Live and let die

Ich habe gerade einen Patienten ins Zentrumspital verlegt. Einen jungen Mann, noch keine 40, mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Aortendissektion, also ein Defekt im grössten Blutgefäss des Körpers. Als er auf den Notfall kam, hat mich die Notfallpflege, Jeanne, sofort hinzugerufen. „Mit dem istwas nicht gut“, raunt sie mir zu, und ich teilte ihre Meinung nach knapp einer Minute Gespräch mit ihm. Mich beschlich ein ganz ungutes Gefühl, und ich bat den noch anwesenden Kollegen, der soeben nach Hause wollte, doch noch kurz zu bleiben – eine gute Entscheidung. 5 Minuten später wurde das erste EKG gemacht, und irgendwas war daran nicht sauber. Ein klarer Infarkt war es nicht, aber normal auch nicht. Ich rief den diensthabenden Mediziner, den Chefarzt, an. Noch während dem Telefonat wurde der Patient bewusstlos – natürlich genau in dem Moment, als die Radiologieassistentin ihre grosse EKG-Maschine abhängt und Jeanne den Patienten noch nicht an den Monitor anschliesst, weil sie gerade einen Zugang legt. „Wir sind eventuell gleich am Reanimieren. Wäre vielleicht gut, wenn du kommst“, sage ich zum Chef, hänge auf – und mein Kollege und ich legen los. Zum Glück ist er geblieben.

Am Ende mussten wir nicht reanimieren. Er kam von selbst wieder, und wir haben ihn mit der Ambulanz verlegt. Danach bin ich komplett aufgewühlt vom Adrenalin und der Verantwortung und der ganzen Geschichte, und ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen. Es ist erst halb 11, die Nacht ist noch lang.

Der wird mir nicht gegönnt. Die Pflege ruft an und informiert mich, dass Herr Z., ein alter, dementer Patient, verstorben sei. Ich müsse den Tod bestimmen. Immernoch durch den Wind, mache ich mich auf den Weg.

Herr Z durfte sterben. Es mag ein Tabuthema sein in unserer Gesellschaft, aber wir alle sterben. Und irgendwann mal soll man das auch dürfen. Herr Z’s Demenz war… Schlimm. Er hat viel geschrien und geklagt, und hatte seit kurzem auch noch eine Lungenentzündung und hohes Fieber.

Den Tod zu bestimmen, eilt nicht. Das erste sichere Zeichen sind Totenflecken, und die treten erstmals etwa eine halbe Stunde nach dem Todeszeitpunkt auf. Weitere sichere Zeichen sind Totenstarre (nach ein paar Stunden), Fäulnis (je nachdem, geht aber länger) und Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind.

Die Pflege hat mich, dessen bewusst, etwa eine Stunde nach dem Tod dazugerufen. Nun darf ich noch ins Zimmer gehen und mich davon überzeugen.

Im Einzelzimmer ist es kalt und dunkel. Mir ist mulmig. Nein, natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich einen Toten sehe. Auch nicht einen frisch Verstorbenen. Aber es ist das erste Mal, dass ich den Tod feststellen muss. Der Patient liegt im Bett, bedeckt durch ein Leintuch. Ich stelle alle Lichter an und lasse die Tür ein Stück offen. So fühle ich mich wohler.

Ich stehe eine Armlänge vom Bett entfernt. Im Hinterkopf immernoch der junge Mann von vorhin, das Gefühl im Bauch, als ich gedacht habe, „der könnte mir hier gleich sterben.“ Wohl fühle ich mich nicht. Kein bisschen. Es verstreichen ein paar Sekunden, bis ich das Leintuch anfassen kann. Ich nehme einen Zipfel in die Hand und schlage das Tuch um.

Das hier ist kein Gore-Blog. Ich werde nicht beschreiben, wie das aussieht. Aber ich sehe die Totenflecken, lege das Leintuch wieder über ihn und verlasse das Zimmer. Zu mehr kann ich mich nicht überwinden.

