Geburtshilfe? Hilfe!

Schon lange wurde mir angedroht, ich hätte mal eine Geburt abzusitzen. Im Falle, dass die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist, betreuen nämlich wir Chirurginnen die Gyn. Bei Geburten in der Nacht wird der Nachtarzt gerufen, am Wochenende der Dienstarzt. Die Chancen, dass ich früher oder später damit konfrontiert bin, ist also fast 100%. Kürzlich hat nun der Blitz eingeschlagen, und dies gleich zweimal, sozusagen.

Am Morgenrapport liess uns der Satz „Achja, und Frau B. ist im Gebärsaal“ aufhorchen. Frau B hat die letzten zwei Wochen hier verbracht. Sie erwartet Zwillinge und hat Wehenhemmer und Lungenreifer bekommen. Nun, in der 36 + 0 Schwangerschaftswoche, darf sie endlich loslegen. Die Gyn-AAe war krank, also kamen wir zum Zug. Fast gab es ein bisschen Streit, welche von uns denn nun hin darf/soll/muss, immerhin erlebt man nicht jeden Tag eine Zwillingsgeburt. Als schliesslich der Anruf vom Chefgynäkologen kam, rannten wir beide.

Eintritt in den Gebs (Gebärsaal). Es riecht gut, nach irgendeinem Aromaöl. Draussen scheint die Sonne, es ist hell und freundlich im Raum. Die Mama sitzt halb aufrecht, Hände in die Matratze des Stuhls gekrallt. Um sie herum stehen Papa, Gynichefs 1 und 2, sowie zwei Hebammen. Ich atme kurz auf. Die kenne ich beide, die sind nett. Überhaupt ist die Stimmung ruhig und locker. Erwartungsvoll, ja, aber trotzdem entspannt. Liebevoll. So, wie ich mir Geburten immer vorgestellt habe. Nicht so, wie ich sie in den Lehrvideos an der Uni gesehen habe.

Ich wage einen Blick zwischen die Beine. Köpfchen sichtbar, dunkle Haare. Zwilling 1 ist im Anmarsch. Mein Job ist das Einstellen der Apgar-Uhr zum richtigen Zeitpunkt. Der Apgar-Score dient zur Beurteilung des Neugeborenen und wird 1, 5 und 10min nach Geburt und setzt sich aus offensichtlichen Dingen zusammen wie Hautfarbe (blau oder rosig?) oder Puls. Auch die Erhebung des Apgar gehört zu meinen Aufgaben. Uhr einstellen, und wenn sie piepst, kurz aufs Herz hören und mir die Punktzahl zwischen 0 und 10 überlegen.

Ebenfalls, und das ist aus Sicht der Hebammen mindestens genauso wichtig wie das Einstellen der Uhr, habe ich die Aufgabe, warme Tücher aus dem Wärmeschrank zu reichen, wenn das Neugeborene da ist. Eine ehrenvolle Aufgabe. Die kleinen Körper kühlen schnell aus.

Wenn ich die Uhr eingestellt und die Tücher gebracht habe, dann gehört das Kind kurz mir. Ich muss auf Lunge und Herz hören und den Minimenschen von oben bis unten gut mustern. Fingerchen und Zehen zählen, an den Öhrchen rumfingern, Genitale inspizieren. Dem allenfalls misstrauisch zuschauenden Vater erklären, was man macht. Dann Baby wieder einpacken und ab zum Papa. Dann kommt meine letzte Aufgabe: Nabelschnur-pH messen. Dafür muss ich samt Nabelschnurstück ins Labor, ein gläserned Röhrchen mit Blut daraus füllen und in die Analysemaschine stecken.

Hier ist der Ablauf ein bisschen anders. Der Anfang ist wie gehabt, Kind kommt, wird eingepackt, meine Kollegin untersucht es, alles gut, gesundes Mädchen, ab zum Papa. Nur, Zwilling 2 steckt ja immernoch in der Mama. Und auf den Burschen warten wir jetzt. Und er lässt sich ganz schön Zeit.  Die Gebärmutter hat jetzt nämlich keinen Bock mehr und produziert nur noch kleine, kurze, schwache Wehen. Und die helfen dem Buben nichts. Mama mag auch nicht mehr wirklich. Die Minuten schleichen. Nochmal eine Wehe. Nochmal eine. Baby kommt nicht.

