Die Anästhesie ist immer schuld

Die Anästhesie ist immer schuld. Soviel ist klar. Egal was schief geht, es war immer, immer die Anästhesie.

Das gilt nicht nur für die Chirurgen, deren Lieblingssündenbock wir oder wahlweise auch die Operationsassistenz sind, sondern auch für Patienten: Wenn nach der OP etwas nicht gut ist, war’s immer die Narkose.

So zum Beispiel bei Frau Brugger, 72jährig, die bei mir in der Sprechstunde sitzt für eine Augenoperation. Auf die Frage, ob sie Vollnarkosen bisher gut vertragen habe, seufzt sie theatralisch und schüttelt den Kopf.

„Also“, ereifert sie sich, „ich hatte ja eine vor drei Jahren. Das war ganz schrecklich, sage ich Ihnen! Ganz schrecklich! Die habe ich überhaupt nicht vertragen! Da haben die mir viiiiiielzuviele Medikamente gegeben! Ich war nachher noch drei, vier Tage lang richtig erschöpft!“

Ich sehe über die Akten: Die Operation war eine 12stündige Rückenoperation.

Grosse Operationen sind eine enorme Anstrengung für den Körper, und je älter man wird, desto anstrengender wird es für ihn, und desto mehr Zeit braucht er, um sich zu erholen. Daran ist aber nicht die Narkose schuld, sondern der Eingriff. Klar spielt die Narkose, beziehungsweise die Medikamente, auch eine Rolle, aber sie ist nur ein Teil des Puzzles. Das scheint manchmal nicht ganz so einfach zu verstehen sein.

Auch Herr Willi, 34jährig, schildert mir Ähnliches. Er hatte vor einem Jahr eine Operation am Schlüsselbein, welches er sich bei einem grässlichen Mountainbike-Sturz gebrochen hatte. Danach, so beschreibt er es mir, sei es ihm gar nicht gut gegangen. Er habe wochenlang Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen gehabt, ausserdem habe sein Kurzzeitgedächtnis gelitten. Er habe sich manchmal schon mittags nicht mehr erinnern können, was er zum Frühstück hatte. Fernsehen und am Computer arbeiten sei sehr mühsam gewesen. Eigentlich wolle er nie wieder eine Vollnarkose. Die sei des Teufels.

Auch hier hilft mir die Diagnoseliste weiter: Herr Willi hat sich beim Sturz ein „mittelschweres Schädelhirntrauma“ zugezogen, eine böse Gehirnerschütterung. Symptome einer Gehirnerschütterung: unter anderem Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Störungen des Kurzzeitgedächtnisses. Und auf visuelle Stimulation, sprich Fernsehen, lesen, Computer, sollte man danach eine gewisse Zeit verzichten, um das Hirn heilen zu lassen.

Frau Graber, 58jährig, hat auch grosse Angst vor Narkosen. Denn ihr Nachbar ist vor ein paar Jahren an einer gestorben, als er eine Notfalloperation am offenen Herzen hatte. Auch hier möchte ich ein „ja, aber..“ einwerfen, denn dass Operationen selbst mit ihren Risiken kommen – aus irgendeinem Grund muss man ja notfallmässig am Herzen operieren, der kam ja nicht gesund und hüpfend in den OP – ist für mich logisch, für Patienten aber natürlich nicht. Woher sollen sie das auch wissen?

Solche Geschichten erlebe ich oft, und sie stammen vor allem vom Unwissen her. Laien können sich unter Narkosen nicht viel vorstellen. Narkosen sind gruselig. Und jeder hat schonmal eine Geschichte gehört von irgendjemandem, der nach einer Narkose Probleme hatte. Sei es aus dem direkten Umfeld, aus irgendeiner Arztserie oder einem Hollywoodfilm… Narkosen haben einfach einen schlechten Ruf.

Operationen hingegen scheinen eher einen guten Ruf zu geniessen. Unters Messer legt man sich schon auch mal bereitwillig. Chirurgen werden glorifiziert – nicht immer  komplett zu unrecht, muss ich sagen, als jemand, der zwei  linke Hände hat und ein Skalpell hält, als wäre ich ein Kind mit seinen ersten Farbmalstiften.

Es macht mir denn auch nocht viel aus, im OP an allem Schuld zu sein. Raum ist zu warm. Tisch ist zu tief. Licht ist zu hell. Patient blutet zu fest. Patient atmet zu fest. Patient in Teilnarkose ist zu wach. Daran habe ich mich schnell gewöhnen müssen, und es ist mir inzwischen wirklich recht Wurscht.

