickt bedächtig und starrt weiter an die Decke. Nun muss ich wirklich lachen. Er lacht mit mir. „Geiler Cocktail, den ich da habe.“, verkündet er.

„Gewöhn dich nicht dran“, empfehle ich.

Wenn du genügend oft Junkies oder Betrunkene gesehen hast, dann hast du oft nicht mehrt so viel Verständnis. Sie erbrechen überall hin, stinken, sind manchmal ausfällig – ich durfte auch schon einem fliegenden Schuh ausweichen. Ihm konnte ich aber einfach nicht böse sein. Er ist freundlich, ein bisschen enthemmt, aber trotzdem arbeitet er gut mit, lässt alles stoisch mit sich geschehen. Er versucht nicht, abzuhauen, wird nicht laut, und er erbricht nicht. Als ich ihm verkünde, dass er etwa bis am nächsten Morgen bleiben wird, widerspricht er nicht. Als der Rausch vorbei ist, versucht er nicht, sich heimlich zu verdrücken. Von dem her kann er von mir aus einschmeissen, was er will – solange sich jemand so benimmt, behandle ich ihn gern.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „Von Fischen und Krokodilen“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s