Sicherheit im Spital: OP-Checklisten

Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.

Nun ist es aber so, dass nicht jeder Fehler gleich schlimme Folgen hat. Wenn ich im Supermarkt Bananen wäge, aber die falsche Nummer drücke und die Waage den Preis für Aprikosen berechnet, dann hat das in der Regel keine schlimmen Folgen.

Im Spital ist das anders. Hier können Fehler im schlimmsten Fall für Patienten bleibende Schäden verursachen oder zum Tod führen. Daher setzen Spitäler viel daran, die Sicherheit für Patienten zu verbessern. Wir orientieren uns da stark an der Luftfahrt. Auch hier können Fehler schreckliche Folgen haben, weshalb viele Vorschriften, Protokolle und Checklisten erarbeitet wurden. In den nächsten Wochen möchte ich deshalb das Thema Sicherheit im Spital etwas in den Vordergrund stellen, Dinge erklären und Geschichten dazu erzählen.

2001 wurde im Kanton Tessin einem Patienten das falsche Bein amputiert. Ein Super-GAU, welcher die Grundlage für viele Veränderungen war. Eine davon war die Einführung von Operationschecklisten, wie sie die WHO vor etwas über 10 Jahren (erst!) eingeführt hat.

Die Checkliste wird an verschiedenen Stellen durchgeführt: Auf Station, bei der Übergabe der Stationspflege an das Anästhesiepersonal, vor der Operation und nach der Operation. Dabei werden an mehreren Positionen die gleichen Fragen gestellt, einfach nur, um sicher zu sein. Erstaunlicherweise kommt das bei den Patienten selber meist so mässig gut an – sie sind eher irritiert, weil sie nun schon zum dritten Mal ihren Namen sagen müssen, und zeigen gelegentlich auch wenig Verständnis, wenn man ihnen erklärt, dass das ihrer Sicherheit dient.

Wie so ein Ablauf aussieht, möchte ich an Herrn Max Muster aufzeigen, der zum Einbau einer Knieprothese hier ist.

Auf Station prüft die Pflegekraft die Identität des Patienten, fragt nach Name, Geburtsdatum und Eingriff. Die zu operierende Seite wird entweder durch Herrn Muster selber oder durch den Stationsarzt mit einem dicken, schwarzen Stift markiert. Meist gibt es ein grosses X, manche Ärzte (vor allem Ärztinnen) machen auch gerne mal Smileys. Was wir nicht so mögen, ist, wenn Patienten noch Notizen auf ihre Gliedmassen machen, weil das gelegentlich zu Missverständnissen und Unsicherheit führt.

Ebenfalls fragt die Pflege nach Allergien und der Einhaltung der Nüchternheit, kontrolliert, ob der Schmuck ausgezogen und das Gebiss entfernt wurde. Herr Muster hat noch alle seine eigenen Zähne und er verspricht, seit 6 Stunden weder gegessen noch getrunken zu haben. Dann unterschreibt die Pflege den ersten Teil der Checkliste und bringt den Patienten zu uns.

Am Übergang vom „normalen“ Spitalbereich zum OP-Bereich warte ich schon. Eine breite Schiebetür geht auf, als die Pflege das Bett mit Herrn Muster drin abgestellt hat.

Auch ich frage zuerst nach dem Namen und dem Geburtsdatum des Patienten, nach Nüchternheit und Allergien. Ich frage, welcher Eingriff vorgenommen wird und ob die Seite markiert wurde. Häufig können Patienten gar nicht so genau sagen, was denn eigentlich gemacht wird – das erstaunt mich immer wieder. Woran das wohl liegt? Mangelndes Interesse, mangelhafte Aufklärung? Herr Muster weiss allerdings genau Bescheid: „Knieprothese auf der linken Seite.“

Nun ist soweit alles in Ordnung, und Herr Muster darf auf den schmaleren, harten OP-Tisch rutschen. Dieser ist fahrbar und wird im OP-Saal später einfach auf einen Sockel geschoben, wo er festgemacht wird.

Nun fahren wir Herrn Muster in den Vorbereitungssaal. Hier leiten wir die Narkose ein, und sobald uns die OP-Pflege das Okay gibt, schieben wir den Tisch in den Operationssaal. Die Operateure  kommen dazu, das zu operierende Körperteil wird desinfiziert und abgedeckt. Nun folgt der dritte Teil des Checks.

