Archiv der Kategorie: Anästhesie

Sicherheit im Spital: OP-Checklisten

Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.

Nun ist es aber so, dass nicht jeder Fehler gleich schlimme Folgen hat. Wenn ich im Supermarkt Bananen wäge, aber die falsche Nummer drücke und die Waage den Preis für Aprikosen berechnet, dann hat das in der Regel keine schlimmen Folgen.

Im Spital ist das anders. Hier können Fehler im schlimmsten Fall für Patienten bleibende Schäden verursachen oder zum Tod führen. Daher setzen Spitäler viel daran, die Sicherheit für Patienten zu verbessern. Wir orientieren uns da stark an der Luftfahrt. Auch hier können Fehler schreckliche Folgen haben, weshalb viele Vorschriften, Protokolle und Checklisten erarbeitet wurden. In den nächsten Wochen möchte ich deshalb das Thema Sicherheit im Spital etwas in den Vordergrund stellen, Dinge erklären und Geschichten dazu erzählen.

2001 wurde im Kanton Tessin einem Patienten das falsche Bein amputiert. Ein Super-GAU, welcher die Grundlage für viele Veränderungen war. Eine davon war die Einführung von Operationschecklisten, wie sie die WHO vor etwas über 10 Jahren (erst!) eingeführt hat.

Die Checkliste wird an verschiedenen Stellen durchgeführt: Auf Station, bei der Übergabe der Stationspflege an das Anästhesiepersonal, vor der Operation und nach der Operation. Dabei werden an mehreren Positionen die gleichen Fragen gestellt, einfach nur, um sicher zu sein. Erstaunlicherweise kommt das bei den Patienten selber meist so mässig gut an – sie sind eher irritiert, weil sie nun schon zum dritten Mal ihren Namen sagen müssen, und zeigen gelegentlich auch wenig Verständnis, wenn man ihnen erklärt, dass das ihrer Sicherheit dient.

Wie so ein Ablauf aussieht, möchte ich an Herrn Max Muster aufzeigen, der zum Einbau einer Knieprothese hier ist.

Auf Station prüft die Pflegekraft die Identität des Patienten, fragt nach Name, Geburtsdatum und Eingriff. Die zu operierende Seite wird entweder durch Herrn Muster selber oder durch den Stationsarzt mit einem dicken, schwarzen Stift markiert. Meist gibt es ein grosses X, manche Ärzte (vor allem Ärztinnen) machen auch gerne mal Smileys. Was wir nicht so mögen, ist, wenn Patienten noch Notizen auf ihre Gliedmassen machen, weil das gelegentlich zu Missverständnissen und Unsicherheit führt.

Ebenfalls fragt die Pflege nach Allergien und der Einhaltung der Nüchternheit, kontrolliert, ob der Schmuck ausgezogen und das Gebiss entfernt wurde. Herr Muster hat noch alle seine eigenen Zähne und er verspricht, seit 6 Stunden weder gegessen noch getrunken zu haben. Dann unterschreibt die Pflege den ersten Teil der Checkliste und bringt den Patienten zu uns.

Am Übergang vom „normalen“ Spitalbereich zum OP-Bereich warte ich schon. Eine breite Schiebetür geht auf, als die Pflege das Bett mit Herrn Muster drin abgestellt hat.

Auch ich frage zuerst nach dem Namen und dem Geburtsdatum des Patienten, nach Nüchternheit und Allergien. Ich frage, welcher Eingriff vorgenommen wird und ob die Seite markiert wurde. Häufig können Patienten gar nicht so genau sagen, was denn eigentlich gemacht wird – das erstaunt mich immer wieder. Woran das wohl liegt? Mangelndes Interesse, mangelhafte Aufklärung? Herr Muster weiss allerdings genau Bescheid: „Knieprothese auf der linken Seite.“

Nun ist soweit alles in Ordnung, und Herr Muster darf auf den schmaleren, harten OP-Tisch rutschen. Dieser ist fahrbar und wird im OP-Saal später einfach auf einen Sockel geschoben, wo er festgemacht wird.

