Oh, sh*t

Es ist 19:55Uhr, meine Schicht nähert sich rasant dem Ende entgegen. Es ist ruhig, keine Patienten auf dem Notfall. Die Nachtärztin ist schon da, wir plaudern ein bisschen, bevor es dann um 20:00Uhr für sie offiziell losgeht.

Das Diensttelefon klingelt. Dran ist die Sanitätsnotrufzentrale, die mich gerne mit dem Fahrer eines RTW verbinden möchte. Ich reiche das Telefon an die Nachtärztin weiter – egal was da kommt, das betrifft wohl eher sie als mich.

Dran ist ein leicht nervöser Rettungssanitäter, der zusammen mit einem Kollegen eine  Patienten in ein grösseres Spital fahren sollte. Sie kommen von der anderen Seite der Berge und sind durch einen Tunnel gefahren. Nach dem Tunnel musste der Patient aufs Klo, weshalb sie an einer Raststätte angehalten haben. Der Patient ging also auf Toilette, wo sie ihn Minuten später zusammengebrochen am Boden finden, aus dem Darm blutend. Der Blutdruck war tief, der Puls viel zu schnell, der Patient nicht mehr richtig ansprechbar. Wir sind das nächste Spital. Der Rettungsheli ist informiert, es wurde eine Übergabe bei uns bereits abgemacht.

Oh, shit.

Wir rufen den Hintergrundarzt und den Narkosepfleger zu Hilfe, fragen die Laborantin, wieviel Blut und Plasma sie in Reserve hat – das sind 4 Blutkonserven und 4 Plasmas, informiert sie uns – und tragen der Notfallpflege auf einen Raum vorzubereiten. Ich bleibe als extra Paar Hände.

Der RTW kommt an, wir empfangen ihn draussen und geleiten Sanitäter und Patienten ins Untersuchungszimmer. Einen richtigen „Schockraum“ haben wir nicht, das nötige Material steht jedoch bereit. Unser Hintergrundarzt platziert sich am Fussende des Patienten und gibt in ruhigem Ton Anweisungen. Ich versuche, mich durch die mitgebrachten Arztberichte zu kämpfen, um herauszufinden, welche Erkrankungen, Medikamente und Allergien der Patient hat. Viel Klarheit schaffen die Berichte nicht. Der Patient blutet offensichtlich öfters mal, bisher konnte keine Quelle im Darm gefunden werden, weshalb er nun ins grössere Spital zu einer hochspezialisierten Untersuchung kommt.

Der Patient ist nicht ansprechbar, der Blutdruck ist nicht messbar. Blut sickert langsam, aber stetig zwischen seinen Beinen auf eine durchweichte Unterlage. Er bekommt viel Flüssigkeit von uns und eine erste Blutkonserve. Die Laborantin taut das gefrorene Plasma für uns auf, welches wir dann auch noch verabreichen. Ich versuche, mit der völlig aufgelösten Ehefrau zu sprechen, scheitere aber an der Sprachbarriere: Ich verstehe ihren Dialekt nur sehr schlecht. Zuhilfe kommt die MTRA (die Röntgenfachfrau), die sich um die Dame kümmert.

Ein paar Minuten und Handlungen später messen wir wieder einen Blutdruck, der Puls ist fast im Normalbereich. Der Patient reagiert wieder auf Ansprache. 10 Minuten später ist der Heli da, der Patient wird verfrachtet, auch die Ehefrau darf mitfliegen. Dann ist der Spuk vorbei, und wir stehen alle zusammen draussen in der Kälte zum „Debriefing“, der Nachbesprechung

Die Rettungssanitäter sind sauer, wil sie auf eine sehr weite Reise (geplant waren 4 Stunden Fahrt) geschickt wurden mit einem Patienten, der offensichtlich doch nicht ganz so tiptop zuwege war, wie es ihnen im Spital gesagt wurde. Der leitende Arzt, der die Anweisungen gegeben hat, äussert sich ebenfalls zufrieden. Ich muss ein bisschen Spott über mich ergehen lassen, weil ich am Dialekt gescheitert bin. Wir plaudern ein bisschen, dann putzen die Sanis ihr Auto notdürftig und treten die Heimfahrt an.

Irgendwer putzt das Schlachtfeld im Untersuchungszimmer. Blut, leere Beutel, Tücher, Verpackungsmaterial von allen möglichen benötigten Dingen.

Ich gehe nach Hause, ein bisschen zufrieden, aber auch noch leicht mitgenommen und grübelnd.

Für meine Kollegin hat die Nacht gerade erst angefangen. Sie wird später noch einen Patienten mit einer Blutung haben, diesmal aber aus dem Magen, und wird auch sonst nicht viel zum Schlafen kommen.

 

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