Neulich im Netz: Die Sache mit der Sprachbarriere

Vor einer Weile hat ein Video auf Twitter hohe Wellen geschlagen. Auch Dr. Mike (im Moment einer meiner Lieblings-Youtubekanäle) hat das Thema aufgegriffen. Der Vorfall hat auch bei mir gemischte Gefühle ausgelöst, weshalb ich das hier thematisieren möchte.

Was ist passiert?

Grossmutter, Mutter und Tochter kommen zu einem Arzt. Die Grossmutter (als Patientin) spricht nur Spanisch, aber die Tochter spricht fliessend Englisch und übersetzt. Gemäss den Erklärungen der Enkelin auf Twitter hat der Arzt die Patientin wiederholt scharf kritisiert, weil sie seit 45 Jahren in den USA ist und kein Englisch spricht. Ein Teil davon ist auch im Video zu sehen.

Alter Falter.

Die USA ist ein Land, welches hauptsächlich von Immigranten bevölkert wird, und welches zumindest auf Bundesebene keine offizielle Sprache hat. Einzelne Staaten haben Englisch als offizielle Sprache eingeführt, aber nicht alle. Spanisch ist die häufigste gesprochene Fremdsprache, und die USA haben den fünfthöchsten spanisch-sprechenden Bevölkerungsanteil weltweit (nach Ländern wie Mexiko, Argentinien und Spanien).

Also erstmal: Das geht einfach nicht. Du kannst als Arzt nicht einfach hingehen und sagen, hey, es ist scheisse, dass du nach 45 Jahren kein Englisch sprichst, weil es einfach komplett unprofessionell ist. Das geht dich schlicht und einfach nichts an, du bist da, um dem Patienten zu helfen, Punkt. Jeder, und ich meine jeder Patient, egal welcher Nationalität, Sprache, Gender, Hautfarbe, Religion undsoweiterundsofort verdient deine urteilsfreie Behandlung. Nochmal Punkt.

Da wir das nun aus dem Weg geschafft haben, kommt das grosse „aber.“ Wer hätte es gedacht: Dinge sind nicht einfach, und auch nicht schwarz und weiss.

Ich sehe tagtäglich Patienten in der Sprechstunde, welche schlecht bis kein deutsch sprechen. Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Kurdisch, Serbo-Kroatisch und Türkisch sind wohl so am häufigsten, dazu kommen zum Beispiel Arabisch, Tigrinya, Farsi oder Tamil. Es gibt in unserem Spital keine offiziellen Übersetzer, das lohnt sich einfach finanziell nicht. Es gibt eine Liste, in welche sich Mitarbeiter eintragen können, damit man sie beiziehen kann, wenn es nötig ist, aber die sind dann häufig nicht da (weil Schichtbetrieb und so) oder haben keine Zeit. Im Büro hab ich den PC, da komme ich mit dem Google Translator manchmal noch ein Stück weiter.

Sprachen lagen mir schon immer, ich spreche gut Englisch und passabel Französisch. Spanisch verstehe ich, kann es aber kaum sprechen. Vor einer Weile hab ich mit Duolingo italienisch zu lernen begonnen. Das reicht inzwischen aus, um Anamnesen und Aufklärungsgespräche zu führen, wenn auch längst nicht im selben Detail wie auf deutsch oder englisch. Italienisch brauche ich wirklich sehr oft, und bin immer wieder begeistert, wie willig die Patienten sind, mir neue Worte beizubringen, wenn mir der Wortschatz fehlt – zuletzt hat mich ein Patient begeistert „ossigeno“ (Sauerstoff) gelehrt.

Wirklich, häufig ist es kein unlösbares Problem mit einem fremdsprachigen Patienten. Man verständigt sich mit Händen und Füssen, lehrt sich gegenseitig neue Worte. Manche Patienten bringen jemanden mit, der übersetzen kann, darüber bin ich dann immer sehr froh und bedanke mich auch ausdrücklich beim Übersetzer dafür.

