Das kleine Uhu-Mimimi

Disclaimer: Achtung, dieser Post erhält eine anständige Portion Mimimi.

Uhus. Medizinstudenten. Unterassistenten. PJler. Das sind alles Bezeichnungen für fast fertige Mediziner, welche ihre ersten, manchmal etwas wackeligen Schritte aus der grauen Theorie der Uni hinein in die Klinik wagen.

Auf der Chirurgie hab ich sie geliebt. Wenn man sich Mühe gab und sie richtig und sorgfältig einarbeitete, konnten sie einem viel Arbeit abnehmen. Insbesondere deutsche Uhus haben mich tatkräftig unterstützt. Das liegt nicht daran, dass deutsche Studenten per se besser sind, sondern daran, dass sie ihr praktisches Jahr später in der Ausbildung haben als Schweizer Studenten. Viele hatten einen Teil des Staatsexamens bereits hinter- oder kurz vor sich. Ausserdem wird in Deutschland im Studium mehr praktisch gearbeitet als in der Schweiz, weshalb praktische Fertigkeiten einfach schon ein bisschen besser sitzen, und zu guter Letzt bleiben deutsche Uhus nach Vorschrift etwa 4 Monate, was dann ein „Tertial“ genannt wird, während es für Schweizer Uhus keine solchen Vorschriften gibt, also bleiben sie je nach Interesse einen oder zwei Monate. Logischerweise ist man nach 3 Monaten besser eingearbeitet und selbständiger als nach einem.

Ich hatte manche , die in etwa gleich wie Assistenzärzte arbeiteten. Die Notfälle selbständig und direkt mit dem zuständigen Kaderarzt abhandeln konnten, ohne dass ich mich irgendwie darum hätte kümmern müssen. Zwei, drei Mal hatte ich Studentinnen, die schon ein paar Monate auf der Gynäkologie gemacht und mich auf der gynäkologischen Visite mehr als nur unterstützt haben.

Die grosse Mehrheit war selbständig, interessiert, engagiert und motiviert. Ihre Freude, wenn man ihnen etwas beibrachte, war ansteckend und lohnend. Auch ausserhalb des Spitals habe ich mit vielen von ihnen gerne Zeit verbracht, zusammen gekocht, getrunken oder gefeiert.

Auf der Anästhesie habe ich nun allerdings ein ganz anderes Verhältnis zu Uhus.

Studenten bleiben bei uns nur einen Monat. Nur ungefähr einmal im Jahr bleibt jemand für zwei. Das bedeutet, wir arbeiten alle vier Wochen jemanden komplett neu ein. In nur einem Monat kann man in diesem Fach jedoch keine Selbständigkeit erlangen, auch nicht als Assistenzarzt – das Einzige, was Studenten bei uns alleine tun dürfen, sind Narkoseaufklärungsgespräche bei einfachen, gesunden Patienten, die eine Vollnarkose erhalten. Alles Weitere machen sie ausschliesslich unter unserer direkten Supervision.

Jeden Monat fangen wir komplett bei Null an. Und dies ohne wirklichen Benefit. Ich muss weiter alles selber denken, aber nebenher noch kontrollieren, ob der Uhu auch keinen Unsinn anstellt – schliesslich muss ich seine Fehler ausbaden und dafür geradestehen.

An sich liebe ich Teaching, ich liebe es, Dinge zu erklären. Und zu erklären gibt es bei uns unendlich viel, da fangen wir oft beim Stoff des ersten und zweiten Studienjahres – Anatomie und Physiologie – an, denn wer hat das schon noch präsent? (Ich übrigens auch nicht, ich hab mich vor Stellenantritt wieder einlesen müssen.) Die ganze Medikamentenlehre kommt dazu, ein Riesenhaufen Querschnittwissen über Chirurgie, Innere und Radiologie, und dazwischen gesprenkelt manuelle Fertigkeiten, wie die Anlage eines Venenzugangs (für die meisten Uhus das erste Mal) oder die Intubation.

Was mir hier aber häufiger als zuvor fehlt, sind Interesse und Engagement.

Chirurgie und Innere sind prüfungsrelevant. Daher geben sich die meisten Studenten Mühe, möglichst viel mitzunehmen, denn das Staatsexamen steht ja praktisch vor der Tür.

Anästhesie hingegen wird im Studium völlig vernachlässigt. Die wenigen Vorlesungen sind kaum prüfungsrelevant, auch im Staatsexamen kommt höchstens eine Handvoll Fragen, und da haben viele Studenten Mut zur Lücke – alles kann man schliesslich nicht lernen. So suchen sich viele Studenten eine einmonatige Stelle auf der Anästhesie, damit sie wenigstens einen Einblick bekommen und sich passiv etwas Wissen aneignen können. Angehende Anästhesisten hatte ich hier noch keine – das Höchste der Gefühle ist am Ende des Monats die Aussage „Joah, also es war gar nicht soooo schrecklich langweilig, wie ich gedacht habe.“

Anästhesie benötigt konstantes Mit- und Vorausdenken – während der Narkose passiert etwa 80% der Arbeit in meinem Kopf. Das ständige Überdenken der aktuellen Werte in Abgleich mit meinen Zielwerten, wie werden die Werte in 5, 10, 30 Minuten sein, was beeinflusst alles meine Narkose, wo muss ich jetzt anpassen, damit ich nicht in einer Viertelstunde in irgendein Problem rassle… Das ist Arbeit, die ich schlecht kommunizieren kann, denn dann wäre ich ja nur am Quasseln. Und so kommt das dann häufig auch nicht so richtig rüber.