Ich gehe rüber auf die Gyn. Hier ist Leben. Ein Säugling wird im Stationzimmer von einer Pflegefachfrau beruhigt, weil es Bauchkrämpfchen hat.

Ich fühle mich erst wieder besser, als ich mich dem nächsten Notfallpatienten widmen kann. Die Arbeit lenkt mich ab.

Werbeanzeigen

Daumenschmerzen

Der Rettungsdienst kündet sich mir am Freitag gegen 3 Uhr nachts an. Sie bringen mir eine junge Patientin mit Verdacht auf einengebrochenen Daumen. Ich bin schon im Pikettzimmer im schönen, warmen Bett. Geschlafen habe ich eigentlich noch nicht, aber das machts ja nun auch nich besser.

Die netten Kollegen bringen mir zwei junge Frauen: Die Patientin und ihre Kollegin. Die linke Hand ist mit einem SamSplint geschient, alle sind guter Dinge. Die Patientin, nennen wir sie Nadja, entschludigt sich wiederholt und beteuert, ihr sei das Ganze unglaublich peinlich. Soweit, so gut.

Der Kollege vom Rettungsdienst erzählt mir kurz. Nadja, 22, ist gestossen worden und nach hinten gefallen. Sie hat versucht, sich mit der linken Hand aufzufangen, und sich dabei irgendwie den Daumen angeschlagen. Genaueres kann sie nicht sagen. Sie ist betrunken, aber immerhin noch gut gehfähig. Sonst gesund.

Die Sanitäter müssen wieder gehen, sie sind im Bergdorf stationiert. Ich bin allein mit den Frauen im Notfall. Ich packe den Daumen aus und sehe ihn mir mal an. Noch sind alle gut drauf. Nadja entschuldigt sich wieder und verspricht, gar nicht so betrunken zu sein.

„Ich hab total Mundgeruch“, sagt sie. „Hast du einen Kaugummi?“

„Nur den, den ich gerade im Mund habe“, antworte ich.

„Kann ich den haben?“ – „Ähm… Nein?“ – „Komm schoooooon…“ – „Nein.“

Bei der kleinsten Berührung jammert Nadja lautstark. Ich lasse es also bleiben und bestelle mir die Radiologieassistentin ein, die auf Pikett ist. Während ich einen Fall eröffne und Nadjas Daten in den Computer eingebe, beginnt Nadja im Behandlungszimmer zu schluchzen.

„Iiiiich kann doch gahahar nichts dafür“, schnieft sie. Ihre Kollegin tröstet sie nach Kräften. Nadja ist fast untröstlich. Das ändert sich auch nicht, als sie 10 Minuten später zum Röntgen abgeholt wird.

Ich sehe keinen Bruch auf dem Röntgenbild. Standardmässig würde ich ihr nun eine Gipsschiene anfertigen und sie am nächsten Morgen zur Kontrolle einbestellen, damit ein Orthopäde sich das Ganze noch anschauen kann. Ich kanns ja nicht untersuchen, weil sie solche Schmerzen hat, und es könnte immernoch eine Sehne verletzt sein. Das sieht Nadja ganz anders.

„Aber morgen ist [ein Sportevent]! Wir sind extra dafür hierher gekommen, und gehen nachher wieder nach Hause!“

„Ich kann den Daumen nicht untersuchen. Ich kann also noch nicht sagen, ob vielleicht eine Sehne verletzt ist. Es wäre wirklich besser, du würdest morgen nochmal vorbeikommen.“

„Nein… Morgen habe ich echt keine Zeit. Ich geh am Montag zum Hausarzt.“

Wir diskutieren noch ein bisschen. Wirklich umstimmen muss ich sie nicht. Sie hat nichts wirklich Gefährliches, nichts, das man sofort behandeln müsste. Bis am Montag ist die Schwellung etwas abgeklungen und der Daumen ist besser untersuchbar. Dann eben. Ich kann sie ja kaum zwingen.

