Ein ganz normaler Morgen

08:00 Mein Sprechstundendienst beginnt. Pünktlich melde ich mich bei meiner Dienstoberärztin, damit sie mir noch sagen kann, was aktuell noch zu tun ist, bevor ich mit der Visite der Schmerzpatienten beginnen kann. Stillschweigend ist über Nacht eine Patientin zur Versorgung eines Oberarmbruchs auf das Programm geschlichen, von der aber niemand etwas weiss. Das ist meine erste Aufgabe für heute morgen.

Die Übersicht: Ich habe geplante Sprechstundentermine um 9 Uhr, 10 Uhr und 13 Uhr und acht im ganzen Haus verteilte Patienten für die Schmerzrunde. Zusätzlich bin ich für alle ambulanten Patienten zuständig, das sind die, welche heute einen Termin bei einem Chirurgen haben und mit diesem eine Operation ausmachen. Gemäss interner Abmachung können diese Patienten anschliessend gleich zu mir in die Sprechstunde, damit sie nicht extra einen Termin abmachen und nochmal ins Spital kommen müssen. Ebenfalls bin ich zuständig für sämtliche Notfalloperationen. Und generell alle Probleme ausserhalb des OPs.

08:03 Ich lese mich durch die Akte. Diagnosenliste, Laborergebnisse, Röntgenbilder, EKG. Ziemlich kranke, alte Patientin, wie immer. Mitten drin ruft die zuständige Stationsärztin an und meldet die Patientin offiziell für die Operation an.

08:10 Zur maximalen Effizienz plane ich, die Patientin zwischen der Visite zu besuchen. Ich habe auf ihrer Station sowieso zwei Schmerzpatienten, das passt gut. Ich lese mich durch die Einträge der Nachschwestern bei all meinen acht Schmerzpatienten. Bei zweien hat es Probleme gegeben, da bin ich gespannt, wie die Lage jetzt ist. Zwei von den acht sind über Nacht neu dazugekommen und mir noch unbekannt, daher muss ich mich da etwas gründlicher einlesen.

08:24 Anruf der Dienstärztin. Ich werde dringend im OP gebraucht. Ich soll für einen Patienten alles vorbereiten, ihn entgegennehmen und in Narkose versetzen. Der für diesen Saal zuständige Anästhesiepfleger wird mich ablösen, wenn er seinen Patienten abgegeben und kurz was getrunken hat. Ich äussere meinen Unmut, weil das wieder all meine Aufgaben nach hinten schieben und mich übelst in die Bredouille reiten wird. Das wird so zur Kenntnis genommen, aber in den OP muss ich trotzdem. Ich gehe mich umziehen.

08:28 Mein Patient ist noch nicht da, denn die aktuell noch laufende Operation in diesem Saal ist ein bisschen schwieriger als erwartet. Ich will eigentlich nur kurz schauen gehen, werde aber sofort eingespannt für diverse kleine Handreichungen. Macht nichts, bin ja sowieso da, und kleine Arbeiten, bei denen ich nichts überlegen muss, mag ich manchmal ganz gerne. Besonders dann, wenn ich im Stress bin.

08:44 Der Patient, um den ich mich kümmern muss, wurde bestellt und soll bald an der Schleuse sein. Alles ist soweit vorbereitet. Es kommt ein Telefon zu der einen Patientin, bei deren Schmerzkatheter heute Nacht etwas nicht in Ordnung war. Sie hat starke Schmerzen. Ich vertröste die Pflege, entschuldige mich tausend Mal und weise sie an, regelmässig die Reserve zu verabreichen, bis ich Zeit finde, vorbei zu kommen.

08:52 Mein Patient ist da. Ich schliesse EKG und Blutdruckmanschette an, lege den Zugang, bereite alles vor.

08:53 Anruf: Der Patient für die fixe Sprechstunde um 9 Uhr ist da. Wird vertröstet.

08:55 Anruf einer weiteren Stationspflege, wann ich denn vorbeikäme. Die zweite „Problempatientin“ von gestern Nacht hat auch starke Schmerzen. Gleiche Anweisung wie zuvor: Reserve geben, abwarten, ich komme, sobald ich kann.

08:58 Als ich bereit bin für die Narkoseeinleitung, rufe ich die zuständige Oberärztin, die mir aus Zeitmangel meinen Assistentenkollegen vorbeischickt. Wir leiten zusammen reibungslos ein, entgegen unserer Richtlinien, die für mindestens einen der Beteiligten eine Anästhesieerfahrung von zwei Jahren vorschreibt. Wenn Personalmangel herrscht, sind Richtlinien flexibel. Sobald der Patient in Narkose und intubiert ist, verabschiedet sich mein Kollege. Ich bereite weiter vor, schreibe das Protokoll und warte darauf, abgelöst zu werden.

09:15 Eine Oberärztin übernimmt für mich. Ich kann mich wieder umziehen gehen.

09:18 Anruf zur Anmeldung aus der chirurgischen Sprechstunde für eine ambulante Operation in einer Woche. Ob der Patient gleich noch zur Aufklärung vorbeikommen kann? Klar. Den bring ich schon irgendwo unter.

