Grosse Erwartungen

„Du machst doch Narkosen, nicht?“, hat mich kürzlich eine Bekannte gefragt. „Ich hab nämlich vor kurzem eine ganz schreckliche Narkose gehabt.“

Ach je, was jetzt wohl kommt? „Oh… Was war denn nicht gut?“

„Na, also, die Narkose selbst war wohl in Ordnung, aber ich bin viel zu früh aufgewacht, die haben da überhaupt nicht richtig geschaut!“ Sie ist empört.

Ich weiss nicht recht, was ich sagen soll. Ich hasse es, mich zu Dingen äussern zu müssen, zu denen ich nicht genug Informationen habe. Was soll’s. „Zu früh? Als sie noch genäht haben oder so?“

Die Bekannte schaut mich entsetzt an. „Was? Nein! Aber ich lag noch auf dem OP-Tisch, und der war ganz hart und schmal. Und dann haben sie gesagt, ich muss selber in mein Bett hinüber rutschen! Ist das nicht unglaublich? Ich musste einfach selber ins Bett zurück!“

Damit wäre dann auch das Problem geklärt: Erwartungshaltung deckt sich nicht mit tatsächlichem Vorgehen.

„Das ist normal, das machen wir bei allen Patienten so. Du konntest doch rutschen, oder nicht?“

„Ja, aber das war total anstrengend und ich war noch so müde!“

„Nun, stell dir mal vor, ich müsste einen 100 Kilo Patienten alleine ins Bett tragen, das geht doch nicht. Patienten werden alle im OP auf dem OP-Tisch wach, zur Sicherheit. Falls irgendwas schiefgeht, muss alles verfügbar sein. Und die meisten Patienten können selber ins Bett rutschen, warum auch nicht? Sie sind wach und haben Beine.“

Die Bekannte ist nicht überzeugt, und ich habe den Verdacht, dass sie sich gerade still geschworen hat, sich nie in unserer barbarischen Stadtklinik operieren zu lassen.

Natürlich machen wir Ausnahmen, natürlich mpssen nicht alle Patienten selber ins Bett klettern. Bei Patienten mit Spinalanästhesie zum Beispiel, welche die Beine nicht bewegen können. Die können nun wirklich nicht selber rutschen. Aber sonst wachen alle Patienten auf dem OP-Bett auf. Wir ziehen den Beatmungsschlauch erst dann raus, wenn der Patient selbständig atmet und wach ist, sonst könnte er sich zum Beispiel verschlucken. (Allerdings erinnern sich die wenigsten Patienten daran, weil die Narkosemedikamente eine Gedächtnislücke bewirken.) Wenn der Schlauch raus ist, fahren wir zur „Schleuse“, dem Übergangsbereich vom OP zum „normalen“ Spitalbereich, wo der Patient dann auf sein Bett rutschen muss. Und bei neun von zehn Patienten klappt das hervorragend – auch bei betagten Patienten. Beim zehnten müssen wir dann doch etwas nachhelfen.

Alles in allem sehe ich das sehr häufig: Patienten haben eine gewisse Erwartung. Diese haben sie aus dem Fernsehen, oder aus Erzählungen von Kollegen, oder einfach aus ihrer eigenen Fantasie. Und warum auch nicht? Man kann ja schlecht wissen, wie etwas abläuft, wenn man es noch nie selbst erlebt hat.

Aber da ist man krank und fühlt sich schlecht, befindet sich in einer Umgebung, die einem fremd ist, mit fremden Menschen, auf die man plötzlich angewiesen ist, da ist man schnell verunsichert. Und wenn dann etwas nicht so ist, wie man es erwartet, dann denkt man schnell, etwas ist falsch oder schlecht, und vielleicht wird man dann auch mal sauer.

In solchen Fällen gilt es von unserer Seite, Verständnis zu zeigen und zu erklären. Manche Patienten brauchen auch einfach nur zu hören, es sei normal so, dann sind sie beruhigt. Klingt einfach.

Der Patient hat es da schon schwerer: Er muss das Gesagte auch nachvollziehen und akzeptieren können. Er muss uns ein Stück weit vertrauen, dass wir ihm keinen Unsinn erzählen, dass wir wissen, was wir tun, und dass es eben wirklich richtig ist, wie es ist. Je nach Patient, Charakter und gemachten Erfahrungen ist das dann nicht so leicht, manchmal vielleicht sogar fast unmöglich. Entsprechend ist der Patient nicht zufrieden, und wird seine Unzufriedenheit natürlich auch weitergeben. Das ist dann schade, weil die Unzufriedenheit auf einem schlichten Missverständnis beruht.

Meine Bekannte jedenfalls wird auch bei der nächsten Operation selber ins Bett rutschen müssen. Unabhängig davon, ob sie sich daran erinnert, oder nicht. Genau, wie die meisten anderen Patienten auch.

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3 Kommentare zu „Grosse Erwartungen“

  1. Ich hatte 2 Rückenoperationen (keine Versteifung😉) und bin beide male erst im Aufwachraum wach geworden.
    Evtl ist das bei Rücken normal, oder ich wusste es einfach nicht mehr, weil ich so beduselt war.

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  2. Ich glaube ihr lasst die Leute etwas wacher werden als unsere Anästhesisten. Die extubieren zwar auch erst, wenn die Schutzreflexe wieder einsetzen, aber ich würde sagen bei uns sind ca. 50% noch so bedröppelt von der Narkose, dass nix mit selber ins Bett rutschen ist. Aber zum Glück gibts an der Schleuse so ein nettes Rollband, damit bekommt man die meisten Patienten doch gut zurück ins Bett. Und entsprechend erinnern sich die allerwenigsten unserer Patienten, dass zu der Narkose gehört einmal im OP-Raum die Augen auf zu machen um zu beweisen, dass man „wach“ ist.

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    1. Oh… könnte natürlich auch sein, dass das daran liegt, dass ich in der Unfallchirurgie im OP stehe. Hier wird – zumindest bei uns – gerne noch mal kurz vom Aufwachen ein Opiat-Bolus gegeben um postoperative Schmerzen zu vermeiden.

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