En struube Dunschtig

Der strube Donnerstag beginnt eigentlich ganz normal: mit einer Hüftprothese. Das ist eher anstrengend, am Anfang muss ich nämlich das Bein etwa eine Viertelstunde hochhalten, und das sind ja nicht die kleinen schlanken fitten Patienten. Ging aber gut.

Nach der Operation gehe ich auf die Station und besuche meine Patienten. Ich frage, wie es ihnen geht, beantworte ihre Fragen und stelle meine. Dann gehe ich ins Büro und schreibe auf, was wir besprochen haben. Ein ganz normaler Morgen.

Mein Telefon klingelt: Ich muss wieder in den Ops. Halluxoperation. Habe ich vorher noch nie gesehen, wird also spannend. In der Garderobe treffe ich auf meine Arbeitskollegin. Sie macht diese Woche die Gyn, weil die Gyn-Assistenzärztin nicht da ist. „Hey, wir haben nachher noch einen Notfallkaiserschnitt. Wenn du Lust hast. Wir müssen eh zu zweit rein.“

„Klar, gern! Wann?“

„So um eins, wenn die Spinale sitzt.“

Das geht ja noch lange. Ich schätze , es ist gerade etwa um elf Uhr. Also in zwei Stunden. Was brauchen die denn so lang für die Spinale? Und Notfallsectios, sind die nicht – naja – notfallmässig sofort? Strub.

Ich gehe in den Ops, wir machen alles bereit, Operateur kommt, wir fangen an. Als er „Schnitt“ sagt und das Skalpell zückt, schaue ich auf die Uhr… Moment, wie? Es ist 12:40? Mist. Ich hab noch nichts gegessen. Was zur Hölle ist mit meinem Zeitgefühl falsch? Schade. Ich wollte das Baby sehen. Hoffentlich geht das hier schnell rum.

Tut es natürlich nicht. Halb drei sind wir etwa fertig. Mein Magen knurrt. 7 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit. Mein Fehler. Dämlich.

„Also. Ich mach auf der Fusskante zu, du auf dem Fussrücken.“, sagt der Operateur. Auch er ist froh, dass es vorbei ist.

„Einzelknöpfe?“ Ich habe immernoch keine Ahnung, welcher Operateur wann welche Naht bevorzugt. Es scheint relativ willkürlich. Manchmal geben sie das auch zu: Sie entscheiden aus dem Bauch heraus.

„Fortlaufend.“

Na gut. Das ist einfach. Ich nehme den Nadelhalter und Pinzette von der TOA (politisch korrekt für Ops-Schwester: Technisch operative Assistentin). Auf der einen Seite rein, auf der anderen raus. Knoten. Nicht abschneiden. Weiter. Auf der einen Seite rein, auf der anderen Seite raus. Shit bin ich hungrig. Ich merke deutlich die Unterzuckerung, ein strubes Gefühl. Alles ist dumpf, alles egal. Nur noch die Naht, dann kann ich raus.

Die Naht ist einfach und schnell gemacht, die Stiche einigermassen regelmässig, die Wunde dicht. Keine Unterhaut sichtbar, schön adaptiert. Wenn ich bei Sinnen wäre, wäre ich stolz. „So. Ich hoffe, das entspricht einigermassen dem, was du dir vorgestellt hast?“

Der Orthopäde wirft einen Blick drauf. „Überhaupt nicht.“

Ein kurzes „crap, jetzt muss ich von vorn beginnen“ schiesst mir durch den Kopf. Unter normalen Umständen wäre das für mich eine Katastrophe – er ist nicht zufrieden. Schlecht. Aber ich bin in meinem hypoglykämischen Delirium. Alles egal. „Soll ich es aufmachen?“

„Was du hier gemacht hast, ist ein Salamibund. Bei mir heisst fortlaufend immer Donati (eine andere, etwas schwierigere Art der Nahttechnik). Aber ist jetzt egal. Das geht auch. Ich mags nur lieber anders. Lass es ruhig so, es macht eigentlich keinen Unterschied.“ Er ist nicht böse, nicht unfreundlich, sein Tonfall verständnisvoll. Alles ist gut.

„Hab ich nicht gewusst…“

„Ich weiss. Ist schon gut, ist ja kein Problem.“

Wir legen den Verband an. Der Orthopäde geht. Ich muss der Anästhesie noch beim Umlagern helfen – also dabei, den Patienten wieder in sein Bett zu kriegen. Dann, endlich, kann ich raus. Umziehen. Ich kann nur noch ans Essen denken.

Es ist fast 15 Uhr. Der Ausgang aus der Garderobe ist gleich beim Notfall. Die Notfallpflege sieht mich sofort. „Ich habe einen Patienten für dich…“

„Muss essen. Hunger.“

„Ich weiss. Aber die andere Assistenzärztin ist noch im Ops und jemand muss ja…“

Patienten holen immer noch das Letzte aus mir raus. Nach der Behandlung hat mein Stoffwechsel umgestellt. Der Hunger ist weg, Appetit vergangen, Kopf klar. Trotzdem gönne ich mir rasch einen Kaffee. Zwei Stück Zucker. Jetzt gehts vorwärts. Noch ein Patient. Noch ein Bericht. Noch ein Rezept. Noch ein Patient. Dann helfe ich einer medizinischen Kollegin aus der Patsche. (Eine sehr gute Geschichte, welche sich aber um männliche Geschlechtsteile dreht, bin daher noch nicht sicher, ob sie hier angemessen ist)

Kurz nach 18 Uhr verlasse ich das Spital, zusammen mit meiner Arbeitskollegin. Wir müssen noch in die Stadt, etwas einkaufen für morgen. Der Zug hat eine halbe Stunde. Fast 12 Stunden seit meiner letzten Mahlzeit.

20 Uhr bekomme ich endlich meine erste feste Mahlzeit seit 13 Stunden.

Ein struber Tag? Eigentlich nicht. Es kommt schon vor, dass wir keine Zeit zum Essen haben. Im Winter wirds dann wohl regelmässig so, wenn die Skisaison beginnt. Zum Glück hab ich Reserven.

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Grüessech wou

Vor ein paar Wochen habe ich meine erste Stelle als Assistenzärztin auf der chirurgischen Abteilung eines kleinen Bergspitals gestartet. Hier teile ich mit euch meine Erfahrungen, Sonnen- und Schattenseiten, Geschichten und Gedanken – was ich bisher auf Facebook gemacht habe und nun hier in einer schöneren, einfacher lesbaren Form weiterführen möchte.

„gramsele“ oder „gramüsele“ ist Berndeutsch für „kribbeln“. Das war das erste spezifisch Berndeutsche Wort, das ich gelernt habe, und es gefällt mir. Ausserdem ist mir kein besserer Titel eingefallen.

Fragen, Themenvorschläge, Feedback, Anregungen und alles Weitere richtet ihr am besten direkt an mich. Ansonsten schreibe ich, wie die letzten Jahre auch, einfach darüber, was mir so in den Sinn kommt, und wovon ich hoffe, dass es euch unterhält, interessiert oder im schlimmsten Fall zum Nachdenken bringt. Ich freue mich auf euer Feedback!