Winter is coming

Das Wetter ist strahlend schön. Ich weiss das, weil’s auf dem Notfall Deckenfenster hat. Man sieht direkt den Himmel, wenn man nach oben schaut, und ich sehe nur blauen Himmel. Die Skigebiete in der Gegend sind offen. Schnee hat’s kaum, alles ist hart und gefroren und Kunstschnee. Ein gefrorener See lockt zum Spazieren und Schlittschuhlaufen.

Wir ahnen Böses.

Es beginnt am frühen Vormittag und zieht sich bis in den späten Abend. Eine junge Frau ist beim Klettern mit dem Fuss umgeknickt und gestürzt. Eine 50jährige Frau ist auf dem Weg zum See ausgerutscht und auf den Ellbogen gefallen. Eine 80jährige ist auf dem Weg zum See gestürzt, hat sich mit den Händen abgefangen und bricht sich beide Handgelenke. Drei junge Männer sind beim Skifahren gestürzt und haben sich das Knie verdreht. Nochmals zwei Personen mit gebrochenen Handgelenken, nochmals jemand mit gebrochenem Fussgelenk.

Der Rettungsheli fliegt, die Ambulanz fährt nonstop. Manche Patienten werden von einem auswärtigen Rettungsdienst gebracht, weil unsere beiden Equipen schon unterwegs sind. Manchmal bringt ein Rettungswagen gleich zwei Verletzte gleichzeitig, um Fahrten uns Zeit zu sparen. Das Wartezimmer ist voll, alle Notfallbetten sind voll, der Chirurg kommt aus dem Ops jeweils nur kurz raus, um Patienten kurz über ihren anstehenden Eingriff zu informieren. Die Röntgenbilder, die wir ihm zeigen wollen, schaut er sich an, während er am Tisch steht, dafür hat’s im Saal extra einen riesigen Bildschirm.

Wir sind zwei Assistenzärztinnen auf der Chirurgie, plus zwei ganz frische Unterassistenten, das sind Studenten, welche bei uns ein Praktikum machen. Auf der Medizin sind nochmal zwei Assistenzärzte, und sie unterstützen uns tatkräftig, während wir Patient nach Patient untersuchen, röntgen lassen, Berichte schreiben, Rezepte ausstellen, Schienen anpassen und zwischendurch noch auf Station das Eine oder Andere erledigen. Ein ganz normales Chaos.

Dann plötzlich ist der Spuk vorbei. Draussen ist es dunkel, wir haben gar nicht gemerkt, wie es Abend wurde. Das Wartezimmer ist leer, auf mich wartet noch jemand, um sein Rezept zu erhalten. Der Chirurge wirft kurz einen Blick in die Runde und geht nach Hause, um Abendzuessen. Er wird spätestens in einer Stunde wieder hier sein, wenn nötig, kommt er früher. Der Vorteil am kleinen Kraut-und-Rüben-Spital: man wohnt nahe. Man kann kurz nach Hause, Frau und Kinder sehen, und wenns nötig wird, ist man in 5 Minuten wieder da.

Ich kann kurz nach 9 nach Hause. Ich bin totmüde. Und morgen wird das Wetter nicht schlechter.

Die Saison ist eröffnet.

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Sunday, bloody sunday

Meilensteine gibt es für Assistenzärzte viele. Der erste Dienst, die erste Nacht, das erste Wochenende. Nach eineinhalb Monaten Eingewöhnungszeit war es auch bei mir mit letzterem soweit.

Eigentlich war ich krank. Seit Dienstag schon. Montag ging noch gut, dann begannen die Halsschmerzen, die mich sogar nachts weckten. Mit 38.5° habe ich am Dienstag Abend gegen 10 meinen Dienst beendet. Am nächsten Tag war das Fieber weg, besser ging es mir aber nicht – nach der Chefvisite schickte mich meine Kollegin nach Hause. Dann kam der Husten und Heiserkeit. Und schliesslich das Wochenende.