Die Stimmung schlägt um. Mama kann nicht mehr, sagt sie. Glaube ich ihr gern. Wieviele Frauen sind nach einer Geburt schon total fertig – und sie muss gleich nochmal eine anhängen? Immerhin Baby gehts gut in den Armen von Papa. Gynichefs 1 und 2 werden etwas energischer. Die ältere, erfahrene Hebamme auch. „Klar kannst du noch! Komm! Nochmal!“ sagt sie in einer Stimme, die absolut keinen Widerspruch duldet. Mama kann doch nochmal.

Papa ist ganz woanders. Er steht mitten im Raum, seine Tochter im Arm. „Auf deinen Bruder warten wir noch“, sagt er von Zeit zu Zeit. Für Mama hat er kaum mehr Augen. Nur noch für das rosige, zufriedene Bündel in seinem Arm. Das Mädchen ist eine halbe Stunde alt, als Hebamme 2 und ich beschliessen, dass es neue warme Tücher verdient hat. Als wir es auspacken, meckert es uns lautstark an. Sorry Kleines. Währenddessen krampft Mama sich immernoch ab.

Eine Stunde nach dem Mädchen darf auch der Junge Mama von aussen angucken. Ich bin bereit. Ich pack ihn mir und hör auf das schnelle, kleine Herzchen und auf die Lunge. Er meldet sich schneller und lauter zu Wort als seine Schwester. Lunge gut. Schön. Ich untersuch den Kleinen und geh dann mit der Nabelschnur auf einen Ausflug ins Labor.

Als ich zurückkomme, ist Mama immernoch total fertig. Und ein bisschen schlecht mit dem Kreislauf. Die Hebammen sind nun wieder froh um ein paar zusätzliche Hände und legen mir Töchterchen in den Arm. Papa wiegelt das Söhnchen. Mama wird schlecht.

Ich gehe auf Aufforderung samt Mädchen im Arm ins Schwesternzimmer, um Babykleider zu holen. Mädchen ist natürlich die Attraktion schlechthin bei den Pflegefachfrauen. Neugierig schaut es zu mir hoch und auf die fremden Hände, die seine Nase stupsen und sein Köpfchen tätscheln. Es ist immernoch ruhig und zufrieden in meinem Arm. Von Zeit zu Zeit gähnt es und zeigt mir das Innere seines winzigkleinen Mäulchens.

Ich geh zurück und ziehe den Zwillingen, eins nach dem anderen, hübsche kleine Windeln, Bodys, Jäckchen und Mützchen an. Papa wiegelt den jeweils anderen Zwilling in den Armen und telefoniert mit den Grosseltern. Mama kotzt nebenan.

Ich darf gehen.

Das war super.

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Die Kamerafrau oder Mein Freund die Hand-Augen-Koordination

Bisher war ich mehrheitlich in orthopädischen Operationen. Das liegt daran, dass eine Arbeitskollegin tatsächlich Chirurgin werden will (als einzige von uns vier Assistenzärztinnen) und die allgemeinchirurgischen Operationen benötigt, um ihren Katalog zu füllen. Der Chef mag das, weil er seine besondere Förderung dann ganz auf sie konzentrieren kann. Nicht, dass er jemanden vernachlässigt – aber es ist halt einfacher für ihn so. Und für sie natürlich auch.

Nun, eines Tages stehe ich aber doch noch in einer Gallenblasenoperation. Steine drin + Schmerzen = raus damit. Auf schlau heisst das „Laparoskopische Cholezystektomie“. Ich sag dazu „Lap Galle“. Weils so schön kurz ist. Das „laparoskopisch“ oder „lap“ steht dabei für die Schlüssellochtechnik, bei der eine Kamera und ein paar Instrumente an langen Verlängerungsstäben in den Bauch gesteckt werden. Man sieht nichts direkt, sondern  nur 2d über den Bildschirm. Coole Sache, aber anspruchsvoller, als wenn man alles direkt antatschen und dran rumzupfen kann. Der ganze Film wird aufgenommen und auf einer CD gespeichert, sodass er für die Nachwelt (oder fiese hinterhältige Juristen) erhalten bleibt.