Wenn alle bereit sind, befiehlt der Chirurg oder die Chirurgin: „Time out!“. Das ist mein Stichwort: „Herr Muster Max, 13.08.1954, hat einen Tubus bekommen, hat von uns Cefuroxim 1.5g zur Antibiotikaprophylaxe erhalten, Allergien sind keine bekannt, Kreuzblut ist vorhanden, zwei Blutkonserven sind im Labor bereitgestellt, zuständiger Kaderarzt ist Dr. Schlafgut.“

Der Chirurg fährt fort: „Der Patient hat Arthrose im linken Knie und bekommt eine Totalprothese. Die korrekten Röntgenbilder sind aufgeschaltet. Das Bein ist markiert, ich kann das Kreuz sehen.“

Zum Schluss meldet sich die OP-Pflege: „Wir haben ein Knieprothesensieb, die Prothesen liegen bereit und sind noch nicht ausgepackt, die Saugvorrichtung und der Kauter wurden getestet und funktionieren.“

Meist kommt an dieser Stelle noch die Nachfrage des Chirurgen: „Hat der Patient die Antibiotikaprophylaxe bekommen?“ Woran das liegt, weiss ich auch nicht, vielleicht spreche ich zu schnell, er hat nicht zugehört oder hat ein sauschlechtes Kurzzeitgedächtnis. Wer weiss. Ich bestätige das dann aber nochmal, und dann folgt auch bald der Ruf „“Schnitt!“ und es geht los.

Am Ende der Operation kommt das „Sign out“. Die OP-Schwestern haben zusammen schon alle Tücher und Instrumente gezählt und auf einem Protokoll bestätigt, dass alles vorhanden ist. Ich muss aber trotzdem nochmal nachfragen, um das Häkchen auf meiner Checklisten machen zu können. Wenn der Operateur noch einen Wunsch für das postoperative Procedere hat, darf er diesen jetzt bei mir anbringen, und ich sage ihm dann, ob ich diesen erfülle, oder ob er sich dafür einen chirurgischen Assistenzarzt suchen muss. Grob gesagt mache ich keine speziellen chirurgischen Verordnungen, wie zum Beispiel Mobilisation (Bettruhe, an Gehstöcken etc), Lagerung (in der Schaumstoffschiene, in der Armschlinge etc) oder Antibiotikaprophylaxe.

Je nach Operateur klappt der letzte Teil besser oder schlechter. Einer meiner Lieblingschirurgen fragt mich jedes Mal, bevor er den Saal verlässt: „Brauchst du noch etwas von mir?“ Andere verlassen den Saal wortlos und lassen nur den Studenten oder Asistenzarzt zurück, welche dann in der Regel keine Ahnung haben, ob bestimmte Vorkehrungen nötig sind.

Die Checkliste bleibt danach bei den Patientenunterlagen eingeordnet, sodass man theoretisch jederzeit nachvollziehen könnte, ob alles seine Richtigkeit hatte.

Soviel zum ersten Teil zur Reihe „Sicherheit im Spital“! Wenn ihr Anregungen zu Themen habt, bringt die gerne in den Kommentaren an. Ich hab schon ein paar Ideen, was ich noch so aufnehmen könnte, bin aber natürlich immer sehr froh um Inputs. Auch Feedback zum Thema nehme ich sehr gerne an – ist das Thema überhaupt interessant/relevant für euch, oder ist das mehr eine Neujahrsschnapsidee?

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Unerwartete Hilfe

Dank des Personalmangels treibt bei uns die Arbeit manchmal seltsame Blüten.

Ich werde für eine Liquorpunktion (LP, Hirnwasserentnahme) auf die Überwachungsstation bestellt. Vor mir sitzt ein grosser, breitschultriger Mann, der sich alle Mühe gibt, seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Daneben sitzt seine deutlich entspanntere Frau.

Ich stelle mich vor und kündige an, die Untersuchung durchzuführen. Meine erste Frage gilt dabei immer den Angehörigen: „Möchten Sie dabei bleiben oder lieber in die Cafeteria, bis es vorbei ist?“

Der Patient lacht. „Sie muss dabei sein“, grinst er, „sie hatte drei Mal eine Spinale zum Kaiserschnitt, und heute darf ich ihr das alles zurückgeben.“

Scheint mir jetzt nicht besonders fair, drei Kaiserschnitte gegen eine LP aufzuwiegen. Und eigentlich mag ich das nicht, wenn mir Angehörige dabei über die Schulter schauen. Pech gehabt.

Die nächste Frage: „Wollen Sie sitzen oder lieber liegen?“

„Sitzen geht schon“, brummt er. Ich sehe die Wahrscheinlichkeit, dass er mir zusammenklappt, etwa bei 40-60, aber im Sitzen geht die Entnahme viel schneller, also lasse ich es einfach drauf ankommen.

