Notfälle und „Notfälle“

Die Sonntagszeitung hat vor Kurzem einen Artikel darüber geschrieben, dass die Krankenkassenprämien unter anderem deswegen stetig steigen, weil viele Patienten heute statt zum Hausarzt direkt auf den Notfall gehen. Sie rechten vor, dass dieselbe Konsultation auf dem Notfall mehr als doppelt soviel kostet, wie beim Hausarzt (427 CHF, bzw 196 CHF).

Ein Problem ist das vor allem in der Hinsicht, dass Ressourcen blockiert werden, die anderswo dringender gebraucht werden können, und halt eben vom ökonomischen Standpunkt her.

Die Gründe der Patienten lassen sich in der Regel in zwei Kategorien einteilen: Faulheit/Bequemlichkeit und Hausarztmangel. Der Hausarztmangel ist besonders auf dem Land prägnant, wir bekommen das im Krautundrübenspital immer wieder zu spüren. Die wenigen Hausärzte, die es hier noch hat, haben keine Kapazität, um neue Patienten aufzunehmen, womit Neuzuzüger schonmal keinen Hausarzt finden. Sie kommen auf Wartelisten, wenn sie Glück haben. In den Städten sind Walk-In Arztpraxen inzwischen verbreitet – keine Voranmeldung, dafür wartet man halt unter Umständen recht lang. Die nächste solche Praxis ist gut eine halbe Stunde von unserem Spital weg im Tal – für viele ist das bereits zuviel Aufwand, womit wir wieder bei der Bequemlichkeit sind.

Ein typischer solcher Patient ist Herr Börner, 36-jährig, der am Sonntagvormittag um 10Uhr auf den Notfall kommt. „Mir ist gestern eine Maschine auf den Zeh gefallen, und ich wollte das mal zeigen.“

Ich schaue mir den grossen Zeh an. Ein bisschen blau ist er. Schmerzen? „Hab ich eigentlich keine. Ich kann problemlos laufen und Auto fahren. Aber wissen Sie, ich habe grade meine Nachbarin ins Altersheim gefahren, damit sie ihren Mann besuchen kann. Und da dachte ich, wenn ich ja sowieso hier in der Nähe bin und auf sie warten muss, dann komm ich doch einfach kurz hierher. Ich hab ja sonst nichts zu tun grade.“

Der Zeh ist nicht gebrochen, nur leicht gequetscht. Schmerzmittel oder eine Salbe will er nicht. Er geht eineinhalb Stunden später wieder – es hat ein bisschen länger gedauert, weil ich am Sonntag ganz allein bin und auch noch auf Station zur Visite muss, und da gab es einige brennenden Probleme zu lösen. Für uns ist das lange, eineinhalb Stunden. In grösseren Spitälern hätte er schon mal so lange gewartet, bis ihn überhaupt ein Arzt gesehen hätte.

Hätte Herr Börner mich vorher angerufen, um zu fragen, ob er vorbeikommen soll, hätte ich ihm freundlich gesagt, er solle doch am Montag zum Hausarzt, wenn er keine Schmerzen hat und in der Funktion nicht eingeschränkt ist. Dann ist es ja wohl kaum ein Notfall, nicht wahr. Aber nein. Er war halt grade in der Gegend und hatte nichts zu tun.

Der Patient geht also wieder, und bei mir bleibt ein schaler Nachgeschmack von Frust. Es ist ja nicht so, als wäre ich einfach zum Spass da und hätte sowieso nichts besseres zu tun.

Mein einziger Trost bleibt die Hoffnung, dass die Rechnung dann so richtig weh tut.

 

 

 

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13 Kommentare zu „Notfälle und „Notfälle““

  1. Das ist jetzt genau *die* Art Patient, die wir in der Apotheke schon mal ansehen könnten, ob das jetzt zum Arzt muss oder nicht (triagieren). Davon profitiert der Patient (in der Apotheke schaut sich das eine Medizinalperson praktisch sofort an),
    das Gesundheitssystem (keine Kosten für diese Triage, kein Verstopfen der Notfallstationen mit Bagatellfällen)
    und Du im Spital (kein unnötiges Abklären und Frust, weil es Dich in dem Fall nicht gebraucht hat).
    Ende Werbung für die Arbeit der Apotheke 🙂
    Weitermachen.

