Der erste Schockraum

Es ist Nachmittag, 15Uhr. Meine Oberärztin bestellt mich „sofort“ in den Schockraum, denn sie hat Schulterschmerzen und braucht einen Handlanger. Ich bin Feuer und Flamme – Schockräume machen Assistenzärzte der Anästhesie bei uns im Haus bedauerlicherweise nicht, und ich finde, da verpasst man recht viel, was die Ausbildung angeht.

Meine Oberärztin gibt mir kurze Anweisungen zur Vorbereitung. Kurz nach mir trifft auch die Ambulanz ein. Ich bin am Kopf, gebe die Kommandos zum Umlagern. Die Patientin ist 19 Jahre alt und vom Pferd gefallen. Verdacht auf Bruch am Becken oder Oberschenkel, nicht voll orientiert, stabil.

Meine Aufgabe ist es, den Atemweg zu sichern. Da die Patientin wach ist, gut atmet und am Oberkörper keine Verletzungen aufzuweisen scheint, ist das eine leichte Aufgabe. Die schwierigere Aufgabe ist die Betreuung, denn die Patientin bekommt mit, was um sie herum geschieht, und sie ist völlig durcheinander. Schmerz, Schock und Angst sind eine schlechte Mischung. Sie weint.

Ich erkläre ihr alles, was mit ihr gemacht wird. Jetzt gibt’s einen Pieks für die Blutentnahme. Jetzt tastet die Chirurgin dich von oben bis unten ab, um Verletzungen zu finden. Jetzt schallen wir deinen Bauch, das ist ein wenig kalt wegen dem Ultraschallgel.

Sie reagiert kaum, ich bin nicht sicher, ob sie mich hört oder versteht. Sie gibt keine Antwort, wimmert noch leise, stösst ab und zu mal ein „Nein“ hervor. Ich gebe mein Bestes. Es ist mein erster Schockraum, und ruhig mit der Patientin zu sprechen, beruhig mich auch selbst. Man darf das Adrenalin in den Adern nicht die Kontrolle übernehmen lassen.

Auf mein Kommando drehen wir die Patientin auf die Seite, um den Rücken abzutasten. Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule. Das gefällt ihr nicht. Sie wimmert lauter. „Nein ,bitte, bitte aufhören, bitte nein“, stösst sie schwach, verzweifelt, leidend hervor.

Mein Herz bricht. Ich versuche sie zu beruhigen, gebe ihr mehr Schmerzmittel, rede ihr gut zu. Erst, als sie wieder auf dem Rücken liegt, beruhigt sie sich wieder.

Im CT sehen wir das zertrümmerte Becken. Die Patientin wird ins nächste Zentrumsspital verlegt, und ich werde sie nicht wieder sehen.

Abends liege ich im Bett und kann nicht einschlafen, weil ich ihr Flehen nicht aus dem Kopf kriege.

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7 Kommentare zu „Der erste Schockraum“

  1. Es ist das typische „gute-Fee-Dilemma“. Soll man füe jemanden etwas tun, was derjenige sich wünscht – oder lieber das, was gut für ihn ist. Und wenn man jemanden Schmerzen zufügen MUSS, um denjenigen zu helfen, ist das immer ein ethisches Dilemma. Gegebenenfalls hilft, mit anderem Fachpersonal darüber zu reden, um (wieder) einen neutralen/objektiven Betrachtungspunkt zu erreichen. Wenn es sehr aufwühlend ist, eventuell psychologisch geschulte Hilfe in Anspruch nehmen, das ist nichts verwerfliches.