Eigentlich sollte ich nun an dieser Stelle Hilfe erhalten: Mindestens eine Pflegekraft, je nach Supervisionswunsch sogar ein Oberarzt sollten mir zur Seite stehen. Jemand muss mir, wenn ich steril angezogen bin, Dinge reichen. Supervision brauche ich eigentlich keine – das ist meine gefühlt tausendste LP dieses Jahr – aber je nach Oberarzt steht gerne mal jemand daneben und schaut mir zu.

Heute hat niemand Zeit. Im OP sind alle ausgelastet, und die einzige Pflegekraft auf der Überwachung hat einen Patienten, um den sie sich kümmern muss. Sie kommt kurz vorbei, um mir bei den Vorbereitungen zu helfen, springt dann aber wieder davon.

Ich setze die örtliche Betäubung. Die Ehefrau des Patienten sitzt vor ihrem Mann, leicht amüsiert, und steht immer wieder auf, um hinter den Rücken zu spienzeln, um zu sehen, was ich da mache. „Wissen Sie, ich hab ja nie zuschauen können, als man das bei mir gemacht hat, und ich bin halt neugierig“, sagt sie. Damit kann ich leben.

Immer wieder Frage ich den Patienten, ob noch alles gut sei, während ich mit der langen, stumpfen Nadel den Zugang zum Hirnwasser suche. Nach ein paar Sekunden schon gibt er keine Antwort mehr, und die Ehefrau meint „Hui, jetzt ist er ganz bleich!“

Super, und ich stehe alleine da mit einem kollabierenden Patienten.

Mit einer kurzen Handbewegung ziehe ich die Nadel aus dem Rücken, lege sie auf den sterilen Tisch und fasse mit beiden Händen an die Schultern des Patienten. Gleichzeitig rufe ich die Pflege, die zum Glück nicht weit ist. Zusammen legen wie den Patienten hin. Sein Blutdruck ist abgesackt – eine Reaktion auf den Stich, die wir „vasovagale Synkope“ nennen. Ungefährlich, aber in dieser Situation mühsam, weil ich nachher von vorn anfangen muss. Aber daran bin ich ja selbst schuld, ich hätte den Patienten auch von Anfang an hinlegen können.

Die Ehefrau nimmt’s gelassen und kichert leise in ihren Mundschutz. Die Pflege muss wider zu ihrem Patienten. Eigentlich hätte ich sie jetzt hier gebraucht, um meinen Patienten besser zu überwachen. Von hinten kann ich einfach nicht sehen, was gerade los ist, ob der Patient ansprechbar ist, wie seine Gesichtsfarbe aussieht… Das ist einfach eine blöde Situation, um alleine zu sein.

Ich beginne wieder von vorn: Ertasten der richtigen Stelle, da sich alles etwas verschiebt beim Lagewechsel, Desinfektion, Vorbereitung des Materials. Der Patient ist jetzt schön friedlich in Seitenlage und macht keinen Mucks.

Die Ehefrau übernimmt nun die Aufgabe der Pflege und stupst ihn von Zeit zu Zeit an, um ihn zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Er murmelt leise vor sich hin: „Hu, da war ich doch glatt kurz weg…“ No shit, Sherlock.

Wenigstens der Zugang geht mir leicht von der Hand. Auf Anhieb füllt sich die kleine, durchsichtige Kammer der Nadel mit dem genau so durchsichtigen Hirnwasser. Nun beginnt der mühsame Teil, nämlich das Füllen der Röhrchen.

Die Nadeln für diese Untersuchung sind sehr klein. Der Grund dafür ist, dass wir ja eigentlich ein Loch in den Spinalkanal mit dem Hirnwasser drin machen, und je grösser das Loch ist, desto eher schliesst es sich nicht richtig, und das Wasser rinnt ins umliegende Gewebe. Eine unangenehme, wenn auch sehr seltene Komplikation.

Durch die dünne Nadel tropft das Wasser aber nur sehr langsam. Im Sitzen geht das noch etwas schneller, weil da die Schwerkraft noch mitspielt, aber im Liegen bin ich froh, wenn alle paar Sekunden ein Tropfen kommt. Ich brauche mindestens 25 Tropfen in jedem der vier Röhrchen.

Die Ehefrau ist nach wie vor begeistert. Sie schaut mir interessiert zu, wie ich mit einer Hand konstant die Nadel festhalte, und mit der anderen mühselig ein Röhrchen aufschraube. Die Teströhrchen sind nicht steril, das heisst, ich muss strikte aufpassen, was ich mit welcher Hand anfasse. Und ja nie die Nadel loslassen.

Als ich 25 Tropfen habe, stelle ich das Röhrchen unverschlossen in einen Becher, und frage mich gerade, wie ich es nun möglichst effizient schaffe, das Röhrchen zu verschliessen und das nächste zu fassen, alles nur mi einer Hand, und möglichst, ohne einen Tropfen Hirnwasser zu verschwenden – da nimmt sie wie selbstverständlich das nächste Röhrchen, schraubt den Deckel ab, reicht es mir und schraubt danach das volle Röhrchen zu.

