Sicherheit im Spital: OP-Checklisten

Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.

Nun ist es aber so, dass nicht jeder Fehler gleich schlimme Folgen hat. Wenn ich im Supermarkt Bananen wäge, aber die falsche Nummer drücke und die Waage den Preis für Aprikosen berechnet, dann hat das in der Regel keine schlimmen Folgen.

Im Spital ist das anders. Hier können Fehler im schlimmsten Fall für Patienten bleibende Schäden verursachen oder zum Tod führen. Daher setzen Spitäler viel daran, die Sicherheit für Patienten zu verbessern. Wir orientieren uns da stark an der Luftfahrt. Auch hier können Fehler schreckliche Folgen haben, weshalb viele Vorschriften, Protokolle und Checklisten erarbeitet wurden. In den nächsten Wochen möchte ich deshalb das Thema Sicherheit im Spital etwas in den Vordergrund stellen, Dinge erklären und Geschichten dazu erzählen.

2001 wurde im Kanton Tessin einem Patienten das falsche Bein amputiert. Ein Super-GAU, welcher die Grundlage für viele Veränderungen war. Eine davon war die Einführung von Operationschecklisten, wie sie die WHO vor etwas über 10 Jahren (erst!) eingeführt hat.

Die Checkliste wird an verschiedenen Stellen durchgeführt: Auf Station, bei der Übergabe der Stationspflege an das Anästhesiepersonal, vor der Operation und nach der Operation. Dabei werden an mehreren Positionen die gleichen Fragen gestellt, einfach nur, um sicher zu sein. Erstaunlicherweise kommt das bei den Patienten selber meist so mässig gut an – sie sind eher irritiert, weil sie nun schon zum dritten Mal ihren Namen sagen müssen, und zeigen gelegentlich auch wenig Verständnis, wenn man ihnen erklärt, dass das ihrer Sicherheit dient.

Wie so ein Ablauf aussieht, möchte ich an Herrn Max Muster aufzeigen, der zum Einbau einer Knieprothese hier ist.

Auf Station prüft die Pflegekraft die Identität des Patienten, fragt nach Name, Geburtsdatum und Eingriff. Die zu operierende Seite wird entweder durch Herrn Muster selber oder durch den Stationsarzt mit einem dicken, schwarzen Stift markiert. Meist gibt es ein grosses X, manche Ärzte (vor allem Ärztinnen) machen auch gerne mal Smileys. Was wir nicht so mögen, ist, wenn Patienten noch Notizen auf ihre Gliedmassen machen, weil das gelegentlich zu Missverständnissen und Unsicherheit führt.

Ebenfalls fragt die Pflege nach Allergien und der Einhaltung der Nüchternheit, kontrolliert, ob der Schmuck ausgezogen und das Gebiss entfernt wurde. Herr Muster hat noch alle seine eigenen Zähne und er verspricht, seit 6 Stunden weder gegessen noch getrunken zu haben. Dann unterschreibt die Pflege den ersten Teil der Checkliste und bringt den Patienten zu uns.

Am Übergang vom „normalen“ Spitalbereich zum OP-Bereich warte ich schon. Eine breite Schiebetür geht auf, als die Pflege das Bett mit Herrn Muster drin abgestellt hat.

Auch ich frage zuerst nach dem Namen und dem Geburtsdatum des Patienten, nach Nüchternheit und Allergien. Ich frage, welcher Eingriff vorgenommen wird und ob die Seite markiert wurde. Häufig können Patienten gar nicht so genau sagen, was denn eigentlich gemacht wird – das erstaunt mich immer wieder. Woran das wohl liegt? Mangelndes Interesse, mangelhafte Aufklärung? Herr Muster weiss allerdings genau Bescheid: „Knieprothese auf der linken Seite.“

Nun ist soweit alles in Ordnung, und Herr Muster darf auf den schmaleren, harten OP-Tisch rutschen. Dieser ist fahrbar und wird im OP-Saal später einfach auf einen Sockel geschoben, wo er festgemacht wird.

Nun fahren wir Herrn Muster in den Vorbereitungssaal. Hier leiten wir die Narkose ein, und sobald uns die OP-Pflege das Okay gibt, schieben wir den Tisch in den Operationssaal. Die Operateure  kommen dazu, das zu operierende Körperteil wird desinfiziert und abgedeckt. Nun folgt der dritte Teil des Checks.