Samstag ging gut – weil ich nicht allein war. Wer am Sonntag Dienst hat, kommt am Samstag nur für die Visite, und die dauerte nur etwa 2 Stunden. Weil dann doch 3 Notfälle gleichzeitig ankamen, blieb ich noch, um die ambulanten geplanten Patienten zu sehen, die für irgendwelche Nachkontrollen kamen. Ich flüsterte mich durch die Sprechstunden und hustete mich durch die Besprechungen mit Chefarzt oder Pflege. Gegen 1 Uhr Mittags war ich schliesslich zurück im Zimmer und verbrachte den Rest des Tages mit Schlafen und Computerspielen.

Sonntag war die Bewährungsprobe. Immernoch heiser, immernoch hustend – und zum ersten Mal kein anderer Assistenzarzt im Haus, den man noch kurz was fragen kann, wenn man nicht sicher ist. Nur man selbst und die Chefs, deren Ziel es ist, nur gerade so oft wie nötig gestört zu werden.

Eigentlich begann es recht gut. Ein 3ähriger mit Ohrenschmerzen. Visite auf der Chirurgie, dann der Gyn, dann der Medizin. Nur „Kardex-Visite“, sprich, man braucht nicht die Patienten selbst alle zu sehen, sondern bespricht sie mit der Pflege. Die Pflege wiederum hält sonntags einen Brunch ab, den sie von der Küche erhalten, mit Brot, Käse, Fleisch, allem, was das Herz begehrt. Ich konnte mir genug Zeit für den Brunch nehmen, ein bisschen mit den Ladies tratschen, mampfen. Bis irgendwann die Notfallpflege anrief und mich informierte, es sei eine Patientin auf dem Weg zu uns. Und fünf Minuten später noch eine zweite.

Ich löste noch ein paar Probleme auf der Chirurgie. Dokumentierte, schrieb Berichte und bereitete Entlassungspapiere vor. Dann das Telefon, die Patientin sei auf dem Notfall angekommen – und 10 Sekunden später rief die Hebamme an, ich müsse zur Geburt. Jetzt. Wir brachten also ein kleines Mädchen zur Welt, Wassergeburt (eklig). Mutter und Kind tiptop. Trotzdem, das dauert. Knapp eine Stunde später komme ich auf dem Notfall an und stelle mit Begeisterung fest, dass sich mein Uhu (meine Studentin im praktischen Jahr) bereits einen angeschaut und aufgegleist hat.

Ich sehe noch mehr Patienten. Und noch mehr. Führe ein Telefonat mit einer Dame, deren betagter Ehemann natürlich genau jetzt, genau am Sonntag Mittag, feststellt, dass er von diesem superwichtigen Herzmedikament keine Tabletten mehr hat. Noch mehr Patienten. Noch mehr Probleme auf Station. Schliesslich wird es ruhiger. Zwei letzte Patienten schlagen auf. Mein Uhu übernimmt den einen, ich den anderen. Meiner ist recht schnell abgehakt. Auf der linken Seite sind beide Schambeinäste und das Sitzbein gebrochen. Der bleibt über Nacht. Rasch alles aufgleisen, Bett organisieren, auf Station verlegen. Uhu hat länger mit ihrem, ist aber komplett selbständig. Reinzupfuschen wäre gemein, das ist ihr Patient.

Die Nachtärztin kommt. Ich bin frei.

Immernoch hustend und komplett ohne Stimme trete ich die über 2h Zugfahrt nach Zürich an. Ich werde meine ganzen Weihnachtsferien damit verbringen gesund zu werden.

Wenn ich das Wochenende krank überstehe, werde ich es auch gesund überstehen. Voller Erfolg. Wieder ein Meilenstein abgehakt.