Wir wiederholen dieses Spiel noch für das dritte und vierte Röhrchen. Umsichtig schraubt sie die vollen Röhrchen zu und reicht mir die leeren, ohne dabei jemals irgendetwas anzufassen, das sie nicht sollte. Zwischendurch stupst sie ihren Göttergatten an und redet ein paar Worte mit ihm. Das reicht mir auch, um zu wissen, dass soweit noch alles okay ist. Er wirkt müde, aber entspannt, und wartet geduldig auf das Ende der Untersuchung.

Das vierte Röhrchen ist gefüllt. Ich ziehe die Nadel heraus und klebe ein Pflaster. Gemeinsam helfen wir dem Patienten, sich wieder auf den Rücken zu drehen. Danach bedanke ich mich bei der Ehefrau, die mir die ganze Zeit assistiert und dabei vollständig den Job der Pflegefachperson übernommen hat, die ich in so einer Situation eigentlich gerne an meiner Seite gehabt hätte.

Es ist nicht selbstverständlich, dass das einfach so funktioniert – im Gegenteil. Die meisten Angehörigen wollen bei der Untersuchung nicht dabei sein, oder sie ertragen den Anblick von Nadel und Blut schlecht. Nicht diese Frau. Ohne jegliche medizinische Vorkenntnisse, aber mit viel Interesse, hat sie mir das Leben erheblich leichter gemacht.

Einerseits ist das ein schönes, denkwürdiges Erlebnis für mich.

Andererseits bin ich sauer, dass so was überhaupt nötig ist. Eigentlich hätte ich lieber das nötige Personal zur Verfügung, um eine so wichtigen und mühselige Untersuchung sicher und effizient durchzuführen. Die Tatsache, dass mir eine Angehörige assistieren muss, weil sonst schlicht niemand da ist, ist ein Armutszeugnis für unser Spital und unser System.

Frohes Neues!

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch!

2018 war ein spannendes Jahr für mich.

59 Blogposts habe ich geschrieben, mit insgesamt 28’029 Worten! Damit könnte ich schon fast eine Doktorarbeit schreiben 😉

222 Kommentare habt ihr bei mir hinterlassen. Ich liebe eure Kommentare! Es ist immer wieder spannend, eure Sichtweise auf meine Dinge zu lesen, und freue mich jedesmal sehr, wenn ihr eure eigenen Erlebnisse mit mir teilt.

28’594 Besucher waren hier, und haben zusammen 89’797 Mal einen Beitrag gelesen!

Seit Beginn diesen Jahres werden manche meiner Posts auch auf DocCheck veröffentlicht. Die Reaktionen auf dieselben Posts hier und dort sind jeweils recht unterschiedlich, was wohl auch am sehr unterschiedlichen Publikum liegt.

Nichtsdestotrotz war das für mich ein grosser Schritt vorwärts. Bloggen war bisher für mich eine Art Ventil, ich habe das hauptsächlich für mich gemacht. Natürlich freute ich mich, wenn Beiträge bei euch gut ankommen, aber am Ende des Tages will ich mir einfach nur was von der Seele schreiben.

Dank DocCheck ist die Bloggerei jetzt eine Art kleines Zusatzeinkommen geworden. Für Texte bezahlt zu werden, ist nicht selbstverständlich. Es ist eine Ehre für mich, eine Art Auszeichnung, und ich bin stolz darauf (und dabei aber immer auch ein bisschen ungläubig).

Beruflich war 2018 eher ein Jahr der Tiefpunkte. Die interne Probleme im Spital, die schlechte Stimmung im Team, und schliesslich auch das Gefühl, nicht mehr vorwärtszukommen und auf der Stelle zu treten, haben bei mir Spuren hinterlassen.

Nun ist aber ein Ende in Sicht: Ich werde bald für eine Rotation auf die hauseigene Intensivstation wechseln, und kann dann wider viel Neues berichten. Das wird dann auch meiner Motivation wieder etwas auf die Sprünge helfen.

Ich möchte euch lieben Lesern herzlichst danken für eure Treue, eure Inputs, eure kritischen Fragen, eure Geschichten, eure Anmerkungen. Ohne euch wäre das hier eine schrecklich einsame, langweilige, witzlose Sache. Ich freue mich auf ein neues Jahr mit euch!

Krebs ist scheisse

Es ist Mittwoch, ein ganz normaler Arbeitstag in einer ganz normalen Arbeitswoche. Als ich endlich aus dem OP komme, ist es schon 15 Uhr. Wir sind wieder einmal unterbesetzt (naja, das ist ja inzwischen eigentlich der Normalzustand), und da das OP-Programm voll war, wurde ich noch gebraucht. Nun muss ich die Patienten für den nächsten Tag anschauen gehen. Es sind deren 6, und ich habe Zeit bis zum Rapport um 16:15 Uhr.

Ich beginne mit dem Einfachsten: Ein 54jähriger Patient, Herr Russo, soll morgen einen Port-a-Cath bekommen. Das ist eine kleine Kapsel mit Schlauch, welche unter die Haut gepflanzt wird. Der Schlauch wird in eine grosse Vene eingebracht. Das Ganze nutzt man für Chemotherapien, denn da kann man einfach den Port anstechen und braucht nicht die armen Venen der Patienten zu plagen. Aus der Operation folgt somit die Diagnose: Herr Russo hat Krebs.

Die Durchsicht der Akte ergibt wenig. Er war vor zwei Monaten hier zur Entfernung eines Stücks krebsbefallenen Dickdarms, ist sonst gesund, nimmt keine Medikamente. Narkose wird er keine benötigen, das wird in örtlicher Betäubung, aber mit Anästhesiebegleitung gemacht, falls man doch mal ein Schmerzmittel oder so geben muss. Darum wird auch die Aufklärung kurz ausfallen, da ich ihn nicht gross über Narkosekomplikationen aufklären muss.

Ich stelle erst mal meine Fragen nach Grösse und Gewicht, und gehe dann mit ihm durch, was ich in der Akte über ihn gelesen habe. Medikamente nimmt er tatsächlich keine, er hat aber regelmässig Chemo.

Gegen Ende des Gesprächs kommen wir noch einmal auf den morgigen Tag zurück, und darauf, dass er kein Frühstück essen darf, weil er nüchtern sein muss.

Herr Rossi hält einen Moment inne und schaut mich an. Er ringt sichtlich nach Worten. Ich lasse die Sekunden verstreichen und warte, bis er von sich aus weiterspricht. „Wissen Sie, bis vor zwei Monaten dachte ich, ich sei gesund“, platzt es aus ihm heraus. „Ich bin am Morgen aufgewacht, und alles war okay. Dann war ich bei der Hausärztin, nur zur Routine, und die meinte, eine Darmspiegelung wäre mal gut.“

Ich nicke. Das habe ich in der Akte gelesen – Routinedarmspiegelung wie man sie ab 50 eben so empfiehlt, es bestand aber kein Verdacht, nichts.

„Da bin ich also hin, und ich habe nichts geahnt. Nichts. Mir ging es doch gut! Ich hatte keine Probleme mit irgendwas. Alles in Ordnung. Als ich wieder aufwache, steht der Arzt vor mir und sagt: Herr Rossi, das sieht nicht gut aus.“

Sein Tonfall ist ruhig, und er schaut mir direkt in die Augen, während er spricht. Es fällt mir schwer, ihm Gefühle zuzuordnen, auf die ich passend reagieren könnte. Angst und Trauer zeigt er nicht. Frustration vielleicht, oder Wut?

Ein Teil von mir hasst solche Gespräche. Ich habe immer das Gefühl, dafür nicht ausreichend ausgebildet zu sein. Wie soll ich mit einem Patienten über eine schwere Krankheit reden? Was sagt man da? Was sagt man nicht? Ich fühle mich hilflos und überfordert.

Dann muss ich mich immer kurz selbst an der Nase nehmen. Niemand verlangt von mir, ein tiefgründiges Gespräch zu führen. Zuhören reicht. Einfach nur zuhören und Verständnis zeigen. Das kann doch nicht so schwer sein.

„Dann hatte ich die Operation. Und man hat gedacht, wenn man einfach den Darm rausschneidet, dann ist alles gut. Aber dann haben sie einen befallenen Lymphknoten gefunden. Und jetzt hab ich Chemo. Und dann schauen wir weiter.“

Ich schaue ihn an und nicke. „Eins nach dem Anderen. Ein guter Plan.“

„Das muss ich so machen. Als ich die Diagnose bekommen habe, da hat es bestimmt 2 Wochen gedauert, bis ich das realisieren konnte. Ich dachte immer, da ist doch bestimmt ein Fehler passiert. Ich kann nicht Krebs haben. Ich bin kein Krebspatient. Das kann ich gar nicht sein, dafür geht es mir zu gut.“

Ich nicke erneut. „Das ist bestimmt eine grosse Belastung.“ Einer meiner Standardsätze, wenn ich nicht mehr weiss, was ich sagen soll, aber der kommt meist noch gut an. Irgendwo im Hinterkopf drängt eine Stimme, dass ich noch fünf weitere Patienten sehen muss. Ich widerstehe dem Drang, auf die Uhr zu schauen. Für dieses Gespräch will ich Zeit haben, mit den Konsequenzen werde ich nachher schon irgendwie zurechtkommen.

Herr Rossi presst die Lippen zusammen. „Ja schon… Und jetzt kommt noch eine Narbe dazu. Ist das eine grosse Narbe?“

Ich spreize die Finger auf etwa 10 cm. „So vielleicht?“

„Ich will gar keine Narben mehr. Ich hab schon fünf von der letzten OP. Mein schöner Körper!“ Er lacht verschmitzt, und wird gleich wieder ernst. „Aber ich hab ja keine Wahl.“

Das Gefühl hab ich schon tausendmal in Patienten gesehen, es ist eines, das ich gut verstehen kann. „Das ist gemein, oder? Man hat sozusagen keine Wahl. Man verliert die Autonomie.“

Herr Rossi zuckt mit den Schultern. „Na, ich hab schon eine Wahl, aber die Alternative ist Tod, und das ist ja auch blöd. Aber ich hab gesagt, ich mach jetzt das halbe Jahr Chemo, und wenn’s dann nicht gut ist, dann ist es halt so. Dann will ich lieber sterben. Ich kann nicht jeden Morgen aufwachen und ein Krebspatient sein. Das ist nicht mein Leben. Das will ich nicht.“

Das Gespräch setzt sich noch eine Weile fort. Irgendwann ist er still, und wir schweigen beide eine Weile. Das ist für mich der Moment, um hier abzubrechen, denn ich muss ja wirklich irgendwann weiter. Er unterschreibt mein Formular, und ich verabschiede mich.

Danach ist meine Laune im Keller. Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, das Gespräch, das mich sehr berührt hat, zu verarbeiten, irgendwie einzuordnen. Aber die nächsten Patienten warten schon auf mich, wie auch meine Vorgesetzten, die mich pünktlich zum Rapport erwarten. So ist es ja immer, wenn man hier irgendwas erlebt, das einem nahe geht: Jetzt musst du funktionierten, Gefühle weit von dir wegschieben, dich abschotten.  Verarbeiten kannst du es ja dann zuhause oder so.

Und dann wundern sich die Leute, warum Spitalpersonal manchmal so abgestumpft wirkt.

Adieu Mythos: Sedierung und Narkose

Heute möchte ich mit einem Irrtum aufräumen, dem ich tagtäglich in der Sprechstunde begegne.

Wenn ich Patienten für eine Narkose aufkläre, frage ich immer: „Hatten Sie schon einmal eine Vollnarkose?“

Viele Patienten antworten darauf: „Ja, für die Magen-/Darmspiegelung!“

Das ist allerdings nicht das Gleiche, und ich möchte hier den Unterschied darlegen.

Eine Magen- oder Darmspiegelung ist ja keine sehr angenehme Vorstellung. Um es ein wenig angenehmer zu machen, bekommen Patienten dafür tatsächlich dasselbe Schlafmittel, wie wir es für eine Vollnarkose verabreichen: Propofol.

Das sieht dann so aus: Die Patientin erhält einen Venenzugang. Ein Clip am Finger misst die Sauerstoffsättigung im Blut, und alle 5-10 Minuten misst automatisch ein Gerät den Blutdruck. Dann erhält die Patientin ein wenig Propofol. Genug, damit sie wegdöst. Nun kann der Spezialist die Untersuchung durchführen. Alle paar Minuten, oder wenn die Patientin sich zu fest bewegt, wird wieder ein bisschen nachgespritzt.

Wichtig: Patienten atmen dabei selber. Ihr Blutdruck und ihre Sauerstoffsättigung werden überwacht. Es ist nur ein leichter Schlaf, der Patient ist weckbar und reagiert auf Schmerz- und andere Reize.

Man nennt das eine „Sedierung“. Wir wenden sie auch im OP an, zum Beispiel zusätzlich zu einer Teilnarkose oder örtlichen Betäubung, falls nötig.

Bei einer Vollnarkose geben wir meist auch Propofol, aber in viel grösseren Mengen. Dazu brauchen wir auch mehr Überwachung: Blutdruck alle 2-5 Minuten, Sauerstoffsättigung und EKG sind Standard, je nachdem kommen weitere Dinge (zum Beispiel eine Art Hirnstrommessung, eine Messungdes Blutdrucks in der Arterie und so weiter), je nach Grösse der Operation und natürlich nach Gesundheitszustand der Patienten.