Die Operation macht natürlich der Chef. Wir sind dabei zu zweit. Mein Job ist die Kameraführung. Ich war schonmal in einer lap Galle, aber das war als Uhu. Und bei einem Chef, bei dem es dem Uhu verboten war, die Kamera schräg anzuschauen. Ich habe also noch nie die Kamera geführt. Aber der Chef ist nett und geduldig. Was kann schon schiefgehen?

Die Kamera selbst… Es ist wie ein Laserschwert, das man in einen Bauch steckt. Hinten der klobige Griff mit Schalter und Rädchen und der Lichtquelle daran. Dann der lange Stab mit der Linse vorn, der durch einen Metalltunnel in den Bauch geht. Wenn ich die Lichtquelle nach rechts drehe, schaut die Optik 30° nach rechts. Dasselbe nach links. Okay. Das geht. Oder?

10 Minuten später fühle ich mich wie der letzte, unfähigste Idiot auf Erden. Ich habe kein Gespür für den Zoom. Wo ist das Zoomrad nochmal? Wie halte ich die Kamera am besten, damit ich einen Finger frei habe für den Zoom? Wie tief kann ich das Ding reinstossen? Wie weit rausziehen? Woran hänge ich jetzt fest? Und die wichtigste Frage: Was zeige ich, wie gross, und aus welchem Winkel?

Dann darf man die Kamera nicht nach links oder rechts abkippen, weil dann der Horizont kippt. Also manchmal muss man das. Aber es sollte nicht hin und her schwanken, sonst wird uns schlecht. Keine zu schnellen Bewegungen, wenn ich die Kamera hineinstosse oder herausziehe, sonst wird uns schlecht. Eine ruhige Hand ist wichtig. Nicht immer meine Stärke.

Weitere 10 Minuten später habe ich den richtigen Griff herausgefunden. Ich schaue gebannt auf den Bildschirm. Wenn ich etwas ändern muss oder will, schaue ich immer auf den Bauch – und tadele mich sofort innerlich. Meine Hand macht dabei unwillkürlich eine kleine Bewegung, die macht aber viel aus bei der Vergrösserung des Bilds. Und wozu schaue ich überhaupt hin, ich sehe ja gar nichts auf dem Bauch, was mir helfen könnte.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich denke: „Buh das Bild ist aber schlecht eingestellt, sieht der überhaupt etwas?“ und dann zwei Sekunden später „oh Mist das wäre ja mein Job!“ Ich befürchte immer noch, dass er gleich nach der anderen Assistentin verlangt, weil er mit mir so nicht arbeiten kann. Der Patient ist nicht wahnsinnig stabil, die Narkoseleute drängen auf raschen Abschluss.

Nach einer Stunde klappt es gar nicht schlecht. Meine Hand führt die Kamera nur noch mit ganz kleiner Verzögerung da hin, wo meine Augen hinwollen. Es geht rascher voran. Der Operateur ist gut gelaunt und plaudert aus dem Nähkästchen. Die Narkose ist nicht mehr so quengelig.

Am Schluss der Operation finde ich es doch fast schade, dass es vorbei ist. Ich brauche wohl noch ein bisschen, bis ich mich an das Handling gewöhne. Meine Naht ist schlecht, aber nicht, weil ich die Nadel schlecht geführt habe, sondern weil ich diese Art Naht noch nie gemacht habe und vom zuschauen nicht ganz begriffen habe, wie man die Fäden genau führen muss. Ein kurzer Zupf vonseiten des Chefs und die Naht sieht genauso schön aus wie seine. Man muss nur wissen, wie.

Steristrip. Pflaster. Fertig. Am Ende fühle ich mich gar nicht so schlecht. Das mach ich wieder einmal.

Alltag im Spital: im Ops

Letztes Mal habe ich beschrieben, wie es abläuft, wenn ich in den Ops muss. Heute gehts darum, was geschieht, wenn ich drin bin.