Wenn alle bereit sind, befiehlt der Chirurg oder die Chirurgin: „Time out!“. Das ist mein Stichwort: „Herr Muster Max, 13.08.1954, hat einen Tubus bekommen, hat von uns Cefuroxim 1.5g zur Antibiotikaprophylaxe erhalten, Allergien sind keine bekannt, Kreuzblut ist vorhanden, zwei Blutkonserven sind im Labor bereitgestellt, zuständiger Kaderarzt ist Dr. Schlafgut.“

Der Chirurg fährt fort: „Der Patient hat Arthrose im linken Knie und bekommt eine Totalprothese. Die korrekten Röntgenbilder sind aufgeschaltet. Das Bein ist markiert, ich kann das Kreuz sehen.“

Zum Schluss meldet sich die OP-Pflege: „Wir haben ein Knieprothesensieb, die Prothesen liegen bereit und sind noch nicht ausgepackt, die Saugvorrichtung und der Kauter wurden getestet und funktionieren.“

Meist kommt an dieser Stelle noch die Nachfrage des Chirurgen: „Hat der Patient die Antibiotikaprophylaxe bekommen?“ Woran das liegt, weiss ich auch nicht, vielleicht spreche ich zu schnell, er hat nicht zugehört oder hat ein sauschlechtes Kurzzeitgedächtnis. Wer weiss. Ich bestätige das dann aber nochmal, und dann folgt auch bald der Ruf „“Schnitt!“ und es geht los.

Am Ende der Operation kommt das „Sign out“. Die OP-Schwestern haben zusammen schon alle Tücher und Instrumente gezählt und auf einem Protokoll bestätigt, dass alles vorhanden ist. Ich muss aber trotzdem nochmal nachfragen, um das Häkchen auf meiner Checklisten machen zu können. Wenn der Operateur noch einen Wunsch für das postoperative Procedere hat, darf er diesen jetzt bei mir anbringen, und ich sage ihm dann, ob ich diesen erfülle, oder ob er sich dafür einen chirurgischen Assistenzarzt suchen muss. Grob gesagt mache ich keine speziellen chirurgischen Verordnungen, wie zum Beispiel Mobilisation (Bettruhe, an Gehstöcken etc), Lagerung (in der Schaumstoffschiene, in der Armschlinge etc) oder Antibiotikaprophylaxe.

Je nach Operateur klappt der letzte Teil besser oder schlechter. Einer meiner Lieblingschirurgen fragt mich jedes Mal, bevor er den Saal verlässt: „Brauchst du noch etwas von mir?“ Andere verlassen den Saal wortlos und lassen nur den Studenten oder Asistenzarzt zurück, welche dann in der Regel keine Ahnung haben, ob bestimmte Vorkehrungen nötig sind.

Die Checkliste bleibt danach bei den Patientenunterlagen eingeordnet, sodass man theoretisch jederzeit nachvollziehen könnte, ob alles seine Richtigkeit hatte.

Soviel zum ersten Teil zur Reihe „Sicherheit im Spital“! Wenn ihr Anregungen zu Themen habt, bringt die gerne in den Kommentaren an. Ich hab schon ein paar Ideen, was ich noch so aufnehmen könnte, bin aber natürlich immer sehr froh um Inputs. Auch Feedback zum Thema nehme ich sehr gerne an – ist das Thema überhaupt interessant/relevant für euch, oder ist das mehr eine Neujahrsschnapsidee?

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8 Kommentare zu „Sicherheit im Spital: OP-Checklisten“

  1. Jeder Patient, den ich vor der OP sehe, hört von mir „sie werden heute noch hundert Mal nach Name, Geburtstag und OP gefragt. Das dient unserer Absicherung, aber auch IHRER Sicherheit. “ wer dann noch pampig wird, hört die Kurzfassung einer wahren Geschichte von mir aus der Uhu-Zeit auf der Anästhesie.

    Mittwoch morgen war immer Ortho-Belegarzt-Tag. Das hiess eine Kniespiegelung nach der anderen. Links, rechts, rechts, links…
    Spinale, Spinale, Lama, Spinale ..

    Ich schaute auf den Plan und bestellte frau A. Müller vom 3. Stock. Jahrgang 68. Knie rechts.

    Die Patientin kam in die Schleuse, wurde um gebettet und die Pflege meinte noch „ich bringe euch frau Müller für die Knie-OP“

    Ich kontrollierte Name und Geburtsdatum und Seite: A. Müller, Jahrgang 69, Knie links. Hä? Gleich 2 Fehler im OP Plan? Komisch. Gegenkontrolle der Fallnummer. Auch nicht übereinstimmend. Ich fragte die Pflege, woher sie komme – 2. Stock. Hä?

    Ein Blick auf den OP Plan verriet mir, dass am gleichen Tag nochmals eine Frau A. Müller am Knie operiert werden sollte. Ja, wir hatten die falsche Patientin hier! Und es fiel nur auf, weil ich mit dem Plan abglich – ansonsten wäre es erst im OP selber aufgefallen, wenn da mit dem Plan gegenkontrolliert würde.