Die Rega kommt

Auf der Station gibt es nicht allzuviel zu tun, meine Arbeitskollegin hat den grössten Teil schon erledigt. Ich kümmere mich um die ambulanten Patienten. Ich sitze am PC und dokumentiere den zuletzt gesehenen, als Priska, die Notfallpflege, sich neben mich stellt, so dass ich hören kann, was sie am Telefon bespricht.

„Junge Frau. Mhm. Hirnerschütterung. Ja. Wann landet ihr? 20 Minuten? Okay, danke.“ Sie grinst mich an, als sie das Telefon auflegt. „Die Rega kommt.“

Die Rega kommt! Natürlich sehe ich sie hier nicht zum ersten Mal, aber ich bin zum ersten Mal die zuständige Ärztin. Das heisst, ich bekomme vom Rega-Arzt die Übergabe. Ich gehöre zu den Grossen. Ich darf am Erwachsenen-Tisch essen. Und so.

Ich schaue mir ein paar andere Patienten an und bespreche sie mit dem leitenden Arzt. Gerade wollen wir uns jemanden anschauen, den wir einen Tag zuvor operiert haben, als mich Priska ruft. Die netten Kollegen mit dem Hubschrauber sind da.

Die Regaärztin ist nett. Das ist schonmal nicht selbstverständlich. Häufig sind das erfahrene Kollegen, welche kleine Grünschnäbelchen wie mich nicht ganz ernst nehmen können. Oder es sind unerfahrene Kollegen mit einem unglaublich aufgeblasenen Ego. Aber die heute ist freundlich und fröhlich. Während ihr Kollege die Patientin auspackt und für den Transfer vorbereitet, fasst sie mir kurz zusammen, was sie weiss.

Frau N., ist 31 Jahre alt und war skifahren. Sie ist gestürzt und kurz liegengeblieben, dann wieder aufgestanden und weitergefahren. Ihr Freund hat dann festgestellt, dass sie „komisch“ sei und die Flugrettung alarmiert. Die nette Kollegin im schönen roten Gwändli und ihr Team haben sie dort aufgelesen und zu uns gebracht. Der Freund kommt später nach, mit dem Bus.

Frau N. ist soweit stabil. Ihr Blutdruck ist normal, ihr Puls, ihre Atmung. Weder hat sie irgendwo kein Gefühl mehr, noch keine Kraft. Die Pupillen sind normal gross und reagieren gut auf Licht. Mit ihrem Nervensystem ist alles tiptop – aber sie weiss weder, wo sie ist, noch, wann sie ist. Datum und Wochentag sind falsch, ihr fehlen zwei Tage. Sie ist nicht sicher, in welchem Skigebiet sie war, und in welchem Spital sie nun ist. Sie hat keine Ahnung, was passiert ist, aber sie weiss, dass ihr Kopf schmerzt.

Sie hat eine Hirnerschütterung. Und so beginnt mit ihrem Eintreffen ein Spiel, das sich etwa im Minutentakt wiederholt.

Sie beginnt jeweils mit „So, jetzt bin ich wirklich wach. Vorhin war ich irgendwie nicht ganz da.“ Dann kommt „Sagt ja nicht meiner Familie, dass ich hier bin! Das dürft ihr nicht, ich bin alt genug! Die wissen nichts von meinem Freund und dürfen es nie erfahren!“ und „Bin ich hingefallen? Mein Kopf tut weh.“ Dann erzählt sie irgendwas über ihre Freunde, ihre Arbeit, einen seltsamen Traum von einem Helikopterflug oder über ihre sehr konservative Familie. Schliesslich ist sie einen Moment still, schaut mich an und sagt: „So, jetzt bin ich wirklich wach.“

Die Rega-Ärztin schmunzelt und nickt mir wissend zu. Dasselbe hat sich wohl im Heli schon abgespielt. Ihr Team packt zusammen und verabschiedet sich. Wir werden uns in den nächsten Wochen und Monaten öfters sehen, die Saison hat gerade erst angefangen. Früher wäre ich wohl ein bisschen neidisch gewesen auf ihren Job, heute habe ich selbst einen, der mir gefällt.