Das Erste, was man im Ops falsch machen kann, ist das Stehen. Oder Sitzen. Also eigentlich die blosse Existenz. Steh nicht zu nah an den sterilen Tischen! Wende den Sterilen Tischen nie den Rücken zu! Steh nicht im Weg rum! Steh nicht in der Ecke, da muss ich nämlich genau jetzt hin! Fass ja nichts an, du hast dir die Hände schon desinfiziert! Halte die Hände vor deiner Brust in die Luft! Mach keine Geräusche, die jemanden ablenken könnten! Und so weiter. Ops-Schwestern können dir fast alles, was du machst, zu Lasten legen. Allerdings muss ich anmerken: Solche Drachen haben wir hier keine. Keinen einzigen. Alle nett, freundlich, hilfsbereit – solange du machst, was sie sagen jedenfalls, und was Anderes hab ich mich noch nie getraut.

Das Zweite, was man im Ops falsch machen kann, ist das Ankleiden. Eine TOA (technisch operative Assistentin, aka Ops-Schwester) ist schon steril eingepackt. Sie zieht mich an. Unterarme angewinkelt, Hände weg vom Körper. Ich bekomme eine blaue Schürze. nicht bewegen, Finger steif machen. Von hinten macht mir die Springerin (die nicht sterile TOA) den Kittel zu. Die andere hält mir den ersten sterilen Handschuh hin, die Öffnung nach oben. Mit der Hand rein, dann die zweite. Wenn die TOA sonst viel zu tun hat, ziehe ich mir das zweite Paar Handschuhe selbst an, sonst macht sie das. Die Handschuhe haben Grössen von 6-8 ungefähr, in 0.5er Schritten. Die TOAs schauen deine Hände einmal schräg an und wissen genau, welche du brauchst. Ich bekomme zuerst die 7, dann die 6.5 drüber.

An der Aussenseite des Kittels sind blaue Bändel befestigt, die von einer Papierlasche zusammengehalten werden. Die TOA nimmt sie und gibt mir einen in die Hand. Dann drehe ich mich einmal im Kreis, sodass sich der lange Bändel um mich herumwickelt. Dann binde ich eine Schleife. Fertig. Von nun an muss ich sehr genau aufpassen, was ich anfasse. Ungefähr jetzt beisst mich auch erstmals die Nase. Kratzen ist nicht.  Das wird mir in den nächsten Minuten bis Stunden noch gelegentlich passieren.

Nun stelle ich mich neben einen der sterilen Tische. Die Hände verschränkt und vor der Brust, stehe ich da, und warte auf Anweisungen. Währenddessen wird das Operationsgebiet desinfiziert (dreimal über das Ganze drüber) und mit sterilen Tüchern abgedeckt. Für Hüft- und Knieoperationen muss ich das zu operierende Bein für die Desinfektion hochhalten, ca 10-15 Minuten. Wieder ist es am Einfachsten, wenn man sich genau an die Anweisungen hält.

Wenn alles fertig abgedeckt ist, stelle ich mich an den Tisch dahin, wo ich hingehöre – meist ist das gegenüber vom Operateur. Dann können wir anfangen.

Eins, zwei, Polizei

Eines Tages im Dienst, 18.30h. Die nette Dame am Empfang ruft mich an und gibt mir Bescheid, dass sich die Polizei angemeldet hätte – für einen Blutalkoholtest. Mein erster. Das wird spannend.

Der junge Mann, eskortiert von zwei netten Polizisten, ist nervös, das sieht man ihm an. Grade knapp 16 ist er, und wie es Teeniejungs so tun (oder so hab ich gehört), kompensiert er seine Nervosität mit Machogehabe. Das kann ja heiter werden.

Die Kollegen in Blau infirmieren mich kurz über den Hintergrund: Der Junge ist mit seinem neuen Töff auf ein stehendes Auto aufgefahren. Er hat den Alkohol- und Cannabiskonsum zugegeben, verneint aber die Einnahme weiterer Drogen.

