Frohes Neues!

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch!

2018 war ein spannendes Jahr für mich.

59 Blogposts habe ich geschrieben, mit insgesamt 28’029 Worten! Damit könnte ich schon fast eine Doktorarbeit schreiben 😉

222 Kommentare habt ihr bei mir hinterlassen. Ich liebe eure Kommentare! Es ist immer wieder spannend, eure Sichtweise auf meine Dinge zu lesen, und freue mich jedesmal sehr, wenn ihr eure eigenen Erlebnisse mit mir teilt.

28’594 Besucher waren hier, und haben zusammen 89’797 Mal einen Beitrag gelesen!

Seit Beginn diesen Jahres werden manche meiner Posts auch auf DocCheck veröffentlicht. Die Reaktionen auf dieselben Posts hier und dort sind jeweils recht unterschiedlich, was wohl auch am sehr unterschiedlichen Publikum liegt.

Nichtsdestotrotz war das für mich ein grosser Schritt vorwärts. Bloggen war bisher für mich eine Art Ventil, ich habe das hauptsächlich für mich gemacht. Natürlich freute ich mich, wenn Beiträge bei euch gut ankommen, aber am Ende des Tages will ich mir einfach nur was von der Seele schreiben.

Dank DocCheck ist die Bloggerei jetzt eine Art kleines Zusatzeinkommen geworden. Für Texte bezahlt zu werden, ist nicht selbstverständlich. Es ist eine Ehre für mich, eine Art Auszeichnung, und ich bin stolz darauf (und dabei aber immer auch ein bisschen ungläubig).

Beruflich war 2018 eher ein Jahr der Tiefpunkte. Die interne Probleme im Spital, die schlechte Stimmung im Team, und schliesslich auch das Gefühl, nicht mehr vorwärtszukommen und auf der Stelle zu treten, haben bei mir Spuren hinterlassen.

Nun ist aber ein Ende in Sicht: Ich werde bald für eine Rotation auf die hauseigene Intensivstation wechseln, und kann dann wider viel Neues berichten. Das wird dann auch meiner Motivation wieder etwas auf die Sprünge helfen.

Ich möchte euch lieben Lesern herzlichst danken für eure Treue, eure Inputs, eure kritischen Fragen, eure Geschichten, eure Anmerkungen. Ohne euch wäre das hier eine schrecklich einsame, langweilige, witzlose Sache. Ich freue mich auf ein neues Jahr mit euch!

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Krebs ist scheisse

Es ist Mittwoch, ein ganz normaler Arbeitstag in einer ganz normalen Arbeitswoche. Als ich endlich aus dem OP komme, ist es schon 15 Uhr. Wir sind wieder einmal unterbesetzt (naja, das ist ja inzwischen eigentlich der Normalzustand), und da das OP-Programm voll war, wurde ich noch gebraucht. Nun muss ich die Patienten für den nächsten Tag anschauen gehen. Es sind deren 6, und ich habe Zeit bis zum Rapport um 16:15 Uhr.

Ich beginne mit dem Einfachsten: Ein 54jähriger Patient, Herr Russo, soll morgen einen Port-a-Cath bekommen. Das ist eine kleine Kapsel mit Schlauch, welche unter die Haut gepflanzt wird. Der Schlauch wird in eine grosse Vene eingebracht. Das Ganze nutzt man für Chemotherapien, denn da kann man einfach den Port anstechen und braucht nicht die armen Venen der Patienten zu plagen. Aus der Operation folgt somit die Diagnose: Herr Russo hat Krebs.

Die Durchsicht der Akte ergibt wenig. Er war vor zwei Monaten hier zur Entfernung eines Stücks krebsbefallenen Dickdarms, ist sonst gesund, nimmt keine Medikamente. Narkose wird er keine benötigen, das wird in örtlicher Betäubung, aber mit Anästhesiebegleitung gemacht, falls man doch mal ein Schmerzmittel oder so geben muss. Darum wird auch die Aufklärung kurz ausfallen, da ich ihn nicht gross über Narkosekomplikationen aufklären muss.

