Was ist die Intensivstation?

„Sag mal, was ist eigentlich eine Intensivstation?“

Das hat mich meine Mutter kürzlich gefragt – und dabei ist mir wieder mal bewusst geworden, dass viele Dinge, die für mich selbstverständlich sind, es gerade für medizinische Laien eben nicht sind. Manchmal vergesse ich das. Darum heute und hier ein kleiner Einblick in die Welt der Medizin, wo nichts zu teuer und alles machbar ist. Oder auch nicht.

Die Intensivstation ist ein gesonderter Bereich im Spital, der nicht einfach zugänglich ist. Betreten kann man sie nur mit Badge, für Angehörige gibt es ein Wartezimmer mit Gegensprechanlage, im Gegensatz zur Normalstation, wo man sich freier bewegen kann.

Die Patientenzimmer haben je zwei Plätze, trennbar durch einen Vorhang, mit einer Schiebetür aus Glas, dass man jederzeit hineinschauen kann. Jeder Patientenplatz ist mit einem Arsenal an Maschinen ausgestattet – verschiedene Monitoren zur Überwachung von allem, was man irgendwie überwachen kann, Spritzenpumpen, Beatmungsgeräte. Die Pflege hat auch kein eigentliches „Schwesternzimmer“. Ihre Arbeitsplätze sind, mit Blick auf die Patientenzimmer gerichtet, hinter einer Glasscheibe, sodass sie eben jederzeit sehen können, was wo vorgeht.

Das ist wichtig, denn auf der Intensivstation liegen die kränksten Patienten. Patienten, die beatmet werden müssen, deren Blutdruck, Herzrhythmus oder Puls jede Sekunde beobachtbar sein muss, weil es jederzeit lebensgefährliche Probleme geben kann. Patienten, die in einen künstlichen Schlaf versetzt werden müssen, damit ihr Körper besser heilen kann. Manchmal sind es auch Patienten, die in einem verwirrten Zustand sind, und die einfach eine sehr enge Betreuung brauchen, welche man auf der Normalstation nicht gewährleisten kann.

Damit erschliesst sich auch schon ein weiterer Unterschied zur Normalstation: Der Betreuungsschlüssel. Während auf Normalstationen eine Pflegekraft für 5, 6 oder mehr Patienten zuständig ist, sind es hier nur etwa eins bis drei, je nach dem, wie aufwändig die Patienten sind. Die Patienten auf der Intensivstation benötigen, wer hätte es gedacht, intensivere Pflege und Betreuung.

Wir sind eine gemischte Station, das heisst, wir haben internistische und chirurgische Patienten. An einem typischen Tag haben wir zum Beispiel unter anderem:

  • Patient A, 87jährig, der gestern Nacht eine notfallmässige Bauchoperation bei Darmverschluss hatte, und der seither kreislaufunterstützende Medikamente braucht
  • Patientin B, 67jährig, die schon viele Jahre lang eine COPD hat und sich nun eine Lungenentzündung eingefangen hat, weshalb ihre Atmung erschöpft ist. Sie ist intubiert und eine Maschine übernimmt die Schwerstarbeit, bis die Lungenentzündung etwas abgeklungen ist und sie selber wieder atmen mag
  • Patient C, 72jährig, kam heute morgen mit dem Rettungswagen, weil er Brustschmerzen hatte. Es wurde ein Herzinfarkt diagnostiziert, er wurde in ein anderes Spital verlegt und bekam dort Stents. Die Kollegen haben ihn danach zu uns zurückgeschickt, nun ist er noch bei uns zur Überwachung
  • Patientin D, 18jährig, hat vor drei Tagen eine ganze Packung Paracetamol geschluckt, weil ihr Freund mit ihr Schluss gemacht hat. Sie ist hier, bis ihre Leberwerte wieder besser sind, danach wird sie in die Psychiatrie überführt
  • Patientin E, 52jährig, hat eine Blutvergiftung. Ihr Körper ist im Ausnahmezustand. Sie ist intubiert und im künstlichen Koma und bekommt eine Menge verschiedener Medikamente, die ihr Überleben ermöglichen sollen.

All diese Patienten haben ganz andere Schwerpunkte und Probleme. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen älter sind und schon eine Reihe an anderen Erkrankungen mitbringen, welche alle auch Probleme machen können. Das ist eine grosse Herausforderung für das ganze Team.

Für die Patienten ist die Situation meist schwer zu erfassen. Da sind eine Menge fremder Menschen, die alles Mögliche an ihnen machen, sie verstehen oft nicht, was um sie herum geschieht.

Auch für die Angehörigen ist die Intensivstation meist kein schöner Ort. Sie sehen ihre Liebsten schwerkrank in einem Bett, an zahllose Schläuche und Bildschirme angeschlossen. Die Besuchszeiten sind beschränkt, es dürfen nur zwei Personen gleichzeitig ans Bett. Der Ausgang ist häufig ungewiss, man macht sich grosse Sorgen.

Doch wir haben auch viele schönen Erlebnisse. Zum Beispiel, wenn Patientin B ihre Augen zum ersten Mal wieder öffnet. Wenn Patientin E ihre ersten eigenen Atemzüge seit Tagen nimmt. Wenn Patient A das erste Mal Stuhlgang hat (ja, wir sind manchmal mit wenig zufrieden) und ein paar Stunden am Stück im Lehnstuhl sitzen kann. Wenn Patient C’s Familie zu Besuch kommt und er vor Freude strahlt.

Was genau meine Rolle in dem Ganzen ist, erzähle ich euch dann nächste Woche.

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2 Kommentare zu „Was ist die Intensivstation?“

    1. Ah 😀 Ich hab erst mit (erfundenen) Namen gearbeitet weil ich es so persönlicher fand, aber dann geändert weil ich fand es tut nichts zum Inhalt. Da hab ichs wohl unten vergessen zu ändern, danke für den Hinweis!

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