Nun fahren wir Herrn Muster in den Vorbereitungssaal. Hier leiten wir die Narkose ein, und sobald uns die OP-Pflege das Okay gibt, schieben wir den Tisch in den Operationssaal. Die Operateure  kommen dazu, das zu operierende Körperteil wird desinfiziert und abgedeckt. Nun folgt der dritte Teil des Checks.

Wenn alle bereit sind, befiehlt der Chirurg oder die Chirurgin: „Time out!“. Das ist mein Stichwort: „Herr Muster Max, 13.08.1954, hat einen Tubus bekommen, hat von uns Cefuroxim 1.5g zur Antibiotikaprophylaxe erhalten, Allergien sind keine bekannt, Kreuzblut ist vorhanden, zwei Blutkonserven sind im Labor bereitgestellt, zuständiger Kaderarzt ist Dr. Schlafgut.“

Der Chirurg fährt fort: „Der Patient hat Arthrose im linken Knie und bekommt eine Totalprothese. Die korrekten Röntgenbilder sind aufgeschaltet. Das Bein ist markiert, ich kann das Kreuz sehen.“

Zum Schluss meldet sich die OP-Pflege: „Wir haben ein Knieprothesensieb, die Prothesen liegen bereit und sind noch nicht ausgepackt, die Saugvorrichtung und der Kauter wurden getestet und funktionieren.“

Meist kommt an dieser Stelle noch die Nachfrage des Chirurgen: „Hat der Patient die Antibiotikaprophylaxe bekommen?“ Woran das liegt, weiss ich auch nicht, vielleicht spreche ich zu schnell, er hat nicht zugehört oder hat ein sauschlechtes Kurzzeitgedächtnis. Wer weiss. Ich bestätige das dann aber nochmal, und dann folgt auch bald der Ruf „“Schnitt!“ und es geht los.

Am Ende der Operation kommt das „Sign out“. Die OP-Schwestern haben zusammen schon alle Tücher und Instrumente gezählt und auf einem Protokoll bestätigt, dass alles vorhanden ist. Ich muss aber trotzdem nochmal nachfragen, um das Häkchen auf meiner Checklisten machen zu können. Wenn der Operateur noch einen Wunsch für das postoperative Procedere hat, darf er diesen jetzt bei mir anbringen, und ich sage ihm dann, ob ich diesen erfülle, oder ob er sich dafür einen chirurgischen Assistenzarzt suchen muss. Grob gesagt mache ich keine speziellen chirurgischen Verordnungen, wie zum Beispiel Mobilisation (Bettruhe, an Gehstöcken etc), Lagerung (in der Schaumstoffschiene, in der Armschlinge etc) oder Antibiotikaprophylaxe.

Je nach Operateur klappt der letzte Teil besser oder schlechter. Einer meiner Lieblingschirurgen fragt mich jedes Mal, bevor er den Saal verlässt: „Brauchst du noch etwas von mir?“ Andere verlassen den Saal wortlos und lassen nur den Studenten oder Asistenzarzt zurück, welche dann in der Regel keine Ahnung haben, ob bestimmte Vorkehrungen nötig sind.

Die Checkliste bleibt danach bei den Patientenunterlagen eingeordnet, sodass man theoretisch jederzeit nachvollziehen könnte, ob alles seine Richtigkeit hatte.

Soviel zum ersten Teil zur Reihe „Sicherheit im Spital“! Wenn ihr Anregungen zu Themen habt, bringt die gerne in den Kommentaren an. Ich hab schon ein paar Ideen, was ich noch so aufnehmen könnte, bin aber natürlich immer sehr froh um Inputs. Auch Feedback zum Thema nehme ich sehr gerne an – ist das Thema überhaupt interessant/relevant für euch, oder ist das mehr eine Neujahrsschnapsidee?

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There is a fracture. I need to fix it.

Ein Klischee besagt, dass Chirurgen immer nur gerade den Körperteil des Patienten sehen, den sie behandeln wollen. Grundsätzlich gilt wohl: Je mehr man sich in einem Fach vertieft (und das gilt für alle Spezialisten, nicht nur Chirurgen), desto mehr verlernt man alles andere, desto weniger ist der Blick für Anderes geschärft.

Eines Dienstags gehe ich durch das geplante Programm der Woche, als mir ein Name ins Auge sticht – Herr Frühling ist für die Entfernung eines kleinen Metallplättchens am Fuss geplant, welches er zuvor zur Korrektur eines Knochenbruchs erhalten hatte. Den Namen habe ich doch schon mal gelesen, oder? So viele Herr Frühlings kann es doch gar nicht geben, oder?

Tatsächlich, ein Herr Frühling liegt auch bei uns auf der Intensivstation. Gleicher Vorname, gleiches Geburtsdatum, gleiche Akte. Ganz klar der gleiche Patient.

Auf der IPS ist er wegen Leberversagen. Der wird wohl bis übermorgen kaum fit genug sein für eine Metallentfernung, die man gut auch ein paar Tage oder Wochen verschieben kann. Ich beschliesse, die Sache in die Hand zu nehmen, und rufe die Ärztin auf der IPS an.

„Ach ja, deswegen wollte ich dich noch anrufen! Den könnt ihr gleich ganz vom OP-Programm nehmen. Sieht schlecht aus im Moment, und falls er das überlebt, ist er noch eine Weile nicht fit genug dafür“, bescheidet sie mir.

Ich leite diese Information an die OP-Planer weiter, und die Operation wird abgesagt.

Damit sich nun niemand wundert, wie ich, eine kleine Assistenzärztin, es wagen konnte, in die göttliche Planung der Chirurgie einzugreifen (insbesondere, da die Planer einen Vermerk in die Akte setzten mit „OP abgesagt, weil Frau Gramsel es gesagt hat“ – herzlichen Dank übrigens, als ob ich das entscheiden würde), habe ich an unserem Nachmittagsrapport davon berichtet.

„Herr Frühling, sagst du?“, ruft mein Kollege ungläubig aus. „Den kenne ich!“

Herr Frühling war nämlich am letzten Freitag – also vor vier Tagen – in der chirurgischen Sprechstunde. Dort wurde die Metallentfernung besprochen und der Patient direkt in unsere Sprechstunde geschickt, damit wir ihn gleich für die Narkose aufklären können.

Der Chirurg hatte Herrn Frühling angemeldet mit „Da kommt noch einer für eine Metallentfernung. Ist was ganz Kurzes. Geht in Teilnarkose. Ach ja, und er ist ein bisschen gelb. Danke!“ Mein Kollege fragte nicht nach. Er kannte den Patienten noch vom letzten Mal, und wusste, was er erwarten konnte – glaubte er zumindest.

Als der Patient zu meinem Kollegen in die Sprechstunde kam, bekam dieser erst mal einen Schreck. Der Patient kullerte im Rollstuhl ins Sprechzimmer mit knallgelben Augen und gelblich-bräunlicher Haut.

„Herr Frühling, letztes Mal sassen Sie doch noch nicht im Rollstuhl, oder irre ich mich?“

„Nein, nein… Aber wissen Sie, ich bin so erschöpft seit ein paar Tagen, ich mag kaum noch gehen.“

„Und seit wann sind Sie so gelb?“

„Seit zwei Wochen, hat plötzlich angefangen.“

„Waren Sie deswegen beim Arzt?“

„Nein, so schlimm ist das ja jetzt auch nicht, bisschen gelb…“

Mein Kollege hat die Aufklärung für die Teilnarkose gemacht und den Patienten daraufhin direkt auf den Notfall geschickt – er ging allerdings erst am Montag zum Hausarzt. Ist ja nun wirklich nicht so schlimm, ein bisschen gelb seit zwei Wochen. Aufgrund der hohen Leberwerte schickte der Hausarzt den Patienten direkt mit Ambulanz ins Spital. Er kam auf die medizinische Station, verschlechterte sich dann allerdings über Nacht und musste auf die IPS.

Die Geschichte löste bei uns Entsetzen aus. Im Sprechstundenbericht des chirurgischen Kollegen wurde die Gelbsucht mit keinem Wort erwähnt. Es wurde nur der Fuss beschrieben, mehr nicht. Es kam ihm auch nicht in den Sinn, diesbezüglich nachzufragen, obwohl es ihm aufgefallen ist. Schliesslich hat er es ja dann meinem Kollegen gegenüber noch extra erwähnt.

Es ist, gelinde gesagt, schade, wenn man vor lauter kaputten Ästen den Waldbrand nicht sieht.

(Übrigens: Es gibt einen in Medizinerkreisen bekannten kleinen englischen Youtube-Film, der dieses Klischee auf die Spitze treibt, und da kommt auch der Titel des Posts her: Ein Traumatologe (Unfallchirurg) kommt zur Anästhesistin und sagt: „There is a fracture. I need to fix it.“ Nach einigen Nachfragen kommt heraus: Der Patient ist tot.)

Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.

Begeisterungsstürme

Frau Gerber ist 90 Jahre alt und bekommt eine neues Knie.

Ja, mein erster Gedanke war auch „Ernsthaft, in dem Alter?“ Bis ich Frau Gerber dann zum ersten Mal getroffen habe. Topfit war sie, geistig wie körperlich. Ich hab schon so manchen 70jährigen in deutlich schlechterem Zustand gesehen. Sie lebt noch allein und war bis vor kurzem recht selbständig, aber die äusserst starken Knieschmerzen haben ihr das Leben in letzter Zeit sehr schwer gemacht.

Frau Gerber bekommt eine Spinalanästhesie (einen Stich im Rücken, bei dem das Rückenmark betäubt wird). Auf Aufforderung sitzt sie auf, agil wie ein junges Reh.

Der Stich ist nicht einfach. Die Bänder, durch welche ich durchstechen muss, sind verknöchert, es ist schwierig, sie vom Knochen abzugrenzen. Dennoch klappt es nach ein paar kleinen Winkeländerungen der Nadel gut, und ich spritze das Medikament. Pflaster drauf, fertig.

Ich trete hinter ihrem Rücken hervor und stelle mich vor sie, während meine Kollegin sie vorsichtig zurück auf den Rücken legt.

„Sie spüren jetzt, dass das Mittel zu wirken beginnt, es wird etwas warm im Gesäss“, informiere ich Frau Gerber. „Es wird jetzt eine Weile dauern, bis es vollständig wirkt und die Beine einschlafen.“

Frau Gerber schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Ja… Haben Sie denn jetzt die Spritze gemacht?“, ruft sie aus.

Ach neeee, nicht schon wieder ein „du bist ja so jung, Kindchen“, schiesst es mir durch den Kopf.

„Ja, das war ich“, antworte ich, schon leicht resigniert.

„Sie sind ein Genie!“, schreit sie begeistert. „Ich hab ja gar nichts gespürt! Genial!“

Nun muss ich lachen. Ich glaube nicht, das Lob verdient zu haben, denn besonders am Anfang hatte ich meine liebe Mühe mit den verkalkten Bändern, aber annehmen tu ich es natürlich trotzdem gern. Man wird ja nicht jeden Tag als Genie bezeichnet.

Grosse Erwartungen

„Du machst doch Narkosen, nicht?“, hat mich kürzlich eine Bekannte gefragt. „Ich hab nämlich vor kurzem eine ganz schreckliche Narkose gehabt.“

Ach je, was jetzt wohl kommt? „Oh… Was war denn nicht gut?“

„Na, also, die Narkose selbst war wohl in Ordnung, aber ich bin viel zu früh aufgewacht, die haben da überhaupt nicht richtig geschaut!“ Sie ist empört.

Ich weiss nicht recht, was ich sagen soll. Ich hasse es, mich zu Dingen äussern zu müssen, zu denen ich nicht genug Informationen habe. Was soll’s. „Zu früh? Als sie noch genäht haben oder so?“

Die Bekannte schaut mich entsetzt an. „Was? Nein! Aber ich lag noch auf dem OP-Tisch, und der war ganz hart und schmal. Und dann haben sie gesagt, ich muss selber in mein Bett hinüber rutschen! Ist das nicht unglaublich? Ich musste einfach selber ins Bett zurück!“

Damit wäre dann auch das Problem geklärt: Erwartungshaltung deckt sich nicht mit tatsächlichem Vorgehen.

„Das ist normal, das machen wir bei allen Patienten so. Du konntest doch rutschen, oder nicht?“

„Ja, aber das war total anstrengend und ich war noch so müde!“

„Nun, stell dir mal vor, ich müsste einen 100 Kilo Patienten alleine ins Bett tragen, das geht doch nicht. Patienten werden alle im OP auf dem OP-Tisch wach, zur Sicherheit. Falls irgendwas schiefgeht, muss alles verfügbar sein. Und die meisten Patienten können selber ins Bett rutschen, warum auch nicht? Sie sind wach und haben Beine.“

Die Bekannte ist nicht überzeugt, und ich habe den Verdacht, dass sie sich gerade still geschworen hat, sich nie in unserer barbarischen Stadtklinik operieren zu lassen.

Natürlich machen wir Ausnahmen, natürlich mpssen nicht alle Patienten selber ins Bett klettern. Bei Patienten mit Spinalanästhesie zum Beispiel, welche die Beine nicht bewegen können. Die können nun wirklich nicht selber rutschen. Aber sonst wachen alle Patienten auf dem OP-Bett auf. Wir ziehen den Beatmungsschlauch erst dann raus, wenn der Patient selbständig atmet und wach ist, sonst könnte er sich zum Beispiel verschlucken. (Allerdings erinnern sich die wenigsten Patienten daran, weil die Narkosemedikamente eine Gedächtnislücke bewirken.) Wenn der Schlauch raus ist, fahren wir zur „Schleuse“, dem Übergangsbereich vom OP zum „normalen“ Spitalbereich, wo der Patient dann auf sein Bett rutschen muss. Und bei neun von zehn Patienten klappt das hervorragend – auch bei betagten Patienten. Beim zehnten müssen wir dann doch etwas nachhelfen.

Alles in allem sehe ich das sehr häufig: Patienten haben eine gewisse Erwartung. Diese haben sie aus dem Fernsehen, oder aus Erzählungen von Kollegen, oder einfach aus ihrer eigenen Fantasie. Und warum auch nicht? Man kann ja schlecht wissen, wie etwas abläuft, wenn man es noch nie selbst erlebt hat.

Aber da ist man krank und fühlt sich schlecht, befindet sich in einer Umgebung, die einem fremd ist, mit fremden Menschen, auf die man plötzlich angewiesen ist, da ist man schnell verunsichert. Und wenn dann etwas nicht so ist, wie man es erwartet, dann denkt man schnell, etwas ist falsch oder schlecht, und vielleicht wird man dann auch mal sauer.

In solchen Fällen gilt es von unserer Seite, Verständnis zu zeigen und zu erklären. Manche Patienten brauchen auch einfach nur zu hören, es sei normal so, dann sind sie beruhigt. Klingt einfach.