Meine Aufgabe ist ein Check der wichtigsten Hinweise auf Alkohol- oder Drogenkonsum. Dafür gibts eine Checkliste, auf der ich nur ankreuzen kann. Ich begrüsse die Truppe und sage zum Jungen: „Also, wir machen ein paar Turnübungen und dann muss ich noch Blut nehmen. Ist das dein erster Test?“

„Ja dänk. Logisch.“

„Trifft sich gut. Meiner auch.“ Er starrt mich entsetzt an. „Der Test. Nicht die Blutentnahme.“ Die Polizisten lachen lauthals. Eis gebrochen.

Wir arbeiten uns durch die Checkliste. Pupillen und Bindehäute. Verschiedene Gleichgewichtstests. Die meisten besteht er mehr oder weniger. Hin und wieder wirft er einen triumphierenden Blick zu den Kollegen in Uniform. Aus meiner Sicht nicht ganz so angebracht.

Die Blutentnahme. Muss ich das wirklich… Jap. Ist doch ein Witz. Die Anästhesie hier lässt uns beim Venenzugang genau einen Versuch, wenn wir nicht treffen, müssen wir den Rettungsdienst rufen (ernsthaft). Aber die Blutentnahme hier muss ich selbst machen. Ärztliche Aufgabe und so. Der Junge hat zum Glück Venen wie Abflussrohre. Einmal gestochen, zwei hübsche Röhrchen gefüllt. Ich bin stolz auf mich. Darf man ja auch mal sein.

Während die Polizisten noch kurz was besprechen, nutze ich die Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die er mir wohl eher wahrheitsgemäss beantwortet, wenn die beiden nicht zuhören. Jap, er hat getrunken. Nein, nicht so viel. Jap, er kifft gelegentlich. Wieviel? Genug, dass der erste Test positiv ausgefallen ist. Pech, junger Mann.

Der Junge darf aufs WC, eine Urinprobe sei nicht nötig. Nun stelle ich die „unter vier Augen“-Frage an die Polizisten. „Wieviel hat er denn geblasen?“

„0.8 Promille. Hat aber noch den provisorischen Ausweis…“

Nicht mein Problem. Ich habe meine Aufgabe erledigt. Und das Blutnehmen hat Spass gemacht.

Habe den Polizisten gesagt, sie dürfen gern wiedermal vorbeikommen.

Alltag im Spital: Ops-Vorbereitung

Der Ops, kurz für „Operationssaal“. Where the macig happens, sozusagen.

Wir operieren 5 Tage die Woche, wobei sich die einzelnen Tage auf verschiedene Fächer aufteilen. Zum Beispiel operieren die Gynäkologen immer Mittwochs, alle anderen machen dann nur Notfälle. Am Montag und Freitag operiert der Allgemeinchirurg, Dienstag und Donnerstag die Orthopäden. Da die Gyn eine eigene Assistenzärztin hat, helfen wir am Mittwoch nur aus, wenn sie nicht da ist. Es gibt zwei Operationssäle. Das ist nicht viel, aber mehr brauchen wir meist auch nicht.

Morgens entscheiden die Assistenzärzte, wer in welcher OP assistiert. Wir entscheiden nach Interesse, Lust, Laune oder Arbeitsaufkommen auf der Station. Dann geben wir dem Ops-Personal durch, wer in welcher Operation assistieren wird, und die bieten uns dann direkt auf, wenn es soweit ist.

Weit bevor es losgeht, ruft mich jemand von der Ops-Pflege an und gibt mir Bescheid. Dann gehe ich in die Garderobe und muss mich umziehen. Der kleine Raum ist durch einen Balken getrennt. Wenn ich Schuhe, Hose und Shirt ausgezogen habe, klettere ich mit meinen kurzen Beinen über den Balken. Nun ziehe ich die Ops-Kleidung an: Blaues Shirt, blaue Hose. Und hässliche, aber praktische Ops-Schuhe, ähnlich wie Crocs. Weil man die einfach waschen kann.

