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Der schwierige Atemweg

Einer meiner liebsten Patienten vor einiger Zeit war Herr Maurer.

Herr Maurer kam zu uns zur Versorgung eines Nabelbruchs. An sich nichts Gefährliches. Leider wiegt Herr Maurer aber auch gute 150kg bei einer Grösse von 1.7m, und das verändert die Lage doch schon dramatisch.

Herr Maurer hat ein massiv erhöhtes Narkoserisiko in vielerlei Hinsicht. Der wichtigste Punkt dabei ist der Atemweg. Man kann bei seinem kurzen, dicken Hals, den er nicht so gut in den Nacken legen kann, und seiner knappen Mundöffnung, schon davon ausgehen, dass er schwierig zu intubieren sein wird. Konventionell, also mit dem ganz normalen Metallspatel, den man in den Hals schiebt, damit man die Stimmritze einsehen kann, wird das keiner versuchen. Eine Alternative ist ein Spatel mit eingebauter Videokamera. Allerdings muss man ihn in Narkose versetzen, um ihn damit zu intubieren.

Das ist dann auch schon der nächste Punkt: Man darf keine Patienten einschlafen lassen, bei denen man nicht sicher ist, dass man sie mit der Maske von Hand beatmen kann. Bei ihm wird die Maske schwieriger dicht zu setzen sein, es wird hohe Drücke zur Beatmung brauchen wegen des Drucks, den der ausladende Bauch ausübt, und bei hohen Drücken geht eher mal Luft in den Magen, woraufhin der Patient erbricht. Erbrochenes wiederum kann in die Lunge gelangen und dort Sauerstoffmangel und Lungenentzündungen auslösen.

Morbid adipöse Patienten haben ein verhältnismässig kleineres Lungenvolumen, kleinere Reserven, die Sauerstoffsättigung sinkt schneller, die Patienten drohen schneller zu ersticken. Sie sind während der Operation schwieriger zu beatmen. Sie haben ein erhöhtes Aspirationsrisiko – das Risiko, Mageninhalt in die Lunge zu kriegen – weil ihre Magenentleerung nicht gleich funktioniert, wie bei Normalgewichtigen. Deshalb muss man eine schnelle Einleitung machen: Schneller Schlaf, schnelle Intubation. Aber wenn man doch nicht sicher intubieren kann?

Am Rapport am Vorabend diskutieren wir den Fall lange und entscheiden uns schliesslich für das Videokameraspatel mit einem „Schnell-Intubier-Verfahren“. Die Intubation klappt, allerdings erst beim dritten oder vierten Versuch durch jemand sehr Erfahrenes. Der Hals ist angeschwollen und verschleimt, schlechte Sicht- und enge Halsverhältnisse erschweren die Intubation massiv. Wir sind alle froh, als es vorbei ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Wunde infiziert sich. In einer notfallmässigen Zweitoperation ein paar Tage später soll sie revidiert und ein Vakuumverband angelegt werden. Ich bespreche die Narkose mit dem Patienten und entscheide mich zusammen mit meinem Hintergrund diesmal für eine Intubation durch die Nase am wachen Patienten mithilfe eines Kameraschlauchs: Eine sogenannte wache nasale fiberoptische Intubation.

Herr Maurer weiss um seinen Gesundheitszustand und seine Risiken. Tapfer nickt er, als ich ihm den Vorgang erkläre. Angenehm wird es nicht: Man wird eine dünne Kamera in seine Nase einführen. Seinen Hals wird mit einen Lidocainspray betäubt, damit es ihn weniger reizt. Mit einer Spritze wird man durch den Hals in die Luftröhre gehen und dort ebenfalls Lidocain verspritzen. Dann wird man mit der Kamera entlang der Nase in den Rachen und von dort in die Luftröhre gehen. Sobald man die Stimmritze passiert hat, wird das Schlafmittel gespritzt und schliesslich beim schlafenden Patienten der Tubus über die Kamera als Führungsdraht eingeführt.