    Bis heute hatte ich nur wenige Patienten, die auch in dem Moment dann noch Unverständnis zeigten. Die anderen walle alle beeindruckt, weil es doch so schnell mal passieren kann .. Wir lächeln dann und ich mach nen Witz, dass man sie noch 100 Mal fragen werde…

    P s. Auch in der Sprechstunde schob passiert. „Berisha“ oder „Dos Santos“ kommt in manchen Ecken einer Großstadt sehr häufig vor. Auch mit gleichen Vornamen und natürlich auch noch gleichem Geburtstag. DAS war schon ekn Chaos, wenn Röntgenbilder im falschen Fall abgelegt wurden oder Akten gemischt wurden. Ein Irrtum fiel mir nur auf, weil an einem Tag ein Patient vermeintlich 2 Termine bei mir hatte. Das war eine Stunde Kampf gegen die Bürokratie…

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  2. Es gibt ja den Gag, dass man als Patient auf die falsche Extremität mit nem dicken schwarzen oder roten wasserfesten Edding „Hier falsch!“ vermerken sollte. Das hilft einem natürlich nicht, wenn man ne Knie-OP bekommen soll, einem dann aber der Blinddarm entfernt wird. 😉

    Zugegeben, solche Verwechslungen passieren. Und wenn man am System ändern kann, um so etwas möglichst auszuschließen, sollte man das machen. Ein System, welches 100%ig Fehler ausschließen kann, wird es jedoch nie geben können. Leider. Aber letzthin können sogar Maschinen Fehler machen, und sei es, weil einSpeicherbaustein aus Versehen von einem Partikel ionisierender Strahlung getroffen wurde.

    Aber Checklisten, aus der Luftfahrt (für Allgemein- aber auch Notsituationen gemacht), können helfen, solche Probleme zu minimieren.

    Immer wieder lustig, auch zum Thema Abfrage-(Check-)-Liste: Horst Evers Appendix. Um glaubwürdig zu bleiben antworte ich einfach einmal mit „Ja“…

    Für die, die ihn noch nicht kennen. Ich glaub, ich hatte ihn hier schon mal rein verlinkt.

    Gefällt 2 Personen

  3. Das mit dem schwarzen Kreuz gibt es aber schon lange – ich erinnere mich, dass mein Bruder bei einer Knie-OP als Teenie das schon bekommen hat. Ich gebe zu, dass ich damals etwas darüber gelacht habe. Sieht auch wirklich zu sehr nach „bitte hier graben“ aus 🙂

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  4. Das viele Patienten irritiert sind, wenn sie wieder und wieder ihren Namen usw. sagen müssen, finde ich verständlich, wenn man’s von der psychologischen Seite betrachtet. Man nimmt das Krankenhaus erstmal als eine einheitliche Institution wahr, möchte Hilfe und dazu erkannt werden. Und man ist ja selbst immer der/die gleiche – wenn man sich einmal vorgestellt hat (in der Institution!), möchte man wiedererkannt werden. Öfter gefragt zu werden vermittelt da leicht den Eindruck: Die haben ja keine Ahnung, wer ich bin und was mit mir geschehen soll!
    Wenn die Patienten nicht in der Lage sind, von ihrer Erwartung und Wahrnehmung auf die sachliche Sicht zu wechseln (Sicherheitsabfrage, verschiedene beteiligte Personen), klar, dann sind sie irritiert.
    Und dass die Patienten oft nicht genau wissen, was gemacht werden soll – ja, mir ist es umgekehrt als Patientin schon immer mal wieder vorgekommen, dass ich Erstaunen erregte, weil ich genau wissen wollte, was z.B. bei einer OP passiert. Z.B. als ich vor einer Karpalbandspaltung wissen wollte, wie sich das durchtrennte Karpalband nach der OP genau weiterentwickelt, sagte mir tatsächlich mal ein Arzt, es würde ihn wundern, dass ich das wissen wollte, das sei für Patienten eigentlich nicht von Belang.
    Viele scheinen tatsächlich ihre Körperteile zur Reparatur abzugeben, ohne gar zu sehr wissen zu wollen, was an ihrem Körper gemacht wird. Dazu bin ich viel zu neugierig.

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  5. Ja, das Thema ist interessant und relevant, bitte mehr dazu!

    Ich hatte letztes Jahr eine OP und da fiel mir diese Checkliste auch auf, ich habe mir den Zettel sogar durchgelesen, bei irgendeiner kurzen Wartepause lag er vor mir und ich konnte kiebitzen.
    Und beim Anästhesievorbereitungsgespräch hatte ich Dein Blog im Ohr (“Ah, das fragt die mich jetzt, weil so und so.).
    Lesen bildet, danke dafür!

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