Ich stelle erst mal meine Fragen nach Grösse und Gewicht, und gehe dann mit ihm durch, was ich in der Akte über ihn gelesen habe. Medikamente nimmt er tatsächlich keine, er hat aber regelmässig Chemo.

Gegen Ende des Gesprächs kommen wir noch einmal auf den morgigen Tag zurück, und darauf, dass er kein Frühstück essen darf, weil er nüchtern sein muss.

Herr Rossi hält einen Moment inne und schaut mich an. Er ringt sichtlich nach Worten. Ich lasse die Sekunden verstreichen und warte, bis er von sich aus weiterspricht. „Wissen Sie, bis vor zwei Monaten dachte ich, ich sei gesund“, platzt es aus ihm heraus. „Ich bin am Morgen aufgewacht, und alles war okay. Dann war ich bei der Hausärztin, nur zur Routine, und die meinte, eine Darmspiegelung wäre mal gut.“

Ich nicke. Das habe ich in der Akte gelesen – Routinedarmspiegelung wie man sie ab 50 eben so empfiehlt, es bestand aber kein Verdacht, nichts.

„Da bin ich also hin, und ich habe nichts geahnt. Nichts. Mir ging es doch gut! Ich hatte keine Probleme mit irgendwas. Alles in Ordnung. Als ich wieder aufwache, steht der Arzt vor mir und sagt: Herr Rossi, das sieht nicht gut aus.“

Sein Tonfall ist ruhig, und er schaut mir direkt in die Augen, während er spricht. Es fällt mir schwer, ihm Gefühle zuzuordnen, auf die ich passend reagieren könnte. Angst und Trauer zeigt er nicht. Frustration vielleicht, oder Wut?

Ein Teil von mir hasst solche Gespräche. Ich habe immer das Gefühl, dafür nicht ausreichend ausgebildet zu sein. Wie soll ich mit einem Patienten über eine schwere Krankheit reden? Was sagt man da? Was sagt man nicht? Ich fühle mich hilflos und überfordert.

Dann muss ich mich immer kurz selbst an der Nase nehmen. Niemand verlangt von mir, ein tiefgründiges Gespräch zu führen. Zuhören reicht. Einfach nur zuhören und Verständnis zeigen. Das kann doch nicht so schwer sein.

„Dann hatte ich die Operation. Und man hat gedacht, wenn man einfach den Darm rausschneidet, dann ist alles gut. Aber dann haben sie einen befallenen Lymphknoten gefunden. Und jetzt hab ich Chemo. Und dann schauen wir weiter.“

Ich schaue ihn an und nicke. „Eins nach dem Anderen. Ein guter Plan.“

„Das muss ich so machen. Als ich die Diagnose bekommen habe, da hat es bestimmt 2 Wochen gedauert, bis ich das realisieren konnte. Ich dachte immer, da ist doch bestimmt ein Fehler passiert. Ich kann nicht Krebs haben. Ich bin kein Krebspatient. Das kann ich gar nicht sein, dafür geht es mir zu gut.“

Ich nicke erneut. „Das ist bestimmt eine grosse Belastung.“ Einer meiner Standardsätze, wenn ich nicht mehr weiss, was ich sagen soll, aber der kommt meist noch gut an. Irgendwo im Hinterkopf drängt eine Stimme, dass ich noch fünf weitere Patienten sehen muss. Ich widerstehe dem Drang, auf die Uhr zu schauen. Für dieses Gespräch will ich Zeit haben, mit den Konsequenzen werde ich nachher schon irgendwie zurechtkommen.