Auch diese Variante entpuppt sich als nicht ganz einfach. Herr Maurer bietet einfach schwierige Verhältnisse, sein Hals ist komplett zugeschwollen, kurz und irgendwie seltsam verwinkelt. Aber seine Sauerstoffversorgung ist jederzeit gewährleistet, und auch wenn er hustet und würgt, rutschen wir nie in eine kritische Situation. Zwei unserer erfahrensten Fachärztinnen schwitzen Blut und Wasser, sind aber schliesslich erfolgreich.

Zwei Tage später stehe ich erneut in seinem Zimmer. Für den Wechsel des Vakuumverbands braucht er erneut eine Vollnarkose. Er nickt niedergeschlagen, als ich sage, dass wir dasselbe Verfahren, die fiberoptische Intubation, wieder anwenden werden. Er versteht. „Es ist schrecklich unangenehm“, meint er, „aber es ist schon okay. Es muss ja sein.“

Und so ist er mir ans Herz gewachsen. Noch einige Male wurde der Verband gewechselt und Herr Maurer über die Nase intubiert, hustend, würgend, ächzend, aber er hat sich nie beklagt und immer brav stillgehalten, so gut er eben konnte. Er war immer freundlich, wenn ich bei ihm war, zugewandt, für ein Schwätzchen zu haben. Humor hatte er auch. Und Geduld, unendlich viel Geduld.

Wir waren alle froh, als die Wunde endlich definitiv verschlossen wurde, da wir befürchteten, dass die Intubation eines Tages eben doch nicht mehr gut gehen könnte. Und auch für uns ist es nicht schön anzusehen, wenn ein Patient leiden muss. Aber Sicherheit geht vor – und bei uns eben leider häufig auf Kosten des Komforts.

Dafür hat er von uns einen wunderhübschen, laminierten „Ausweis schwierige Intubation“ erhalten, den er von nun an vor jeder OP vorzeigen kann, damit auch der nächste Anästhesist Bescheid weiss.

Die erste Reanimation Teil 2

Dies ist die Geschichte meiner ersten Reanimation – Teil 1 findet ihr hier.

Wir reanimieren Herrn Rhein. Initial habe ich mich in die Reihe der „Drücker“ gestellt und zwei, drei Zyklen Kompressionen gemacht, während mein Oberarzt jeweils nach 30 Konpressionen zweimal mit dem Beatmungsbeutel beatmet hat.

Nach einer Viertelstunde winkt mich mein Oberarzt zum Kopf, ich darf die Beatmungen durchführen. Anscheinend kommt damit auch die Aufgabe, zu bestimmen, wer als nächstes drückt – das finde ich heraus, als die Assistenzärztin der Intensivstation 5 Zyklen hinter sich hat und noch einen sechsten anhängen muss, weil niemand übernimmt. Ich weise den chirurgischen Assistenzarzt an, am Ende ihrer dreissig Kompressionen zu übernehmen.

Es fühlt sich seltsam an, wie wir drei unerfahrenen Ärzte zusammen arbeiten, auch wenn ein Intensivmediziner und ein Oberarzt der Anästhesie über unsere Schultern schauen. Das Wort „Kinderspielplatz“ schiesst mir durch den Kopf. Aber wir arbeiten gut miteinander, fast wortlos. Die Beatmungen sind kein Problem, schliesslich mache ich das auch sonst jeden Tag bei den Vollnarkosen vor der Intubation, und der Defibrillator hat an der Kompressionstiefe meiner Kollegen nichts zu meckern. Sein Piepston gibt den Rhythmus vor, dem wir uns anpassen, auf dem Display stehen Geschwindigkeit und Tiefe des Drucks. Grüner Bereich überall.

Nach einer halben Stunde hebt der Intensivmediziner die Hand. Alle halten inne, nehmen die Hände weg vom Patienten und starren auf den EKG-Monitor. Das ist Herrn Rheins letzte Chance.

Alle paar Sekunden hebt sich eine winzigkleine Zacke aus der Nulllinie. Kein echter Rhythmus, aber besser als nichts.