Wir entscheiden uns für ein CT – was zum Glück keine Blutung zeigt. Aber das könnte ja noch werden. Wir nehmen Frau N. auf die Station auf für 24 Stunden, zur Überwachung.

Soviel zu meiner ersten Begegnung mit unseren fliegenden Arbeitskollegen. Die Zusammenarbeit war tiptop, alle waren freundlich, alles lief glatt.

Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Alltag im Ops: zämeklappe (moll ehrlich)

Eigentlich ist es ein Tabuthema in vielen Spitälern: Das Zusammenklappen am Opstisch. Manche Operateure, so heisst es, lassen einen nicht mehr assistieren, wenn man mal vom Tisch wegmusste. Das OP-Personal macht sich lustig, man wird nicht mehr ernstgenommen. „Das passiert nur den Schwachen“, heisst es. „So kannst du nicht Chirurg werden.“

Alles Bullshit.

Stells dir so vor: Du isst Frühstück. Sagen wir mal, um 7 Uhr. Nach dem Rapport trinkst du noch einen Kaffee, dann, sagen wir 8 Uhr, gehst du in den Saal. Vielleicht hast du ein paar Hüften und Knie vor dir, oder Spiegelungen, Hernien, Gallenblasen. Dazwischen hast du vielleicht kurz Zeit für ein Stück Brot und/oder einen Kaffee. Trinken möchtest du lieber nichts, auf die Toilette kannst du ja sowieso nicht. Und wer weiss schon, wann der Drang kommt? Bestimmt im ungünstigsten Moment.

Vielleicht hast du du nicht gut geschlafen. Vielleicht bist du ein bisschen angeschlagen oder hast gestern sehr lange arbeiten müssen. Du stehst an den Tisch, eingepackt in den wärmenden sterilen Papiermantel, atmest deine warme, feuchte Ausatemluft wieder ein. Du hältst ein Bein hoch. Es ist schwer. Die Zeit vergeht.

Irgendwann fängts dann an. Zuerst wird dir schlecht. Das macht nichts, das vergeht wieder, sagst du dir. Du konzentrierst dich aufs Atmen. Atme die Übelkeit weg. Klappt nicht, es wird schlimmer. Deine Knie werden weich. Du schimpfst mit dir oder spornst dich an. Du schaffst das! Nur noch 10 Minuten. Oder 20. Das wird schon. Die Übelkeit wird mehr. Deine Hände zittern. Vor deinen Augen verschwimmt alles, dein Magen krampft.

Wenn du dich kennst, weist du, wann du aufgeben musst. Regel Nummer Eins: Kotze nicht ins Operationsgebiet. Das wäre worst case. Wenn du ohnmächtig wirst, müssen sich ein paar Leute um dich kümmern. Die rennen dann. Und wer schaut dann zum Patienten? Wenn du schlau bist, gibst du früh genug auf, dass du noch selber rauslaufen kannst.

Ein gutes OP-Team weiss, dass das passieren kann. Der Umgang mit solchen Zwischenfällen ist eins der Merkmale für die Stimmung und das Arbeitsklima. Gut, sie werden dich vielleicht die nächsten paar Wochen fragen, ob du schwanger bist. Jemand wird dir einen Schwangerschaftstest zustecken. Niemand wird böse, niemand lacht dich aus. Bei der nächsten OP bist du wieder dabei. Niemand nervt sich mehr ab diesem Zwischenfall, als du. Niemand setzt dich mehr unter Druck, als du. Aber du hast nicht versagt, das kann jedem passieren. Wer etwas anderes behauptet, lügt, so einfach ist das. Und spätestens am nächsten Tag stehst du wieder im Saal, beteuerst, dass du nicht schwanger bist, und stehst es durch.

 

Trepanieren geht über Studieren

Ein 19jähriger kommt abends zu mir auf den Notfall.