Wobei auch die Übersetzer immer eine Fehlerquelle sind, weil man sich nie ganz sicher ist, ob sie Fragen direkt und Antworten ehrlich übersetzen, besonders bei heikleren Themen. Und ja, natürlich ist es nicht dasselbe, ob ich ein Gespräch direkt mit dem Patienten direkt oder über ein übersetzendes Familienmitglied führe, aber wir arbeiten nunmal mit dem, was wir haben.

Aber es gibt auch immer die Fälle, die etwas schwieriger sind. Die kommen zwar nur vereinzelt vor, sind aber trotzdem belastend für alle Parteien.

Hin und wieder haben wir Patienten, welche darauf bestehen, dass wir ihre Sprache sprechen. Fliessend. Das ist gelegentlich einfach nicht möglich, besonders in Notfallsituationen. Auch habe ich im normalen Sprechstundenablauf keine Möglichkeit, damit Zeit zu verlieren, einen Übersetzer zu finden, selbst wenn ich denn einen auftreiben könnte, dafür fehlt mir einfach die Zeit – ein Systemfehler. Die nötigen Strukturen sind schlicht nicht vorhanden.

Plus, das Vorgespräch ist ja das eine, aber in den OP kann man keinen Übersetzer mitnehmen. Vom Moment an der Schleuse ist der fremdsprachige Patient auf sich alleingestellt. Ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie sich das anfühlen muss. Man ist krank, ängstlich, verunsichert. In einer fremden Umgebung mit vielen unbekannten Menschen rundherum. Man versteht nicht, was mit einem geschieht, und warum. Für uns mag die Situation mühsam sein, aber für den Patienten ist sie schlicht der Horror.

In der heutigen Zeit ist es eine natürliche Gegebenheit, dass man Patienten hat, welche kein Deutsch oder Englisch sprechen. Jeder, der im Spital arbeitet, kennt die Schwierigkeiten, jeder hat schon erlebt, wie einem da manchmal der Geduldsfaden ganz, ganz dünn wird oder in besonders schwierigen Situationen sogar reisst.

Im schlimmsten Fall breche ich die Sprechstunde ab und weise den Patienten an, zu einem anderen Termin mit einem Übersetzer zu kommen. Ich kann auch darauf hinweisen, dass ein medizinisches Gespräch eine sensible Sache ist, ich meine Informationen brauche und das hier jetzt deshalb nicht zielführend ist. Jedoch: Es ist weder mein Job noch meine Position, jemandem deswegen direkte Vorwürfe zu machen. Soviel Professionalität sollte sein.

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3 Kommentare zu „Neulich im Netz: Die Sache mit der Sprachbarriere“

  1. Ein guter Freund meines Vaters war Hausarzt in einer Stadt und wollte nicht in Rente gehen, weil er gut Italienisch sprach, als einziger Hausarzt und daher die „Armen“ Patienten, welche nur Italienisch sprachen nicht sitzen lassen wollte. Ich fand das eher von den Patienten egoistisch, dass sie in 30 Jahren kein Deutsch gelernt hatten. Der Arzt starb unvermittelt mit etwa 75, ohne ganz in Rente….

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  2. Kennst du schon die Zeichnungen deiner Kollegin Frau Zorgcorporations? https://zorgcooperations.blogspot.com/2018/12/nein-kein-kaka-symbolbilder-fur-den.html – ist natürlich eher internistisch als anästhesiologisch, aber vielleicht trotzdem hilfreich.
    Ansonsten hat das mit der Sprache ein schwieriges Thema. Einerseits zweifelsfrei sehr nützlich und auch zwingende Voraussetzung für jeden vernünftigen Job im neuen Heimatland – andererseits lernt man eine Sprache nur durch regelmäßigen Gebrauch in der Praxis wirklich und durch Zuhören bei anderen Sprechern. Beides ist nicht immer mit der Lebensrealität der Migranten, besonders jener der Frauen in Einklang zu bringen, die nur wenig Kontakte außerhalb der Familie unterhalten (dürfen) oder das überhaupt zeitlich können.
    Selbst aus Syrien, was ja noch ein sehr gutes Bildungswesen hat, sind unter den älteren Flüchtlingen jenseits 60 noch einige Analphabeten dabei gewesen – denen stehen dann natürlich noch weniger Möglichkeiten für Sprachunterricht zur Verfügung.
    Insofern versuche ich möglichst wenig über Menschen zu urteilen – ich bin schließlich nicht ein ganzes Stück in ihren Schuhen gegangen. Scharfe Kritik – wie bei dem Vorfall auf Twitter – wäre nebenbei bemerkt sowieso die falsche Strategie, um Menschen von etwas zu überzeugen 😉