Der Intensivmediziner nickt und sagt: „Weiter.“

Der chirurgische Assistenzarzt übernimmt auf mein Zeichen hin die Kompressionen. Dreissig Mal drücken, zweimal beatmen. Fünfmal. Ich deute auf die Intensivpflegekraft für den nächsten Zyklus. Wir machen hier so lange, wie wir müssen.

Als sie ihre 5 Zyklen beendet hat, hebt der Intensivmediziner erneut die Hand.

Die Linie ist flach. Nichts. Keine Zacken.

Das war’s.

„Also, alle Hände weg vom Patienten. Wir lassen alles genau, wie es ist, keiner fasst ihn an. Wir entscheiden, ob das hier als natürlichen oder nicht natürlichen Tod gilt, bis dahin betritt niemand das Zimmer.“ Mit diesen Worten verlässt der Intensivmediziner den Raum.

Ich stehe etwas verloren am Kopf.

Herr Rhein liegt noch genauso da, wie vorhin.

Einer nach dem Anderen verlässt das Patientenzimmer wortlos. Oder vielleicht auch nicht wortlos, aber ich höre keine Gespräche. Ich lausche angestrengt in mich hinein, finde aber keine Gefühle, nur eine Art Leere, eine Ratlosigkeit.

Draussen stehen der chirurgische Assistenzarzt und seine Oberärztin, die noch leise das weiter Vorgehen besprechen. Der Assistenzarzt ist nicht besonders interessiert – er sollte eigentlich auf dem Notfall sein, nicht hier. Er kennt auch den Patienten nicht, ist nur zuständig, weil heute Samstag ist und er Dienst hat.

Bleiben nützt nichts. Meine Schmerzpatienten warten auf mich. Zwei junge, gesunde Männer mit Schmerzkathetern nach Knieoperationen. Mir ist gerade nicht danach, sie zu sehen.

Ich belohne mich für die harte Arbeit mit einem Gipfeli und gehe dann auf die Visitenrunde. Meine jungen Patienten sind fröhlich und freundlich. Einer sitzt mit seiner Freundin auf dem Balkon und frühstückt in der Sonne. Schmerzen hat er keine, spätestens morgen darf er nach Hause. Auch der andere ist schmerzfrei und wird schon heute Nachmittag nach Hause gehen. Ihre Fröhlichkeit steckt mich nicht an, obwohl ich sonst gut auf Patientenstimmungen reagiere.

Nach der Visite verkrieche ich mich ins Büro. Ich bin unendlich müde. Das ist das Adrenalin, das kenne ich schon.

Am Anfang meiner Karriere hat mich der Adrenalinausstoss immer etwas überrascht. Ich wurde nervös davon, habe mich zu wenig davon abgrenzen können und unnötige Hektik verbreitet. Seit mir das schliesslich klar wurde, setze ich mich bewusster solchen Situationen aus, um zu lernen, den Klumpen im Brustkorb zu bekämpfen. Ruhig bleiben in Stresssituationen ist eine der Haupteigenschaften eines Anästhesisten.

Ich kann inzwischen meist recht gut damit umgehen. Was bleibt, ist die Müdigkeit, wenn die Wirkung nachlässt: Ich könnte mich einfach hinlegen und ein Nickerchen machen, so erschöpft bin ich. Natürlich liegt das nicht drin. Ich habe Sprechstunden, Notfälle und eine Liquorpunktion (Hirnwasseruntersuchung, siehe zB hier) auf dem Programm.

Bei der Punktion zittern meine Hände leicht, aber sie klappt auf Anhieb.

Ich bin froh, als ich endlich zu Hause bin. Reden mag ich nicht, fernsehen oder lesen auch nicht. Ich gehe schon vor Neun ins Bett, grundsätzlich zufrieden mit meiner Leistung, aber gänzlich unzufrieden mit dem Resultat.

Die erste Reanimation

Der Alarm kommt, wie immer, aus dem Nichts.