Herr Rossi presst die Lippen zusammen. „Ja schon… Und jetzt kommt noch eine Narbe dazu. Ist das eine grosse Narbe?“

Ich spreize die Finger auf etwa 10 cm. „So vielleicht?“

„Ich will gar keine Narben mehr. Ich hab schon fünf von der letzten OP. Mein schöner Körper!“ Er lacht verschmitzt, und wird gleich wieder ernst. „Aber ich hab ja keine Wahl.“

Das Gefühl hab ich schon tausendmal in Patienten gesehen, es ist eines, das ich gut verstehen kann. „Das ist gemein, oder? Man hat sozusagen keine Wahl. Man verliert die Autonomie.“

Herr Rossi zuckt mit den Schultern. „Na, ich hab schon eine Wahl, aber die Alternative ist Tod, und das ist ja auch blöd. Aber ich hab gesagt, ich mach jetzt das halbe Jahr Chemo, und wenn’s dann nicht gut ist, dann ist es halt so. Dann will ich lieber sterben. Ich kann nicht jeden Morgen aufwachen und ein Krebspatient sein. Das ist nicht mein Leben. Das will ich nicht.“

Das Gespräch setzt sich noch eine Weile fort. Irgendwann ist er still, und wir schweigen beide eine Weile. Das ist für mich der Moment, um hier abzubrechen, denn ich muss ja wirklich irgendwann weiter. Er unterschreibt mein Formular, und ich verabschiede mich.

Danach ist meine Laune im Keller. Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, das Gespräch, das mich sehr berührt hat, zu verarbeiten, irgendwie einzuordnen. Aber die nächsten Patienten warten schon auf mich, wie auch meine Vorgesetzten, die mich pünktlich zum Rapport erwarten. So ist es ja immer, wenn man hier irgendwas erlebt, das einem nahe geht: Jetzt musst du funktionierten, Gefühle weit von dir wegschieben, dich abschotten.  Verarbeiten kannst du es ja dann zuhause oder so.

Und dann wundern sich die Leute, warum Spitalpersonal manchmal so abgestumpft wirkt.

Adieu Mythos: Sedierung und Narkose

Heute möchte ich mit einem Irrtum aufräumen, dem ich tagtäglich in der Sprechstunde begegne.

Wenn ich Patienten für eine Narkose aufkläre, frage ich immer: „Hatten Sie schon einmal eine Vollnarkose?“

Viele Patienten antworten darauf: „Ja, für die Magen-/Darmspiegelung!“

Das ist allerdings nicht das Gleiche, und ich möchte hier den Unterschied darlegen.

Eine Magen- oder Darmspiegelung ist ja keine sehr angenehme Vorstellung. Um es ein wenig angenehmer zu machen, bekommen Patienten dafür tatsächlich dasselbe Schlafmittel, wie wir es für eine Vollnarkose verabreichen: Propofol.

Das sieht dann so aus: Die Patientin erhält einen Venenzugang. Ein Clip am Finger misst die Sauerstoffsättigung im Blut, und alle 5-10 Minuten misst automatisch ein Gerät den Blutdruck. Dann erhält die Patientin ein wenig Propofol. Genug, damit sie wegdöst. Nun kann der Spezialist die Untersuchung durchführen. Alle paar Minuten, oder wenn die Patientin sich zu fest bewegt, wird wieder ein bisschen nachgespritzt.

Wichtig: Patienten atmen dabei selber. Ihr Blutdruck und ihre Sauerstoffsättigung werden überwacht. Es ist nur ein leichter Schlaf, der Patient ist weckbar und reagiert auf Schmerz- und andere Reize.

Man nennt das eine „Sedierung“. Wir wenden sie auch im OP an, zum Beispiel zusätzlich zu einer Teilnarkose oder örtlichen Betäubung, falls nötig.

Bei einer Vollnarkose geben wir meist auch Propofol, aber in viel grösseren Mengen. Dazu brauchen wir auch mehr Überwachung: Blutdruck alle 2-5 Minuten, Sauerstoffsättigung und EKG sind Standard, je nachdem kommen weitere Dinge (zum Beispiel eine Art Hirnstrommessung, eine Messungdes Blutdrucks in der Arterie und so weiter), je nach Grösse der Operation und natürlich nach Gesundheitszustand der Patienten.

Da Propofol aber nur den Schlaf ermöglicht, braucht es für eine Narkose noch andere Medikamente, zum Beispiel ein Schmerzmittel, in der Regel ein Opiat (zum Beispiel Fentanyl oder Remifentanil). Oder je nachdem auch ein Medikament, das die Muskeln lähmt.