Ich beginne, die Gipssachen zusammenzutragen, um eine Daumenschiene herzustellen. Währenddessen ruft die Kollegin ungefragt und in Eigenregie ein Taxi. „Wie lange brauchst du für den Gips?“, fragt sie mich.

Eigentlich will ich darauf garnicht antworten. Ich hab so lange, wie ich eben habe, das hier ist ein Spital. Ich habe aber auch keine Lust mehr, zu diskutieren. „Eine Viertelstunde.“ Sie bestellt das Taxi für in 20 Minuten. Ich schneide den Gips zurecht, mache ihn nass und passe ihn an. Dann umwickle ich ihn mit einer elastischen Binde, damit er sich gut anfügt. Nadja jammert wieder. Um sich abzulenken, singt sie lautstark „Wänni nume wüsst wo s’Vogellisi wär“. Ihre Kollegin stimmt ein. Zwischendurch kommen immer wieder Schluchzattacken von Nadja. Ich bin müde und genervt.

Kaum bin ich fertig, springen sie Frauen auf. „Taxi wartet!“, rufen sie, und springen zur Tür hinaus. Nadja lässt ihr Handy liegen. Ich rufe ihr hinterher, sie holt es sich und rennt ihrer Freundin nach.

Ich räume das Gipsmaterial weg, nach wie vor genervt. Zur Beruhigung gehe ich auf die Gyn. Ich habe Glück, ein Säugling soll noch ein Fläschchen bekommen, und ich darf ihn füttern. Der Ärger vergeht langsam.

Ich gehe wieder ins Pikettzimmer und versuche, noch ein bisschen zu schlafen.

Kleines Kind, grosses Problem

Manchmal geht nicht alles gut.

Ich hab wiedermal die Gyn. Deshalb darf ich auch in den Ops für einen geplanten Kaiserschnitt – medizinisch Sectio genannt. Das Baby liegt verkehrt herum, es hat zuviel Fruchtwasser im Bauch. Im Zentrumsspital wurden deshalb Abklärungen gemacht, das Baby wurde für gesund befunden. Etwas klein vielleicht. Aber das geht schon.

Neben mir am Tisch ist eine junge Hebamme in Ausbildung, die den undankbaren Job des zweiten Assistenten übernimmt: Haken halten. Die Operation geht gut voran. Die Gebärmutter kommt zum Vorschein, wird aufgeschnitten, wie eine Fontäne spritzt das Fruchtwasser. Dann kommt das kleine blaue Ding aus dem Bauch, die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. Mama freut sich. Ich sauge das Mäulchen ab. Das Kind ist klein. Bübchen. Es wird abgenabelt und der Hebamme in die Arme gelegt. Kurzes Hallo zur Mama, dann verschwinden Hebamme, Anästhesist und Bub nach draussen, wo der Kleine untersucht wird.

Lange hören wir nichts. Wir haben aber sowieso unseren eigenen Job, wir nähen Mama zu. Irgendwann wird der sonst so ruhige Operateur unruhig und ruft nach einem Anästhesisten.

Baby ist immernoch draussen mit der Hebamme und dem Narkose-Team.

Der Anästhesist sagt, dass das Bübchen nicht gut atmet. Es braucht noch Sauerstoff. Man will das Kinderspital kontaktieren, will aber auch noch etwas warten und dem Kind Zeit geben, sich selbst zu erholen. Neugeborene sind stärker, als sie aussehen. Tatsächlich atmet er bald selbst. Noch etwas langsam, aber er braucht keinen Sauerstoff und ist schön rosa. Die Hebammen entschliesst sich, Kind und Papa hoch in den Gebärsaal zu nehmen und es dort weiter zu überwachen. Wir nähen fertig.

Plötzlich ruft der Anästhesiepfleger nach seinem Chef. Wenn Anästhesisten laut werden, dann ist die Kacke am Dampfen, so die Faustregel. Bübchen atmet nicht mehr.