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    1. Absolut! Wenn dir der Patient schon dort gesagt hätte „Nein, tut nicht weh, will nur sehen obs gebrochen ist“, bin ich sicher, ziemlich jede Apotheke hätte ihn zum Hausarzt geschickt. Aber leider war ja Sonntag… 😦

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    1. In der nächsten grossen Stadt, ca 25 min mit dem Auto oder Zug, gibt es einen Hausarztnotfall, bzw eine walk-in Praxis. Ich hätte ihm raten können, dorthin zu gehen. Ausserdem hat jeden Tag ein Hausarzt aus der Gegend Notfalldienst, auch dieser hätte ihn anschauen können.
      Keinen Hausarzt zu haben ist bei uns oben eine gute „Ausrede“. Die bestehenden Hausärzte nehmen aktuell keine Patienten mehr auf, der nächste, der noch welche nimmt, ist 20min von uns entfernt in einer etwas grösseren Stadt. Wir sehen somit oft Patienten, welche keinen Hausarzt haben. Wir haben jeden Nachmittag Sprechstunde, wo wir zum Beispiel Patienten zu Nachkontrollen einbestellen. Ich hätte Herr Börner auch in diese Sprechstunde einschreiben können. Auch dies wäre noch deutlich günstiger gekommen, als eine Notfallbehandlung am Sonntag.

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  2. 3.11.2016
    Leicht zynischer Kommentar :
    Alles hat zwei Seiten.
    Der Patient hat offenbar einen hohen Anspruch auf medizinische Dienstleistungen – „das Ganze bitte sofort oder noch eher“.
    Der CFO (Chief Financial Officer) des „Krautundrübenspitals“ könnte aber vielleicht an diesem „Fall“ seine Freude haben – es wurde Umsatz generiert – es frägt sich nur, ob die verrechenbaren Kosten (laut SonntagsZeitung 427CHF) wirklich kostendeckend waren…
    In einzelnen Spitälern gibts eine „Hausarzt-Praxis“, um unechte Notfälle von der Notfallstation fernzuhalten. Ob diese aber den günstigeren Hausarzt-Tarif verrechnet, weiss ich nicht. Sie befindet sich ja auch im Spital.

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    1. Vielleicht zynisch, aber bestimmt nicht falsch. Auch über so einen Patienten kommt Geld rein. Allerdings verdienen Spitäler hauptsächlich an statinären chirurgischen Patienten – kleine Krautundrübenspitäler zum Beispiel finanzieren sich vor allem durch die Orthopädie, also geplante Knie-, Hüft- und andere Prothesen, und natürlich über Traumatologie, also gebrochene Knochen, die leicht zu flicken sind.
      Alles in allem kann man sagen: Ja, dies erhäht die Fallzahlen, und irgendwer in der Chefetage wird sich darüber freuen, bis irgendwann die Angestellten kommen und nach mehr Personal schreien, weil die Fallzahlen ja steigen, und entsprechend ein Arzt und eine Notfallpflege am Sonntag nicht mehr ausreicht, etc.

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  3. Ich bin mal wieder von den Schweizer Preisen beeindruckt… Ich war kürzlich nach einem Unfall (nachts) in einem deutschen Krankenhaus in der Ambulanz; Wundversorgung, ausgiebige Untersuchung, zwei Röntgenbilder und drei Termine zur Nachkontrolle und zum Fädenziehen haben zusammen unter 200 Euro gekostet.

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  4. Mir fällt allerdings noch was ein, was das Spital „überlaufen“ lässt – mein Hausarzt hat als Vertretung auf dem Anrufbeantworter das SpitalimnächstenOrt angegeben, und das handhaben offenbar noch andere Ärzte so in unserer Umgebung. Evtl. dann, wenn mehrere gleichzeitig in den Ferien sind (Sommerferienzeit, die Ärzte haben schulpflichtige Kinder…)
    Vorletztes Jahr war ich jedenfalls deshalb im Spital statt beim Hausarzt, und die Notfallärztin hat extra gefragt, warum ich nicht zum Hausarzt bin und bei meiner Begründung (Ferien, Sie sind offizielle Vertretung) erst auf einen anderen Arzt getippt…

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    1. Kann ich mir vorstellten, dass das so gehandhabt wird. An Orten mit hoher Hausarztdichte ist es immer ein Thema, wenn ein Arzt einem anderen die Patienten abgräbt – und das Risdiko ist dann natürlich besonders gross, wenn ein anderer Kollege Ferienvertretung macht, ein Patient dorthin geht und es ihm dort besser gefällt. Darum sind Hausärzte oft sehr selektiv, was Vertretungen angeht, und das Spital ist dann naütrlich die einfachste Lösung.

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