Ich bin gerade eben im Büro angekommen und habe mich umgezogen. Noch bin ich etwas früh für meinen Dienst, aber ich habe ausnahmsweise einen Bus früher erwischt. Während ich den PC anwerfe, um Mails und Aufgaben für den heutigen Tag zu prüfen, meldet sich der schrille, unheilverkündende Ton meines Diensttelefons.

Reanimation.

Nun, der Ton allein bringt mich noch nicht aus der Ruhe. Das ist nicht mein erster Alarm. Eigentlich ist es schon mein sechster, seit ich hier arbeite, aber bisher hatte ich nur Fehlalarme. Sprich: Ich habe noch nie in echt reanimiert.

Ich prüfe den Ort, der auf dem Display angegeben ist, und ich weiss sofort, dass es diesmal kein Fehlalarm ist. Das ist Herrn Rheins Zimmer. Herr Rhein wird meine erste Reanimation.

Herr Rhein ist seit über einem Monat bei uns wegen einer schwer infizierten Beinwunde. Er hatte eine Blutvergiftung, seine Organe haben versagt, er verbrachte Wochen auf der Intensivstation, wurde dreimal erfolgreich wiederbelebt. Zweimal die Woche wurde er am Bein operiert, der Verband gewechselt, das tote Gewebe abgetragen. Die Eingriffe fanden immer in Teilnarkose statt, da er eine Vollnarkose zumindest am Anfang kaum überlebt hätte.

Vor vier Tagen wurde er auf Normalstation verlegt. Vor drei Tagen wurde er zum letzten Mal operiert, man hat die Wunde mit Haut vom Oberschenkel abgedeckt. Ein grosser Schritt, über den wir uns alle freuten – endlich ging es aufwärts!

Oder eben auch nicht.

Ich fliege das Treppenhaus hinab. Hinter mir rennt ein Anästhesiepfleger mit Rea-Rucksack. Noch hält sich irgendwo im Hinterkopf tapfer die Hoffnung, es könnte doch ein Fehlalarm sein, entgegen aller Vernunft. Ich will Herrn Rhein nicht reanimieren. Kann meine erste Rea nicht bitte irgendein Unbekannter sein?

Das Zimmer ist voll mit Menschen. Eine Pflege drückt auf den Brustkorb, mein Oberarzt steht hinter ihr. Er wird die Beatmung übernehmen. Ich klebe Defi-Pads. Der Chef der Intensivstation steht neben mir, grummelt und klebt beide etwa um einen Zentimeter um. Er hat grässliche Laune, kennt den Patienten gut, hat selber wochenlang um ihn gekämpft. Das hier ist etwas Persönliches für ihn. Für viele von uns, die Herrn Rhein über den letzten Monat begleitet haben.

Der Assistenzarzt der Intensivstation übernimmt die nächste Runde. Dreissig mal drücken, dann beatmet mein Oberarzt zweimal mit dem Beutel, dann wird wieder gedrückt. Als er zum fünften Mal auf Dreissig zählt, nickt mein Oberarzt mir zu. „Du bist als nächstes dran.“

Ich hab das so oft geübt. Seit Jahren, mehrmals jährlich, wider und wieder auf Puppen herumgedrückt, Analysestreifen ausgewertet, den Trainingsdefi benutzt – ob sich das wohl anders anfühlt, als die Übungspuppe?

Überraschenderweise fühlt es sich praktisch gleich an, höchstens etwas weicher vielleicht. Fünf mal dreissig Kompressionen auf der Mitte des Brustbeins, danach werde ich abgelöst und es übernimmt eine Pflege der Intensivstation. Ich habe Schweissperlen auf der Nase. Das Adrenalin in meinem Blut löst ein vertrautes, klumpiges Gefühl in meinem Brustkorb aus. Das Adrenalin, das der Anästhesiepfleger ins Blut von Herrn Rhein spritzt, zeigt keinen Effekt.