Der Patient hat es da schon schwerer: Er muss das Gesagte auch nachvollziehen und akzeptieren können. Er muss uns ein Stück weit vertrauen, dass wir ihm keinen Unsinn erzählen, dass wir wissen, was wir tun, und dass es eben wirklich richtig ist, wie es ist. Je nach Patient, Charakter und gemachten Erfahrungen ist das dann nicht so leicht, manchmal vielleicht sogar fast unmöglich. Entsprechend ist der Patient nicht zufrieden, und wird seine Unzufriedenheit natürlich auch weitergeben. Das ist dann schade, weil die Unzufriedenheit auf einem schlichten Missverständnis beruht.

Meine Bekannte jedenfalls wird auch bei der nächsten Operation selber ins Bett rutschen müssen. Unabhängig davon, ob sie sich daran erinnert, oder nicht. Genau, wie die meisten anderen Patienten auch.

Wie sind Sie denn versichert?

Anruf auf mein Diensttelefon. Es ist die chirurgische Oberärztin auf dem Notfall.

„Hallo, ich hätte hier noch eine Patientin mit Blinddarmentzündung, Frau Stipic. 20 Jahre alt, gesund. Kannst du dir die noch kurz anschauen kommen? Oh, und bevor ich’s vergesse: Die ist halbprivat versichert.“

Jackpot: Halbprivat (HP) und privat (P) versicherte stationäre Patienten muss primär nicht ich, sondern ein Oberarzt/Kaderarzt anschauen, ausser es geht eben zeitlich nicht auf. (Übrigens: bei ambulanten Patienten gibt es keine Unterscheidung zwischen Allgemein, Halbprivat und Privat, da sind alle gleich.)

Ich rufe also meine diensthabende Oberärztin an.

„Ich bin grade noch im OP, aber so in einer halben Stunde kann ich runter gehen“, versichert sie mir. Super, muss ich nicht selber hin.

10 Minuten später habe ich erneut die Chirurgin dran. „Hör mal, die Patientin ist nun wahrscheinlich doch nicht HP versichert. Also es steht zwar auf ihrer Karte, aber sie weiss nichts davon. Wir lassen sie vorläufig mal allgemein laufen, also musst du wohl doch selbst kommen.“

Klar, kann ich machen. Muss ich wohl. Ich liebe dieses Hin und Her mit tausend Telefonaten und minütlichen Umentscheidungen.

Auf dem Notfall ist ziemlich viel los. Der zuständige Assistenzarzt gibt mir trotzdem netterweise eine kurze Zusammenfassung zur Patientin – „jung, gesund, keine Medikamente, raucht nicht, keine Allergien, hat seit gestern nichts gegessen“ – bevor ich zu ihr in die Koje gehe. Frau Stipic liegt im Bett, ein bisschen blass ums Näschen. Ihre Mutter sitzt daneben auf einem Stuhl.

Ich beginne mein Gespräch mit Frau Stipic mit den üblichen Fragen. Grösse, Gewicht, ein kurzer Abriss über körperliche Leistungsfähigkeit. Nach zwei Minuten unterbricht mich eine Pflegefachfrau.

„Entschuldigung, ich störe nur kurz, ich wollte nur nochmal fragen wegen dem Versicherungsstatus. Also ist das richtig, Sie wüssten nicht, dass Sie HP versichert sind?“

Ich liebe es ja, wenn ich so unterbrochen werde. Passiv-aggressiv werfe ich der Kollegin von der Pflege einen mässig begeisterten Blick zu. Sie hält jedoch ihr Versprechen und verschwindet nach einer Minute wieder.

Ich fahre weiter und erkläre Frau Stipic den genauen Ablauf um die Operation herum. Es ist ihre erste Operation, und sie ist nervös. Ich will mir darum die Zeit nehmen, ihr Dinge, die sie erschrecken oder beunruhigen könnten, zu erklären. Wenn sie eine gute Vorstellung davon hat, was sie erwartet, kommt sie vielleicht ein bisschen entspannter in den OP.

