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Assistenzärztin mit Staatsexamen 2015, anfangs eine Weile auf der Chirurgie, zwischendurch mal in der Landarztpraxis, jetzt auf der Anästhesie.

Solofliegen Teil 2

Mit einem Knabberwerkzeug namens „Lüer“ befreie ich die Platte von Gewebe. Wieder ein Instrument, das ich noch nie in den Händen gehalten habe, für welches ich kein Gefühl habe. Aber jetzt sehe ich die Schrauben. Ich bekomme den Schraubenzieher. Ich habe eine Frage. Darf ich die stellen? Ist es eine dumme Frage? Ich muss es aber wissen! Was, wenn… „Kommt es draufan, in welcher Reihenfolge ich die Schrauben entferne?“

„Nein.“

Okay. Gut. Ich nehme die, die ich am besten sehen kann, und entferne die Schraube. Das ist nicht so einfach. Ich halte den Schraubenzieher nicht gerade genug, und trotz meiner Bemühungen bewegt sich das Ding nach den ersten paar Umdrehungen nicht mehr. Der Orthopäde merkts. Er nimmt den Schraubenzieher und ein paar Umdrehungen später ragt das Ding schön weit raus. Ich erhalte das Instrument zurück und darf die letzten Umdrehungen machen. Die OP-Schwester fasst die Schraube und legt sie auf den Tisch. Eine von vier.

Zwei Schrauben später stehen wir vor einem Rätsel. Im Röntgenbild sind klar 4 Schrauben zu sehen, doch wir haben erst 3. Die Platte hat vorgefertigte Löcher, und die Löcher sind jetzt alle leer. Wo ist die vierte Schraube?

Wir starren auf das Rönntgenbild… Und dann dämmert es uns beiden gleichzeitig.

„Wo ist die Schraube?“, fragt der Orthopäde.

„Nicht in der Platte. Sie sieht zwar aus, als wäre sie darin, aber sie geht von vorne durch den Knochen.“, antworte ich. Ich bin stolz. Ich bin selber draugfgekommen. Die Spannung in mir löst sich ein bisschen.

Der Orthopäde nickt. „Wo suchen Sie die Schraube?“

„Auf der Höhe des drittuntersten Lochs, vorne.“

Er nickt erneut. Ich erhalte das Messer und schneide weiter. Die Schraube ist genau da, wo ich sie vermutet habe, und kurz darauf ist sie auch raus. Jetzt erhalte ich einen Haken, ein ekliges, spitziges, gekrümmtes Ding, und einen Hammer. Die OP-Schwester hält einen Meissel durch ein Lock am Ende des Hakens, und ich schlage mit feinen, vorsichtigen Schlägen darauf ein.Die Platte kommt frei. Das Metall ist raus.

Ich erhalte Nadelhalter mit Faden und Pinzette. Mit einem dicken, rauhen Faden nähe ich zuerst in der Tiefe zu. Der Orthopäde zeigt mit mir einer Pinzette an, wo ich fassen muss. Er korrigiert mich nicht – er scheint zufrieden. Er schneidet meine Fäden kurz ab. Ich gebe den Nadelhalter zurück und erhalte einen neuen mit einem viel dünneren, feineren, glitschigeren Faden. Hautnaht.

„Können Sie Donati?“, fragt der Orthopäde.

Das haben Sie mich vor einer Stunde schon gefragt, bei der letzten Operation. Sie haben meine ersten drei Stiche abgewartet und haben dann den Saal verlassen. „Ja.“, sage ich aus Überzeugung. Er steht auf und geht. Bevor er den Raum verlässt, dreht er sich um. „Diktieren Sie den Operationsbericht?“

„Ich versuchs.“, sage ich. Und könnte mich gleich darauf ohrfeigen. Das sagt man nicht! Versuchen? Machen! „Ich meine, jawohl, ich mache das!“ Er geht.

Ich nähe zu. Ich bin noch langsam, aber die Naht ist regelmässig und schön. Anästhesist und OP-Schwester sind freundlich und geduldig, keiner stresst mich.

Schweissgebadet und vollgepumpt mit Adrenalin gehe ich mich schliesslich umziehen. Es ist halb 3 Nachmittags. Zeit für das Mittagessen.

Solofliegen Teil 1

Beim Chirurgen habe ich schon öfters selbst kleinere Operationen durchführen dürfen, natürlich nur unter Aufsicht und Assistenz des Chefs. Zum Beispiel das Ausschneiden von Haut- oder Unterhauttumoren, kleine, unkomplizierte Dinge halt.