Es ist ruhig bei uns, man hört nur das Piepsen des Defis, vereinzelte Kommandos, gelegentlich ein „achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreissig!“ um meinem Oberarzt zu signalisieren, dass er wieder zwei Atemstösse mit dem Beutel geben kann. Nach fünf Zyklen übernimmt der Assistenzarzt der Intensivstation wieder. Nach weiteren fünf bin ich wieder dran.

Der Intensiv-Chef guckt auf die Uhr. „Wir machen eine halbe Stunde.“, kündigt er an. „Wenn dann nichts ist, dann war’s das.“ Die Hälfte davon haben wir schon.

Alle zwei Minuten kontrollieren wir den Rhythmus, aber es kommt nichts. Das Herz steht still. Der Intensiv-Chef gibt leise Kommandos, teils auch nur mit Handsignalen. Warte, mach weiter, schau da hin. Seine Ruhe und Erfahrung trägt uns alle, während sich manche von uns beim Drücken abwechseln, andere ein Protokoll schreiben, wieder andere Medikamente aufziehen und verabreichen.

Die Chirurgen kommen irgendwann dazu. Der Assistenzarzt reiht sich zum Drücken ein. Mein Oberarzt gibt mir das Signal, für ihn zu übernehmen. Jetzt bin ich am Kopf und gebe die Beatmungsstösse. Alle fünf Zyklen bestimme ich einen Wechsel, damit niemand zu lange am Stück drücken muss.

Teil 2 folgt 😉

Sie müssen jetzt ganz tapfer sein!

Ich werde ins CT gerufen, um einen Zugang für eine Kontrastmitteluntersuchung zu legen.

Herr B. hatte eine Chemotherapie und ist daher schwierig zu stechen. Die Kolleginnen von der Radiologie haben sich schon dreimal daran versucht, sind aber gescheitert, weshalb sie mir das Feld überlassen.

Ich schaue mir erst den rechten Arm an, finde aber nichts, das mir gefällt. In der Ellenbeuge wäre eine Vene, aber ich kann sie nur schlecht ertasten, habe ein schlechtes Bauchgefühl, und dann mach ich das nicht gern. Lieber überprüfe ich zuerst, ob vielleicht auf der linken Seite etwas zu finden ist. Mein Bauchgefühl vor dem Stechen ist ziemlich zuverlässig, wenn ich der Vene nicht traue, klappt es meist nicht.

Nach ein paar Minuten werde ich tatsächlich fündig: Ein kleines Venchen guckt mutig zwischen dem Knöchel des Ring- und des kleinen Fingers hervor. Aus Mangel an Alternativen, und weil ich dabei ein gutes Gefühl habe, entscheide ich mich für einen Versuch.

Die MTRA (Fachperson für Medizinisch-technische Radiologie. Puh, wie übersetzt man das am besten? Das sind die Personen, welche die radiologischen Untersuchungen, zum Beispiel Röntgen, CT und MRI, durchführen.) ist ganz offensichtlich nicht begeistert. Sie hat mich schon während meiner Suche mehr oder minder sanft auf die Vene in der Ellenbeuge hinsteuern wollen. Das mag ich nicht – ich steche gerne da, wo ich mich wohl dabei fühle, wo ich mir des Erfolgs einigermassen sicher bin. Wenn sie diese am besten findet, soll sie’s selbst machen.

Bevor ich irgendwas sagen kann, wendet sie sich an den Patienten. „Das wir jetzt ganz schön weh tun, Herr B.“, warnt sie ihn. „Da müssen Sie gut stillhalten, das wird sehr unangenehm.“

Wow.

Ernsthaft?

Versteht mich nicht falsch, man muss Patienten gegenüber ehrlich sein. Aber wenn man so etwas sagt, verkrampfen sie sich und bekommen Angst, und dann wird alles gleich viel schlimmer. Der Handrücken ist schmerzmässig etwa im mittleren Feld anzusiedeln: Schmerzhafter als Ellenbeuge, weniger schmerzhaft als die Innenseite des Unterarms.