    Aber mal am Rande – „Dabei nehmen wir auch gleich das harte Brett hervor, auf dem sie bis jetzt festgeschnallt war zur Stabilisierung der Wirbelsäule.“ War das ein Laientransport zum Spital? Selbst bei der Bundeswehr 1994 als Sanitöter hatte ich schon eine Vakuum-Matratze auf meinem Unimog mit 4 Tragen, um auf solche Probleme vorbereitet zu sein. Und genau in der haben wir den Typ mit Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung auch gelagert, bis das Röntgenbild geschossen war, mit Hilfe dessen raus kam, dass der Typ einfach zu blau war, um seine Beine noch zu spüren…

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    1. Patienten mit Verdacht auf Rückenverletzungen werden heute eigentlich standardmässig auf dem SpineBoard transportiert. Die Vakuummatratze wird nicht mehr so häufig angewandt – so erlebe ich es jedenfalls im klinischen Alltag. Mit dem SpineBoard kann man Patienten sicherer bergen als mit der Schaufelbahre, insbesondere aus schwierigen Lagen, wie zB aus dem Auto.
      Soweit ich das miterlebt habe, ist die Schaufelbahre im RD eher aus der Mode gekommen. Kann aber eine regionale Besonderheit sein.

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      1. Vielleicht ist mein Wissen etwas aus der Mode gekommen in den letzten 25 Jahren. 😉 Ich betrachte mich nicht als Maßstab.

        Ich habe mir mal grad so ein „SpineBoard“ gegockelt. Ich schäme mich etwas einzugestehen, dass ich mir unter dem im Blogeintrag genannten „Brett“ tatsächlich ein flaches langes stabiles Stück Holz assoziiiert habe – denn für einen „Laientransport“ auf jeden Fall besser als gar nichts zu benutzen. Festschnallen kann man dann mit allem, was flach und nicht niet-und-nagelfest ist – Ratschenspanngurte würden mir spontan in den Sinn kommen. Mein Fehler, bei meinem Sanitöts-Schnelldurchlauf in einem 1/4 Jahr wurden wir darauf getrimmt, im Zweifelsfall ala McGiver alles zu verwursten, was uns in Wald und Flur und in Gefechtspausen in die Finger gekommen wäre. Und wenn man dann einfach nicht (mehr) auf der Höhe der Zeit ist…

        Danke für die Klarstellung, ich lerne gerne was dazu. 🙂

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      2. Das Spineboard ist zum Transport im RTW nicht zugelassen. Es wird vielfach gemacht, ist aber nicht die korrekte Anwendung. Die Wirbelsäule wird so nicht geschützt, vom Patientenkomfort mal abgesehen. Wer es korrekt macht nutzt das Spineboard zu Bergung und/oder dazu den PAtienten zu tragen wo die Liege nicht hinfahren kann und legt ihn dann auf die Vakuummatratze. Da wäre das korrekte Vorgehen, wird aber leider sehr oft falch gemacht.

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    2. Auch bei uns kommt eigentlich am häufigsten das Spine Board zur Anwendung. Hin und wieder jedoch auch die Schaufeltrage (es gibt tatsächlich Situationen in denen der Patient mit der Schaufeltrage wirbelsäulengerechter zu bergen ist als mit den anderen Mitteln; hab ich schon mal gesehen als ich auf dem NEF hospitieren war). Glücklicherweise haben bei uns alle RTWs sowohl Spine Board, als auch Schaufeltrage und die meisten auch noch Vakuummatraze. Aber die hab ich echt selten in Anwendung gesehen, scheint nicht so der Renner zu sein für die Jungs da draußen.

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  2. Mit dem Spineboard und der dazugehörigen Spinne und Halskragen lässt sich ein Patient tatsächlich völlig regungslos fixieren, ich durfte das an Samariterkursen schon am eigenen Leib spüren. Keine Chance mehr. Wohingegen bei der Vakuummatratze bei etwas voluminöseren Patienten schnell mal an Grenzen stösst und auch störungsanfälliger ist. Wir wurden in der Feuerwehr noch daran geschult aber das Brett ist wirklich praktischer. Zusätzlich auch im Wasser und für allerhand sonst einsetzbar. Eine feine Sache.

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    1. Das Spineboard ist aber leider nicht sicher, wenn man den Patienten im RTW damit transportiert. Daher es es genau dafür auch nicht zugelassen. Selbst bei der schonendsten Fahrweise im RTW gibt es Schläge gegen die WS, die Wirbelkörperfrakturen dislozieren können. Also nicht so machen…

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