Begeisterungsstürme

Frau Gerber ist 90 Jahre alt und bekommt eine neues Knie.

Ja, mein erster Gedanke war auch „Ernsthaft, in dem Alter?“ Bis ich Frau Gerber dann zum ersten Mal getroffen habe. Topfit war sie, geistig wie körperlich. Ich hab schon so manchen 70jährigen in deutlich schlechterem Zustand gesehen. Sie lebt noch allein und war bis vor kurzem recht selbständig, aber die äusserst starken Knieschmerzen haben ihr das Leben in letzter Zeit sehr schwer gemacht.

Frau Gerber bekommt eine Spinalanästhesie (einen Stich im Rücken, bei dem das Rückenmark betäubt wird). Auf Aufforderung sitzt sie auf, agil wie ein junges Reh.

Der Stich ist nicht einfach. Die Bänder, durch welche ich durchstechen muss, sind verknöchert, es ist schwierig, sie vom Knochen abzugrenzen. Dennoch klappt es nach ein paar kleinen Winkeländerungen der Nadel gut, und ich spritze das Medikament. Pflaster drauf, fertig.

Ich trete hinter ihrem Rücken hervor und stelle mich vor sie, während meine Kollegin sie vorsichtig zurück auf den Rücken legt.

„Sie spüren jetzt, dass das Mittel zu wirken beginnt, es wird etwas warm im Gesäss“, informiere ich Frau Gerber. „Es wird jetzt eine Weile dauern, bis es vollständig wirkt und die Beine einschlafen.“

Frau Gerber schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Ja… Haben Sie denn jetzt die Spritze gemacht?“, ruft sie aus.

Ach neeee, nicht schon wieder ein „du bist ja so jung, Kindchen“, schiesst es mir durch den Kopf.

„Ja, das war ich“, antworte ich, schon leicht resigniert.

„Sie sind ein Genie!“, schreit sie begeistert. „Ich hab ja gar nichts gespürt! Genial!“

Nun muss ich lachen. Ich glaube nicht, das Lob verdient zu haben, denn besonders am Anfang hatte ich meine liebe Mühe mit den verkalkten Bändern, aber annehmen tu ich es natürlich trotzdem gern. Man wird ja nicht jeden Tag als Genie bezeichnet.

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3 Kommentare zu „Begeisterungsstürme“

  1. Schön, wenn man in dem Alter noch so fit ist! Erinnert mich ein bisschen an eine ebenfalls schon etwas ältere Dame, die hat sich Hüft-TEP bds. machen lassen. Als ich sie vor der OP aufklären durfte (über die chirurgischen Risiken, insbesondere über erhöhte Risiken bei beidseitigem Eingriff gleichzeitig), fragte ich sie auch ob sie sich das gut überlegt hätte und ob sie die Hüft-TEPs nicht vielleicht nacheinander haben wollen würde, woraufhin sie nur antwortete: „Junge Dame, ich werde bald 90 – so viel Zeit hab ich nicht mehr, ich will noch was erleben und nicht zweimal in die Reha!“ Zwei Tage post OP stand sie schon wieder tapfer auf den Beinen… irgendwie hat mich diese fitte Dame sehr gerührt.

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    1. Wenn man weiss, was solche Prothesen kosten – und die durchschnittliche Lebenserwartungen etwas kennt, stellt sich trotzdem die Frage nach dem “lohnen” in der grossen Kohorte ab einem gewissen Alter. Im Einzelfall kann es natürlich noch 5 oder 10 Jahre super klappen – aber da die Operation doch einen sehr grossen Impact auf den Körper hat und auch gewisse Risiken, kann es auch nach der OP plötzlich bergab gehen (Stichwort postoperatives Delir zum Beispiel).
      Bei Frakturprothesen ist die Quote der Patienten, die nach 1-2 Jahren noch zur Kontrolle kommen nicht sehr gross leider.

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