„Ich hab mir den Finger beim Arbeiten unter einer Platte eingeklemmt.“

„Wann?“

„Gestern. Und heute nochmal, in einem Fensterbock. Und jetzt tuts weh.“

Ich sehs. Das Fingerendglied ist geschwollen und empflindlich, ich kanns kaum anfassen. Unter dem Nagel ist ein schwarzer Bluterguss.

„Hat der gestern schon so ausgesehen?“

„Ja, und er hat so geklopft, wie kleine Pulsschläge in der Fingerspitze.“

„Und Sie sind heute trotzdem so arbeiten gegangen.“ Eine Frage ist das nicht. Ich kenne meine Pappenheimer hier oben langsam.

„Ja… Ich war gestern noch in der Apotheke, und die haben mir das hier gegeben.“ Er holt ein Fläschchen Arnikaglobuli hervor.

„Und, hats was gebracht?“

„Nein…“ Eine Schachtel Dafalgan wäre billiger gewesen und hätte wenigstens die Schmerzen genommen. Seufz.

Ich veranlasse ein Röntgenbild vom Finger. Gebrochen ist nix. Damit ist wohl der Bluterguss unter dem Nagel an allem schuld. Subunguales Hämatom nennt man das, und ich weiss, was man da theoretisch macht. Ich rufe also den Chef an und schildere ihm den Fall.

„Und, was machst du jetzt?“, will er wissen.

„Ein Loch in den Nagel bohren.“

„Gut, viel Spass.“

„Ich hab das noch nie gemacht.“

Er lacht. „Ist ganz einfach.“ Er beschreibt mir die Prozedur kurz. „Das schaffst du allein. Und wenn nicht… Ich gehe in 10min nach Hause. Bis dann kannst du mich rufen.“

Ich gehe zurück zum Patienten. Ich habe wieder Glück und eine sehr gute Pflegekraft, die mir schon alles bereitgelegt hat. Das wird lustig.

Ich desinfiziere den Nagel. Dann nehme ich die rosa 18G Kanüle, eine schön grosse Nadel, und beginne, sie in den Nagel zu bohren. Kleine, leichte Drehbewegungen. Ich trau mich kaum, Druck daraufzugeben, aber die Nadel ist scharf und bohrt sich auch so schön durch. Sekunden verstreichen. Wann weiss ich, wann genug ist? Meine Frage wird von allein beantwortet, als Blut aus dem von mir gebohrten Loch quillt.

Wir atmen auf. Er noch zu früh, denn ich mache noch mehr Löcher. Drei insgesamt. Wenn die Blutquellen versiegen, bohre ich noch ein bisschen nach. Smalltalk dazwischen. Mehr Blut. Ich drücke vorsichtig.

Irgendwann ist unter dem Nagel wieder helles Nagelbett zu sehen. Nur noch wenig Blut kommt aus den Löchern. Er atmet auf, der Druck ist weniger geworden. Schmerzen hat er immernoch. Aber wen wunderts. Er hat sich zweimal den Finger eingeklemmt, und Wunder vollbringen kann ich halt auch nicht.

Ich gehe und schau mir Youtube-Videos dazu an, während die Pflege einen Verband macht. Und bin zufrieden: Bei mir hats etwa ähnlich ausgesehen. Geht doch.

Wenn der Chef sagt, ich schaffs alleine, dann meint er es auch.

Geburtshilfe? Hilfe!

Schon lange wurde mir angedroht, ich hätte mal eine Geburt abzusitzen. Im Falle, dass die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist, betreuen nämlich wir Chirurginnen die Gyn. Bei Geburten in der Nacht wird der Nachtarzt gerufen, am Wochenende der Dienstarzt. Die Chancen, dass ich früher oder später damit konfrontiert bin, ist also fast 100%. Kürzlich hat nun der Blitz eingeschlagen, und dies gleich zweimal, sozusagen.