Dazu kommt auch immer das individuelle Schmerzempfinden des Patienten, die Technik des „Stechenden“ und tausend andere Faktoren, die beeinflussen, wie schlimm (oder eben auch nicht) die Sache ist. Ich selber sage daher jeweils schlicht: „Es gibt jetzt einen Stich, Entschuldigung“. Das reicht aus. Wirklich.

Am Ende, wer hätte es gedacht, war es dann doch nicht so schlimm. Der Zugang sass einwandfrei (puh, Glück gehabt), und auch wenn der Ort nicht der günstigste ist, wird ja der Zugang gleich nach der Untersuchung wieder entfernt und kann dann nicht mehr stören.

Aber bitte, einfach bitte: Verängstigt mir nicht meine Patienten. Die wissen schon, dass das nicht gerade Spass macht – immerhin war das bei Herrn B. auch schon der vierte Versuch. Die ersten drei waren bestimmt auch keine Geburtstagsparty. Dramatisieren und extra drauf hinweisen ist wirklich, wirklich nicht nötig.

 

 

Wasser Marsch!

Hirn und Rückenmark schwimmen in einer Flüssigkeit, dem Hirnwasser. Die Untersuchung dieses Wassers kann bei der Diagnose von verschiedenen Krankheiten helfen, zum Beispiel bei Entzündungen oder bösartigen Tumoren des Hirns.

Ein spitalinterner Service, den wir anbieten, ist die Durchführung von Hirnwasseruntersuchungen, auch „Liquorpunktion“ oder kurz „LP“ genannt. Wir bieten dies insbesondere für die dem Haus angeschlossene Memory-Klinik an (das ist leider kein Ort für Kartenspiele, sondern ein Abklärungszentrum für unter Anderem Demenz).

Eine Zuweisung für eine solche LP kommt von der Onkologie, der Tumormedizin. Herr Winter, 72 Jahre alt, hat Lymphdrüsenkrebs, und Ableger davon machen sich bereits in seinem Hirn breit. Nun möchte man erstens eine Untersuchung des Hirnwassers haben, damit man die dort vorhandenen Zellen genau analysieren kann, und andererseits eine Chemotherapie direkt im Hirnwasser durchführen. Chemotherapeutika können die Barriere zwischen Blut und Hirn meistens nicht durchdringen, weshalb man auf diesen Weg zurückgreifen muss.

Herr Winter ist ein kleines Bisschen nervös, aber grundsätzlich sehr aufgestellt und freundlich. Brav legt er sich auf die Seite und zieht seine Knie so hoch zum Kinn, wie er kann, um mir einen runden Rücken zu präsentieren. So dehnen sich die Wirbel auseinander, und es bleibt dazwischen mehr Platz für mich, um durchzukommen. Ich taste den Rücken ab, um zu entscheiden, in welchem Bereich der Lendenwirbelsäule ich stechen möchte.

Für die Untersuchung trage ich einen sterilen Mantel, sterile Handschuhe, Mundschutz und eine OP-Haube. Gründlich desinfiziere ich den Rücken und klebe ein steriles Tuch mit einem Loch in der Mitte da hin, wo ich arbeiten möchte. So habe ich eine sterile Fläche, an der ich meine Hand abstützen kann.

Zuerst gibt es eine örtliche Betäubung. Die piekst und brennt ein bisschen, aber Herr Winter bleibt stoisch gelassen. Danach suche ich mit einer langen, stumpfen Nadel den Weg. Das bereitet in der Regel keine Schmerzen mehr, nur gelegentlich piekst es ein bisschen. Dann kann ich noch etwas örtliche Betäubung nachgeben, wenn nötig.

Manchmal, wenn die Wirbel sehr verknöchert oder die Zwischenräume sehr eng sind, ist das nicht so leicht, aber heute klappt es problemlos. Ich spüre, wie sich der Widerstand an der Nadel verändert. Am Ende der Nadel in einem durchsichtigen Plastikstück sehe ich das Hirnwasser, das mir langsam entgegen kommt.

