Back to the roots

Kürzlich hat mich jemand gefragt: „Wolltest du schon immer Ärztin werden?“

Gut, die Frage habe ich schon öfters gestellt bekommen. Aber im ganzen Stress der letzten Wochen und Monate war es ein Augenöffner, mich mal wieder darauf zu besinnen, wie alles begann. Zurück zu den Ursprüngen eben. Back to the roots.

Wollte ich denn schon immer Ärztin werden? Meine früheste Erinnerung ist mit etwa vier Jahren. Ich sitze auf dem Hochbett und soll schlafen, dabei bin ich doch noch nicht müde! Meine kleine Schwester schläft aber schon im unteren Bett, also muss ich leise sein. Mein Lieblingsspiel: Die Turtles (genau, Leonardo, Raphael, Donatello und Michelangelo) kommen nach einer anstrengenden Jagd auf Superschurken zurück ins Hauptquartier, wo ich sie verarzten muss. Ich lege Verbände an, klebe Pflaster und verabreiche Spritzen.

Ja, irgendwie wollte ich wohl tatsächlich schon immer Ärztin werden.

Allerdings wird man ja irgendwann, wenn man etwas älter wird, auch ein bisschen realistischer. Für eine lange Zeit war das Ziel, Ärztin zu werden, für mich etwa so erreichbar wie Astronautin, Prinzessin oder Schauspielerin. Nur sehr kluge Menschen werden Ärzte. Solche, die gut in der Schule sind, gerade in naturwissenschaftlichen Fächern. Ich war gut in Sprachen und Musik.

Ein Arzt, das war ein fleissiger, sehr kluger Mann für mich. Diszipliniert und ambitioniert. Ich selber war eine Chaotin mit schlechten Noten in Bio, Chemie und Physik, ein Kindskopf. Fürs Gymnasium hat es gereicht, trotz anfänglichen Schwierigkeiten kam ich auf eine gute Matura. Alle Türen standen mir offen, aber Ärztin stand für mich trotzdem nicht zur Debatte. Es kam mir nicht einmal in den Sinn, genauso wenig wie Astronautin, Prinzessin oder Schauspielerin.

Nach der Matur wollte ich Lehrerin werden. Musiklehrerin, genauer gesagt. Ich bestand aber die Aufnahmeprüfung an die Musikhochschule knapp nicht, und musste mir für ein Zwischenjahr einen Job suchen, um die Zeit bis nur nächsten Aufnahmeprüfung zu überbrücken. Über Kontakte meines Vaters bewarb ich mich als Pflegepraktikantin in einem kleineren Privatspital und erhielt die Stelle für drei Monate. Dabei schwindelte ich noch beim Bewerbungsgespräch: Ich behauptete, Medizin studieren zu wollen.

Den Umstand, dass ich mich dann doch noch an den Numerus Clausus getraut habe, obwohl ich in meinen Augen ja kaum dafür geeignet war, verdanke ich ausschliesslich dem Pflegeteam „meiner“ Station, insbesondere Beni, mein Lieblingspfleger. Er und auch viele andere Pflegefachpersonen auf der Station fragten mich wieder und wieder, ob ich nicht doch Medizin studieren möchte. Ich antwortete immer, dafür sei ich nicht klug genug. Das sei nichts für mich.

„Aber du bist doch so interessiert“, antwortete er dann. „Du fragst so viel, liest alles nach.“

Tatsächlich. Ich las in freien Minuten am liebsten in irgendwelchen Lehrbüchern, die da im Stationszimmer standen, hatte immer tausende Fragen. Hin und wieder getraute ich mich sogar, die Ärzte etwas zu fragen. Steter Tropfen höhlt den Stein, und so begann ich, es mir langsam aber sicher ernsthaft zu überlegen.

Nach zwei Monaten bat mich die Stationsleiterin zum Gespräch und eröffnete mir darin, meinen Vertrag auf ein halbes Jahr verlängern zu wollen. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben einen „richtigen“ Job, und ich entdeckte, dass ich gar nicht schlecht war darin. Ein grossartiges Gefühl, das mir damals viel Selbstvertrauen gegeben hat.

Übrigens: Viele Jahre später erfuhr ich, dass meine Eltern heimlich eine Wette abgeschlossen hatten, wie lange ich das Praktikum durchziehen würde. Sie schätzten, ich würde nach kurzer Zeit kündigen, die Zeiten lagen da wohl zwischen zwei Wochen und einem Monat. Sie sahen mich nicht in einem Job in dem ich Langschläferin um 7Uhr Arbeitsbeginn hatte, Schicht und mit Menschen arbeiten musste, und dazu noch all die nicht ganz so appetitlichen Aufgaben wie Nachttöpfe putzen und Menschen waschen erledigen sollte. Als ich ihnen vom geplanten Gespräch erzählte, dessen Inhalt ich da ja noch nicht wusste, gingen sie davon aus, dass ich die Kündigung erhalten würde. Danke übrigens, dass ihr immer an mich geglaubt habt, Mama und Papa ❤

Tatsächlich meldete ich mich schliesslich für den Numerus Clausus an. Ich fand eine Kollegin, welche mit mir darauf lernte (sie hat mich durch die ersten zwei Studienjahre gebracht und ist jetzt Zahnärztin). Wir bestanden beide.

Die Aufnahmeprüfung für die Musikhochschule machte ich auch nochmal, allerdings eher meinen Eltern zuliebe, die mir einen Vorbereitungskurs dafür bezahlt hatten. Ich bestand wieder nicht, was mich nicht überraschte, weil ich mir nicht besonders Mühe gab. Traurig war ich auch nicht darüber. Mein Ziel war längst ein anderes.

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2 Kommentare zu „Back to the roots“

  1. Merkwürdige Eltern irgendwie.
    Dem Kind nix zutrauen?

    Ich finde es im übrigen gut, wenn Ärzte mal als Pflegepersonal angefangen haben. Das öffnet irgendwie den Blick auf verschiedene Realitäten.

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    1. Ach nein nein, so ist es nicht. Sie haben mich immer angespornt und unterstützt – sie sahen mich einfach nicht wirklich in dem Job, aber gaben mir nie das Gefühl, es nicht zu können. Und sie liessen sich auch sehr gern vom Gegenteil überzeugen 🙂

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