Über die Haare ziehe ich zwei Hauben. Eine normale und eine, welche unten zwei Bändel hat, die ich um den Hals nehme und hinten zusammenbinde. So bin ich sicher, dass keine Haare mehr herausgucken, weil manche Ops-Schwestern die Angewohnheit haben, einem solche Haare auszureissen. Ebenfalls kommt ein Mundschutz dazu und meist eine Brille. Nicht, weil ich eine brauche, sondern damit mir nichts ins Auge spritzt. Bei manchen Operationen ist die Spritzgefahr hoch, zum Beispiel in der Orthopädie. Wenn ich keine Brille trage und mir spritzt etwas ins Auge, zahlt die Versicherung nichts.

Die Händedesinfektion mache ich mit Sterilium, also Händedesinfektionsalkohol. Zuerst reibe ich mir damit die Unterarme bis nach den Ellbogen ein, dann die Unterarme bis vor den Ellenbogen, dann nur die Hände bis und mit dem Handgelenk. Das jeweils etwa eine Minute. Dann kann ich den Saal betreten. Ich stelle mich in eine Ecke oder sitze auf einen Stuhl, und warte darauf, dass mich die Ops-Schwester einkleidet.

En struube Dunschtig

Der strube Donnerstag beginnt eigentlich ganz normal: mit einer Hüftprothese. Das ist eher anstrengend, am Anfang muss ich nämlich das Bein etwa eine Viertelstunde hochhalten, und das sind ja nicht die kleinen schlanken fitten Patienten. Ging aber gut.

Nach der Operation gehe ich auf die Station und besuche meine Patienten. Ich frage, wie es ihnen geht, beantworte ihre Fragen und stelle meine. Dann gehe ich ins Büro und schreibe auf, was wir besprochen haben. Ein ganz normaler Morgen.

Mein Telefon klingelt: Ich muss wieder in den Ops. Halluxoperation. Habe ich vorher noch nie gesehen, wird also spannend. In der Garderobe treffe ich auf meine Arbeitskollegin. Sie macht diese Woche die Gyn, weil die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist. „Hey, wir haben nachher noch einen Notfallkaiserschnitt. Wenn du Lust hast. Wir müssen eh zu zweit rein.“

„Klar, gern! Wann?“

„So um eins, wenn die Spinale sitzt.“

Das geht ja noch lange. Ich schätze , es ist gerade etwa um elf Uhr. Also in zwei Stunden. Was brauchen die denn so lang für die Spinale? Und Notfallsectios, sind die nicht – naja – notfallmässig sofort? Strub.

Ich gehe in den Ops, wir machen alles bereit, Operateur kommt, wir fangen an. Als er „Schnitt“ sagt und das Skalpell zückt, schaue ich auf die Uhr… Moment, wie? Es ist 12:40? Mist. Ich hab noch nichts gegessen. Was zur Hölle ist mit meinem Zeitgefühl falsch? Schade. Ich wollte das Baby sehen. Hoffentlich geht das hier schnell rum.

Tut es natürlich nicht. Halb drei sind wir etwa fertig. Mein Magen knurrt. 7 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit. Mein Fehler. Dämlich.

„Also. Ich mach auf der Fusskante zu, du auf dem Fussrücken.“, sagt der Operateur. Auch er ist froh, dass es vorbei ist.

„Einzelknöpfe?“ Ich habe immernoch keine Ahnung, welcher Operateur wann welche Naht bevorzugt. Es scheint relativ willkürlich. Manchmal geben sie das auch zu: Sie entscheiden aus dem Bauch heraus.

„Fortlaufend.“

Na gut. Das ist einfach. Ich nehme den Nadelhalter und Pinzette von der TOA (politisch korrekt für Ops-Schwester: Technisch operative Assistentin). Auf der einen Seite rein, auf der anderen raus. Knoten. Nicht abschneiden. Weiter. Auf der einen Seite rein, auf der anderen Seite raus. Shit bin ich hungrig. Ich merke deutlich die Unterzuckerung, ein strubes Gefühl. Alles ist dumpf, alles egal. Nur noch die Naht, dann kann ich raus.