Bei der hohen Menge an Propofol setzt die Atmung aus und muss von der Maschine übernommen werden. Dazu legt man einen Schlauch direkt in die Luftröhre (Tubus, Intubation) oder eine Art weiches Luftkissen über den Kehlkopf (Larynxmaske). Für beide Methoden gibt es jeweils Gründe dafür oder dagegen, und der Anästhesist oder die Anästhesistin entscheidet, welche Methode für den Patienten die richtige ist.

Sobald die Atmung aufgehört hat, wird der Patient über eine Sauerstoffmaske erstmal mit dem Beutel beatmet. Wenn das gut geht, wird der Tubus oder die Larynxmaske eingelegt und mit der Beatmungsmaschine verbunden. Die Maschine wird dann von Anästhesiepersonal, ob nun Arzt oder Pflege, so eingestellt, dass die Beatmung richtig für die jeweiligen Patienten ist. Das Propofol läuft daraufhin aus einer Spritzenpumpe kontinuierlich in den Patienten. Alternativ kann man nach der Intubation auch Narkosegas verabreichen.

Ist die Operation fertig, werden die Medikamente abgestellt, und man wartet, bis der Patient wieder von alleine atmet. Wenn er wach genug ist – er kann auf Aufforderung die Augen öffnen oder die Hand drücken, kann schlucken und atmet selbständig – zieht man den Tubus oder die Larynxmaske wieder raus.

Also die wichtigsten Punkte: Patienten atmen nicht selber, sondern werden künstlich beatmet. Es braucht viel mehr Überwachung, und es ist ein sehr tiefer Schlaf, bei dem der Körper auf Schmerzreize nicht mehr reagiert und nicht weckbar ist.

Die Sedierung ist also sozusagen der kleine Bruder der Narkose. Das ist für uns bei weitem nicht dasselbe, weil bei einer Narkose viel mehr Medikamente eingesetzt werden und eine bessere Überwachung nötig ist, und weil der sehr tiefe Schlaf auch einige zusätzliche Risiken birgt.

So, wieder mal was gelernt 🙂

There is a fracture. I need to fix it.

Ein Klischee besagt, dass Chirurgen immer nur gerade den Körperteil des Patienten sehen, den sie behandeln wollen. Grundsätzlich gilt wohl: Je mehr man sich in einem Fach vertieft (und das gilt für alle Spezialisten, nicht nur Chirurgen), desto mehr verlernt man alles andere, desto weniger ist der Blick für Anderes geschärft.

Eines Dienstags gehe ich durch das geplante Programm der Woche, als mir ein Name ins Auge sticht – Herr Frühling ist für die Entfernung eines kleinen Metallplättchens am Fuss geplant, welches er zuvor zur Korrektur eines Knochenbruchs erhalten hatte. Den Namen habe ich doch schon mal gelesen, oder? So viele Herr Frühlings kann es doch gar nicht geben, oder?

Tatsächlich, ein Herr Frühling liegt auch bei uns auf der Intensivstation. Gleicher Vorname, gleiches Geburtsdatum, gleiche Akte. Ganz klar der gleiche Patient.

Auf der IPS ist er wegen Leberversagen. Der wird wohl bis übermorgen kaum fit genug sein für eine Metallentfernung, die man gut auch ein paar Tage oder Wochen verschieben kann. Ich beschliesse, die Sache in die Hand zu nehmen, und rufe die Ärztin auf der IPS an.

„Ach ja, deswegen wollte ich dich noch anrufen! Den könnt ihr gleich ganz vom OP-Programm nehmen. Sieht schlecht aus im Moment, und falls er das überlebt, ist er noch eine Weile nicht fit genug dafür“, bescheidet sie mir.

Ich leite diese Information an die OP-Planer weiter, und die Operation wird abgesagt.

