Reanimation mit Teilerfolg

Als der Ruf zur Reanimation ertönt, habe ich gerade nicht viel zu tun. Ich stehe in einem Einleitungsraum und ziehe Medikamente für eine Narkose auf. Meine Oberärztin jedoch ist im Saal gerade mit einer Lungenoperation beschäftigt, weshalb sie kurz ihren Kopf herausstreckt. „Gehst du schon mal vor, zusammen mit dem Anästhesiepfleger? Ich komm dann gleich nach.“

Es ist das Zimmer ganz am Ende des Flurs auf der Altersunfallchirurgie. Als wir das Zimmer betreten, sind schon eine Menge Leute da: Vier Personen von der Stationspflege (eine Diplomierte, eine FaGe, zwei Pflegeschülerinnen), der Leiter der Intensivstation, seine Assistenzärztin, zwei Assistenzärzte der Chirurgie.

Den Patienten kenne ich nicht. Er scheint etwa 80 Jahre, seine Haut ist aschfarben. Er liegt auf der Seite, kaffeesatzartige Flüssigkeit trieft ihm aus Mund und Nase. Die Augen sind leicht geöffnet, aber schauen ins Nirgendwo.

„Du gehst an den Kopf“, bestimmt der Anästhesiepfleger und nickt mir zu. Einen Moment lang bin ich überfordert – was soll ich denn jetzt bitte tun? Dann schweifen meine Gedanken zurück zum Notarztkurs, den ich letztes Jahr gemacht habe – ABCDE, haben sie uns damals eingeprügelt. Geh einfach nach Schema vor und alles wird gut.

Gleich bei A für Atemwege bleibe ich hängen. Das ist ganz sicher kein gesicherter Atemweg, der Patient ist nicht ansprechbar. Atmet er überhaupt noch? Die Atemstösse sind kurz, oberflächlich und unregelmässig. „Das ist eine Schnappatmung“, sagt der Intensivmediziner zu mir. Das sehe ich zum ersten Mal, ich hätte es wohl nicht selber erkannt, aber ich weiss, was es bedeutet: Keine ausreichende Atmung. Der Patient muss beatmet werden.

„Beatmungsbeutel und Maske“, verlange ich von meinem Pfleger, der bestimmt schon hundertmal soviele Reanimationen wie ich auf dem Buckel hat. Er wurstelt im Rea-Rucksack und reicht mir den Beutel, während ich Mund und Rachen des Patienten absauge.

Der Intensivmediziner drückt seine behandschuhte Hand tief in die Leiste des Patienten. „Der Patient hat keinen Kreislauf und hat laut Akte Rea-Status Ja“, verkündet er. „Du, fang an zu drücken.“Er zeigt auf einen beliebigen Assistenzarzt, aber seine Assistenzärztin von der IPS ist schneller. Sie klettert auf das Bett und beginnt mit den Kompressionen.

„Sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreissig“, zählt sie, um mir zu signalisieren, dass ich dran bin mit meinen zwei Beatmungsstössen. Ich stehe hinter dem Patientenbett. Da ich recht kurz geraten bin, reicht mir das Brett am Kopf des Bettes fast bis zur Brust. Ich beuge mich darüber, balanciere auf den Zehenspitzen, halte mit der linken Hand die Maske und drücke mit der rechten den Beutel. Die Beatmung geht gut, aber ich hätte gerne einen Tubus für den Patienten.

Wir arbeiten ein paar Zyklen. Der Intensivmediziner zeigt gelegentlich wieder auf eine neue Person, die sich bereitmachen muss, die Kompressionen zu übernehmen. Nach seiner Assistenzärztin übernimmt ein chirurgischer Assistenzarzt, dann eine Pflege, dann eine chirurgische Assistenzärztin, bis die Rotation schliesslich von Neuem beginnt. Auf Anweisung des Intensivmediziners machen wir zwischendurch Pausen, um den Herzrhythmus zu analysieren. Das EKG zeigt zwar Ausschläge, aber das Herz schlägt nicht wirklich- eine sogenannte pulslose elektrische Aktivität liegt vor.

Irgendwann dazwischen kommt meine Oberärztin doch noch dazu und fällt sogleich den Entscheid zur Intubation. Als der Beatmungschlauch liegt, kann ich durchgehend beatmen, wir brauchen keine extra Pausen zwischen den Kompressionen zu machen.