09:24 Ich nehme den Patienten für den 9Uhr-Termin ins Sprechzimmer, entschuldige mich für die Wartezeit. Seine Diagnoseliste ist sehr kompliziert, er selbst scheint auch sehr ausgelaugt, man merkt ihm den psychischen Stress seiner Leidensgeschichte deutlich an. Viel Empathie und Fingerspitzengefühl sind gefragt, sowie Zeit und Geduld. Geduld und Empathie hab ich, Zeit nicht, aber die Kunst ist, dies den Patienten nicht merken zu lassen.

09:36 Anruf: Weitere Anmeldung für eine Sprechstunde.

09:42 Anruf: Anmeldung eines Notfalls, der heute noch dran kommen soll.

09:44 Anruf: Ein weiterer Notfall, der aber erst in vier Tagen drankommt, ich aber trotzdem schon aufklären muss. Der Sprechstundenpatient wartet geduldig, und sagt, als ich auflege, mitfühlend: „Sie Arme, habe Sie Stress?“ Soviel dazu, dem Patienten vorzugaukeln, ich hätte Zeit.

09:46 Anruf: Der ambulante Patient ist im Wartezimmer.

09:53 Anruf: Der Patient für den 10 Uhr-Termin ist da. Wird vertröstet.

09:56 Ich schliesse das Gespräch mit dem Patienten der Sprechstunde ab und hole mir den ambulanten Patienten ins Sprechzimmer.

09:59 Anruf: Die Dienstärztin will wissen, wie es bei mir läuft. Sie übernimmt für mich den 10 Uhr-Termin.

10:06 Anruf: Die zweite ambulante Sprechstunde ist da.

10:15 Ich hole die zweite ambulante Sprechstunde ab. Obwohl sie jung und gesund ist, gestaltet sich das Gespräch schwierig, weil sie selbst einfach kompliziert ist. Sie verlangt viermal, dass ich auch darauf achte, dass auf keinen Fall der Assistenzarzt die Naht macht. Mein Einwand, dass ich da keinen Einfluss habe und sie das bei den Chirurgen deponieren muss, verhallt viermal ungehört.

10:32 Sprechstunde beendet, ich gehe auf den auf den Notfall.

10:40 Den Notfallpatienten für heute sehe ich mir an, die Patientin für in vier Tagen lasse ich vorerst noch warten.

10:53 Ich schaue mir den Oberarmbruch von heute Morgen, 8 Uhr, an. Patientin ist zuckersüss und unkompliziert, ein wunderbarer Aufsteller für zwischendurch.

11:14 Beginn der eigentlich für 08:15 anberaumten Schmerzvisite. Patientin 1 hat starke Schulterschmerzen nach Schulteroperation, weil ihr Schmerzkatheter „rausgefallen“ ist über Nacht. Die Patientin ist von gestern Abend, ich kenne sie daher nicht und muss mich erst einlesen und mit der zuständigen Pflege besprechen. Anscheinend hat die Patientin nicht nur einen gebrochenen Oberarm, sondern auch gebrochene Rippen und ein geprelltes Knie, die ihr Beschwerden bereiten.

11:18 Visite der Patientin. Sie beschreibt mir ausführlich all ihre Beschwerden und Wehwehchen, ich entscheide mich zur Installation einer Schmerzpumpe über die Vene statt der Anlage eines neuen Schmerzkatheters. Der Katheter betäubt schliesslich nur den Arm, und der ist bei weitem nicht ihr einziges Problem.

11:19 Anruf: Chirurgische Sprechstunde. Eine Anmeldung für eine Operation in zwei Monaten. Sprechstunde abgelehnt, muss einen Termin vereinbaren.

11:26 Visite der zweiten Patientin mit akuter Schmerzproblematik. Auch sie ist von gestern Abend und mir daher unbekannt. Ich muss die ganze Analgesie komplett überarbeiten. Danach ausführliches Gespräch mit der Patientin darüber, wie wir weiterfahren wollen.

11:28 Anruf: Urologische Sprechstunde. Anmeldung für eine Operation in drei Wochen. Sprechstunde abgelehnt, muss einen Termin vereinbaren.

11:29 Anruf: Orthopädische Sprechstunde, Anmeldung für eine Operation in zwei Wochen. Sprechstunde nicht abgelehnt, weil der Orthopäde bösartig ist und ich keinen Bock habe, mich anpfeifen zu lassen.

11:40 Ich gehe ins Büro für einen Notfallsnack, nachdem ich mich im Gespräch mit der einen Pflegefachfrau leicht patzig anhöre. Das ist bei mir ein deutliches Zeichen für eine Unterzuckerung – wenn ich jetzt nichts esse, wird’s nur schlimmer. Ich setze mich auf den Bürostuhl. Grosser Fehler, denn jetzt kann ich fast nicht mehr aufstehen.

11:45 Anruf: Die orthopädische Sprechstunde ist da. Jung und gesund, zum Glück, das geht schnell.

12:03 Ich besuche drei weitere Schmerzpatienten, die soweit problemlos sind.

12:48 Ich gehe Mittagessen und verschiebe die restlichen Schmerzpatienten auf später. Die haben bis jetzt ohne mich durchgehalten, dann schaffen sie bestimmt auch die nächsten 15 Minuten.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s