Damit sich nun niemand wundert, wie ich, eine kleine Assistenzärztin, es wagen konnte, in die göttliche Planung der Chirurgie einzugreifen (insbesondere, da die Planer einen Vermerk in die Akte setzten mit „OP abgesagt, weil Frau Gramsel es gesagt hat“ – herzlichen Dank übrigens, als ob ich das entscheiden würde), habe ich an unserem Nachmittagsrapport davon berichtet.

„Herr Frühling, sagst du?“, ruft mein Kollege ungläubig aus. „Den kenne ich!“

Herr Frühling war nämlich am letzten Freitag – also vor vier Tagen – in der chirurgischen Sprechstunde. Dort wurde die Metallentfernung besprochen und der Patient direkt in unsere Sprechstunde geschickt, damit wir ihn gleich für die Narkose aufklären können.

Der Chirurg hatte Herrn Frühling angemeldet mit „Da kommt noch einer für eine Metallentfernung. Ist was ganz Kurzes. Geht in Teilnarkose. Ach ja, und er ist ein bisschen gelb. Danke!“ Mein Kollege fragte nicht nach. Er kannte den Patienten noch vom letzten Mal, und wusste, was er erwarten konnte – glaubte er zumindest.

Als der Patient zu meinem Kollegen in die Sprechstunde kam, bekam dieser erst mal einen Schreck. Der Patient kullerte im Rollstuhl ins Sprechzimmer mit knallgelben Augen und gelblich-bräunlicher Haut.

„Herr Frühling, letztes Mal sassen Sie doch noch nicht im Rollstuhl, oder irre ich mich?“

„Nein, nein… Aber wissen Sie, ich bin so erschöpft seit ein paar Tagen, ich mag kaum noch gehen.“

„Und seit wann sind Sie so gelb?“

„Seit zwei Wochen, hat plötzlich angefangen.“

„Waren Sie deswegen beim Arzt?“

„Nein, so schlimm ist das ja jetzt auch nicht, bisschen gelb…“

Mein Kollege hat die Aufklärung für die Teilnarkose gemacht und den Patienten daraufhin direkt auf den Notfall geschickt – er ging allerdings erst am Montag zum Hausarzt. Ist ja nun wirklich nicht so schlimm, ein bisschen gelb seit zwei Wochen. Aufgrund der hohen Leberwerte schickte der Hausarzt den Patienten direkt mit Ambulanz ins Spital. Er kam auf die medizinische Station, verschlechterte sich dann allerdings über Nacht und musste auf die IPS.

Die Geschichte löste bei uns Entsetzen aus. Im Sprechstundenbericht des chirurgischen Kollegen wurde die Gelbsucht mit keinem Wort erwähnt. Es wurde nur der Fuss beschrieben, mehr nicht. Es kam ihm auch nicht in den Sinn, diesbezüglich nachzufragen, obwohl es ihm aufgefallen ist. Schliesslich hat er es ja dann meinem Kollegen gegenüber noch extra erwähnt.

Es ist, gelinde gesagt, schade, wenn man vor lauter kaputten Ästen den Waldbrand nicht sieht.

(Übrigens: Es gibt einen in Medizinerkreisen bekannten kleinen englischen Youtube-Film, der dieses Klischee auf die Spitze treibt, und da kommt auch der Titel des Posts her: Ein Traumatologe (Unfallchirurg) kommt zur Anästhesistin und sagt: „There is a fracture. I need to fix it.“ Nach einigen Nachfragen kommt heraus: Der Patient ist tot.)

Wenn die Scheibe dreimal klingelt

Kürzlich war ich in einem italienischen Restaurant mit Selbstbedienung. Ich hab dort eine Pizza bestellt und bekam eine kleine Scheibe in die Hand gedrückt. Als meine Pizza fertig war, vibrierte und leuchtete das Gerät, und ich konnte die Pizza abholen.

So weit nichts Neues, oder? Falsch, denn da hatte ich DEN Geistesblitz des Jahrhunderts.