Es scheint eine Ewigkeit vergangen, als der Intensivmediziner verkündet: „Er hat Kreislauf. Wir gehen auf die IPS.“ Gemäss Protokoll, welches eine der Pflegekräfte die ganze Zeit über geführt hat, waren es 25 Minuten. Das Aufatmen im Zimmer ist fast spürbar. Wir haben 25 Minuten hart gearbeitet und dürfen nun dieses Erfolgserlebnis verbuchen – ein gutes Gefühl.

Der Intensivmediziner verlässt das Zimmer, überlässt uns den Rest. Geht wohl noch kurz eine rauchen, bevor er den Patienten dann auf der IPS vollends übernehmen und installieren muss. Inzwischen schieben wir den Patienten im Bett zur IPS. Zwei Pflegende eilen voraus, um uns den Weg frei zu machen, ich beatme den Patienten weiter von Hand mit dem Beutel. Hinter mir schiebt ein chirurgischer Assistenzarzt die transportable Sauerstoffflasche und fährt mir dabei gelegentlich in die Fersen.

Auf der IPS erwartet man uns schon. Zu meiner Entlastung wird der Patient gleich an eine Beatmungsmaschine angeschlossen, ich helfe noch beim Anschliessen an den Monitor. Nun dürfen alle Beteiligten, die nicht auf der Intensivstation arbeiten, gehen. Meine Oberäztin nickt mir noch kurz zu und sagt „gut gemacht“, bevor sie zurück in den OP verschwindet.

Als wir das Zimmer verlassen, sind die Augen des Patienten lichtstarr und weit – ein schlechtes Zeichen. Er benötigt kreislaufstabilisierende Medikamente, wird beatmet, aber sein Herz schlägt wieder.

Der Patient verstirbt trotz aller Bemühungen eine Stunde später. Er benötigt immer mehr und mehr Medikamente für den Kreislauf, reagiert nicht auf Schmerz- oder andere Reize, seine Pupillen bleiben weit und lichtstarr. Nach einem Telefongespräch mit seiner Tochter, die aussagt, er hätte nie künstlich am Leben erhalten werden wollen, verzichtet man beim erneuten Kreislaufstillstand auf eine Reanimation und lässt ihn gehen.

 

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4 Kommentare zu „Reanimation mit Teilerfolg“

  1. „Der Patient hat keinen Kreislauf und hat laut Akte Rea-Status Ja“

    „Nach einem Telefongespräch mit seiner Tochter, die aussagt, er hätte nie künstlich am Leben erhalten werden wollen, verzichtet man beim erneuten Kreislaufstillstand auf eine Reanimation und lässt ihn gehen.“

    Zwei Aussagen, die mal wieder den Konflikt von „REA-Status abklären“ zeigen.

    Wie wurde ich von Patienten schon angegangen, wenn ich nach deren Wünsche und Vorstellungen gefragt habe. Tut mir leid, aber ich bin rechtlich dazu verpflichtet. Eigentlich bei jedem Patienten, der in mein KH kommt, auch beim 18-jährigen mit Blinddarm-Entzündung.

    Wie ich schon von Angehörigen angegangen bin, dass ich mich traue zu fragen, ob sie verstanden haben, was „alles machen“ bedeuten würde. Oder sogar Patientenverfügungen vorhanden sind, die mir eigentlich gewisse Dinge verbieten. Aber jetzt ist die Situation ja ganz eine andere..

    Wie mich schon ü80-jährige angeschaut haben, als ich gefragt habe „und wenn das Herz stehen bleibt, wie weit sollen wir gehen?“ „Wollen Sie mich einfach verrecken lassen?“ Nein, aber „an Maschinen hängen“ ist dann plötzlich auch nicht erwünscht.

    Nur wenige Patienten können differenziert äussern „ach, lassen Sie mich gehen. Ich hatte ein schönes Leben. Ich bin jetzt xy Jahre alt. Das werden meine Angehörigen nicht verstehen. Aber für mich ist es gut so. Ich bin ja schon länger krank..“

    Das Thema Tod ist im Gesundheitswesen absolut tabu. Komisch, es hängt doch auch zusammen.