Die Kinderärztin aus dem Zentrumsspital wird per Heli eingeflogen, aber so schnell ist sie auch nicht da. Bübchen wird beatmet – und erholt sich wieder. Schliesslich atmet er wieder von selbst, braucht aber immernoch Sauerstoff.

Nach der OP bereite ich den Bericht fürs Kinderspital vor, drucke Schwangerschaftskontrollen und Laborwerte aus. Der Heli kommt an, und zusammen mit dem Chefgynäkologen übergeben wir den Kleinen an die Spezialistin. Sie untersucht Bübchen, legt einen Venenzugang, klebt ein Pflaster mit kleinen Bärchen drauf und legt eine Magensonde. Später werde ich mich fragen, wo die wohl gelandet ist, weil sich herausstellen wird, dass Bübchen keine richtige Speiseröhre hat. Mama und Papa sind in der Nähe und fassungslos. Glaube ich gern. Muss das nicht etwas vom Schlimmsten sein, ein Kind auf die Welt zu bringen, nur um es danach sofort wegzugeben, ohne Gewissheit, was mit ihm passiert und was es hat?

Irgendwann sind alle so weit. Bübchen liegt in einem warmen Brutkasten, verkabelt und eingepackt. Das Heli-Team fliegt los. Mama und Papa bleiben zurück. Papa wird im Lauf des Tages ins Kinderspital folgen, für Mama werde ich eine Verlegung am nächsten Tag in die dort nahe Frauenklinik organisieren. Ich werde lange mit verschiedenen Oberärzten kämpfen, um ihr ein Bett zu beschaffen, bis schliesslich der Kinderchirurg auf einer sofortigen Verlegung der Mutter bestehen wird, damit sie vor der Operation nochmal zu ihrem Kind kann. Und wenns der Kinderchirurg sagt, dann passiert es auch.

Und ich weiss einen weiteren Grund, warum Geburtshilfe einfach nicht mein Ding ist.

Die Pille danach

„Ich hätte da eine Patientin…“, sagt Fiona, die Notfallpflegefachfrau. Es ist neun Uhr abends, mein allererster Nachtdienst hat vor einer Stunde begonnen. Ich nicke, und sie fährt fort: „Eine 15jährige will die Pille danach. Sie ist mit ihrem Freund da. Und ihrer Mutter.“

Ach Mist. Wiedermal etwas, was ich noch nie gemacht habe. Zum Glück weiss ich ungefähr, wie das ablaufen sollte, dank einem super Apotheker-Blog. Pharmama hat schon ein paar Mal darüber geschrieben. Die wichtigsten Dinge bringe ich sicher zusammen.

Ich betrete das Zimmer. Das Paar sitzt auf der Liege, eng beieinander. Er hält fest ihre Hand. Mama sitzt gegenüber. Die Stimmung ist locker – so habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Bevor ich beginne, wende ich mich trotzdem an die Mutter.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, draussen zu warten? In der Regel geht sowas einfacher, wenn die Eltern nicht dabei sind.“ Die Mutter scheint erleichtert, lacht, stimmt zu, steht auf und geht. Wow. Das war einfacher als erwartet.

Die junge Frau beantwortet meine Fragen. Letzte Mens vor 2 Wochen. Mit Kondom verhütet, was passiert ist, wissen sie nicht. Abgerutscht, geplatzt, irgendwas. Vor eineinhalb Stunden. Sie sind sofort zur Mutter und mit ihr sofort hierher. Ob sie immer mit Kondom verhüten? Ja, aber es war auch erst das zweite Mal. Sie will zum Frauenarzt für die Pille.

Irgendwie bin ich beeindruckt. 15 Jahre alt, sitzen sie vor mir, du übernehmen Verantwortung für ihr Handeln. Kein betrunkener, ungeschützter Partysex. Kein Leichtsinn, kein. Einfach ein Unfall, etwas, das passieren kann, und jetzt tragen sie die Konsequenzen.