Ein grosses Problem in meinem Alltag sind Patienten, die einfach nicht da sind, wenn man sie braucht. Meist sind es die Raucher, die mehr Zeit draussen als im Bett verbringen, aber auch Patienten, die viel Besuch bekommen und sich dann gerne in der Cafeteria aufhalten.

Wenn ich nun einen Patienten besuche, den ich für den nächsten Tag für eine Narkose aufklären muss, und der ist nicht da, dann ist das ein Problem. Denn ich habe ja nicht nur einen Patienten anzuschauen, sondern mehrere, und ich habe einfach nicht die Zeit, zu warten. Ausserdem muss ich bis zum Rapport alle Patienten gesehen haben. Das ist dann schwierig. Häufig sind sie auch per Handy nicht erreichbar, weil sie ihre Nummer nicht im System haben oder wegen des absolut miserablen Empfangs in der Klinik.

Natürlich kann und will ich nicht erwarten, dass Patienten den ganzen Tag nur rumliegen und auf mich warten. Aber ich kann eben auch nicht warten – ich muss arbeiten.

Da wäre doch die Scheibe die perfekte Lösung, oder nicht? Patienten bekommen die mit, wenn sie sich von der Station entfernen. Wenn Patienten im Zimmer gebraucht wird, vibriert die Scheibe, sie kommen zurück und sind für mich verfügbar. Na? Na?

Die Patienten-Ruf-Scheibe, auch PARS genannt. Ich melde gleich mal Patent an.

 

Oh Sh*t

Die Narkoseeinleitung der jungen, gesunden Patientin verlief absolut problemlos. Mein einziger Wermutstropfen: Die Infusion.

Auf der Anästhesie legen wir die Infusion generell am Handrücken. Wenn es dort nicht klappt, gehen wir weiter den Arm hinauf. Wir machen dies aus gutem Grund: Man stelle sich vor, wir stechen zuerst am Oberarm. Das klappt nicht. Am Unterarm klappt es dann aber gut, also laufen die ganzen Medikamente in die Vene im Unterarm. Die Vene am Oberarm hat aber ein Loch drin von unserem Fehlversuch, und im dümmsten Fall könnten da Medikamente aus der Vene ins umliegende Gewebe austreten und Schäden verursachen.

Die Patientin kam aber bereits mit einem Zugang, den die Pflege auf der Station gelegt hat – in der Ellenbeuge. Den Ort mögen wir überhaupt nicht, und heute werde ich herausfinden, warum.

Es ist Zeit, in den Operationssaal zu fahren. Ich löse alle Schläuche der Beatmungsmaschine. Ein Lagerungspfleger macht die letzten Vorbereitungen, damit die Patientin auch in der richtigen Position für die Operation liegt, und zieht dann den Operationstisch mit der schlafenden Patientin durch die Verbindungstüre von der Vorbereitung in den Operationssaal. Ich schiebe Beatmungsmaschine und Infusionsständer hinterher. Vorsichtig, koordiniert, wie immer.

Im Saal muss ich erst die Maschine wieder anschliessen. Die Kabel für Strom, Sauerstoff, Luft und Vakuum müssen in die jeweiligen Stecker, alle Geräte müssen am richtigen Ort stehen, den Wagen mit den Medikamenten muss ich auch noch aus dem Vorbereitungsraum holen. Das ist immer viel zu tun für einen alleine.

Mittendrin unterbricht mich der Perfusor, die kleine Maschine, welche die Schlafmittelspritzen automatisch bedient. Der Perfusor piepst. Ein Blick darauf verrät „Okklusion“, also irgend ein Verschluss im System. Gleichzeitig piepst die Beatmungsmaschine und meldet mir, dass etwas mit der Beatmung nicht stimmt. Weil die Atemfrequenz unter den von mir bestimmten Minimalwert fällt, piepst auch noch der Überwachungsmonitor. Das ist eine Menge Piepserei gleichzeitig.

Oh Shit.