Jetzt ist Geduld gefragt – von mir und von Herr Winter. Meine Oberärztin, die mich bei der Untersuchung unterstützt, reicht mir nacheinander vier Plastikröhrchen, welche ich füllen muss. Das Hirnwasser tropft langsam, ein Tropfen alle paar Sekunden, und ich brauche für jedes Röhrchen mindestens zwanzig Tropfen.

Während sich ein Röhrchen nach dem anderen füllt, kommt der Onkologe hinzu. Er bringt mir eine kleine Spritze mit einer grellen gelben Flüssigkeit – das Chemotherapeutikum. Er überprüft noch einmal die Identität des Patienten, die Diagnose, die Verordnung und auch den deklarierten Inhalt der Spritze.

Als alle meine Röhrchen voll sind, reicht er mir die Spritze. Ich verabreiche den Inhalt langsam, den Anleitungen des Onkologen folgend. Danach ziehe ich die Nadel wieder raus und klebe ein Pflaster an die Stelle. Fertig.

Das ist für mich etwas sehr Besonderes. Nicht die Untersuchung an sich, die ist für mich Routine, und normalerweise mache ich sie ohne Oberarzt. Heute war meine Oberärztin ausnahmsweise zu meinem Schutz dabei, damit ich rechtlich nicht alleine da stehe, falls es irgend ein Problem wegen der Chemo gibt. Denn die Chemo, das ist das Besondere daran.

Ich bin Anästhesistin. Ich heile nicht. Nie. Ich gebe Medikamente, die irgendein Ziel haben, aber an der Genesung des Patienten habe ich normalerweise keinen direkten Beitrag. Ich schaffe gute Bedingungen mit einer Narkose für eine Operation, ich lege Zugänge, damit andere Ärzte Medikamente verabreichen können, aber selber führe ich keine Therapien durch.

Nicht so heute: Eigenhändig spritze ich ein Medikament, welches den Krebs des Patienten direkt beeinflussen soll. Ein Medikament, das falsch angewendet verheerende Konsequenzen haben könnte. Das scheint mir wichtig, gross, gefährlich, beängstigend und beeindruckend. Gemischte Gefühle.

Herr Winter darf sich jetzt wieder auf den Rücken legen und muss dann eine halbe Stunde so liegen bleiben, damit sich das Medikament verteilt. Er grinst mich an. „Das hab ich mir schlimmer vorgestellt“, gibt er zu. Das hör ich nach solchen Untersuchungen oft, und natürlich immer wieder gern.

Danach darf ich gehen, während der Onkologe noch bleibt und mit dem Patienten das Prozedere bespricht.

Ausnahmsweise bereue ich, den Patienten nicht weiter verfolgen zu können. Mich würde schon interessieren, wie es mit ihm weitergeht, ob ihm die Chemo geholfen hat – aber hier ist mein Anteil am (hoffentlich?) Genesungsprozess beendet.

Alles Gute, Herr Winter.

Neulich im Netz

„Hypnose ist in Schweizer Spitälern auf dem Vormarsch“ –  titelt Watson.ch, und legt gleich noch einen drauf: „Wie mit Hypnose in Schweizer Spitälern die Prämienexplosion gestoppt werden soll“

Was je nach Vorurteilen komplett lächerlich oder unglaublich innovativ daherkommt, ist bereits seit Jahren im Gespräch. Dank Hypnose soll der Patient entspannt genug sein, um die Operation anstatt in Vollnarkose auch in Teilnarkose oder örtlicher Betäubung durchzustehen. Daher eine erste Relativierung: Ganz ohne etwas geht es nicht.

Eine Narkose besteht (ganz grob) aus zwei Teilen: Ausschaltung von Schmerz und Ausschaltung des Bewusstseins. Mit Hypnose würde man den Bewusstseinsteil aus der Narkose rausnehmen.