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  3. @anneinsideoffice
    Es gibt Menschen, die können mit der Rente einfach nichts anfangen. Mein Opa hat (mit)gearbeitet in seinem (ehemaligen) Betrieb, bis es ihn mit 85 ins Krankenbett geworfen hat. Unglücklich war er, weil er mit der Wende und dem zwangsweisen Aufkommen der Computertechnik einfach nicht mehr mithalten konnte…

    @Problem:
    Googel-Übersetzungen sind leider auch nicht immer die Lösung. Ich hatte z.B. schon mal einen Mann mit arabisch-schriftzeichen-handy-hintergrund hier, der (soweit ich das herausbekommen konnte für seine Frau) laut Googel „Blutungs-Tabletten“ haben wollte. Da ist die Antwort schwer. Nahe läge ein Eisen-Präparat. Aber es könnten auch Thrombozytenaggregationshemmer genauso gemeint sein wie etwas zum Stillen von (Wochenbett?-)Blutungen (was es so eh nicht frei gegen würde und dringende ärztliche Unterstützung zu empfehlen wäre). Oder etwas gegen Regelschmerzen? Die Sprachbarriere war in diesem speziellen Fall für mich schlicht zu hoch, da auch Bitten, die Anfrage anders zu formulieren immer wieder „Blutungs-Tabletten“ ergab. Ich hatte noch ein paar ähnliche Erlebnisse, aber an die kann ich mich nicht genauer erinnern…

    Die Probleme gehen aber durchaus weiter. So habe ich schon mehrfach versucht über Sprachbarrieren hinweg zu erklären, dass bestimmte Arzneimittel z.B. zwar in Deutschland mit Privatrezept zu kaufen sind, aber dann nicht so ohne weiteres ins Ausland (wo es selbige schlecht oder gar nicht oder nur in zweifelhafter Qualität gibt) verbracht werden können. Sei es, weil Zollbestimmungen dagegen sprechen (BtM und BtM-ähnliche Substanzen), sei es, weil es sich um Kühlwahre handelt, die weder einfrieren noch warm werden darf zum Wirkungserhalt, und die dann mit der Post verschickt werden sollte. (In einem speziellen Fall ein Wachstumshormon im Wert mehrerer hundert Euro.) Selbst mit einem privat orgaisierten Bekannten als Auto-Kurier wäre das schwierig geworden, weil die Reise mehrere Tage gedauert hätte und man da auch die Kühlkette im Sommer nur schwer zustande gebracht hätte.

    Der Probleme sind viele, eine Sprachbarriere ist immer ein heftiges Hindernis.

    Andererseits werden Sprachbarrieren auch manchmal von Menschen bewußt genutzt. Ich kannte man einen „Russland-Deutschen Rückübersiedler“ – ja, ich weiß, das ist jetzt nicht politisch korrekt, und diese Menschengruppe ist immer gebeutelt und wird wahrlich überall abgelehnt – der konnte 1A deutsch sprechen mit russischem Akzent, wenn alles so lief, wie er sich das vorstellte. Wenn aber einer seiner Wünsche nicht zu erfüllen war, stellte er (mit der Zeit immer saurer und fordernder werdend) auf russisch fest, dass er den „Wunsch-Verweigerer“ sprachlich nicht verstehe. Diese Strategie führte vermutlich nicht selten zu einem Erfolg, da er sehr penetrant sein konnte und man irgendwann entnervt aufgab. Sicherlich ein Einzelfall, aber schon ein recht extremer…

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