Am Morgenrapport liess uns der Satz „Achja, und Frau B. ist im Gebärsaal“ aufhorchen. Frau B hat die letzten zwei Wochen hier verbracht. Sie erwartet Zwillinge und hat Wehenhemmer und Lungenreifer bekommen. Nun, in der 36 + 0 Schwangerschaftswoche, darf sie endlich loslegen. Die Gyn-AAe war krank, also kamen wir zum Zug. Fast gab es ein bisschen Streit, welche von uns denn nun hin darf/soll/muss, immerhin erlebt man nicht jeden Tag eine Zwillingsgeburt. Als schliesslich der Anruf vom Chefgynäkologen kam, rannten wir beide.

Eintritt in den Gebs (Gebärsaal). Es riecht gut, nach irgendeinem Aromaöl. Draussen scheint die Sonne, es ist hell und freundlich im Raum. Die Mama sitzt halb aufrecht, Hände in die Matratze des Stuhls gekrallt. Um sie herum stehen Papa, Gynichefs 1 und 2, sowie zwei Hebammen. Ich atme kurz auf. Die kenne ich beide, die sind nett. Überhaupt ist die Stimmung ruhig und locker. Erwartungsvoll, ja, aber trotzdem entspannt. Liebevoll. So, wie ich mir Geburten immer vorgestellt habe. Nicht so, wie ich sie in den Lehrvideos an der Uni gesehen habe.

Ich wage einen Blick zwischen die Beine. Köpfchen sichtbar, dunkle Haare. Zwilling 1 ist im Anmarsch. Mein Job ist das Einstellen der Apgar-Uhr zum richtigen Zeitpunkt. Der Apgar-Score dient zur Beurteilung des Neugeborenen und wird 1, 5 und 10min nach Geburt und setzt sich aus offensichtlichen Dingen zusammen wie Hautfarbe (blau oder rosig?) oder Puls. Auch die Erhebung des Apgar gehört zu meinen Aufgaben. Uhr einstellen, und wenn sie piepst, kurz aufs Herz hören und mir die Punktzahl zwischen 0 und 10 überlegen.

Ebenfalls, und das ist aus Sicht der Hebammen mindestens genauso wichtig wie das Einstellen der Uhr, habe ich die Aufgabe, warme Tücher aus dem Wärmeschrank zu reichen, wenn das Neugeborene da ist. Eine ehrenvolle Aufgabe. Die kleinen Körper kühlen schnell aus.

Wenn ich die Uhr eingestellt und die Tücher gebracht habe, dann gehört das Kind kurz mir. Ich muss auf Lunge und Herz hören und den Minimenschen von oben bis unten gut mustern. Fingerchen und Zehen zählen, an den Öhrchen rumfingern, Genitale inspizieren. Dem allenfalls misstrauisch zuschauenden Vater erklären, was man macht. Dann Baby wieder einpacken und ab zum Papa. Dann kommt meine letzte Aufgabe: Nabelschnur-pH messen. Dafür muss ich samt Nabelschnurstück ins Labor, ein gläserned Röhrchen mit Blut daraus füllen und in die Analysemaschine stecken.

Hier ist der Ablauf ein bisschen anders. Der Anfang ist wie gehabt, Kind kommt, wird eingepackt, meine Kollegin untersucht es, alles gut, gesundes Mädchen, ab zum Papa. Nur, Zwilling 2 steckt ja immernoch in der Mama. Und auf den Burschen warten wir jetzt. Und er lässt sich ganz schön Zeit.  Die Gebärmutter hat jetzt nämlich keinen Bock mehr und produziert nur noch kleine, kurze, schwache Wehen. Und die helfen dem Buben nichts. Mama mag auch nicht mehr wirklich. Die Minuten schleichen. Nochmal eine Wehe. Nochmal eine. Baby kommt nicht.

