Intensiv(e)Medizin

Kürzlich war es eine Weile lang etwas ruhiger hier. Das hatte mehrere Gründe: Einerseits hatte ich Ferien, andererseits habe ich ein neues Abenteuer begonnen – auf der Intensivstation.

Für den Facharzt Anästhesie brauche ich insgesamt 5 Jahre, davon muss ich 4-4.5 im Fach Anästhesie absolvieren (an mindestens 2 verschiedenen Spitälern, wovon eines ein Maximalversorger sein muss) sowie ein halbes bis ein ganzes Jahr Intensivmedizin. Mein Chef hat mir in unserem Spital eine sechsmonatige Rotation auf unserer Intensivstation (IPS) organisiert, welche ich nun angetreten habe.

Wir sind vier Assistenzärzte, davon sind drei von der medizinischen Abteilung. Der vierte ist nirmalerweise ein Chirurg, aber die Chirurgen haben mir diese Rotatonsstelle freundlicherweise (oder nach irgendwelchen Androhungen meines Chefs, wer weiss) überlassen. Es ist jeweils ein Assistenzarzt im Zweischichtbetrieb anwesend (das bedeutet ca 13h Schichten), der tagsüber von einem der beiden leitenden Ärzte eng betreut wird. Nachts sind wir alleine, haben aber einen Anästhesisten im Köcher, falls irgendwas Dringendes anstehen würde, sowie einen medizinischen Hintergrund, den man bei Fragen anrufen kann.

Zusätzlich habe ich drei bis vier hervorragend ausgebildete, erfahrene Pflegefachpersonen, welche mir ebenfalls jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Damit sie das auch wirklich tun, habe ich ihnen die ersten zwei Tage Kuchen mitgebracht. Wenn die mich nicht mögen, können die mein Leben ganz schön schwer machen, also habe ich vorsichtshalber mal essbare Bestechung mitgebracht.

Die Patienten sind meist medizinisch. Das ist der Haken. Ich habe nie Medizin gemacht. Nach dem Staatsexamen war ich in der Chirurgie (mit interdisziplinärem Notfall, aber das zählt nur so halb), dann ein bisschen in der Hausarztpraxix und nun zwei Jahre lang in der Anästhesie. Meine internistischen Kenntnisse sind also dürftig, wenn überhaupt. Das hat mir im Vorfeld ganz schön Sorgen gemacht. Ich habe wochenlang chirurgische Kolleginnen, welche die Rotation bereits hinter sich haben, gelöchert. Alle haben mir gesagt, man werde hervorragend betreut, und man könne auch nachts immer anrufen, niemand sei jemals böse, alle seien hilfsbereit und erkläre gern. Klingt gut, oder?

Am ersten Tag durfte ich noch mit einer Assistenzärztin mitlaufen. Sie hat mir viel Administratives erklärt und gezeigt. Am nächsten Tag war ich allein. Ins eisige, kalte Wasser geschmissen.

Und hui, manchmal war mir echt unwohl.

Auf der Anästhesie habe ich mich inzwischen recht sicher gefühlt. Die Tage waren vor allem Routine. Mein Wissen war einigermassen ausreichend, ich wusste, was ich tat, hatte Pläne A, B, C und D bereit. Auch stressige Situationen erschütterten mich kaum noch. Ich kannte mein Team, mein Team kannte mich, wir arbeiteten gut zusammen.

Jetzt ist alles neu. Ich war überfordert. Das gehört sich so, das ist normal, wenn man neu beginnt, und ich wusste das. Trotzdem fühlte ich mich manchmal etwas überfahren, hilflos, planlos.

Was mich wenigstens halbwegs rettete, war meine Erfahrung. Kaum zu glauben, wie dreieinhalb Jahre, eigentlich so wenig Zeit, einen riesigen Unterschied machen. Wäre ich zum Anfang meiner Assistenzarztzeit noch komplett unter die Räder gekommen (kennt ihr Scrubs, die Szenen, wenn Elliott sich in den Materialschränken versteckt und heult? Genau so), hatte ich nun die Gelassenheit, mich Situationen zu stellen, auch wenn es schien, als wäre ich Wurm dafür kaum qualifiziert. Und mithilfe der Pflege und meiner  leitenden Ärztin klappte das dann auch gar nicht so schlecht. Zumindest starb niemand, und niemandem ging es am Ende der Schicht schlechter als am Anfang. Das ist schon viel.

Ich stellte aber auch fest: Es tut gut, wiedermal überfordert zu sein, an seine Grenzen zu kommen, festzustellen, was man alles nicht weiss. Man lernt unheimlich viel dabei. In vielerlei Hinsicht: Schon am ersten Morgen lernte ich 5 neue Medikamente kennen, 15 neue Maschinen und Geräte und gefühlte tausend neue Namen meiner neuen Mitarbeiter.

Ich gewöhnte mich wieder daran, mit Hausärzten zu telefonieren, und war berührt, wie interessiert sie jeweils am Zustand ihrer Patienten waren. Fast alle baten mich, den Patienten Grüsse auszurichten. Alle gaben bereitwillig Auskunft, mailten mir Berichte, Diagnosenlisten, Laborresultate, Medikamentenlisten. Jene, die ich nicht erreichte, weil sie gerade nicht in der Praxis oder beschäftigt waren, riefen mich zurück.

Schliesslich war der Tag vorbei, der Kollege vom Nachtdienst kam und löste mich ab. Er beantwortete noch einige meiner Fragen und entliess mich dann nach Hause. Ich war wie gerädert, aber auch so zufrieden wie seit Langem nicht mehr.

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2 Kommentare zu „Intensiv(e)Medizin“

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