Adieu Mythos: Sedierung und Narkose

Heute möchte ich mit einem Irrtum aufräumen, dem ich tagtäglich in der Sprechstunde begegne.

Wenn ich Patienten für eine Narkose aufkläre, frage ich immer: „Hatten Sie schon einmal eine Vollnarkose?“

Viele Patienten antworten darauf: „Ja, für die Magen-/Darmspiegelung!“

Das ist allerdings nicht das Gleiche, und ich möchte hier den Unterschied darlegen.

Eine Magen- oder Darmspiegelung ist ja keine sehr angenehme Vorstellung. Um es ein wenig angenehmer zu machen, bekommen Patienten dafür tatsächlich dasselbe Schlafmittel, wie wir es für eine Vollnarkose verabreichen: Propofol.

Das sieht dann so aus: Die Patientin erhält einen Venenzugang. Ein Clip am Finger misst die Sauerstoffsättigung im Blut, und alle 5-10 Minuten misst automatisch ein Gerät den Blutdruck. Dann erhält die Patientin ein wenig Propofol. Genug, damit sie wegdöst. Nun kann der Spezialist die Untersuchung durchführen. Alle paar Minuten, oder wenn die Patientin sich zu fest bewegt, wird wieder ein bisschen nachgespritzt.

Wichtig: Patienten atmen dabei selber. Ihr Blutdruck und ihre Sauerstoffsättigung werden überwacht. Es ist nur ein leichter Schlaf, der Patient ist weckbar und reagiert auf Schmerz- und andere Reize.

Man nennt das eine „Sedierung“. Wir wenden sie auch im OP an, zum Beispiel zusätzlich zu einer Teilnarkose oder örtlichen Betäubung, falls nötig.

Bei einer Vollnarkose geben wir meist auch Propofol, aber in viel grösseren Mengen. Dazu brauchen wir auch mehr Überwachung: Blutdruck alle 2-5 Minuten, Sauerstoffsättigung und EKG sind Standard, je nachdem kommen weitere Dinge (zum Beispiel eine Art Hirnstrommessung, eine Messungdes Blutdrucks in der Arterie und so weiter), je nach Grösse der Operation und natürlich nach Gesundheitszustand der Patienten.

Da Propofol aber nur den Schlaf ermöglicht, braucht es für eine Narkose noch andere Medikamente, zum Beispiel ein Schmerzmittel, in der Regel ein Opiat (zum Beispiel Fentanyl oder Remifentanil). Oder je nachdem auch ein Medikament, das die Muskeln lähmt.

Bei der hohen Menge an Propofol setzt die Atmung aus und muss von der Maschine übernommen werden. Dazu legt man einen Schlauch direkt in die Luftröhre (Tubus, Intubation) oder eine Art weiches Luftkissen über den Kehlkopf (Larynxmaske). Für beide Methoden gibt es jeweils Gründe dafür oder dagegen, und der Anästhesist oder die Anästhesistin entscheidet, welche Methode für den Patienten die richtige ist.

Sobald die Atmung aufgehört hat, wird der Patient über eine Sauerstoffmaske erstmal mit dem Beutel beatmet. Wenn das gut geht, wird der Tubus oder die Larynxmaske eingelegt und mit der Beatmungsmaschine verbunden. Die Maschine wird dann von Anästhesiepersonal, ob nun Arzt oder Pflege, so eingestellt, dass die Beatmung richtig für die jeweiligen Patienten ist. Das Propofol läuft daraufhin aus einer Spritzenpumpe kontinuierlich in den Patienten. Alternativ kann man nach der Intubation auch Narkosegas verabreichen.

Ist die Operation fertig, werden die Medikamente abgestellt, und man wartet, bis der Patient wieder von alleine atmet. Wenn er wach genug ist – er kann auf Aufforderung die Augen öffnen oder die Hand drücken, kann schlucken und atmet selbständig – zieht man den Tubus oder die Larynxmaske wieder raus.

Also die wichtigsten Punkte: Patienten atmen nicht selber, sondern werden künstlich beatmet. Es braucht viel mehr Überwachung, und es ist ein sehr tiefer Schlaf, bei dem der Körper auf Schmerzreize nicht mehr reagiert und nicht weckbar ist.

Die Sedierung ist also sozusagen der kleine Bruder der Narkose. Das ist für uns bei weitem nicht dasselbe, weil bei einer Narkose viel mehr Medikamente eingesetzt werden und eine bessere Überwachung nötig ist, und weil der sehr tiefe Schlaf auch einige zusätzliche Risiken birgt.