Beim Orthopäden ist das ein bisschen anders – Prothesen und die Versorgung von Knochenbrüchen gehören in erfahrene Hände. Darum können wir beim Orthopäden auch nicht viel selbst machen – ausser…

Die Patientin hat sich vor gut einem Jahr den linken Knöchel gebrochen, nun soll ihr Metall entfernt werden. Ich habe mich für die Operation eingeschrieben, weil ich bisher noch keine Metallentfernung gesehen habe, und falls ich mal eine machen dürfte, sollte ich zumindest schon mal bei einer dabeigewesen sein. Der Orthopäde sitzt auf der einen Seite des Fusses, ich stehe auf der anderen, damit ich etwas sehen kann. Er macht den Hautschnitt, entfernt Drähte und Schrauben auf der Knöchelinnenseite und näht zu. Nun kommt die Aussenseite: Eine Platte mit vier Schrauben. Dazu steht er auf. Ich mache mich bereit, die Seite zu wechseln, doch er steht nur da und hält das Bein nach innen gedreht.

Will der, dass ich das mache?, frage ich mich. Wenn ich jetzt nach dem Skalpell greife, ohne dass ich sollte, ist das ein grässlicher Fauxpas. Wenn ich aber sollte, und zulange warte, überlegt er es sich vielleicht anders. Oder er meint, ich will nicht. Oder… „HÜ“, brummt der Orthopäde. Okay. Jetzt nicht nervös werden. Du kannst das.

Ich nehme das Skalpell und schneide entlang der alten Narbe. Ich gebe zuwenig Druck, es ist schwer einzuschätzen. Ich muss nochmal ansetzen, um die fasrigen Narbenstränge zu durchtrennen.

„Neues Skalpell. Man schneidet nicht mit dem Hautmesser in die Tiefe.“, brummt der Orthopäde. Ich erhalte ein neues Messer mit einer identischen Klinge und schneide weiterm in vorsichtigen, kleinen Schnitten, damit ja nichts kaputtgeht, was nicht sollte.

„Wir sind hier nicht in der Psychiatrie. Das sind keine Probierschnitte hier. Schneiden Sie richtig.“, knurrt der Orthopäde. Woher soll ich denn wissen, wie fest ich drücken darf? Was, wenn ich etwas kaputtmache? Wenn ich nicht genau weiss, wo ich entlangschneiden muss? Zack, habe ich zwei Millimeter zu lang geschnitten. „Dort nicht.“, schnauzt der Orthopäde. Ich bin innerlich wie erstarrt. Ich fürchte, dass er mir jederzeit das Messer wegnimmt. Dass er sagt, das reicht, und mich dann nie wieder etwas machen lässt. Dass ich irgendwas wirklich, wirklich falsch mache, irgendein Blutgefäss durchdtrenne oder so. Hör auf, sage ich mir. Da sind gar keine grossen Gefässe. Reiss dich zusammen.

Zitat des Tages

Die 50jährige Patientin wird mir vom Rettungsdienst gebracht. Sie hat sich vermutlich die Schulter ausgekugelt und schreit vor Schmerzen. Nach der Übergabe durch den Rettungssanitäter gehe ich zu ihr.

Ich: „Guten Tag Frau Wolf, ich bin die Ärztin auf dem Notfall, mein Name ist Gramsel.“

Sie: „Ich kann Sie nicht hören!“

Ich: „Warum nicht?“

Sie: „Weil ich so Schmerzen habe!“

Logisch.

Jung, wild und depressiv

Abends, 20.30 Uhr, auf dem Notfall. Eine aufgeregte Mutter bringt ihren 19jährigen Sohn zu uns. Sie hat ihn in der Garage neben seinem Motorrad liegend gefunden, daneben eine leere Flasche Vodka und ein Blister Schmerztabletten. Als sie ihn angesprochen hat, hat er angefangen zu schreien und weinen. Sie hat ihn gleich ins Auto gepackt und zu uns gebracht, unterwegs hat sie noch eine Freundin alarmiert, die gleichzeitig mit ihr eintrifft. Die Freundin ist Pflegefachfrau in einem anderen Spital. Beide berichten, dass sich der Patient schon seit Wochen, wenn nicht Monaten, immer mehr zurückzieht, einen traurigen, lustlosen Eindruck macht, kaum mehr Freundschaften pflegt, nicht mehr richtig isst und schläft. Wir nehmen den Patienten in eine Koje, die Freundin nimmt die Mutter mit nach draussen und tröstet die Frau, die nun, da jemand Anderes nach ihrem Sohn schaut und sie endlich kurz durchatmen kann, weinend zusammenbricht.

Bei uns schlägt Silas, ein kräftiger junger Mann, wild um sich, schreit, lässt sich kaum beruhigen. Er hat keine äusserlichen Verletzungen. Wir geben ihm ein Beruhigungsmittel, worauf er etwas ruhiger wird und nur noch leise wimmert, auf Ansprache jedoch nicht reagiert. Ich habe gleich bei der Ankunft der beiden den Chef der Medizin angerufen und dazugeholt – das übersteigt meiner Mienung nach meine Fähigkeiten deutlich. Er beugt sich über Silas, legt ihm eine Hand auf die Schulter, beginnt, leise in beruhigendem Ton mit ihm zu sprechen. Er hört sein Herz und seine Lunge kurz ab, schaut ihm in die Augen, untersucht den Kopf. Schliesslich schaut er zu mir rüber. „Verleg ihn ins [nächstgrössere Spital] zur Überwachung und psychiatrischen Abklärung.“ Ich nicke und mache ein paar Telefonate.