Doch es dauert nicht lange, und ich werde wieder unterbrochen. Diesmal ist es eine Dame von der Patientenaufnahme. Nicht nur ignoriert sie mich völlig und entschuldigt sich noch nicht mal für die Unterbrechung, sie hat auch einen Zettel mit Informationen dabei, die sie nun eine nach der anderen mit Frau Stipic und ihrer Mutter abgleicht.

Mein Blick hätte die Dame wohl zum Einfrieren bringen können. Liegt das an mir, dass mich das so wütend macht? Das ist hier ein ärztliches Gespräch, noch dazu ein für die Patientin (und mich) recht wichtiges. Muss man das wirklich zweimal wegen des Versicherungsstatus unterbrechen? Dauernde Unterbrechungen stören nicht nur das Gespräch, sondern verunsichern Patienten auch unnötig.

Ich überlege mir, zu protestieren. Aber wie bringe ich das höflich rüber, oder zumindest so, dass es vor der Patientin keinen schlechten Eindruck macht? Ich bin schrecklich schlecht mit solchen Informationen, und prinzipiell eher jemand, der die Faust im Sack macht, innerlich kocht und, naja, eben solche passiv-aggressiven Blicke oder Bemerkungen macht. Nicht die optimale Art, ich weiss.

Als schliesslich herauskommt, dass auch das Geburtsdatum irgendwie nicht stimmt, entscheiden sich Aufnahmedame und Mama von Frau Stipic, gemeinsam nochmal zum Aufnahmeschalter zu gehen und den Fehler zu suchen. Ich atme auf und kann nun endlich mein Gespräch beenden.

Oder auch nicht: Die Tür öffnet sich und die Medizinstudentin auf der Chirurgie betritt die Koje. Jetzt reicht’s mir.

„Guck, ich will hier einfach nur mein Gespräch beenden. Das ist jetzt das dritte Mal, dass jemand reinkommt, also warte bitte einfach, bis ich fertig bin, ja?“

Die Studentin schaut mich leicht verschüchtert und sehr entschuldigend an. „Ich wollte dich nur kurz was fragen, hast du herausgefunden, ob sie Voroperationen hat?“

„Sie hat keine“, knurre ich. Die Studentin schiebt schnell die Schiebetür wieder zu und huscht davon.

Jetzt endlich kann ich doch noch auf den Punkt kommen. Ein paar Minuten später habe ich die Unterschrift der Patientin, und sie lächelt mich sogar an. Gewonnen. Ich verlasse das Zimmer mit dem festen Vorsatz, das nächste Mal aber wirklich meine ärztliche Autorität (jap, da muss ich tatsächlich selber drüber lachen) auszuspielen und zu sagen, dass die Anderen zu warten haben, wenn ich eine nervöse Patientin für ein Gespräch habe.

Tun werde ich es wahrscheinlich trotzdem nicht, aber den Vorsatz kann man sich ja man fassen.

Zitat des Tages

Ich: „Hatten Sie denn schon mal eine Narkose?“

Patient: „Ja, vor zwei Jahren.“

Ich: „Und gab es da irgendwelche Probleme?“

Patient: „Ja, das war schrecklich! Ich will nie, nie wieder eine Vollnarkose haben!“

Ich: „Oh, was war denn nicht gut?“

Patient: „Ich war nachher tagelang schrecklich müde. Ich konnte tagelang nur kurz aufstehen und ein paar Schritte machen, ich war total fertig von dieser Narkose!“

Ich: „Was war denn das für eine Operation, die sie damals hatten?“

Ach ja, das war diese notfallmässige, riesengrosse, mehrstündige Bauchoperation, seit welcher er eine riesige Narbe entlang des ganzen Bauchs hat. Und nach welcher er fast eine Woche auf der Intensivstation lag. Aber daran lag es bestimmt nicht. Das muss die Narkose gewesen sein.