Wer hier regelmässig liest, weiss schon lange: Eine Vollnarkose braucht es für viele Eingriffe gar nicht, eine Teilnarkose, zum Beispiel die Betäubung eines Arms oder Beins, reicht völlig aus. Voraussetzung ist, dass der Patient für die Dauer der Operation schön still liegen kann.

Tatsächlich, auch bei uns im Team haben wir zwei Oberärztinnen, die aktuell eine solche Ausbildung machen. Die beiden verstehen Hypnose allerdings auch nicht als Ersatz, wie es im Artikel suggeriert wird, sondern eben als Ergänzung in allen Bereichen. Nicht nur während der Operation, sondern auch rundherum, zum Beispiel vor einer Vollnarkose, damit er ruhiger einschläft, oder beim Legen eines schwierigen Zugangs beim verängstigten Patienten.

Jetzt, wie „stoppen“ wir damit „die Prämienexplosion“? Es senke Kosten, wenn man weniger Vollnarkosen macht. Na, soviel scheint irgendwie klar, es braucht weniger Equipment, man muss weniger Medikamente geben, braucht weniger Personal. Oder?

Tatsächlich muss für jede Operation mit Anästhesiebegleitung immer das volle Equipment vorhanden sein, denn nur so ist man für den Notfall vorbereitet. Man stelle sich vor, es gäbe einen Vorfall, zum Beispiel einen Herzstillstand, und der Anästhesist steht zwar daneben, kann aber nichts machen, weil er keine Beatmungsmaschine oder keine Medikamente dabeihat.

Des Weiteren: Was ist denn das Teure an der Operation? Der Anästhesist (der für mindestens 4 Narkosen gleichzeitig zuständig ist)  und der Anästhesiepfleger, die Medikamente im Wert von 50 Franken in den Patienten schütten? Oder ist es vielleicht doch der Chirurg, seine zwei Assistenten, eine OP-Pflege am Tisch und eine sonst im Saal als Handlanger? Das Gerät für Klammernähte, bei welchem ein Set allein schon 100 Franken kostet, die Prothese für 10’000 Franken und so weiter?

Dann braucht es ja doch einen Anästhesisten für die Teilnarkose. Für die örtliche Betäubung nicht, klar. Aber will man denn echt das Risiko eingehen, dass während der Operation niemand dabei ist, der im Notfall handeln kann? Unsere Chirurgen beantworten sich diese Frage so: Wenn es ohne Anästhesist geht, brauche ich es nicht im OP-Saal durchzuführen. Also brauche ich auch die Infrastruktur nicht, und führe den Kleineingriff in einem dafür eingerichteten Raum ausserhalb der OPs durch.

Übrigens, von wegen Zeit und Ressourcen: Die Krux an der Teilnarkose ist, sie ist technisch und zeitlich deutlich aufwändiger als eine Vollnarkose. So ein Block braucht auch Material, Medikamente, Menschen. Es braucht einen Anästhesisten plus eine Assistenz, allein geht es nicht – wie bei einer Vollnarkose. Es braucht Erfahrung, gutes Teaching – es ist deutlich einfacher eine Vollnarkose (unter normalen Umständen) durchzuführen, als eine Regionale zu stechen. Der Zeitbedarf ist schwieriger abzuschätzen, er variiert je nach anatomischen Gegebenheiten, Kooperation der Patienten, Erfahrung und Tagesform des Anästhesisten…

Und es bräuchte natürlich eben Fachpersonal für Hypnose, sprich dafür ausgebildete Anästhesisten oder Anästhesiepfleger. Natürlich könnten auch medizinische Laien die Hypnose durchführen. Aber dann braucht es ja trotzdem jemanden, der das Ganze überwacht, medizinische Probleme sofort erkennt und sie beheben kann.

Das kratzt nun alles nur ganz oberflächlich an der Problematik, und ich könnte noch viel mehr schreiben. Aber das soll jetzt erst mal genügen.

Wie so häufig gilt auch hier: Wenn die Lösung so einfach erscheint, dann hat man sie meistens nicht gründlich genug beleuchtet, und/oder schlicht und einfach zu wenig Ahnung.