Nach dem Gespräch erhält das Mädchen die Pille danach von mir. Die Spitalvorschrift lautet, dass diese gleich bar bezahlt werden muss, und ihr Freund zückt sofort das Portemonnaie. Die Mutter, die ich inzwischen wieder dazu geholt habe, meint, sie würde es auch zahlen, aber der junge Mann widerspricht ihr sofort. „Nein nein, das war unser Fehler. Ich mach das schon.“

Das scheint mir irgendwie das best case Szenario zu sein. Teenies, die Verantwortung übernehmen, und Mütter, die unterstützen. Kein Tabu, kein Schimpfen, kein Verheimlichen.

Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sowas nicht unbedingt die Norm ist.

Gyn: mal etwas Positives

Manchmal erlebt man auch Schönes auf der Gyn.

Eine Frau wird auf mein Telefon durchgestellt, weil sie gern mit einer Ärztin von der Gyn sprechen möchte. Dass ich dafür eigentlich die falsche Person bin, interessiert niemanden, denn ich betreue nach wie vor die gynäkologischen Patienten, und zum Chef wird man ja nicht so einfach durchgestellt.

„Kraut-und-Rübenspital, Assistenzärztin Stephanie?“

„Guten Tag, mein Name ist Eug. Ich habe eine Frage, und zwar bin ich in der achten Woche schwanger, aber seit gestern habe ich so komische Krämpfe und Blut am Toilettenpapier, und ich mache mir Sorgen, weil, ich habe Morbus Crohn [eine entzündliche Erkrankung des Darm] und nehme Medikamente, und die Schmerzen sind ja schon komisch…“

Ich stelle ein paar Fragen, die mir sinnvoll erscheinen. Ich kratze all mein Wissen über Blutungen und Schmerzen in der Schwangerschaft zusammen – was nicht besonders viel ist. Alles läuft jedoch auf eins raus: Es könnte eine Eileiterschwangerschaft sein. Und die kann böse enden. Ich bestelle die besorgte 28jährige ins Spital und informiere danach den Chef darüber. Dann lese ich kurz ein paar Sachen im Geburtshilfebuch nach und schreibe mir Fragen auf, die ich unbedingt stellen muss.

Als die Frau schliesslich ankommt, ordne ich eine Blutentnahme und einen Urintest an. Ich stelle alle meine sorgfältig durchdachten Fragen. Frau Eug ist gefasst, aber ängstlich. Sie versucht schon seit einer Weile schwanger zu werden, und jetzt hat es endlich geklappt. nächste Woche hätte sie einen ersten Termin bei der Frauenärztin, die heute in den Ferien ist. Sie hat sich unglaublich auf denkleinen Zellhaufen in ihrem Bauch gefreut – und sieht nun alles vor ihren Augen zusammenzubrechen.

Im Blut ist nichts zu sehen. Der Urintest sagt aus, dass sie schwanger ist, mehr nicht. Wir gehen zum Gynäkologen in die dem Spital angebaute Praxis, und er macht einen Ultraschall. Ich verdrück mich in eine Ecke, bleib aber dabei. Das kann ich mir nicht entgehen lassen.

Im Ultraschall sieht man die Gebärmutter, mit dem Hohlraum, den es gibt, wenn sie gröser wird. Und darin eine runde, helle Struktur. „Der Dottersack“, kommentiert der Gynäkologe. Er kippt den Schallkopf ein bisschen – und da ist es. Grau, länglich, undefinierbar, aber mit einer sich regelmässig bewegenden Struktur in der Mitte. Der Embryo. Ein kleines zukünftiges Leben.

Der Gynäkologe strahlt. „Sehen Sie das hier? Das ist ihr Baby. Es misst 5 Millimeter, und hier“ – er zeigt mit dem Mauszeiger auf die bewegende Struktur – „ist das Herz. Wollen Sie es hören?“

Frau Eug ist den Tränen nahe und nickt vehement. Der Gynäkologe drückt ein paar Knöpfe, und wir hören das rauschen. Wie Wellen, schnell, aber regelmässig.