So, wieder mal was gelernt 🙂

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15 Kommentare zu „Adieu Mythos: Sedierung und Narkose“

  1. Kleine Zusatzfragen: Wie setzt sich die zugeführte Luft der Beatmungsmaschine auseinander? Ist dies reiner Sauerstoff oder ein Gemisch aus Umgebungsluft und Sauerstoff? Arbeitet in diesem Fall die Beatmungsmaschine autonom gemäss der erfassten Daten oder muss das Gemisch laufend manuell justiert werden? Des weiteren, wie lange ist nach Absetzung der manuellen Luftpumpenzufuhr bis zur erfolgreichen Intubierung, resp. Kissensetzung der Patient ohne Luftzufuhr in der Regel oder darf er maximal sein? Bin halt neugierig…

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    1. Hallöchen,

      ich weiß nicht ob’s tollere und neuere Geräte gibt aber ich kann dir mal erzählen, was unsere Beatumungsgeräte können: Das Beatmungsgas ist ein Gemisch aus Raumluft, Sauerstoff und Narkosegas. (Es sei denn unsere Anästhesisten machen rein venöse Narkose, ist bei uns jedoch nicht Standard; dann fällt das Narkosegas weg.) Das Gasgemisch, das zum Beatmen verwendet wird, wird vom Anästhesisten manuell justiert. (Im Falle des Narkosegases wirklich manuell: Pot aufdrehen; im Falle des Sauerstoff Zusatzes per Knopfdruck hochstellen.) Die Beatmungsmaschiene misst dann die Konzentration von Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid und Narkosegas in der Beatmungsluft – sowohl beim „Einatmen“ als auch beim „Ausatmen“. Der Anästhesist gibt dann die Beatmungsparameter vor (Druckgesteuerte Beatmung oder Volumengestuerte Beatmung; vielleicht gibts noch mehr, aber das sind die zwei Modi, die ich kenne). Sagen wir mal er macht volumengesteuerte Beatmung. Dann gibt er der Maschiene z.B. vor: Beatme den Patienten 10x pro Minute mit 700ml Gasgemisch. Dann versucht das die Maschiene so auszuführen und passt den notwendigen Druck von alleine an. Dabei gibt es eine Obergrenze wie hoch der zulässige Druck ist. Wird diese erreicht: Alarm. Genauso nur umgekehrt funktionert druckgesteuerte Beatmung. Der Anästhesist gibt der Maschiene vor z.B. 10x pro Minute bei einen bestimmten Druck zu beatmen. Hierbei ertönen dann Alarme, wenn das dabei rauskommende Minutenvolumen zu hoch oder zu niedrig ist. Außerdem kann der Anästhesist noch justieren wie das Verhältnis von Einatemzeit zu Ausatemzeit ist, wie die Druckkurve aussehen soll, ob das Ausatmen gegen Druck erfolgen soll, etc. pp. Außerdem berechnet die Maschiene abhängig vom Patientenalter ob die Narkosegaskonzentration korrekt ist und zeigt diesen Wert an. Und ich bin mir ziehmlich sicher, dass die Maschiene noch ganz viele andere tolle Sachen kann; aber ich bin Chirurgin und gucke die Dinger eher selten an.

      Ach ja und wegen der Zeit, die man zum Intubieren hat: Das ist hochgradig patientenabhängig. Alte, hochgradig kranke Leute fallen schon mal nach nur 30 Sekunden massiv mit der Sauerstoffsättigung ab wohingegen du bei einem jungen gesundem Sportler, dessen Blut mit 100% Sauerstoff gesättigt wurde (um eine längere Intubationsreserve zu haben) schon mal 10 Minuten Zeit (oder sogar noch länger) haben kannst bevor die Sauerstoffsättigung abnimmt. 10 Minuten Zeit sollte man sich aber dennoch nicht zum Intubieren nehmen, da trotz dessen, dass die Sauerstoffkonzentration gut ist und kein Anlass zur Sorge bereitet, die Kohlenstoffdioxidkonzentration zu nimmt und so (Kohlensäurebildung) den Säure-Basen-Haushalt beeinträchtigen kann.

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      1. Hallo rayne.
        Herzlichen Dank für die, auch für einen Laien, verständlichen und gründlichen Ausführungen, die ich nun bestens nachvollziehen kann. Als CPAP User habe ich bescheidene Kenntnisse mit der Einstellung des Luftdrucks am Gerät und muss dieser „Maschine“ auch irgendwie trauen, auch wenn ich schon mehrere Male panisch aufwachte, da ich gefühlt am „Ersticken“ war und Fehlfunktionen des Geräts schuld waren, wobei dies bei den neusten CPAP Generationen fast nicht mehr vorkommt. Sorry, ich schweife ab, denn dieses ist ja nicht Thema und auch nicht gross vergleichbar. Ich kann mich jedoch mit diesen Erfahrungen recht gut in die geschilderten Druck oder Volumen Vorgänge reinfühlen.
        Nochmals besten Dank für die ausführliche Antwort, die ich sehr schätze und keine weiteren Fragen mehr offen lässt.