Ein Uhu hat dem Kollegen mal proaktiv und ohne was zu sagen die Narkose abgestellt, weil die Operation ja schliesslich vorbei war. Dass der Patient noch durch Medikamente gelähmte Muskeln hatte, und man ihn deswegen auf keinen Fall aufwachen lassen sollte, hat sich zwar der Kollege gedacht, der Uhu aber nicht – und Anästhesie ist doch so kinderleicht, da kann er mutig etwas mitmischen, also schaltet er die Spritzenpumpen aus. Aufgefallen ist es erst, als der Patient angefangen hat, zu husten und würgen. Ich hab meinen Kollegen noch nie so wütend gesehen.

Andere lassen ihr Desinteresse deutlicher aus: Eine Studentin hatte etwa zweimal pro Woche einen „Arzttermin“ oder sonst irgendwas und musste „früher nach Hause“, sprich spätestens um drei Uhr nachmittags. Das sprach sie dann jeweils mit der Chefarztsekretärin ab. Dem Chef selbst war es egal, und uns irgendwann auch. Die Studentin hat bei mir den ganzen Monat nie einen Tubus aus der Nähe gesehen – wenn du keinen Bock hast, dann hab ich auch keinen, sorry.

Die brauchbarsten haben wir in aller Regel in den Frühlings- und Sommermonaten. Im Herbst beginnt das praktische Jahr, dann können die meisten aus mangelnder Erfahrung kein Patientengespräch führen (denn sowas lernt man im Studium nicht wirklich), geschweige denn einen Patienten für eine Narkose aufklären oder ihn gesundheitlich grob einschätzen. Im Sommer haben sie schon einige Monate Praktikum in anderen Fächern hinter sich und finden sich schneller zurecht.

Und natürlich gibt es da trotzdem auch die richtig, richtig guten. Die, welche man in der letzten Woche auch mal eine Weile alleine in den Saal stellen kann, insbesondere bei Patienten in Teilnarkose. Die selbständig alles vorbereiten und die Medikamente für die Narkose aufziehen können. Die, welche auch etwas kompliziertere Patienten problemlos beurteilen und aufklären können. Die motiviert sind, uns enorm viel abnehmen können und vielseitig einsetzbar sind. Die gute Fragen stellen, auch mal was selber nachlesen, mitdenken, weissen, worauf es ankommt.

Die möchte ich dann am liebsten gar nicht mehr gehen lassen.

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3 Kommentare zu „Das kleine Uhu-Mimimi“

  1. Das ist ja durchaus etwas, was man in Kurzform den neuen Uhus in der Anästhesie mal sagen könnte: dass der Hauptteil der Arbeit im Kopf stattfindet, was genau man da durchdenkt und warum man den Studenten nicht live daran teilhaben lassen kann. Das weckt vielleicht mehr Interesse oder eine gewisse Demut.

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  2. Finde es interessant deine Sicht zu lesen. Ich habe als deutsche Studentin ziemlich am Ende meines Studium (zwischen 9. und 10. Semester) einen Monat Anästhesie-Famulatur gemacht und habe da realtiv schnell gefühlt auch viel machen können. Ich habe ziemlich selbstständig mit der Pflege die Vorbereitung gemacht und nach einigem Mitlaufen und immer erklären dann auch mit den Ärzten abgesprochen, mit welchen Medikamenten ich jetzt wieso die Narkose machen würde, regelmäßig intubiert, klar kommuniziert, was ich mir zutraue und was nicht und auch Narkose geführt und Protokoll geschrieben. Über den Monat verteilt halt immer ein bisschen mehr. Gegen Ende aber durchaus so, dass ich eigentlich alles alleine gemacht habe, meine Überlegungen mit dem Arzt geteilt habe, erzählt habe, was ich vor habe und warum und dann hat der Arzt die komplette Zeit daneben gestanden und mich machen lassen. Gut, den Saal durfe er natürlich trotzdem nicht wirklich verlassen, von daher ist es keine so große Arbeitserleichterung, aber ich hatte das Gefühl, dass man auch nach einem Monat schon viel darf. Aber ich bin auch Rettungsdienstlerin und möchte wahrscheinlich Anästhesie machen…

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    1. Entschuldige, dein Kommentar ist mir irgendwie untergegangen.
      So, wie du das schilderst, erlebe ich es auch öfters. Die „schlechten“ Studenten sind eigentlich selten, bleiben aber mehr in Erinnerung, wie das eben so ist. Die guten vergisst man schneller wieder.
      Dass du schon im Rettungsdienst gearbeitet hast, macht sicher einen sehr grossen Unterschied. Dir war das Handling von Medikamenten und natürlich auch gewisse Medikamente selbst bereits vertraut, wie auch die Überprüfung der Vitalparameter und so weiter. Für Studenten ohne klinische Erfahrung ist das meist recht viel aufs Mal. Jedenfalls, schön, dass du so viel profitieren konntest!

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