Jetzt ist es Zeit, um mit den Angehörigen zu sprechen.

Die Mutter sitzt draussen im Wartezimmer und weint in die Schulter ihrer Freundin. Ich setze mich zu ihr und erkläre ihr, dass Silas nicht auf uns reagiert und wir nicht wissen, was genau das Problem ist. Wir verlegen ihn also in ein grösseres Spital, auf eine Intensivstation, und dahin, wo auch ein Psychiater ist, der ihn sich mal anschauen kann.

„Nein.“, sagt die Mutter und schüttelt den Kopf.

Ich bin völlig perplex. Einen Augenblick lang weiss ich nicht, was ich sagen soll.

„Silas braucht intensive Überwachung. Wir können das hier nicht bieten.“, versuche ich.

„Nein. Will ich nicht. Das ist mein Sohn.“

„Er braucht Hilfe. Darum haben Sie ihn doch hierher gebracht.“

„Ja, und ich will, dass er hier bleibt. Er geht nicht weg.“

Jetzt mischt sich aber die Freundin ein.

„Du hast da gar nichts zu bestimmen, dein Bub ist volljährig.“, sagt sie in bestimmtem, endgültigem Ton.

„Ich nehm ihn nach Hause. Gleich jetzt.“. Die Mutter starrt auf den Boden und schüttelt reflexartig den Kopf.

„Du weisst genau, dass das eine blöde Idee ist.“, sagt die Freundin.

Ich bin sprachlos. Ich will aufstehen und den Chef holen, damit er sie überzeugt. Ältere, erfahrene Ärzte haben’s immer einfacher, die werden eher ernst genommen als ich kleiner, junger Grünschnabel. Aber die resolute Art der Freundin gibt mir den Mut, es weiter zu versuchen. Ich widerstehe dem Verlangen, jemand anderen das Problem lösen zu lassen.

„Ihr Sohn braucht Behandlung. Darum haben Sie ihn hergebracht. Er hat eine gute Behandlung verdient, denken Sie nicht?“ Ich rede beruhigend auf sie ein und wiederhole diese Aussage noch in etwa 5 anderen Formulierungen: Der Sohn muss überwacht und abgeklärt werden, und hier geht das nicht. Wir sind das Krautundrübenspital, wir haben weder die Mittel noch das Personal dazu. Schliesslich hört sie auf, den Kopf zu schütteln, und sitzt still da, ein kleines Häufchen Elend. „Ich verstehe, dass dies eine schwierige Situation ist.“ Es klingt wie eine dumme Floskel, und ich schäme mich, solche Klischeeformulierungen zu verwenden, aber ich weiss nicht, was ich sonst sagen soll. Wir schweigen alle einen Moment lang. Dann frage ich: „Wollen Sie nochmal zu Ihrem Sohn?“

Sie nimmt das Angebot dankend an, wir gehen ins Zimmer. Silas liegt ruhig, der Chef ist immer noch an seiner Seite. Die Mutter steht still daneben.

Schliesslich kommt der Rettungsdienst und holt Silas ab, die Mutter fährt gleich im RTW mit. Ich erledige den Schreibkram. Dann darf ich nach Hause.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich endlich einschlafen kann.

 

Zitat des Tages

Frau Vieille, eine rüstige Wallisser Rentnerin Anfang ihrer Siebziger, hat kürzlich eine neue Hüfte erhalten. Sie hat täglich Physiotherapie, um das Gehen mit Stöcken zu üben, und ein Gefühl dafür zu bekommen, wieviel sie ihr Bein belasten darf.

Am dritten Tag klappt sie plötzlich auf dem Gang zusammen. Die Physiotherapeutin kann sie noch auffangen, die Pflege kommt herbeigeeilt, sie wird wieder auf die Füsse gestellt. Für den Rest des Tages bleibt sie im Bett, protestierend, dass es ihr doch nicht so schlecht gehe.

Am Abend gehe ich zusammen mit dem Operateur vorbei.

„Frau Vieille“, sagt er kopfschüttelnd, „was muss ich hören? Sie sind heute gestürzt?“

Sie grinst ihn entschuldigend an. „Ich habe eine Theorie.“, sagt sie.

Der Chirurg lacht. „Dann lasst hören.“

„Mein Kopf ist halt noch nicht so alt wie ich.“, sagt sie mit einem schelmischen Lächeln.

„Ach ja?“ Nun lacht auch der Chirurg.

„Er sagt mir immer: Hey, kein Problem, das kannst du! Mach nur, das kommt schon gut! Der hat halt noch nicht verstanden, dass der Rest von mir ein bisschen älter und klappriger ist… Vielleicht hätte ich’s etwas ruhiger angehen sollen.“

Mein Kopf ist halt noch nicht so alt wie ich. Hat sie das nicht schön gesagt? Jung geblieben, voller Energie und Tatendrang, Flausen im Kopf, bis ins hohe Alter. So möchte ich auch altern.

Oder, wie es Erich Kästner gesagt hat: Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch.