Archiv der Kategorie: Landarztpraxis

Woher soll ich das denn wissen

„Ja, also, ich habe so Bauchschmerzen, und jetzt wollte ich fragen, was das ist.“, informiert mich die Patientin.

„Seit wann denn?“

„Gestern Nachmittag.“

„Und haben Sie schon etwas genommen dagegen? Schmerztabletten?“

„Nein, weil, also das war ja gestern Nachmittag und ging dann von alleine wieder weg.“

„Also haben Sie jetzt gerade keine Bauchschmerzen?“

„Nein, das war nur gestern Nachmittag, so etwa eine Stunde. Nachher war wieder gut.“

„Äh… okay? Ist denn jetzt noch irgendwas nicht gut? Durchfall? Übelkeit? Irgendwas?“

„Nein nein, mir gehts tiptop, alles wunderbar. Aber ich will jetzt wissen, warum ich gestern so Bauchweh hatte.“

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Vom Hölzli und Ärmli

Herr Wald meldet sich wegen Schulterschmerzen. Der 2 Meter grosse, breitschultige „Muni“* von einem Mann sitzt mir gegenüber und berichtet von einem Arbeitsunfall im Sägewerk vor einem Tag. „Mir ist ein Hölzchen entgegengeflogen“, erklärt er.

„Ein Hölzchen? Wie ist das denn passiert?“

„Ja ich steh da so vor dem Regal und dann fliegt da ein Hölzchen direkt gegen mein Ärmchen.“ (naja, soviel dazu, dass Schweizer gerne Verkleinerungsformen nutzen – der hatte ganz bestimmt keine Ärmchen)

„Was war denn das für ein Hölzchen? Wie gross war das etwa?“

„Na, so zwei Meter lang, vielleicht 100kg schwer?“

Nur ein ganz kleines Hölzchen also. Na dann.

 

*Muni = schweizerdt. Stier, ebenfalls eine Bezeichnung für (muskulöse) breit gebaute Männer

Der Arzt, deine Klagemauer

„Ich hab ein Geschenk für dich“, grinst Alex, die jüngste der MPAs (Medizinische Praxisassistentinnen). „Die Frau Kloss. Sie ist 93.“

„Was hat sie denn?“, frage ich misstrauisch.

„Alles. Nichts. Keine Ahnung. Meist kommt sie einfach und wettert.“

Und so ist es dann auch. Frau Kloss wackelt mit kleinen Schrittchen ins Behandlungszimmer, und schon dabei hat sie allerlei auszusetzen, insbesondere daran, dass „der Doktor“ sie nicht sehen will. Besonders begeistert ist sie nicht, dass sie mit mir Vorlieb nehmen muss. Sie beginnt mir ihre Krankengeschichte zu erzählen, wirr durcheinander. Zum Glück habe ich vorher schon ihre Berichte durchgelesen und kann alles einigermassen einordnen. Ihre Hauptklagepunkte: Ihr linkes Knie, ihre Verdauung, ihr Blutdruck, ihr Ehemann. Medikamente bezeichnet sie prinzipiell als „Gift“. Ich lasse sie reden, messe den Blutdruck, und am Ende spreche ich ihr Empfehlungen aus. Die eine ist, dass sie ihr Blutdruckmedikament vielleicht weiter nehmen soll, weil ihr Druck jetzt doch auf 190/110 ist. Dann, dass sie den Termin beim Rheumatologen nicht absagen soll, denn, nur weil ihre Freundin auch bei dem war und Kortisontabletten bekommen hat, kann ich ihr nicht einfach auch diese Tabletten geben. Und schliesslich, dass der schnelle Puls wahrscheinlich nicht vom Paracetamol kommt, das sie gestern genommen hat, auch wenn „Kreislaufprobleme“ als unerwünschte Nebenwirkung in der Packungsbeilage steht. Beim Ehemann kann ich ihr leider nicht weiterhelfen.

Das Ganze geht etwa 20-30 Minuten. Danach brauche ich erstmal Schokolade und einen Kaffee, das hat mir wahnsinnig viel Kraft geraubt. Die Patientin ist so mässig zufrieden, aber Alex versichert mir, das sei normal. Und mein Chef ist zufrieden, weil er sie dieses eine Mal nicht sehen musste.

In dieser Patientin liegt eine wertvolle Lektion für manchen jungen Assistenzarzt wie mich. Manche Menschen kommen nur oder hauptsächlich zum Arzt, um zu meckern, und die Therapie dafür ist das Zuhören, so aktiv wie möglich. Man darf sowas nicht persönlich nehmen, wir alle haben schlechte Tage, oder Wochen, oder vielleicht sogar Monate oder Jahre. Geduld und „nicken und lächeln“ sind gefragt. Danach darf man sich gerne belohnen. Ich zum Beispiel belohne mich am liebsten mit Schokoriegeln und/oder Kaffee, natürlich gibts aber auch figurfreundlichere und gesündere Varianten.

‚tis but a scratch

Morgens, halb Neun. Ein junger Mann betritt die Praxis, Blutflecken auf der Arbeitskleidung. Die Praxisassistentin bringt ihn zu mir.

Auf die Frage, was denn geschehen sei, murmelt er etwas von kaputten Scheiben, Glasscherben und Kratzer. Dann zieht er sein Tshirt aus: An der rechten Flanke ist mit Maler-Klebeband feinsäuberlich ein Taschentuch befestigt. Darunter kommt eine ausgefranste Wunde von ca 3cm zum Vorschein, welche ganz leicht blutet, nicht tief, dafür breit, sicher 1cm. Eigentlich juckt es mich in den Fingern, die Wunde zu nähen – die Wundränder so nache wie möglich zusammenzubringen, gibt garantiert einfach eine schönere Narbe. Davon will der junge Mann allerdings garnichts wissen. „Einfach kurz was kleben, ich muss wieder weg.“

Klar, das kann ich – auch wenn ich es etwas schade finde. Da könnte man doch ästhetisch noch etwas rausholen. Aber das ist halt die typische Mentalität hier. Wer schert sich um Schönheit, nein, funktionieren muss man können!

Ich mache eine Fettgaze darauf, welche die Wundheilung unterstützt, und erkläre ihm, wie und wie oft er das Pflaster in nächster Zeit wechseln soll. Nun muss ich aber doch noch was wissen.

Ich: „Können Sie mir nicht doch nochmal erklären, wie das passiert ist? Ich kann mir da irgendwie noch kein Bild machen.“

Er: „Ja, moment, ich hab ein Foto, das ist einfacher.“

Er zückt sein Handy und präsentiert mir ein Bild von einem schneebedeckten Abhang. Ganz unten liegt ein Auto auf dem Dach, wie eine Schildkröte auf dem Rücken, die Räder in die Luft gestreckt. Ich hebe die Augenbrauen. „Glück  gehabt.“

Er grinst: „Ja, hab gleich rausklettern können, aber die Scheiben sind halt alle kaputt, da hab ich mich geschnitten.“

Ich seufze innerlich, frage nach Kopfschmerzen, Übelkeit, Sehstörungen, Atemnot und was ich sonst noch wissen muss. Ihm gehts gut. Ich schärfe ihm ein, sich sofort zu melden, wenn sich etwas ändert. Er lacht, nickt und verabschiedet sich. Er will zurück an der Unfallstelle sein, bevor die Polizei dort ist, um Auskunft geben zu können.