Wir dürfen sie also nach Hause schicken mit der Gewissheit, dass mit ihrer Schwangerschaft für den Moment alles in Ordnung ist. Sie hat zum ersten Mal das Herz ihres Kindes schlagen gesehen und gehört, und ich durfte dabei sein. Sie bedankt sich überschwänglich und verabschiedet sich mit den Worten „Das ist das schönste Neujahrsgeschenk“.

Für mich irgendwie auch.

Winter is coming

Das Wetter ist strahlend schön. Ich weiss das, weil’s auf dem Notfall Deckenfenster hat. Man sieht direkt den Himmel, wenn man nach oben schaut, und ich sehe nur blauen Himmel. Die Skigebiete in der Gegend sind offen. Schnee hat’s kaum, alles ist hart und gefroren und Kunstschnee. Ein gefrorener See lockt zum Spazieren und Schlittschuhlaufen.

Wir ahnen Böses.

Es beginnt am frühen Vormittag und zieht sich bis in den späten Abend. Eine junge Frau ist beim Klettern mit dem Fuss umgeknickt und gestürzt. Eine 50jährige Frau ist auf dem Weg zum See ausgerutscht und auf den Ellbogen gefallen. Eine 80jährige ist auf dem Weg zum See gestürzt, hat sich mit den Händen abgefangen und bricht sich beide Handgelenke. Drei junge Männer sind beim Skifahren gestürzt und haben sich das Knie verdreht. Nochmals zwei Personen mit gebrochenen Handgelenken, nochmals jemand mit gebrochenem Fussgelenk.

Der Rettungsheli fliegt, die Ambulanz fährt nonstop. Manche Patienten werden von einem auswärtigen Rettungsdienst gebracht, weil unsere beiden Equipen schon unterwegs sind. Manchmal bringt ein Rettungswagen gleich zwei Verletzte gleichzeitig, um Fahrten uns Zeit zu sparen. Das Wartezimmer ist voll, alle Notfallbetten sind voll, der Chirurg kommt aus dem Ops jeweils nur kurz raus, um Patienten kurz über ihren anstehenden Eingriff zu informieren. Die Röntgenbilder, die wir ihm zeigen wollen, schaut er sich an, während er am Tisch steht, dafür hat’s im Saal extra einen riesigen Bildschirm.

Wir sind zwei Assistenzärztinnen auf der Chirurgie, plus zwei ganz frische Unterassistenten, das sind Studenten, welche bei uns ein Praktikum machen. Auf der Medizin sind nochmal zwei Assistenzärzte, und sie unterstützen uns tatkräftig, während wir Patient nach Patient untersuchen, röntgen lassen, Berichte schreiben, Rezepte ausstellen, Schienen anpassen und zwischendurch noch auf Station das Eine oder Andere erledigen. Ein ganz normales Chaos.

Dann plötzlich ist der Spuk vorbei. Draussen ist es dunkel, wir haben gar nicht gemerkt, wie es Abend wurde. Das Wartezimmer ist leer, auf mich wartet noch jemand, um sein Rezept zu erhalten. Der Chirurge wirft kurz einen Blick in die Runde und geht nach Hause, um Abendzuessen. Er wird spätestens in einer Stunde wieder hier sein, wenn nötig, kommt er früher. Der Vorteil am kleinen Kraut-und-Rüben-Spital: man wohnt nahe. Man kann kurz nach Hause, Frau und Kinder sehen, und wenns nötig wird, ist man in 5 Minuten wieder da.

Ich kann kurz nach 9 nach Hause. Ich bin totmüde. Und morgen wird das Wetter nicht schlechter.

Die Saison ist eröffnet.

Sunday, bloody sunday

Meilensteine gibt es für Assistenzärzte viele. Der erste Dienst, die erste Nacht, das erste Wochenende. Nach eineinhalb Monaten Eingewöhnungszeit war es auch bei mir mit letzterem soweit.