Da Propofol aber nur den Schlaf ermöglicht, braucht es für eine Narkose noch andere Medikamente, zum Beispiel ein Schmerzmittel, in der Regel ein Opiat (zum Beispiel Fentanyl oder Remifentanil). Oder je nachdem auch ein Medikament, das die Muskeln lähmt.

Bei der hohen Menge an Propofol setzt die Atmung aus und muss von der Maschine übernommen werden. Dazu legt man einen Schlauch direkt in die Luftröhre (Tubus, Intubation) oder eine Art weiches Luftkissen über den Kehlkopf (Larynxmaske). Für beide Methoden gibt es jeweils Gründe dafür oder dagegen, und der Anästhesist oder die Anästhesistin entscheidet, welche Methode für den Patienten die richtige ist.

Sobald die Atmung aufgehört hat, wird der Patient über eine Sauerstoffmaske erstmal mit dem Beutel beatmet. Wenn das gut geht, wird der Tubus oder die Larynxmaske eingelegt und mit der Beatmungsmaschine verbunden. Die Maschine wird dann von Anästhesiepersonal, ob nun Arzt oder Pflege, so eingestellt, dass die Beatmung richtig für die jeweiligen Patienten ist. Das Propofol läuft daraufhin aus einer Spritzenpumpe kontinuierlich in den Patienten. Alternativ kann man nach der Intubation auch Narkosegas verabreichen.

Ist die Operation fertig, werden die Medikamente abgestellt, und man wartet, bis der Patient wieder von alleine atmet. Wenn er wach genug ist – er kann auf Aufforderung die Augen öffnen oder die Hand drücken, kann schlucken und atmet selbständig – zieht man den Tubus oder die Larynxmaske wieder raus.

Also die wichtigsten Punkte: Patienten atmen nicht selber, sondern werden künstlich beatmet. Es braucht viel mehr Überwachung, und es ist ein sehr tiefer Schlaf, bei dem der Körper auf Schmerzreize nicht mehr reagiert und nicht weckbar ist.

Die Sedierung ist also sozusagen der kleine Bruder der Narkose. Das ist für uns bei weitem nicht dasselbe, weil bei einer Narkose viel mehr Medikamente eingesetzt werden und eine bessere Überwachung nötig ist, und weil der sehr tiefe Schlaf auch einige zusätzliche Risiken birgt.

So, wieder mal was gelernt 🙂

There is a fracture. I need to fix it.

Ein Klischee besagt, dass Chirurgen immer nur gerade den Körperteil des Patienten sehen, den sie behandeln wollen. Grundsätzlich gilt wohl: Je mehr man sich in einem Fach vertieft (und das gilt für alle Spezialisten, nicht nur Chirurgen), desto mehr verlernt man alles andere, desto weniger ist der Blick für Anderes geschärft.

Eines Dienstags gehe ich durch das geplante Programm der Woche, als mir ein Name ins Auge sticht – Herr Frühling ist für die Entfernung eines kleinen Metallplättchens am Fuss geplant, welches er zuvor zur Korrektur eines Knochenbruchs erhalten hatte. Den Namen habe ich doch schon mal gelesen, oder? So viele Herr Frühlings kann es doch gar nicht geben, oder?

Tatsächlich, ein Herr Frühling liegt auch bei uns auf der Intensivstation. Gleicher Vorname, gleiches Geburtsdatum, gleiche Akte. Ganz klar der gleiche Patient.

Auf der IPS ist er wegen Leberversagen. Der wird wohl bis übermorgen kaum fit genug sein für eine Metallentfernung, die man gut auch ein paar Tage oder Wochen verschieben kann. Ich beschliesse, die Sache in die Hand zu nehmen, und rufe die Ärztin auf der IPS an.

„Ach ja, deswegen wollte ich dich noch anrufen! Den könnt ihr gleich ganz vom OP-Programm nehmen. Sieht schlecht aus im Moment, und falls er das überlebt, ist er noch eine Weile nicht fit genug dafür“, bescheidet sie mir.

Ich leite diese Information an die OP-Planer weiter, und die Operation wird abgesagt.

Damit sich nun niemand wundert, wie ich, eine kleine Assistenzärztin, es wagen konnte, in die göttliche Planung der Chirurgie einzugreifen (insbesondere, da die Planer einen Vermerk in die Akte setzten mit „OP abgesagt, weil Frau Gramsel es gesagt hat“ – herzlichen Dank übrigens, als ob ich das entscheiden würde), habe ich an unserem Nachmittagsrapport davon berichtet.

„Herr Frühling, sagst du?“, ruft mein Kollege ungläubig aus. „Den kenne ich!“

Herr Frühling war nämlich am letzten Freitag – also vor vier Tagen – in der chirurgischen Sprechstunde. Dort wurde die Metallentfernung besprochen und der Patient direkt in unsere Sprechstunde geschickt, damit wir ihn gleich für die Narkose aufklären können.