Aber an allem will ich nicht Schuld sein. Für alles möchte ich nicht die Verantwortung übernehmen. Narkosen sind nicht so schlecht, wie ihr Ruf, und ich finde es natürlich unheimlich schade, dass das Fachgebiet, dem ich mich verschrieben habe, das meine Leidenschaft ist, so schlecht wegkommt.

Nicht nur sind die Medikamente, die wir benutzen, sehr gut erforscht .Wir haben auch zahlreiche (und immer mal wieder neue) Möglichkeiten, Schlaf und Vitalfunktionen zu überprüfen und tun das auch akribisch. Wir müssen eine Menge Medikamente lernen, die Funktionsweise des Körpers (auch Physiologie genannt), Anatomie, und daneben kommt noch Wissen aus anderen Fächern dazu, wie Innere Medizin, Radiologie, Chirurgie und so weiter, damit wir unsere Patienten bestmöglich versorgen können. Aber manchmal habe ich das Gefühl, Patienten denken, wir spritzen ihnen irgendwas, das grade rumliegt, und verziehen uns dann, um Kaffee zu trinken.

Vielleicht ändert sich das irgendwann mal, wer weiss. Bis dahin kann ich nur weiterhin geduldig den Patienten Verständnis entgegenbringen, erklären und versuchen, ihnen die Angst zu nehmen.

Das ist ja auch ein schöner Teil meines Jobs.

9 Kommentare zu „Die Anästhesie ist immer schuld“

  1. Ich war im Gegenteil bisher immer froh über jede OP, die in Vollnarkose gemacht wurde, habe sie teils sogar explizit gewünscht. Natürlich ist mir bekannt, daß es dabei Risiken gibt, aber als Jugendliche hatte ich so viel Probleme mit eingewachsenen Zehennägeln und nicht richtig funktionierender lokaler Betäubung dabei (hatte mindestens einmal wg dadurch bedingter starkter Entzündung im Zeh nicht richtig gewirkt) und zu plastischen Schilderungen, was die Ärztin grad tut (gut gemeint, wollt mir halt erklären, was grad passiert, für mich aber Horror pur) – so daß ich vor OPs weitaus mehr Angst hatte als vor Narkosen. Dann lieber ganz weg sein und gar nix mitkriegen.
    Mittlerweile weiß ich, daß es da auch andere Wege gibt zwischen Lokalbetäubung und alles mitbekommen und Vollnarkose – u.a. dank dieses Blogs! – aber aufgrund dieser Erfahrungen habe ich bei einigen OPs nach diesen Zehengeschichten ausdrücklich auf Vollnarkose bestanden, und damit auch jedes Mal gute Erfahrungen gemacht.

    Von daher: ich mag gute Anästhesisten!

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  2. Hallo,

    ich oute mich: Ich schaue Krankenhausserien. Momentan eine deutsche, die so dermaßen an der Realität vorbei ist, dass es wirklich lächerlich ist (das Facharztprinzip ist da irgendwie unbekannt). Und da werden Anästhesisten entweder als „spritzt kurz was“-Arzt dargestellt oder sie operieren gleich selbst. Und das prägt die Leute, die dann vor dir sitzen (CSI-Effekt). D.h, sie haben völlig falsche Vorstellungen, dann hüpfen sie nicht, wie die Schauspieler, vollkommen gesundet vom OP-Tisch und schon ist die Narkose an allem schuld (weil sie auch noch Horrorgeschichten vom Nachbar der Freundin des Cousins dritten Grades kennen).
    Mein Umfeld ist ähnlich: Da sind Anästhesien schuld am Gedächtnisverlust, egal ob Teil- oder Vollnarkose. Egal, ob PDA bei der Entbindung oder Betäubungsspritze beim Zahnarzt.

    Ich mag Anästhesien. Die Entbindung war dadurch erträglich und ich gehe angstfrei zum Zahnarzt. Klar, die Aufklärung vorher muss sein und diese „eventuell kann xy passieren“-Sprüche sind nicht schön zu hören, aber ein gewisses Risiko ist dabei (mich hat fasziniert, wie schnell Anästhesisten einen von der PDA in Vollnarkose legen können). Und nachzufragen, wie die geplante Anästhesie ablaufen soll, schadet weder Patient noch Arzt.
    Ich erwähnte bereits an anderer Stelle, dass Reden, Fragen stellen usw. hilft.

    Viele Grüße
    nudelchen

    Viele Grüße

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    1. Du bist hier in guter Gesellschaft: Ich liiiiiiebe Krankenhausserien! Allerdings mehr so die dramatischen amerikanischen.

      In Grey’s ist der erste Anästhesist, der vorkommt, ein Alkoholiker, der während der Narkose einschläft.