Eigentlich war ich krank. Seit Dienstag schon. Montag ging noch gut, dann begannen die Halsschmerzen, die mich sogar nachts weckten. Mit 38.5° habe ich am Dienstag Abend gegen 10 meinen Dienst beendet. Am nächsten Tag war das Fieber weg, besser ging es mir aber nicht – nach der Chefvisite schickte mich meine Kollegin nach Hause. Dann kam der Husten und Heiserkeit. Und schliesslich das Wochenende.

Samstag ging gut – weil ich nicht allein war. Wer am Sonntag Dienst hat, kommt am Samstag nur für die Visite, und die dauerte nur etwa 2 Stunden. Weil dann doch 3 Notfälle gleichzeitig ankamen, blieb ich noch, um die ambulanten geplanten Patienten zu sehen, die für irgendwelche Nachkontrollen kamen. Ich flüsterte mich durch die Sprechstunden und hustete mich durch die Besprechungen mit Chefarzt oder Pflege. Gegen 1 Uhr Mittags war ich schliesslich zurück im Zimmer und verbrachte den Rest des Tages mit Schlafen und Computerspielen.

Sonntag war die Bewährungsprobe. Immernoch heiser, immernoch hustend – und zum ersten Mal kein anderer Assistenzarzt im Haus, den man noch kurz was fragen kann, wenn man nicht sicher ist. Nur man selbst und die Chefs, deren Ziel es ist, nur gerade so oft wie nötig gestört zu werden.

Eigentlich begann es recht gut. Ein 3ähriger mit Ohrenschmerzen. Visite auf der Chirurgie, dann der Gyn, dann der Medizin. Nur „Kardex-Visite“, sprich, man braucht nicht die Patienten selbst alle zu sehen, sondern bespricht sie mit der Pflege. Die Pflege wiederum hält sonntags einen Brunch ab, den sie von der Küche erhalten, mit Brot, Käse, Fleisch, allem, was das Herz begehrt. Ich konnte mir genug Zeit für den Brunch nehmen, ein bisschen mit den Ladies tratschen, mampfen. Bis irgendwann die Notfallpflege anrief und mich informierte, es sei eine Patientin auf dem Weg zu uns. Und fünf Minuten später noch eine zweite.

Ich löste noch ein paar Probleme auf der Chirurgie. Dokumentierte, schrieb Berichte und bereitete Entlassungspapiere vor. Dann das Telefon, die Patientin sei auf dem Notfall angekommen – und 10 Sekunden später rief die Hebamme an, ich müsse zur Geburt. Jetzt. Wir brachten also ein kleines Mädchen zur Welt, Wassergeburt (eklig). Mutter und Kind tiptop. Trotzdem, das dauert. Knapp eine Stunde später komme ich auf dem Notfall an und stelle mit Begeisterung fest, dass sich mein Uhu (meine Studentin im praktischen Jahr) bereits einen angeschaut und aufgegleist hat.

Ich sehe noch mehr Patienten. Und noch mehr. Führe ein Telefonat mit einer Dame, deren betagter Ehemann natürlich genau jetzt, genau am Sonntag Mittag, feststellt, dass er von diesem superwichtigen Herzmedikament keine Tabletten mehr hat. Noch mehr Patienten. Noch mehr Probleme auf Station. Schliesslich wird es ruhiger. Zwei letzte Patienten schlagen auf. Mein Uhu übernimmt den einen, ich den anderen. Meiner ist recht schnell abgehakt. Auf der linken Seite sind beide Schambeinäste und das Sitzbein gebrochen. Der bleibt über Nacht. Rasch alles aufgleisen, Bett organisieren, auf Station verlegen. Uhu hat länger mit ihrem, ist aber komplett selbständig. Reinzupfuschen wäre gemein, das ist ihr Patient.

Die Nachtärztin kommt. Ich bin frei.

Immernoch hustend und komplett ohne Stimme trete ich die über 2h Zugfahrt nach Zürich an. Ich werde meine ganzen Weihnachtsferien damit verbringen gesund zu werden.

Wenn ich das Wochenende krank überstehe, werde ich es auch gesund überstehen. Voller Erfolg. Wieder ein Meilenstein abgehakt.