Was ist das Problem? Systematisch analysiere ich im Kopf die Situation. Die Patientin hustet und lässt sich nicht mehr so gut beatmen. Das bedeutet in aller Regel, dass die Narkose nicht tief genug ist. Die Patientin schläft zwar, ihr Bewusstsein ist ausgeschaltet, aber ihr Körper stört sich an den Reizen. Dem Schlauch im Mund, der Beatmung, dem kalten Desinfektionsmittel, das die Chirurgin gerade aufträgt.

Ich vertiefe also die Narkose, stelle die Medikamente etwas höher. Nun piepst aber der Perfusor wieder, der nach wie vor eine Okklusion bemängelt. Aber warum? Die Hähne sind offen. Die Schläuche sind dran. Der Zugang…

Der Zugang.

Der Lagerungspfleger hat für die Saaleinfahrt den Arm der Patientin angewinkelt. Normalerweise kein Problem, aber hier liegt der Zugang im Ellbogen und wird wohl deshalb abgedrückt. Das ist mir nicht aufgefallen, weil der Arm unter den warmen grünen Tüchern versteckt ist, damit die Patientin nicht auskühlt, und ich habe nicht auf den Pfleger geachtet und nicht kontrolliert, ob alles in Ordnung ist.

Ich strecke den Arm und sehe, wie die Medikamente wieder laufen. Doch es ist zu spät: Die Patientin hatte zu lange keine Schmerzmittel und wacht langsam auf. Sie hebt vorsichtig den Kopf und versucht, umherzuschauen, aber ihre Augen sind mit Schutzklebern zugeklebt.

Ich weiss, dass sie bald wieder einschlafen wird, denn die Medikamente fliessen wieder in ihren Arm. Ich nehme die Kleber über den Augen weg.

„Wir sind im Operationssaal, die Operation hat noch nicht begonnen. Es ist alles gut, Sie dürfen noch ein wenig weiterschlafen“, beruhige ich sie. Sie ist noch im Halbschlaf, hört mich, kann mich aber nicht direkt anschauen oder mir antworten. Meine Stimme  beruhigt sie, sie legt sich wieder hin und schliesst die Augen. Sekunden später ist sie wieder im Tiefschlaf.

Ich habe einen gehörigen Schrecken bekommen.

Passiert ist prinzipiell nichts Schlimmes. Die Patientin hatte keine Schmerzen, denn wir haben noch nichts gemacht. Das funktioniert eigentlich genau gleich, wie wenn sie nachher geplant aus der Narkose aufwacht: Wir stellen die Medikamente ab und warten, bis die Patientin wach ist und selber atmet, dann nehmen wir den Schlauch aus dem Mund und bringen sie auf die Überwachungsstation.

Die Patientin wird keinen Schaden davontragen. Das ist nicht wie diese gefürchtete Situation, wo man während der Operation wach wird, aber sich nicht bewegen kann, dieses sanfte Aufwachen wird ihr keinen Schrecken einjagen. Höchstens die zugeklebten Augen könnten sie irritiert haben. Wahrscheinlich ist aber, dass sie sich an nichts erinnern wird.

Der Rest der Operation verläuft komplett unauffällig, die Patientin wacht nach der Operation genauso sanft wieder auf. Auf meine Frage, ob sie gut geschlafen habe, grinst sie und antwortet mit einem langgezogenen, zufriedenen „jaaaaaaaa“.

Ich besuche sie auch später auf Abteilung nochmal. Tatsächlich kann sie sich an nichts erinnern. Die Medikamente, welche sie vor und während der Operation erhalten hat, löschen auch Erinnerungen (Achtung: nicht aber negative Gefühle oder Träume) aus.

Am Abendrapport lege ich vor versammelter Mannschaft die Ereignisse dar, und wir diskutieren gemeinsam, wie man eine solche Situation in Zukunft verhindern könnte. Ich werde die Patientin auch morgen noch einmal besuchen, um zu sehen, ob es ihr gut geht. Und bei Venenzugängen im Ellbogen werde ich ab sofort immer ganz genau aufpassen – oder einen neuen Zugang an strategisch besserer Stelle legen, sobald die Patientin schläft, damit mir so etwas nicht noch einmal passieren kann.

Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.