      In „The Resident“ schaut der Anästhesist den Chirurgen total entgeistert an, als der Patient instabil wird, und der Chirurg muss ihm Anweisungen geben (gib einen Liter Flüssigkeit im Schuss, als ob der nicht von selbst drauf kommen würde).

      Ich geb dir absolut recht, Medien verzerren das Bild total. Ärgert mich auch immer und immer wieder.

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      1. Ich sehe, wir verstehen uns. Bei IaF-DjÄ operiert der Gynäkologe Hirn, Herz und Knochenbrüche. Manchmal hilft er auch Kindern auf die Welt, das aber eher selten.
        Aber ich guck den Schauspielern so gern bei der Arbeit zu, egal wie hanebüchen die Situation ist.
        Das war schon bei Emergency Room so (hab nach jedem Kapitel der Staatsexamensarbeit mich mit ein paar Folgen belohnt).

        Aber du und ich wissen, dass das Fiktion ist. Das sehen aber nicht alle Patienten so.
        (Hattest du nicht in einem früheren Blogpost geschrieben, dass du deine Patienten NICHT während der OP streichelst? Weil, das sieht man ja immer in den Serien.)

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  3. Umgekehrt ist teils auch der Chirurg an allem Schuld

    – „nach der OP tat das so weh, der Chirurg hats versaut“
    nein, eine OP ist eine Verletzung von Gewebe, das tut immer weh
    „Die Narbe ist scheusslich, das ist ein Kunstfehler vom Operateur“
    nein, Narben und Wundheilung sind sehr abhängig vom Patienten, der Stelle der OP, der Nachbehandlung und und und..
    – „wie, ich bin nach dem Magenbypass garnicht schlank vom OP Tisch gehüpft?! Die haben gepfuscht!!“
    Nein, gewisse Operationen benötigen ihre Zeut bis sie „wirken“ – egal ob Magenbypass (das Körpergewicht muss vom Körper ja erst abgebaut werden) oder die Verschraunung eines Knochenbruchs (der Knochem braucht trotzdem 4-8 Wochen bis er verheilt ist)

    Und natürlich mein Liebling: „niemand hat mir erklärt, was bei der OP gemacht wird!“ Doch, sogar in manchen Fällen hab ich selber aufgeklärt mit Zeichnungen und viel Geduld.

    Aber das sind meist die Patienten Exemplare, die noch weniger Ahnung haben, als die, die alles auf die Narkose schieben. „Sind sie nun der Narkose Arzt? Ah, dann kommt nochmal ein richtiger Arzt! Und der Chirurge kommt nich“ doch, ich nin da. Als ChirurgIN. Aber ich schicke gerne noch den Studenten oder den Herrn von der Putzequipe.

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  4. So, dann mal ne Story der Marke unspektakulär:
    Vorgespräch: „Bei der letzten Aktion hab ich mich hinterher dämlich geko……“
    „Na, dann werden wir das diesmal vermeiden!“
    Licht aus, Licht wieder an, bissel neblig im Hirn, aber sonst alles paletti.
    Hupfen war nicht, aber das war mir vorher klar.
    Meine Bettnachbarin sprach ständig davon, das sie die Narkose nicht vertragen hätte….ihr würde es so schlecht gehen. Aber wie du schon sagst, kann ja auch an der Krankheit an sich liegen. Oder an fehlender Vernunft. Soll man sich ja vielleicht mal an das halten, was vorgegeben ist.

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  5. Also ich hatte bis jetzt 4x gute Erfahrung gemacht mit dem Anästhesisten.
    Nur einmal waren die nicht von mir begeistert, habe extrem laut gebrüllt. Wurde in allen 10 OP Sälen hinter verschlossenen Türen gehört.
    War 3 Tage heißer und die Halsschmerzen waren übel.
    Das war bei der 1. OP passiert, habe es bei den nächsten 3 erwähnt damit sich vorsorglich das Personal im Auswachraum mit Ohrstöpsel schützen kann. Ist aber nie wieder vorgekommen.

    Ich muss aber sagen das die Aufklärung von Anästhesisten und Chirurgen immer sehr ausführlich war auch was Schmerzen hinterher sein kann.
    Übel war mir nie hinterher hatte eher immer großen Hunger. 🤷‍♀️

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  6. Von allen Ärzten im Krankenhaus mag ich die Anästhesisten am liebsten. Sie laufen nicht rum als würden sie am liebsten eine Parade pro Woche zu ihren Ehren fordern und ich habe noch nie eine unfreundliche oder genervte Antwort von ihnen bekommen. Auf Chirurgenseite hingegen sieht es deutlich schlechter aus – einer, der super nett war, ca. 12 mehr oder weniger knurrig.

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