    Bisher hab ich nur wenige Ärzte kennengelernt, die es gut fanden, dass solche Themen auch auf Visite angesprochen wurden (teils auch Anwesenheit des Oberarztes zur doppelten Absicherung, v.a. bei kritischen Situationen).

    Gefällt 1 Person

    1. Erlebe ich genau so wie du. Der Rea-Status wird auf dem Notfall schon besprochen und genau dokumentiert. Da sehen wir auch lustige Sachen wie ‚Rea ja, IPS nein‘ oder Ähnliches.

      Der Tod ist tatsächlich ein Tabuthema. Sterben ist heute nicht mehr erwünscht oder erlaubt, lieber alles bis zum Letzten ausreizen. Das Problem scheint mir aber eben auch, dass Laien keine Vorstellung haben, was diese Massnahmen alle bedeuten und was die Konsequenzen sind – woher auch, wenn man im Fernsehen immer nur sieht, wie Patienten nach ROSC gleich wieder aufstehen?

      Aber solange niemand darüber reden will oder kann, wird sich daran auch nicht viel ändern. Und wir baden das dann aus.

      Gefällt mir

  2. Ich lese sonst nur still mit (großartiger Blog, der mich animierte, weit vor der Entbindung mir die Aufklärung für PDA/Spinal/Vollmarkose zu holen, weil ich unter Wehen nicht zurechnungsfähig sein würde und auch nicht war).
    Heute ist es mir jedoch ein Bedürfnis zu kommentieren.
    Mein Mann starb vor wenigen Wochen, im Krankenhaus, friedlich. Er war 40 Jahre alt und die Situation, dass es zu Ende geht, trat so plötzlich ein, dass wir über nichts gesprochen hatten.
    Bevor er nicht mehr ansprechbar war (er lag insgesamt 5 Tage im Krankenhaus), konnte ich klären, wie weit wir gehen wollen. Er hat noch entschieden, dass es ohne Rea passieren soll.
    Was soll ich sagen? Er hat ruhig geatmet, irgendwann nicht mehr. Ich war bei ihm.
    Ihr habt einen tollen Job gemacht, das liest man deutlich, aber wie sagte einer der Ärzte zu mir: „Irgendwann muss man eine Entscheidung treffen, damit es menschlich bleibt und auch würdevoll.“ Mein Mann hatte keine Aussicht auf Heilung, war schon 2 Tage nicht mehr ansprechbar. Eine Rea hätte sein Leiden nur verlängert.
    Dieses Erlebnis hat bei mir dazugeführt, allen zu raten: Redet miteinander! Redet jetzt, wo es euch gut geht. Fragt eure Ärzte, was heißt „alles unternehmen, oder nur einen Teil“.
    Es ist für alle Beteiligten einfacher, wenn sie wissen, was sich der Patient wünscht. Und dann geht das auch ohne Patientenverfügung. Denn das was man in der Verfügung festlegt, ist vielleicht nicht das, was man dann will, weil man sich der Tragweite der Festlegung gar nicht sicher ist.

    Sorry, wenn das jetzt bissel durcheinander war.

    Viele Grüße, ich lese diesen Blog wirklich sehr gern.

    Gefällt 3 Personen

    1. Erstmal mein herzliches Beileid, das muss eine sehr schwierige Situation für dich gewesen sein. Danke, dass du deine Erfahrung mit uns geteilt hast.

      Was du schreibst, kann ich so nur bestätigen. Häufig haben sich Patienten wenig oder keine Gedanken zu solchen Situationen gemacht, oder sie nicht mitgeteilt. Über ’sowas‘ redet man nicht, der Tod ist ein Tabuthema. Und dann steht man da und reanimiert eine 90jährige auf Biegen und Brechen, denn für Angehörige ist es natürlich eine schrecklich schwere Entscheidung, zu sagen, man soll nichts lebenserhaltendes mehr tun. Besonders, wenn man zuvor nie darüber gesprochen hat.
      So sterben heute viele Patienten unnötig unschön. Das liesse sich verhindern, indem man, wie du sagst, einfach darüber spricht, was man möchte.

      Alles Gute dir, und danke fürs Lesen und Kommentieren!

      Gefällt 1 Person

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