Die Stimmung schlägt um. Mama kann nicht mehr, sagt sie. Glaube ich ihr gern. Wieviele Frauen sind nach einer Geburt schon total fertig – und sie muss gleich nochmal eine anhängen? Immerhin Baby gehts gut in den Armen von Papa. Gynichefs 1 und 2 werden etwas energischer. Die ältere, erfahrene Hebamme auch. „Klar kannst du noch! Komm! Nochmal!“ sagt sie in einer Stimme, die absolut keinen Widerspruch duldet. Mama kann doch nochmal.

Papa ist ganz woanders. Er steht mitten im Raum, seine Tochter im Arm. „Auf deinen Bruder warten wir noch“, sagt er von Zeit zu Zeit. Für Mama hat er kaum mehr Augen. Nur noch für das rosige, zufriedene Bündel in seinem Arm. Das Mädchen ist eine halbe Stunde alt, als Hebamme 2 und ich beschliessen, dass es neue warme Tücher verdient hat. Als wir es auspacken, meckert es uns lautstark an. Sorry Kleines. Währenddessen krampft Mama sich immernoch ab.

Eine Stunde nach dem Mädchen darf auch der Junge Mama von aussen angucken. Ich bin bereit. Ich pack ihn mir und hör auf das schnelle, kleine Herzchen und auf die Lunge. Er meldet sich schneller und lauter zu Wort als seine Schwester. Lunge gut. Schön. Ich untersuch den Kleinen und geh dann mit der Nabelschnur auf einen Ausflug ins Labor.

Als ich zurückkomme, ist Mama immernoch total fertig. Und ein bisschen schlecht mit dem Kreislauf. Die Hebammen sind nun wieder froh um ein paar zusätzliche Hände und legen mir Töchterchen in den Arm. Papa wiegelt das Söhnchen. Mama wird schlecht.

Ich gehe auf Aufforderung samt Mädchen im Arm ins Schwesternzimmer, um Babykleider zu holen. Mädchen ist natürlich die Attraktion schlechthin bei den Pflegefachfrauen. Neugierig schaut es zu mir hoch und auf die fremden Hände, die seine Nase stupsen und sein Köpfchen tätscheln. Es ist immernoch ruhig und zufrieden in meinem Arm. Von Zeit zu Zeit gähnt es und zeigt mir das Innere seines winzigkleinen Mäulchens.

Ich geh zurück und ziehe den Zwillingen, eins nach dem anderen, hübsche kleine Windeln, Bodys, Jäckchen und Mützchen an. Papa wiegelt den jeweils anderen Zwilling in den Armen und telefoniert mit den Grosseltern. Mama kotzt nebenan.

Ich darf gehen.

Das war super.

Die Kamerafrau oder Mein Freund die Hand-Augen-Koordination

Bisher war ich mehrheitlich in orthopädischen Operationen. Das liegt daran, dass eine Arbeitskollegin tatsächlich Chirurgin werden will (als einzige von uns vier Assistenzärztinnen) und die allgemeinchirurgischen Operationen benötigt, um ihren Katalog zu füllen. Der Chef mag das, weil er seine besondere Förderung dann ganz auf sie konzentrieren kann. Nicht, dass er jemanden vernachlässigt – aber es ist halt einfacher für ihn so. Und für sie natürlich auch.

Nun, eines Tages stehe ich aber doch noch in einer Gallenblasenoperation. Steine drin + Schmerzen = raus damit. Auf schlau heisst das „Laparoskopische Cholezystektomie“. Ich sag dazu „Lap Galle“. Weils so schön kurz ist. Das „laparoskopisch“ oder „lap“ steht dabei für die Schlüssellochtechnik, bei der eine Kamera und ein paar Instrumente an langen Verlängerungsstäben in den Bauch gesteckt werden. Man sieht nichts direkt, sondern  nur 2d über den Bildschirm. Coole Sache, aber anspruchsvoller, als wenn man alles direkt antatschen und dran rumzupfen kann. Der ganze Film wird aufgenommen und auf einer CD gespeichert, sodass er für die Nachwelt (oder fiese hinterhältige Juristen) erhalten bleibt.

Die Operation macht natürlich der Chef. Wir sind dabei zu zweit. Mein Job ist die Kameraführung. Ich war schonmal in einer lap Galle, aber das war als Uhu. Und bei einem Chef, bei dem es dem Uhu verboten war, die Kamera schräg anzuschauen. Ich habe also noch nie die Kamera geführt. Aber der Chef ist nett und geduldig. Was kann schon schiefgehen?

Die Kamera selbst… Es ist wie ein Laserschwert, das man in einen Bauch steckt. Hinten der klobige Griff mit Schalter und Rädchen und der Lichtquelle daran. Dann der lange Stab mit der Linse vorn, der durch einen Metalltunnel in den Bauch geht. Wenn ich die Lichtquelle nach rechts drehe, schaut die Optik 30° nach rechts. Dasselbe nach links. Okay. Das geht. Oder?

10 Minuten später fühle ich mich wie der letzte, unfähigste Idiot auf Erden. Ich habe kein Gespür für den Zoom. Wo ist das Zoomrad nochmal? Wie halte ich die Kamera am besten, damit ich einen Finger frei habe für den Zoom? Wie tief kann ich das Ding reinstossen? Wie weit rausziehen? Woran hänge ich jetzt fest? Und die wichtigste Frage: Was zeige ich, wie gross, und aus welchem Winkel?

Dann darf man die Kamera nicht nach links oder rechts abkippen, weil dann der Horizont kippt. Also manchmal muss man das. Aber es sollte nicht hin und her schwanken, sonst wird uns schlecht. Keine zu schnellen Bewegungen, wenn ich die Kamera hineinstosse oder herausziehe, sonst wird uns schlecht. Eine ruhige Hand ist wichtig. Nicht immer meine Stärke.

Weitere 10 Minuten später habe ich den richtigen Griff herausgefunden. Ich schaue gebannt auf den Bildschirm. Wenn ich etwas ändern muss oder will, schaue ich immer auf den Bauch – und tadele mich sofort innerlich. Meine Hand macht dabei unwillkürlich eine kleine Bewegung, die macht aber viel aus bei der Vergrösserung des Bilds. Und wozu schaue ich überhaupt hin, ich sehe ja gar nichts auf dem Bauch, was mir helfen könnte.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke: „Buh das Bild ist aber schlecht eingestellt, sieht der überhaupt etwas?“ und dann zwei Sekunden später „oh Mist das wäre ja mein Job!“ Ich befürchte immer noch, dass er gleich nach der anderen Assistentin verlangt, weil er mit mir so nicht arbeiten kann. Der Patient ist nicht wahnsinnig stabil, die Narkoseleute drängen auf raschen Abschluss.

Nach einer Stunde klappt es gar nicht schlecht. Meine Hand führt die Kamera nur noch mit ganz kleiner Verzögerung da hin, wo meine Augen hinwollen. Es geht rascher voran. Der Operateur ist gut gelaunt und plaudert aus dem Nähkästchen. Die Narkose ist nicht mehr so quengelig.

Am Schluss der Operation finde ich es doch fast schade, dass es vorbei ist. Ich brauche wohl noch ein bisschen, bis ich mich an das Handling gewöhne. Meine Naht ist schlecht, aber nicht, weil ich die Nadel schlecht geführt habe, sondern weil ich diese Art Naht noch nie gemacht habe und vom zuschauen nicht ganz begriffen habe, wie man die Fäden genau führen muss. Ein kurzer Zupf vonseiten des Chefs und die Naht sieht genauso schön aus wie seine. Man muss nur wissen, wie.

Steristrip. Pflaster. Fertig. Am Ende fühle ich mich gar nicht so schlecht. Das mach ich wieder einmal.