Die Naht ist einfach und schnell gemacht, die Stiche einigermassen regelmässig, die Wunde dicht. Keine Unterhaut sichtbar, schön adaptiert. Wenn ich bei Sinnen wäre, wäre ich stolz. „So. Ich hoffe, das entspricht einigermassen dem, was du dir vorgestellt hast?“

Der Orthopäde wirft einen Blick drauf. „Überhaupt nicht.“

Ein kurzes „crap, jetzt muss ich von vorn beginnen“ schiesst mir durch den Kopf. Unter normalen Umständen wäre das für mich eine Katastrophe – er ist nicht zufrieden. Schlecht. Aber ich bin in meinem hypoglykämischen Delirium. Alles egal. „Soll ich es aufmachen?“

„Was du hier gemacht hast, ist ein Salamibund. Bei mir heisst fortlaufend immer Donati (eine andere, etwas schwierigere Art der Nahttechnik). Aber ist jetzt egal. Das geht auch. Ich mags nur lieber anders. Lass es ruhig so, es macht eigentlich keinen Unterschied.“ Er ist nicht böse, nicht unfreundlich, sein Tonfall verständnisvoll. Alles ist gut.

„Hab ich nicht gewusst…“

„Ich weiss. Ist schon gut, ist ja kein Problem.“

Wir legen den Verband an. Der Orthopäde geht. Ich muss der Anästhesie noch beim Umlagern helfen – also dabei, den Patienten wieder in sein Bett zu kriegen. Dann, endlich, kann ich raus. Umziehen. Ich kann nur noch ans Essen denken.

Es ist fast 15 Uhr. Der Ausgang aus der Garderobe ist gleich beim Notfall. Die Notfallpflege sieht mich sofort. „Ich habe einen Patienten für dich…“

„Muss essen. Hunger.“

„Ich weiss. Aber die andere Assistenzärztin ist noch im Ops und jemand muss ja…“

Patienten holen immer noch das Letzte aus mir raus. Nach der Behandlung hat mein Stoffwechsel umgestellt. Der Hunger ist weg, Appetit vergangen, Kopf klar. Trotzdem gönne ich mir rasch einen Kaffee. Zwei Stück Zucker. Jetzt gehts vorwärts. Noch ein Patient. Noch ein Bericht. Noch ein Rezept. Noch ein Patient. Dann helfe ich einer medizinischen Kollegin aus der Patsche. (Eine sehr gute Geschichte, welche sich aber um männliche Geschlechtsteile dreht, bin daher noch nicht sicher, ob sie hier angemessen ist)

Kurz nach 18 Uhr verlasse ich das Spital, zusammen mit meiner Arbeitskollegin. Wir müssen noch in die Stadt, etwas einkaufen für morgen. Der Zug hat eine halbe Stunde. Fast 12 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit.

20 Uhr bekomme ich endlich meine erste feste Mahlzeit seit 13 Stunden.

Ein struber Tag? Eigentlich nicht. Es kommt schon vor, dass wir keine Zeit zum Essen haben. Im Winter wirds dann wohl regelmässig so, wenn die Skisaison beginnt. Zum Glück hab ich Reserven.

Grüessech wou

Vor ein paar Wochen habe ich meine erste Stelle als Assistenzärztin auf der chirurgischen Abteilung eines kleinen Bergspitals gestartet. Hier teile ich mit euch meine Erfahrungen, Sonnen- und Schattenseiten, Geschichten und Gedanken – was ich bisher auf Facebook gemacht habe und nun hier in einer schöneren, einfacher lesbaren Form weiterführen möchte.

„gramsele“ oder „gramüsele“ ist Berndeutsch für „kribbeln“. Das war das erste spezifisch Berndeutsche Wort, das ich gelernt habe, und es gefällt mir. Ausserdem ist mir kein besserer Titel eingefallen.

Fragen, Themenvorschläge, Feedback, Anregungen und alles Weitere richtet ihr am besten direkt an mich. Ansonsten schreibe ich, wie die letzten Jahre auch, einfach darüber, was mir so in den Sinn kommt, und wovon ich hoffe, dass es euch unterhält, interessiert oder im schlimmsten Fall zum Nachdenken bringt. Ich freue mich auf euer Feedback!