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  2. Rayne hat das wirklich schon sehr schön zusammengefasst, vielen Dank dafür!
    Ich erlaube mir noch ein, zwei Ergänzungen:
    Wir führen bei uns über 90% intravenöse Anästhesien durch, nur noch sehr selten Gasnarkosen. Es gibt für beides Gründe dafür oder dagegen, aber wie oft in der Anästhesie ist da viel Spielraum.
    Um die Narkose einzuleiten, verwenden wir 100% Sauerstoff. Dieser reichert sich im Blut an und schafft eine Reserve, denn wenn man den Patienten nachher intubiert, kann man ihn ja nicht gleichzeitig beatmen. Eine Intubation dauert so kurz wie möglich – ich habe dabei noch nie auf die Uhr geschaut, aber ich denke, so eine Halbe Minute oder Minute oder so ist wohl der Standard, aber es kommt ja schon vor, dass man dabei Probleme hat, dann geht es natürlich länger. Wenn man den Patienten vorher reinen Sauerstoff einatmen lässt, sinkt seine Sättigung erst viel später. Man nennt das Apnoe-Toleranz.
    Die Apnoe-Toleranz ist, wie Rayne auch beschrieben hat, stark vom Patienten abhängig. Normalerweise ist es 3 Minuten, mit der Sauerstoffanreicherung sind es dann bis 10 Minuten – beim gesunden Patienten. Lungenerkrankungen oder Übergewicht verkürzen diese Apnoe-Toleranz massiv.

    Nach der Intubation stelle ich mittels Drehrädchen ein, wieviel Frischgas-Fluss ich haben möchte. Ich kann dabei zwischen Sauerstoff und „Luft“ unterscheiden, das ist aber nicht Raumluft, sondern „medizinische Luft“ (ohne Bakterien und so drin). Die Luft, die Der Patient ausatmet, wird rezykliert, und dazu kommt eine von mir regulierte Menge Frischgas, zum Beispiel 1l O2 pro minute und 1l Luft pro Minute, was ja dann 2l Frischgas pro Minute ergibt. Dazu ist zwischen die Schläuche ein CO2-Absorber geschaltet, damit der Patient nicht zuviel davon wieder einatmet. Normalerweise reicht ein Sauerstoffgehalt von 40-50% für eine Narkose. Zuviel ist nicht gut,Sauerstoff ist ein freies Radikal und schädigt Zellen, darum muss man sorgsam damit umgehen.

    Ich hoffe mal, wir haben damit alles einigermassen abgedeckt? Das ist so natürlich nur vereinfacht. Es gibt so viele Variablen, die man bei allen Einstellungen beachten muss, und diese können sich über die Zeit natürlich auch verändern – die meiste Arbeit des Anästhesisten findet nunmal im Kopf statt 🙂

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  3. Bin gespannt, was ich Ende Januar bekomme: es werden die Polypen entfernt und das Zäpfchen wird gekürzt. Da ist dann nichts mit Schlauch in den Hals oder Maske über das Gesicht. Werde es erfahren, wenn ich beim Anästhesisten bin.

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    1. Ein Schlauch in den Hals geht (praktisch) immer, auch für Operationen im Halsbereich. Die Alternative wäre ersticken, das ist meist nicht so attraktiv 😉

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    2. Falls Schlauch durch den Hals wirklich nicht geht, gibt es glaube auch noch Schlauch durch die Nase. Aber mit HNO hab ich praktisch keine Berührungspunkte, also keine Ahnung was denn so Standard ist, für deine OP.

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  4. Da bei mir eine kleine OP ansteht, habe ich noch eine Narkose-Frage: ist es normal, eine OP mit Vollnarkose ambulant zu machen? Ich werde im Augenspital eine Schiel-OP brauchen, und die Ärztin sagte, das werde ambulant, aber unter Vollnarkose gemacht. Das hat mich doch gewundert.

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    1. Das ist nicht nur normal, sondern auch notwendig: In unserem Kanton gibt es eine Liste von Eingriffen, welche ambulant durchgeführt werden müssen. Viele davon können nur unter Vollnarkose gemacht werden, zum Beispiel Mandel – oder Leistenbruchoperationen.

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      1. Vielen Dank! Ich bin schon ein bisschen älter, früher war Vollnarkose = mindestens 1 Nacht, glaube ich. Ich habe auch keine Bedenken, höchstens die Heimfahrt mit dem ÖV wird dann spannend (Tram, Zug, Postauto, 1 km zu Fuss…)

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      2. Bei uns gilt die Regel, dass man nach der Operation nicht alleine nach Hause darf, sondern einen jemand begleiten muss. Zur Sicherheit.

        Vollnarkosen sind heute recht gut steuerbar, und es gibt viele neue, kürzer wirksame Medikamente. Daker ist die Narkose nicht der entscheidende Faktor, ob ein Patient ambulant oder stationär wird. Es sei denn, natürlich, es bestehen bestimmte Risikofaktoren, welche eine längere Überwachung nötig machen.

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  5. Ach je, da muss mein Mann sich dafür den Tag frei nehmen? Mist.
    (und ich weiss nicht, was ich als Single täte, man kann ja schlecht von Bekannten erwarten, dass sie dafür einen Ferientag opfern).
    Aber gut, dass wir da schon mal gewarnt sind.

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    1. Wir sagen das den Patienten deswegen extra vorher. Wenn dir das niemand gesagt hat, ist es bei denen vielleicht nicht zwingend, wer weiss, an anderen Orten werden Dinge anders gehandhabt. Und sonst, am Ende kann dich niemand zu irgendwas zwingen – empfehlen würde ich aber schon, dass du eine Begleitung hast. Macht auch mehr Spass und man fühlt sich nicht so allein 😀

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