Der Chirurg hatte Herrn Frühling angemeldet mit „Da kommt noch einer für eine Metallentfernung. Ist was ganz Kurzes. Geht in Teilnarkose. Ach ja, und er ist ein bisschen gelb. Danke!“ Mein Kollege fragte nicht nach. Er kannte den Patienten noch vom letzten Mal, und wusste, was er erwarten konnte – glaubte er zumindest.

Als der Patient zu meinem Kollegen in die Sprechstunde kam, bekam dieser erst mal einen Schreck. Der Patient kullerte im Rollstuhl ins Sprechzimmer mit knallgelben Augen und gelblich-bräunlicher Haut.

„Herr Frühling, letztes Mal sassen Sie doch noch nicht im Rollstuhl, oder irre ich mich?“

„Nein, nein… Aber wissen Sie, ich bin so erschöpft seit ein paar Tagen, ich mag kaum noch gehen.“

„Und seit wann sind Sie so gelb?“

„Seit zwei Wochen, hat plötzlich angefangen.“

„Waren Sie deswegen beim Arzt?“

„Nein, so schlimm ist das ja jetzt auch nicht, bisschen gelb…“

Mein Kollege hat die Aufklärung für die Teilnarkose gemacht und den Patienten daraufhin direkt auf den Notfall geschickt – er ging allerdings erst am Montag zum Hausarzt. Ist ja nun wirklich nicht so schlimm, ein bisschen gelb seit zwei Wochen. Aufgrund der hohen Leberwerte schickte der Hausarzt den Patienten direkt mit Ambulanz ins Spital. Er kam auf die medizinische Station, verschlechterte sich dann allerdings über Nacht und musste auf die IPS.

Die Geschichte löste bei uns Entsetzen aus. Im Sprechstundenbericht des chirurgischen Kollegen wurde die Gelbsucht mit keinem Wort erwähnt. Es wurde nur der Fuss beschrieben, mehr nicht. Es kam ihm auch nicht in den Sinn, diesbezüglich nachzufragen, obwohl es ihm aufgefallen ist. Schliesslich hat er es ja dann meinem Kollegen gegenüber noch extra erwähnt.

Es ist, gelinde gesagt, schade, wenn man vor lauter kaputten Ästen den Waldbrand nicht sieht.

(Übrigens: Es gibt einen in Medizinerkreisen bekannten kleinen englischen Youtube-Film, der dieses Klischee auf die Spitze treibt, und da kommt auch der Titel des Posts her: Ein Traumatologe (Unfallchirurg) kommt zur Anästhesistin und sagt: „There is a fracture. I need to fix it.“ Nach einigen Nachfragen kommt heraus: Der Patient ist tot.)

Wenn die Scheibe dreimal klingelt

Kürzlich war ich in einem italienischen Restaurant mit Selbstbedienung. Ich hab dort eine Pizza bestellt und bekam eine kleine Scheibe in die Hand gedrückt. Als meine Pizza fertig war, vibrierte und leuchtete das Gerät, und ich konnte die Pizza abholen.

So weit nichts Neues, oder? Falsch, denn da hatte ich DEN Geistesblitz des Jahrhunderts.

Ein grosses Problem in meinem Alltag sind Patienten, die einfach nicht da sind, wenn man sie braucht. Meist sind es die Raucher, die mehr Zeit draussen als im Bett verbringen, aber auch Patienten, die viel Besuch bekommen und sich dann gerne in der Cafeteria aufhalten.

Wenn ich nun einen Patienten besuche, den ich für den nächsten Tag für eine Narkose aufklären muss, und der ist nicht da, dann ist das ein Problem. Denn ich habe ja nicht nur einen Patienten anzuschauen, sondern mehrere, und ich habe einfach nicht die Zeit, zu warten. Ausserdem muss ich bis zum Rapport alle Patienten gesehen haben. Das ist dann schwierig. Häufig sind sie auch per Handy nicht erreichbar, weil sie ihre Nummer nicht im System haben oder wegen des absolut miserablen Empfangs in der Klinik.

Natürlich kann und will ich nicht erwarten, dass Patienten den ganzen Tag nur rumliegen und auf mich warten. Aber ich kann eben auch nicht warten – ich muss arbeiten.

Da wäre doch die Scheibe die perfekte Lösung, oder nicht? Patienten bekommen die mit, wenn sie sich von der Station entfernen. Wenn Patienten im Zimmer gebraucht wird, vibriert die Scheibe, sie kommen zurück und sind für mich verfügbar. Na? Na?

Die Patienten-Ruf-Scheibe, auch PARS genannt. Ich melde gleich mal Patent an.